Ach was wurde im Vorfeld wieder über
das Filmprojekt und vor allem die Besetzung diskutiert. Kein
Musicalfan, der etwas auf sich hält, kommt schließlich ohne einen
persönlichen Lieblings-Valjean aus, der vor acht Jahren als dritte
Vertretung in der Rigaer Aufführung superwundergrandiostoll war und
natürlich viel besser als irgendwelche dahergelaufenen
Hollywoodfuzzis, die halt vor etlichen Jahren zufällig mal ein paar
Musicalhauptrollen im heimischen Australien und im Londoner West End
gespielt haben. Diesen "Experten" sind sicher auch
Musicalverfilmungen lieber, die quasi unter Ausschluss der
Öffentlichkeit in fünf Programmkinos der Großstädte eine halbe
Woche lang spielen und dann als DVD bei Amazon in der Grabbelkiste
landen. Die "Filmversionen" von Rent oder The Producers
lassen grüßen.
Dann doch lieber "Mainstream"
und die ein oder andere eher peinliche Gesangsleistung, die an
Karaoke am Ballermann denken lässt (Pierce Brosnan, I'm looking at
you) und so manche positive Überraschung oder auch einfach
hochklassige Schauspieler, die mit Texten nun einmal ganz anders
umzugehen wissen als Musicaldarsteller, die heute vor allem auf "ganz
doll belten" getrimmt werden. Nur Kassenknüllern wie Mamma
mia und bei Kritikern gut aufgenommene Filme wie Chicago
und Dreamgirls sorgen schließlich dafür, dass überhaupt
immer wieder Musicals verfilmt werden und uns Fans damit "Nachschub"
geboten wird.
Nun also die Verfilmung von Les
Miserables mit einer gesunden Mischung aus versierten
Musicaldarstellern (Hugh Jackman, Samantha Barks, Aaron Tveit),
Filmstars mit solider Gesangserfahrung (Anne Hathaway, Eddie
Redmayne, Amanda Seyfried) und Filmstars, die ab und zu als
Freizeitsänger zum Mikro greifen (Russell Crowe, Sacha Baron
Cohen). Für mich passte das und schon auf der CD, die im Dezember
für nur 5 US-Dollar bei Amazon als Download zur Verfügung stand,
gab es niemanden, der mir negativ aufgefallen wäre. Auch der gerne
verdroschene Russsell Crowe nicht, der dem Javert wieder den
verbissenen rauhbeinigen Anstrich von früher gibt, der im Laufe der
Jahre immer mehr durch schönsingende gutaussehende Darsteller
ersetzt wurden, die "Stars" von der Rampe schmetterten, als
hätten sie es mit Puccinis "E lucevan le stelle"
verwechselt. Nicht, dass mir eine grandios gesungene Version des
Liedes nicht auch gefällt – es ist jedoch nur eine
Interpretationsmöglichkeit. Aber dazu später mehr.
Der Film nimmt quasi von der ersten
Minute an gefangen, wenn die Kamera die Docks von Toulon zeigt und im
Zurückfahren den Blick auf Dutzende Galeerensträflinge freigibt,
die in Lumpen gehüllt, knietief im Wasser, ein riesiges
Schlachtschiff an Seilen ins Dock ziehen. Wer die Bühnenversion von
Les Miserables in- und auswendig kennt, wird schnell von den
visuellen Eindrücken erschlagen. Dabei gelingen Regisseur Tom Hooper
etliche wunderschöne Momente, doch manchmal übertreibt er auch. Die
wackelige Handycam ging mir schon nach einigen Minuten auf die Nerven
und manche Lieder wie "Lovely Ladies" oder "Master of
the House" wurden so mit Kleinigkeiten überfrachtet, dass man
als Zuschauer überhaupt nicht mitkommt. Ob jemand, der mit Musical
und Roman unvertraut ist, Fantines Niedergang überhaupt verfolgen
konnte, wage ich zu Bezweifeln. Auch in der Make Up-Abteilung wäre
weniger manchmal mehr gewesen. Die angeblich bettelarmen Hafennutten
können sich bei Hooper scheinbar Farbtöpfe leisten, die jedem
mittleren Theater zur Ehre gereichen und die "Armen" wirken
fast schon wie Zombies aus einem Gruselfilm. Dies legt sich zum Glück
wenn die Handlung schließlich Paris erreicht.
Überhaupt zerfällt das Stück hier
noch viel deutlicher in die beiden Hälften Montfermeil und Paris.
Die erste Hälfte gehört dabei ganz eindeutig Hugh Jackman und vor
allem Anne Hathaway, die ganz zurecht mit Lob überhäuft wird. Ihr
"I dreamed a dream" wird im Film zu einer beeindruckenden
Tour de Force, wenn die Kamera über drei Minuten lang einfach nur im
Close Up auf ihrem Gesicht ruht, wenn Fantine ihre traurige
Lebensbeichte ablegt. Das hat schon etwas von einem großen
klassischen Monolog, an dem viele gescheitert wären. Auch Hugh
Jackman überzeugt als innerlich zerrissener Valjean, der sich vom
Gefangenen zum Bürgermeister und schließlich zum Flüchtling
entwickelt. Das neue Lied "Suddenly", das er auf dem Weg
nach Paris mit der kleinen Cosette singt, ist nichts besonderes und
wird ganz sicher im Jahr von Adeles "Skyfall" keinen Oscar
gewinnen, doch die Entscheidung, hier einen Moment der Reflexion für
Valjean einzufügen, dessen Leben sich gerade drastisch verändert,
ist gar nicht mal verkehrt.
Apropos einfügen: Sehr zu begrüßen
sind einige kleine Momente, die neu eingefügt wurden und die
Geschichte viel besser abrunden: So wandert Valjean hier nicht mit
der kleinen Cosette in einen "Acht Jahr später..."
Schriftzug, sondern flieht mit ihr vor Javert durch das nächtliche
Paris, bis er Unterschlupf im Kloster und die Unterstützung des
Monsieur Fauchelevent findet, den er einst in Montfermeil unter dem
Karren hervorzog. Auch Opa Pontmercy hat zwei kleine Auftritte, die
deutlich machen, dass Marius aus gutem Hause ist und sich mit seinem
reichen Opa verkracht hat, aber später mit Cosette an der Hand zu
ihm zurück kehrt.
Eddie Redmayne ist nach Anne Hathaway
die zweite große musikalische Überraschung des Films. Als
klassischer Schauspieler überzeugte er mich schon in Filmen und
TV-Serien wie "Birdsong" und "Pillars of the Earth",
sowie live als Richard II. im Donmar Warehouse, doch hier erweist
sich der ehemalige Chorjunge aus dem Eliteinternat Eton auch noch als
hervorragender Sänger, der mit "Empty chairs at empty tables"
ein bewegendes Bravourstück abliefert. Da kann Amanda Seyfried als
Cosette nicht ganz mithalten, auch wenn ihre Rolle hier besser
herausgearbeitet wurde als auf der Bühne. So wird viel eher
deutlich, wie wichtig Cosette für Valjean ist und wie schwer es ihm
fällt, sie herzugeben. Dies macht die letzten zehn Minuten des
Stückes noch viel bewegender als sie ohnehin schon sind. Aaron
Tveit, vor allem als geschrubbter strahlender All American Jock in
"Next to Normal" ein Begriff, überrascht als mitreißender
Studentenführer Enjolras und gibt ein tolles Gespann mit Redmayne
ab. Überhaupt überzeugen die Studentenszenen allesamt und die
Verlegung von "Do you hear the people sing" war einer der
effektivsten und bewegendsten Momente überhaupt.
Noch überflüssiger als sonst wirkt im
revolutionären Treiben das Herzweh von Eponine, die überhaupt viel
zu sauber wirkt. Aber das mag an der Regenwolke liegen, die sie
ständig mit sich herumzutragen scheint. Es wird ihren Texten
geschuldet sein, doch die Continuity war lächerlich: Wenn die
Studenten ihre Barrikade bauen, ist es trocken und im nächsten
Moment läuft Eponine im strömenden Regen umher , damit ihre
Textzeile "In the rain the pavement shines like silver"
passt. Auch später ist es an der Barrikade wieder knochentrocken,
bis sie im strömenden Regen mit "A little fall of rain"
ihr Leben aushauchen darf. Samantha Barks macht ihre Sache gut, doch
Hooper hätte den Mut haben sollen, ihre Rolle so ähnlich zusammen
zu streichen, wie die ihrer Eltern, der Thenardiers. Mit Sacha Baron
Cohen und Helena Bonham Carter wurden zwar sehenswerte "Sweeney
Todd"-Veteranen engagiert, doch der "Comic Relief",
der auf der Bühen noch ganz gut rüberkommt, wirkt inmitten des
Filmes doch eher deplatziert. Kein Wunder, dass "Dog eats Dog"
ganz gestrichen und "Beggars at the Feast" stark gekürzt
wurde.
Bleiben die beiden großen Stars, Crowe
und Jackman. Sie mögen nicht jedermanns Sache sein, doch mir gefiel
die rauhe grobe Art von Russell Crowe, die viel stärker daran
erinnert, dass Javert auch aus der Gosse stammt. Amüsanter
Nebenaspekt: So wie Eponine ihre Regenwolke mit sich herumträgt,
scheint Javert Notre Dame mit sich herum zu tragen: Sowohl bei
"Stars" als auch bei seinem Selbstmord ist die Kathedrale
im Hintergrund zu sehen. Hugh Jackman's "Bring him home"
mag nicht an die grandiose Version von Alfie Boe heran reichen, doch
insgesamt liefert er eine bewegende Vorstellung, die in einem
wunderschönen Finale endet, bei dem kein Auge im Kinosaal trocken
bleibt.
Nein, die Verfilmung ist nicht perfekt
geworden, aber welcher Film ist das schon? Tom Hoopers Les
Miserables ist für mich jedoch meilenweit besser geworden als
andere Musicalverfilmungen der letzten Jahre und absolut sehenswert.
Wer trotzdem noch Langeweile hat, kann natürlich jederzeit "Spot
the West End Star" spielen – erkannt habe ich u.a. Frances
Ruffelle, Hadley Fraser, Linzi Hateley und Michael Jibson, aber es
sind noch etliche andere dabei.
Wer jedoch irgendwie die Möglichkeit
hat, sollte unbedingt die Originalfassung schauen. Ich kann mir beim
besten Willen nicht vorstellen wie, wann und welche Textfetzen in
Deutschland auf deutsch synchronisiert werden sollen. Echte
gesprochene Dialogzeilen sind selten, während viele Passagen eher
Sprechgesang sind. Warum dort dann mit zwei verschiedenen Stimmen und
Sprachen hantiert werden muss, kann ich nun wirklich nicht
nachvollziehen.