
Erst das Buch, dann der Film, nun das Musical: Auch das National Jeugd Musical Theater der Niederlande nutzt die aktuell beliebte Verwertungskette von Stoffen. Nach "Kruistocht in Spijkerbroek" setzten sie diesmal auf den Bestseller von Jan Terlouw, der den letzten Kriegswinter 1944/45 in den Niederlanden aus der Sicht des fast 16-jährigen Michiel van Beusekom schildert:
Als sein Freund Dirk nach einem gescheiterten Überfall auf ein Lager der Nazis verhaftet wird, übernimmt Michiel die Versorgung eines abgeschossenen englischen Piloten, den Dirk und seine Freunde in einem Versteck im Wald verpflegten. Michiels Schwester Erica, die als Krankenschwester arbeitet, wird von ihm dazu geholt um den verletzten Piloten Jack zu versorgen und verliebt sich natürlich in ihm. Derweil versucht Mutter van Beusekom zuhause die Familie zusammen zu halten, auch als der Vater von den Nazis mitgenommen und erschossen wird. Nicht genug damit, am Ende stellt sich auch noch der nette Onkel Ben als Verräter heraus.
Das Originalbuch kenne ich nicht, darum kann ich nicht sagen, in wie fern der Film etliches weggelassen hat und in wie fern das Musical (an dem Buchautor Jan Terlouw mitarbeitete) zusätzliche Szenen in die Handlung gestrickt hat, doch während der Film eine lineare spannende Handlung erzählte, in der es vor allem darum ging, Jack hinter dem Rücken der Nazis in die bereits von den Briten befreite Zone zu schmuggeln, wurde das Musical mit etlichen Nebenhandlungen überfrachtet, die das Stück quälend in die Länge zogen.
Da das National Jeugd Musical Theater zu familienfreundlichen Preisen (Paket mit vier Eintrittskarten 85 Euro) vor allem für jüngere Leute spielt, wirkte auf mich etliches nur zu dem Zweck eingeschoben um die heutige Jugend über den 2.Weltkrieg zu belehren. Vor allem deutlich wurde dies in einer Szene, in der sich ein jüdischer Mann mit seinem Sohn zu den van Beusekoms flüchtet und die Jahre der Judenverfolgung von den Anfängen (der gelbe Stern) bis zum bitteren Ende schildert. Auch die ultra-patriotische Baronin, die lieber fahnenschwenkend auf ihrem zerbombten Landgut untergeht als es den Nazis zu überlassen, wirkte eher wie eine Lektion in Patriotismus als eine sinnvolle Handlungsergänzung.
Die Musik von Klaas van Donkersgoed und Marieke van Diepen unterstützte die Handlung (wie man so freundlich sagt, wenn aber auch wirklich gar nichts positiv herausstach) und folgte dem üblichen Raster: Ensemblenummer, Solo für Hauptfigur 1, Solo für Hauptfigur 2, Duett des Liebespaares, große Ensemblenummer zur Pause, usw. Neben Musicalstar Janke Dekker in der Doppelrolle der Mutter und der Baronin glänzten junge frische Talente wie Soy Kroon als Michiel und Timo Descamps als Jack, die sich hier die Bühnenreife für spätere große Produktionen holen. Die Bühnenbilder nutzten vor allem Projektionen auf intelligente (und vermutlich kostensparende) Weise, doch das Stück krankte vor allem an dem schleppenden Buch und den vielen Nebenhandlungen, durch die die eigentliche spannende Handlung vernachlässigt wurde. Auch das bewegende Finale des Filmes, in der Michiel seinen verräterischen Onkel Ben konfrontiert, wurde deutlich entschärft.
Als familienfreundliche Produktion zum kleinen Preis war "Oorlogswinter" durchaus gelungen, doch mir persönlich war es zu sehr "Lehrstück" und zu wenig echte Handlung – da hatte mir der Vorgänger "Kruistocht in Spijkerbroek" doch besser gefallen. Aber trotzdem schön, dass es das NJMT überhaupt gibt und sovielen jungen Leuten die Chance gibt, auf der Bühne zu stehen.