Sein Musical mischt "Romeo & Julia", "Metropolis" und "Aida" zu einer Geschichte, bei der "Eden City" eine typische moderne High Tech-Stadt ist, in der Solus mit harter Hand regiert. Adam, einer seiner Getreuen, soll seine Tochter Lilith heiraten, doch eine Gruppe Rebellen "von der anderen Seite" (L'autre côte), angeführt von "Snake" torpediert die Festlichkeiten mit Krawall. Im Chaos findet sich Adam Eve gegenüber, einer der Rebellinnen. Er folgt ihr auf die andere Seite, wo die einfachen Menschen hart arbeiten müssen, aber trotzdem viel glücklicher leben und schliesst sich ihnen an. Als Lilith und Solus Eve kidnappen lassen, starten die Rebellen einen Großangriff um sie zu befreien, Solus' Herrschaft zu beenden und Eden City selbst zu führen. Die "zweite Chance" für Adam und Eve.
Das ist alles nicht sonderlich tiefgründig, aber wie so üblich bei den Spectacles, macht das auch nichts aus. Es geht schliesslich um die Show, die grandiosen Choreographien eines jungen Mannes, der auf den Namen "Tokyo" hört und von denen mir die große Bollywood-Nummer "Time to see the light" am besten gefallen hat, die vielen vom Cirque du Soleil inspirierten Luftakrobatik-Nummern und die flotte Musik, eine typische Franko-Pop-Mischung aus vielen schnellen Songs und einigen Balladen, sowie einer aus dem Rahmen fallenden altmodischen Akkordeon-Nummer, die Strawberry als Püppchen auf einer Music Box singt.
Leider bleibt gerade Adam ausgesprochen langweilig und blass, auch wenn Thierry Amiel durchaus eine angenehme Stimme besitzt, die er zu selten zeigen darf. Was eine Frau wie Eva an diesem steifen blassen Typen findet, bleibt ein Rätsel. Radames hatte wenigstens einen braungebrannten Six Pack mit dem er Aida beeindrucken konnte, aber Adam bleibt zuknöpft. Als Rebell mit hochtopierten Haaren erinnerte er im zweiten Akt vor allem an die irischen Chaos-Zwillinge von Jedward, was nicht gerade dabei half, ihn ernst zu nehmen. Cylia als Eve hatte es da schon besser, da sie immerhin mit "Je te jure" noch ein schönes Solo singen durfte, aber insgesamt blieb das eigentliche Hauptpaar der Show uninteressant.
Viel beeindrucker dagegen die zweite Reihe: Nuno Resende als "Snake" lieferte eine mitreißende Show mit tollem Tanz, Gesang und kübelweise Charisma ab und begeisterte in jeder Sekunde. Hinreißend auch Liza Pastor als böse Lilith mit einer beeindruckenden Pole Dancing-Nummer, die jede öde Nutten-Szene aus den historischen Musicals um Längen schlägt, und mit einer Luftkampf-Nummer mit Resende. Als Solus gibt es ein wiedersehen mit Leopold Mozart Solal, der wieder den gestrengen Papa geben darf, aber nicht weiter auffällt, ebenso wie Noemie Garcia als Eves beste Freundin Strawberry und Sam Stoner (!) als Mynt, ein Erzähler mit Gitarre, der vor allem an Gringoire aus "Notre Dame de Paris" erinnert.
Wer die französischen Spectacles hasst, würde auch dieses hassen, wer sie aber liebt, hat hier ein weiteres wirklich gelungenes Werk mit einer tollen Videoclip-Ästhethik und vielen mitreißenden Nummern. Dass der große Hit "Rien ne se finit" erst nach dem Finale kam, spielte da auch keine Rolle mehr. Es ist jedes Mal wieder beeindruckend, wie Dutzende junge Leute schon zum Finale nach vorne an die Bühne stürmen und den Palais des Sports in eine Konzerthalle verwandeln. Ich hatte jedenfalls jede Menge Spass und die Kombi modernem Spectacle und altmodischer Comedie machte die Theaterbesuche in Paris zu einem wirklichen Vergnügen.