Dienstag, 21. Februar 2012

Adam et Eve, la seconde chance - Palais des Sports

Der Kontrast hätte nicht größer sein können - erst das uralte kleine Théâtre Déjazet mit einem Musical, das an alte Musical Comedies anknüpft, dann der riesige hochmoderne Palais des Sports mit dem neuesten knallbunten Spectacle - "Adam et Eve, la seconde chance".  Es handelt sich erst um das zweite Musical von Pascal Obispo nach "Les Dix Commandements" und anders als Kollegen wie Kamel Ouali, die irgendeine historische oder literarische Figur nehmen und einen hauchdünnen Handlungsfaden um knallige Tanznummern und laute Popmusik stricken, legte Obispo immerhin noch Wert darauf, eine frische Geschichte zu erzählen. Dass der große Mann höchstselbst vor mir Platz nahm, war ein weiteres Schmankerl, mit dem ich nicht gerechnet hätte.

Sein Musical mischt "Romeo & Julia", "Metropolis" und "Aida" zu einer Geschichte, bei der "Eden City" eine typische moderne High Tech-Stadt ist, in der Solus mit harter Hand regiert. Adam, einer seiner Getreuen, soll seine Tochter Lilith heiraten, doch eine Gruppe Rebellen "von der anderen Seite" (L'autre côte), angeführt von "Snake" torpediert die Festlichkeiten mit Krawall. Im Chaos findet sich Adam Eve gegenüber, einer der Rebellinnen. Er folgt ihr auf die andere Seite, wo die einfachen Menschen hart arbeiten müssen, aber trotzdem viel glücklicher leben und schliesst sich ihnen an. Als Lilith und Solus Eve kidnappen lassen, starten die Rebellen einen Großangriff um sie zu befreien, Solus' Herrschaft zu beenden und Eden City selbst zu führen. Die "zweite Chance" für Adam und Eve. 

Das ist alles nicht sonderlich tiefgründig, aber wie so üblich bei den Spectacles, macht das auch nichts aus. Es geht schliesslich um die Show, die grandiosen Choreographien eines jungen Mannes, der auf den Namen "Tokyo" hört und von denen mir die große Bollywood-Nummer "Time to see the light" am besten gefallen hat, die vielen vom Cirque du Soleil inspirierten Luftakrobatik-Nummern und die flotte Musik, eine typische Franko-Pop-Mischung aus vielen schnellen Songs und einigen Balladen, sowie einer aus dem Rahmen fallenden altmodischen Akkordeon-Nummer, die Strawberry als Püppchen auf einer Music Box singt.

Leider bleibt gerade Adam ausgesprochen langweilig und blass, auch wenn Thierry Amiel durchaus eine angenehme Stimme besitzt, die er zu selten zeigen darf. Was eine Frau wie Eva an diesem steifen blassen Typen findet, bleibt ein Rätsel. Radames hatte wenigstens einen braungebrannten Six Pack mit dem er Aida beeindrucken konnte, aber Adam bleibt zuknöpft. Als Rebell mit hochtopierten Haaren erinnerte er im zweiten Akt vor allem an die irischen Chaos-Zwillinge von Jedward, was nicht gerade dabei half, ihn ernst zu nehmen. Cylia als Eve hatte es da schon besser, da sie immerhin mit "Je te jure" noch ein schönes Solo singen durfte, aber insgesamt blieb das eigentliche Hauptpaar der Show uninteressant.
Viel beeindrucker dagegen die zweite Reihe: Nuno Resende als "Snake" lieferte eine mitreißende Show mit tollem Tanz, Gesang und kübelweise Charisma ab und begeisterte in jeder Sekunde. Hinreißend auch Liza Pastor als böse Lilith mit einer beeindruckenden Pole Dancing-Nummer, die jede öde Nutten-Szene aus den historischen Musicals um Längen schlägt, und mit einer Luftkampf-Nummer mit Resende. Als Solus gibt es ein wiedersehen mit Leopold Mozart Solal, der wieder den gestrengen Papa geben darf, aber nicht weiter auffällt, ebenso wie Noemie Garcia als Eves beste Freundin Strawberry und Sam Stoner (!) als Mynt, ein Erzähler mit Gitarre, der vor allem an Gringoire aus "Notre Dame de Paris" erinnert.

Wer die französischen Spectacles hasst, würde auch dieses hassen, wer sie aber liebt, hat hier ein weiteres wirklich gelungenes Werk mit einer tollen Videoclip-Ästhethik und vielen mitreißenden Nummern. Dass der große Hit "Rien ne se finit" erst nach dem Finale kam, spielte da auch keine Rolle mehr. Es ist jedes Mal wieder beeindruckend, wie Dutzende junge Leute schon zum Finale nach vorne an die Bühne stürmen und den Palais des Sports in eine Konzerthalle verwandeln. Ich hatte jedenfalls jede Menge Spass und die Kombi modernem Spectacle und altmodischer Comedie machte die Theaterbesuche in Paris zu einem wirklichen Vergnügen.

Franckenstein Junior - Théâtre Dejazet

Ab und zu ist mir das Theaterglück hold: In diesem Fall wurde die französische Aufführung von Mel Brooks' "Young Frankenstein" in Paris, zugleich die einzige europäische Produktion, wegen großen Erfolges verlängert, so dass ich bei einem lange geplanten Paris-Besuch so gerade noch die allerletzte Vorstellung erwischte. Nun ist mir bekanntlich der raffgierige Broadway-Oldie, dessen Werke gerne uralte rassistische und sexistische Klischees aus den 60'ern bemüht und dem wir die "Premium Seats" zu verdanken haben, ausgesprochen unsympathisch, doch letztendlich hatte ich mich bei den "Producern" in London gut amüsiert, in Paris waren die Preise anständig und dann ist es mir doch immer lieber etwas neues zu sehen, als beispielsweise einen Aufguss von Avenue Q oder Shrek, die in Paris genauso aussehen, wie anderswo. 

Das Théâtre Déjazet erwies sich als kleine plüschige Bruchbude am Place de la Republique, eine typische alte Pariser Music Hall, in der ich mich in der ersten Reihe mitte wiederfand - zwischen spackigen Hyper-Musicalfans auf einer Seite und Darsteller-Verwandtschaft auf der anderen Seite. Trotzdem lief die Derniere ohne hysterische Anfälle ab, wie es von anderswo berichtet wird. Lediglich bei der großen 11 o'clock-Nummer "Puttin on the Ritz" (wo es passt) wurde etwas mehr gekreischt und geblökt und beim Finale, wo es einige zusätzliche Verbeugungen hab und Blumen für die Darsteller. Nett auch Idee, in der Pause A4-Blätter mit der Aufschrift "Merci" im Publikum zu verteilen, die beim Verbeugen hochgehalten wurden und so manchen Darsteller zu Tränen rührten. Das wäre vielleicht mal eine Idee, die auch bei uns statt Kreischen und Blöken genutzt werden könnte. 

Nun aber die Show: Schon bald wird klar, warum "Young Frankenstein" nicht an die Erfolge von den "Producers" anknüpfen konnte: Zu gemächlich fliesst die Show dahin und die grandiose "Buddy Comedy" zwischen Bialystock und Boom fehlt hier völlig und hinterlässt ein großes Loch, das Frederick Frankenstein und seine Mitstreiter nicht füllen können. Zumal keiner der Mitstreiter wirklich überzeugt: Igor ist zunächst witzig, aber seine Grimassen-Schneiderei wird bald langweilig. Frau Bluchers "He vos my boyfriend" ist eher geschmacklos als witzig und Inga ist eine Kopie der Producers-Ulla - das sexy naive Blondchen. Überhaupt wirkt alles wie schonmal gesehen und gehört und veranlasst höchstens zum Schmunzeln, aber nicht zum wirklichen Lachen. 

 In der Hauptrolle gibt es ein Wiedersehen mit Vincent Heden, den ich vor langer Zeit als Harold Bride in "Titanic" in Lüttich sah und der später in der Titelrolle der französisch-sprachigen Variante von "Tintin et le temple du soleil" seinen Durchbruch feierte. Er trägt als Frederick Frankenstein, unwilliger Erbe des legendären Victor Frankenstein, die Show und trägt sie mit viel Charme, Bewegungstalent und schöner Stimme gut, doch das letzte Fünkchen Slapstick fehlt ihm. Zacharie Saal als Igor avancierte schnell zum Publikumsliebling, während bei den Damen vor allem Gaelle Pineihro als Elizabeth, die nervige Verlobte aus New York, Spass machte. Valerie Zaccomer (Frau Blucher) und Camille Glémet (Inga) litten unter dem dünnen Material, während Patrice Latronche als Monster in seiner großen "Puttin' on the Ritz"-Nummer eher blass blieb. 

Für die 39 Euro, die mich die erste Reihe hier gekostet haben, war es durchaus sehenswert und entsprach auch von der Ausstattung eher einer Stadttheater-Produktion auf diesem Preislevel. Aber ich bin doch froh, dass ich mir "Young Frankenstein" nie zu Broadway-Preisen angetan habe - und dass es um Mel Brooks' Projekt "Blazin' Saddles" so still geworden ist. Ähnlich wie Frank Wildhorn scheint es sich bei seinen Musicals um ein "Kennt man eins, kennt man alle" One Trick-Pony zu handeln.