Sonntag, 20. Januar 2013

Les Misérables - der Film

-->
Ach was wurde im Vorfeld wieder über das Filmprojekt und vor allem die Besetzung diskutiert. Kein Musicalfan, der etwas auf sich hält, kommt schließlich ohne einen persönlichen Lieblings-Valjean aus, der vor acht Jahren als dritte Vertretung in der Rigaer Aufführung superwundergrandiostoll war und natürlich viel besser als irgendwelche dahergelaufenen Hollywoodfuzzis, die halt vor etlichen Jahren zufällig mal ein paar Musicalhauptrollen im heimischen Australien und im Londoner West End gespielt haben. Diesen "Experten" sind sicher auch Musicalverfilmungen lieber, die quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit in fünf Programmkinos der Großstädte eine halbe Woche lang spielen und dann als DVD bei Amazon in der Grabbelkiste landen. Die "Filmversionen" von Rent oder The Producers lassen grüßen.

Dann doch lieber "Mainstream" und die ein oder andere eher peinliche Gesangsleistung, die an Karaoke am Ballermann denken lässt (Pierce Brosnan, I'm looking at you) und so manche positive Überraschung oder auch einfach hochklassige Schauspieler, die mit Texten nun einmal ganz anders umzugehen wissen als Musicaldarsteller, die heute vor allem auf "ganz doll belten" getrimmt werden. Nur Kassenknüllern wie Mamma mia und bei Kritikern gut aufgenommene Filme wie Chicago und Dreamgirls sorgen schließlich dafür, dass überhaupt immer wieder Musicals verfilmt werden und uns Fans damit "Nachschub" geboten wird.

Nun also die Verfilmung von Les Miserables mit einer gesunden Mischung aus versierten Musicaldarstellern (Hugh Jackman, Samantha Barks, Aaron Tveit), Filmstars mit solider Gesangserfahrung (Anne Hathaway, Eddie Redmayne, Amanda Seyfried) und Filmstars, die ab und zu als Freizeitsänger zum Mikro greifen (Russell Crowe, Sacha Baron Cohen). Für mich passte das und schon auf der CD, die im Dezember für nur 5 US-Dollar bei Amazon als Download zur Verfügung stand, gab es niemanden, der mir negativ aufgefallen wäre. Auch der gerne verdroschene Russsell Crowe nicht, der dem Javert wieder den verbissenen rauhbeinigen Anstrich von früher gibt, der im Laufe der Jahre immer mehr durch schönsingende gutaussehende Darsteller ersetzt wurden, die "Stars" von der Rampe schmetterten, als hätten sie es mit Puccinis "E lucevan le stelle" verwechselt. Nicht, dass mir eine grandios gesungene Version des Liedes nicht auch gefällt – es ist jedoch nur eine Interpretationsmöglichkeit. Aber dazu später mehr.

Der Film nimmt quasi von der ersten Minute an gefangen, wenn die Kamera die Docks von Toulon zeigt und im Zurückfahren den Blick auf Dutzende Galeerensträflinge freigibt, die in Lumpen gehüllt, knietief im Wasser, ein riesiges Schlachtschiff an Seilen ins Dock ziehen. Wer die Bühnenversion von Les Miserables in- und auswendig kennt, wird schnell von den visuellen Eindrücken erschlagen. Dabei gelingen Regisseur Tom Hooper etliche wunderschöne Momente, doch manchmal übertreibt er auch. Die wackelige Handycam ging mir schon nach einigen Minuten auf die Nerven und manche Lieder wie "Lovely Ladies" oder "Master of the House" wurden so mit Kleinigkeiten überfrachtet, dass man als Zuschauer überhaupt nicht mitkommt. Ob jemand, der mit Musical und Roman unvertraut ist, Fantines Niedergang überhaupt verfolgen konnte, wage ich zu Bezweifeln. Auch in der Make Up-Abteilung wäre weniger manchmal mehr gewesen. Die angeblich bettelarmen Hafennutten können sich bei Hooper scheinbar Farbtöpfe leisten, die jedem mittleren Theater zur Ehre gereichen und die "Armen" wirken fast schon wie Zombies aus einem Gruselfilm. Dies legt sich zum Glück wenn die Handlung schließlich Paris erreicht.

Überhaupt zerfällt das Stück hier noch viel deutlicher in die beiden Hälften Montfermeil und Paris. Die erste Hälfte gehört dabei ganz eindeutig Hugh Jackman und vor allem Anne Hathaway, die ganz zurecht mit Lob überhäuft wird. Ihr "I dreamed a dream" wird im Film zu einer beeindruckenden Tour de Force, wenn die Kamera über drei Minuten lang einfach nur im Close Up auf ihrem Gesicht ruht, wenn Fantine ihre traurige Lebensbeichte ablegt. Das hat schon etwas von einem großen klassischen Monolog, an dem viele gescheitert wären. Auch Hugh Jackman überzeugt als innerlich zerrissener Valjean, der sich vom Gefangenen zum Bürgermeister und schließlich zum Flüchtling entwickelt. Das neue Lied "Suddenly", das er auf dem Weg nach Paris mit der kleinen Cosette singt, ist nichts besonderes und wird ganz sicher im Jahr von Adeles "Skyfall" keinen Oscar gewinnen, doch die Entscheidung, hier einen Moment der Reflexion für Valjean einzufügen, dessen Leben sich gerade drastisch verändert, ist gar nicht mal verkehrt.

Apropos einfügen: Sehr zu begrüßen sind einige kleine Momente, die neu eingefügt wurden und die Geschichte viel besser abrunden: So wandert Valjean hier nicht mit der kleinen Cosette in einen "Acht Jahr später..." Schriftzug, sondern flieht mit ihr vor Javert durch das nächtliche Paris, bis er Unterschlupf im Kloster und die Unterstützung des Monsieur Fauchelevent findet, den er einst in Montfermeil unter dem Karren hervorzog. Auch Opa Pontmercy hat zwei kleine Auftritte, die deutlich machen, dass Marius aus gutem Hause ist und sich mit seinem reichen Opa verkracht hat, aber später mit Cosette an der Hand zu ihm zurück kehrt.

Eddie Redmayne ist nach Anne Hathaway die zweite große musikalische Überraschung des Films. Als klassischer Schauspieler überzeugte er mich schon in Filmen und TV-Serien wie "Birdsong" und "Pillars of the Earth", sowie live als Richard II. im Donmar Warehouse, doch hier erweist sich der ehemalige Chorjunge aus dem Eliteinternat Eton auch noch als hervorragender Sänger, der mit "Empty chairs at empty tables" ein bewegendes Bravourstück abliefert. Da kann Amanda Seyfried als Cosette nicht ganz mithalten, auch wenn ihre Rolle hier besser herausgearbeitet wurde als auf der Bühne. So wird viel eher deutlich, wie wichtig Cosette für Valjean ist und wie schwer es ihm fällt, sie herzugeben. Dies macht die letzten zehn Minuten des Stückes noch viel bewegender als sie ohnehin schon sind. Aaron Tveit, vor allem als geschrubbter strahlender All American Jock in "Next to Normal" ein Begriff, überrascht als mitreißender Studentenführer Enjolras und gibt ein tolles Gespann mit Redmayne ab. Überhaupt überzeugen die Studentenszenen allesamt und die Verlegung von "Do you hear the people sing" war einer der effektivsten und bewegendsten Momente überhaupt.

Noch überflüssiger als sonst wirkt im revolutionären Treiben das Herzweh von Eponine, die überhaupt viel zu sauber wirkt. Aber das mag an der Regenwolke liegen, die sie ständig mit sich herumzutragen scheint. Es wird ihren Texten geschuldet sein, doch die Continuity war lächerlich: Wenn die Studenten ihre Barrikade bauen, ist es trocken und im nächsten Moment läuft Eponine im strömenden Regen umher , damit ihre Textzeile "In the rain the pavement shines like silver" passt. Auch später ist es an der Barrikade wieder knochentrocken, bis sie im strömenden Regen mit "A little fall of rain" ihr Leben aushauchen darf. Samantha Barks macht ihre Sache gut, doch Hooper hätte den Mut haben sollen, ihre Rolle so ähnlich zusammen zu streichen, wie die ihrer Eltern, der Thenardiers. Mit Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter wurden zwar sehenswerte "Sweeney Todd"-Veteranen engagiert, doch der "Comic Relief", der auf der Bühen noch ganz gut rüberkommt, wirkt inmitten des Filmes doch eher deplatziert. Kein Wunder, dass "Dog eats Dog" ganz gestrichen und "Beggars at the Feast" stark gekürzt wurde.

Bleiben die beiden großen Stars, Crowe und Jackman. Sie mögen nicht jedermanns Sache sein, doch mir gefiel die rauhe grobe Art von Russell Crowe, die viel stärker daran erinnert, dass Javert auch aus der Gosse stammt. Amüsanter Nebenaspekt: So wie Eponine ihre Regenwolke mit sich herumträgt, scheint Javert Notre Dame mit sich herum zu tragen: Sowohl bei "Stars" als auch bei seinem Selbstmord ist die Kathedrale im Hintergrund zu sehen. Hugh Jackman's "Bring him home" mag nicht an die grandiose Version von Alfie Boe heran reichen, doch insgesamt liefert er eine bewegende Vorstellung, die in einem wunderschönen Finale endet, bei dem kein Auge im Kinosaal trocken bleibt.

Nein, die Verfilmung ist nicht perfekt geworden, aber welcher Film ist das schon? Tom Hoopers Les Miserables ist für mich jedoch meilenweit besser geworden als andere Musicalverfilmungen der letzten Jahre und absolut sehenswert. Wer trotzdem noch Langeweile hat, kann natürlich jederzeit "Spot the West End Star" spielen – erkannt habe ich u.a. Frances Ruffelle, Hadley Fraser, Linzi Hateley und Michael Jibson, aber es sind noch etliche andere dabei.

Wer jedoch irgendwie die Möglichkeit hat, sollte unbedingt die Originalfassung schauen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen wie, wann und welche Textfetzen in Deutschland auf deutsch synchronisiert werden sollen. Echte gesprochene Dialogzeilen sind selten, während viele Passagen eher Sprechgesang sind. Warum dort dann mit zwei verschiedenen Stimmen und Sprachen hantiert werden muss, kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen.

Montag, 17. Dezember 2012

American Idiot - Apollo Hammersmith

Beste Plätze für 60 Euro, zusätzliche Gebühren trotz Verkauf über Eventim 0,00,- - nein, kein schöner Wunschtraum, sondern Realität in London, wo ich das Glück hatte, die UK-Tournee von "American Idiot" im Apollo Hammersmith zu erwischen. Wobei es sich nicht um eine neue Tournee handelt, sondern um eine Verlängerung der US-Tournee mit den amerikanischen Darstellern. Ein wenig ärgerlich dann auch die Tatsache, dass als einziges Programmheft die Souvenir Broschüre vom Broadway mit einer Einlage zur aktuellen Cast für 10 Pfund verkauft wird. 

Natürlich glich die Inszenierung dann auch 1:1 der Broadway Version im St.James Theatre, doch da ich diese am allerersten Abend in New York gleich nach der Ankunft mit Jetlang und einem zerfetzten Nervenkostüme nach mehrstündiger Verspätung des Fliegers gesehen hatte, war es schön, das gleiche Stück nun noch einmal in Ruhe und ohne völlig abgehetzt im Theater zu sitzen, zu sehen. Zumal "American Idiot" optisch so überwältigt, dass ich vieles erst beim zweiten Mal wahrgenommen habe. Oder es lag an den Darstellerinnen, dass mir die Frauen im Stück, vor allem Will's Freundin Heather (Kennedy Caughell) und "Whatshername" (Alyssa DiPalma) diesmal wesentlich mehr auffielen. Auf der Habenseite standen für mich auch Alex Nee und Trent Saunders als Johnny und St.Jimmy, die mir diesmal besser gefielen, während "Tunny" Thomas Hettrick nicht mit Stark Sands mithalten konnte. Komplettiert wurden die Hauptdarsteller von Casey O'Farrell als Will und Jenna Rubaii als Extraordinary Girl. 

An "American Idiot" schieden sich schon am Broadway die Geister und die Rezeption war auch in Großbritannien nicht anders. Ich gehöre zu denen, die dieses Stück so wie es ist brilliant finden und es nicht durch langatmige Dialoge, ausgewalzte Reprises und ähnlichen Kokolores künstlich in die Länge gezogen sehen wollen. Die Songs kommen Schlag auf Schlag und lassen kaum Zeit zum Atmen. Und trotzdem gibt es immer wieder ausgesprochen intensive Momente, zum Beispiel wenn Johnny mit dem Welthit "Boulevard of Broken Dreams" so treffend über die Einsamkeit inmitten der Millionen der Großstädte singt oder für Whatshername die romantische Ballade "When it's time" singt. Auch Lieder wie "21 Guns", "Wake me up when September ends" und "Are we the waiting" gehen unter die Haut und berühren alleine mit einigen Textzeilen so unendlich viel mehr als viele endlose ennervierende Schluchzballaden, wie sie in Musicals so beliebt sind. 

Für mich reiht sich "American Idiot" in die Zahl der wenigen "Jugendmusicals" ein, die wie früher "Hair", Jesus Christ Superstar" und "Rent" den jeweiligen Zeitgeist einer Generation erfasste und frischen Wind in die verstaubte Musicallandschaft des Jahrzehnts brachte. So wie die Hippies aus "Hair" und die Bohemiens aus "Rent" heute schon nicht mehr aktuell wirken, wird sich auch die paranoide mediensaturierte ziellose Jugend aus "American Idiot" in einigen Jahren wahrscheinlich erledigt haben. Da freue ich mich jetzt schon auf das Musical, das den Zeitgeist der 10er-Jahre erfassen wird. 

Bis dahin würde ich mir wünschen, dass Tourneeveranstalter wie BB Promotion genug Eier in der Hose hätten um die Tournee von "American Idiot" auch nach Deutschland bzw. Kontinentaleuropa zu holen. Eine Sit Down-Produktion (womöglich noch übersetzt) wäre hier einfach nicht sinnvoll, aber je eine Woche Spielzeit in den großen Städten dürfte dank der vielen Green Day-Fans auch hier machbar sein.

The Bodyguard - Adelphi Theatre

London scheint sich immer mehr zur Hauptstadt der Jukebox-Musicals zu entwickeln. Gleich drei Neue sind in diesem Herbst auf die Bühne gekommen: Die Beatles-Gedenkveranstaltung "Let it Be", der Spice Girl-Klamauk "Viva Forever", den auch Jennifer Saunders scheinbar nicht retten konnte, und "The Bodyguard", eine Bühnenverwurstung des gleichnamigen Films aus 1991 mit Whitney Houston und Kevin Costner. Zyniker mögen annehmen, dass der vorzeitige tragische Tod der Popdiva für das Stück hervorragende Werbung war, da Whitney auf einmal wieder in den Medien präsent war. Hatte es zunächst so ausgesehen, als würde das Musical zumindest neue Songs bekommen, entschied man sich dann für den bequemen Weg und quetschte einfach einige bekannte Hits von Whitney Houston in das Stück. 

So entfallen die meisten Songs dann auch auf die weibliche Hauptrolle Rachel Marron und einige wenige auf ihre frustrierte Schwester. Die Herrenriege darf gar nicht singen - eine sinnvolle Entscheidung für den knurrigen Bodyguard, der Rachel vor einem Stalker beschützen soll, traurig für den Rest des männlichen Ensembles, zu dem u.a. Ur-Rusty Ray Shell gehört. Die hanebüchene Geschichte betrifft eben jene unglaublich erfolgreiche Sängerin Rachel, die nach anonymen Drohbriefen um ihr Leben fürchtet und einen Leibwächter einstellt, eben jenen Frank Farmer. Schon nach der ersten Begegnung mit Rachels Schwester Nicky, die stets im Schatten steht, ist klar, dass sie hinter den Drohbriefen steckt. Genauso klar ist, dass sich Rachel und Frank verlieben werden, ehe sie sich zum Schluss tränenreich trennen. 

Der einzige Grund, sich "The Bodyguard" anzusehen, heißt Heather Headley. Die amerikanische Sängerin, einst erste "Aida" im gleichnamigen Musical, spielt Rachel und singt die großen Hits von Whitney Houston mit wirklich beeindruckender Stimme. Vor allem die letzten 10 Minuten mit den voll ausgesungenen Songs "One moment in time" und "I will always love you" sind ein grandioses Erlebnis, das die Eintrittspreise dann fast rechtfertigt. Debbie Kurup als Nicky darf auch einige Songs singen, überzeugt dabei allerdings weniger. Lloyd Owen überzeugt als Kevin Costner, bzw. Frank Farmer und sorgt für den einzigen echten Lacher in der Show, wenn der knurrige Frank eine eher peinliche Karaoke-Version von "I will always love you" anstimmt. 

The Bodyguard kann man sehen, muss man aber nicht, schon gar nicht zum vollen Preis. Mir bleibt die Hoffnung, dass allmählich das Ende der Jukebox-Fahnenstange erreicht ist, nachdem Bodyguard eher durchwachsene Kritiken bekam und das Spice Girl-Recyclical Viva Forever nicht nur von der Presse vernichtet wurde, sondern auch bei Besuchern eher schlecht wegkommt. Bleibt zu hoffen, dass die wirklich NEUEN Musicals, die im Frühling kommen werden (u.a. "Once", "Book of Mormon" und "Charlie and the Chocolate Factory") dann auch erfolgreicher werden und den Mut der Produzenten belohnen

One man, two guv'nors - Haymarket Theatre

Das National Theatre in London zeigt, wie Theater-Subventionen sinnvoll genutzt werden können: Indem neue Stücke entwickelt werden, die so erfolgreich sind, dass das Theater noch jahrelang Geld mit ihnen verdient (welches wiederum in weitere neue Stücke gesteckt werden kann). Nachdem "War Horse" zum internationalen Erfolg wurde und in London seit mittlerweile vier Jahren im West End spielt, ist "One man, two guv'nors" der letzte neue Erfolgshit von der South Bank, der zunächst ins Adelphi Theatre transferierte und mittlerweile im Haymarket Theatre spielt. Dazu kommt eine erfolgreiche Tournee in Großbritannien und ein Gastspiel in New York. 

Für das Stück adaptierte Richard Bean die klassische italienische Komödie "A servant of two masters" von Carlo Goldoni und verlegte sie ins Brighton der 60'er Jahre. Dort findet sich der tollpatschige Francis Henshall mit zwei Jobs konfrontiert, deren Auftraggeber nichts voneinander wissen sollen. Einer von ihnen ist der eigentlich tote Gangster Roscoe, dessen Zwillingsschwester Rachel sich für ihn ausgibt um an sein Geld zu kommen, der andere Rachel's Verehrer Stanley Stubbers - und zugleich Roscoes Mörder. 

"One man, two guv'nors" ist klassische englische Farce mit manchmal fragwürdigem "End of pier"-Humor und viel Improvisation, teilweise auch mit Einbeziehung des Publikums. Wenn man jedoch weiß, dass das meiste einstudiert ist und die unglückliche junge Zuschauerin, die von Francis auf die Bühne gebeten wird um ihm mit einem Topf Suppe auszuhelfen, in Wirklichkeit zum Ensemble gehört, ist das ganze schon weit weniger komisch. 

Das Publikum bog sich jedoch vor Lachen und Owain Arthurs Vorstellung als Francis kann man nicht anders als als komische Meisterleistung bezeichnen. Kein Wunder, dass Ur-Francis James Corden in den letzten Saison sämtliche Preise abräumte, einschließlich des Tony Awards am Broadway. Im Ensemble begeistern unter anderem Jodie Prenger als fesche Dolly, "Game of Thrones"-Star Gemma Whelan als Rachel und Daniel Ings als herrlich überzogener Möchtegern-Schauspieler Alan. 

Mir persönlich war "One man, two guv'nors" fast schon ein wenig zu platt, aber ich finde es trotzdem einfach erfreulich zu sehen, was das National Theatre immer wieder aus dem Hut zaubert und zeigt, dass "Kunst" durchaus auch mal eine herrlich überdrehte Boulevardkomödie sein kann und nicht nur versponnene Kopfgeburten.

Twelfth Night - Apollo Theatre

Womit wir beim Thema "Klassiker" wären, um die ich in Deutschland seit langem einen Bogen mache, während mich in London noch jede Shakespeare-Aufführung begeistert hat. In diesem Fall waren Mark Rylance und Stephen Fry für mich die größten Verkaufsargumente um mir "Twelfth Night" anzusehen, das aus dem Globe Theatre ins Apollo umgezogen war. Hier ging man wahrlich "Back to the Roots" und stattete die Bühne so aus, wie Räume für Theateraufführungen zu Shakespeares Zeit wohl ausgesehen haben mochten - einschließlich einiger Holzbänke für Zuschauer an den Seiten und einigen Musikern mit Renaissance-Instrumenten. Und genau wie zu Shakespeares Zeiten wurden die Frauenrollen von Männern gespielt, komplett in üppigen elizabethanischen Roben mit dicker Schminke und Perücke. 

"Twelfth Night" ist die Geschichte der Zwillinge Viola und Sebastian, die beide bei einem Schiffsuntergang in Illyrien angespült werden und glauben, der jeweils andere wäre ertrunken. Viola geht als Junge verkleidet beim Herzog von Orsino in Dienst, der die um ihren Bruder trauernde Olivia erobern will. Leider verliebt sich Olivia in den hübschen Jüngling, der seinerseits den Herzog anschmachtet. Zum Glück erscheint irgendwann der männliche Zwilling Sebastian und die richtigen Paare finden sich - nach einem zum Biegen komischen letzten Akt, in dem vor allem Mark Rylance als völlig überdrehte Olivia begeistert - und völlig vergessen lässt, dass es sich um einen Mann in Frauenkleidern handelt. Das gleiche gilt für Paul Chahadi als intrigante Dienerin Maria, während Johnny Flynn als Viola weniger überzeugte. Ein echtes Schmankerl war es zudem, Stephen Fry als Malvolio auf der Bühne zu sehen, der live genauso herrlich war wie zu seinen besten Sitcom-Zeiten mit Blackadder und Jeeves & Wooster. 

Letztendlich habe ich mich bei "Twelfth Night" noch mehr amüsiert als bei "One man, two guv'nors" und finde es schon erstaunlich, dass good old Shakespeare nach 400 Jahren noch immer so hervorragend unterhalten kann. 

Und so bleibt mir auch diesmal wieder nur das Fazit: Die beiden Schauspiele haben sich weitaus mehr gelohnt als das einzige echt neue Musical. Mal sehen wie es im kommenden Jahr weitergeht…

Donnerstag, 22. November 2012

Rocky - die CD

Es gab eine Zeit, in der ich die Angebote für Freikarten fleißig ausgenutzt habe und kreuz und quer durch die Republik gefahren bin um neue Musicals zu sehen. Eine Mischung aus allgemeiner Interessenverschiebung und dem fast durchweg enttäuschenden Angebot in Deutschland haben diese Reiselust in den letzten Jahren jedoch zum Erliegen gebracht. Kommt ein gänzlich unbekanntes neues Musical daher, fällt es schon schwerer, nein zu sagen, da ich generell der Überzeugung bin, dass man ein Stück live gesehen haben muss um es zu beurteilen. Trotzdem konnte ich mich nicht aufraffen mitten im grauen November nach Hamburg zu fahren um mir "Rocky" anzusehen. So bleibt mir nur die gerade erschienene CD um mir eine erste Meinung zumindest von der Musik zu bilden. 

Mein Fazit: Sie wird mich nicht zu einer Reise in den Norden verlocken. Wie der Promotion-Auftritt vor dem Klitschko-Boxkampf schon andeutete, besteht die Musik von Stephen Flaherty in erster Linie aus schon 100x gehörten typischen Musicalsongs. Vor allem Adrian, deren Part im Vergleich zum Film deutlich aufgewertet wurde, hat Songs zu singen, die in jeder Musicalschmonzette zu hören sind. Ein einziges Lied geht beim ersten Hören ins Ohr, das Duett "Wahres Glück", eine nette Ballade die endlich einmal mit einer echten Melodie daherkommt, auch wenn sie nach Schlagerfestival klingt. Es ist ein Fortschritt gegenüber der ersten Rocky-Adrian-Ballade "Mehr als nur ich und du", die enervierend belanglos ist und ein wenig nach Oktoberfest klingt. Teilweise liegt es aber auch nicht an den langweiligen Melodien oder den entsetzlich banalen Texten wie dem mittlerweile schon berüchtigten Nasenlied am Anfang (wo nicht klar ist, ob es an Lynn Ahrens' originalen Texten liegt oder an der Übersetzung von Wolfgang Adenberg), sondern an anderen Kleinigkeiten. 

So ist zum Beispiel "Südseiten-Superstar" zwar eine nette peppige Nummer, doch an diesem Moment der Handlung, wo es auf Rockys großen Kampf zugeht, würde ich mir etwas viel düstereres voller Spannung wünschen und kein Tralala. Auch Rockys eigener großer Song vor dem Finale - "Standzuhalten" ist eher belangloser Pop und ganz sicher nicht der große Moment, der hier benötigt wird. Da wünscht man sich doch endlich einmal eine Larger-than-Life-Ballade wie "This is the moment" (das problemlos hier eingefügt werden könnte) wie sie Frank Wildhorn als Dutzendware raushaut. Und wenn für Rockys Widersacher Apollo schon ein nicht-deutschsprachiger Amerikaner importiert werden musste, warum dann nicht jemand mit dunkler Stimme, der schon beim Singen bedrohlich wirkt? Wo ist James Earl Jones, wenn man ihn braucht? 

 Stage Entertainment hatte es scheinbar so eilig, die CD auf den Markt zu werfen, dass sie als "exklusive Vorabversion (haha) mit gekürztem Booklet" erschien - das volle Booklet (mit Texten?) kann später auf Wunsch zugschickt werden. So hat dann auch der geneigte Hörer wenige Informationen zur Hand. Mir bleibt da nur ein gemischtes Fazit. Die Musik ist nicht schlecht, doch von Ahrens/Flaherty, die immerhin für das mitreißende "Ragtime" verantwortlich sind, hätte man mehr erwarten können. Vor allem bietet sie absolut nichts Neues und wirkt wie ein Reißbrettmusical, aber nicht wie ein inspirierter großer Wurf. Als "Besonderheit" muss wie so oft ein technisches Gimmick herhalten, in diesem Fall der fahrbare Boxring. 

Ob das reicht, die maßlos teuren Karten loszuwerden, bleibt abzuwarten. Im Moment ist der Vorverkauf von Rocky wenig beeindruckend. Würde ich in Hamburg wohnen und ein gutes Angebot bekommen, würde ich wohl doch einmal reingehen um meine Neugier zu befriedigen. Aber ein ganzes Wochenende mit Fahrt, Hotel und anderen Ausgaben ist mir die Sache dann doch nicht wert, vor allem wenn mich Michael Grandage mit seiner "Season" gleich dreimal nach London zerrt.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Memphis - Broadway (DVD)

Zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden sich die Produzenten des erfolgreichen Musicals "Memphis" das 2010 in New York eher überraschend mit vier wichtigen Tony Awards, darunter dem für das beste neue Musical der Saison, dem besten Buch und der besten Musik, ausgezeichnet wurde und es auf insgesamt 1166 Vorstellungen am Broadway brachte. Noch während der Laufzeit in New York wurde die Show mitgeschnitten und in den USA im Kino ausgestrahlt. Später folgte eine Veröffentlichung auf DVD, die nicht nur für Fans ein schönes Souvenir der Show darstellt, sondern anderen die Möglichkeit gibt, "Memphis" nachträglich noch kennenzulernen. Eine Verfilmung ist mittlerweile auch in der Mache.

 Mich hatte "Memphis" ganz einfach nicht interessiert, als es am Broadway startete, da es sich nahtlos einreihte in eine ganze Reihe nostalgischer Shows über die 50er und 60er Jahre wie "Hairspray", "Jersey Boys" und "Baby it's you", als ob die Jahrzehnte davor und danach nicht existierten. Mir ist natürlich auch klar, dass damit auf die heute wohlhabende Babyboomer-Generation abgezielt wird, die zu jener Zeit mit jener Musik aufwuchs, aber ich gehöre nunmal nicht dazu, also kann ich getrost auch auf die Shows verzichten. Doch wenn die DVD schon für $15 zu kaufen ist, macht sie sich natürlich gut in der Sammlung, zumal mir die Musik von David Bryan ohnehin schon gut gefiel und Montego Glover als weibliche Hauptdarstellerin mit Lob überhäuft wurde. 

Kurz gesagt erzählt "Memphis" die Geschichte von Huey Calhoun, einem Weißen, der die schwarze Musik der 50er liebt und die junge schwarze Sängerin Felicia groß herausbringen will. Natürlich müssen sie sich auch verlieben, eine Liebe die in der Zeit der Rassentrennung jedoch nicht sein darf. Ein ernstes Thema wie dieses wird jedoch nur als Randnotiz behandelt (und wurde im wunderbaren Film "The Help" tausendmal besser thematisiert), denn "Memphis" will vor allem eins: Unterhalten. Schmissige Rock'n'Roll-Songs mit mitreißenden Choreographien dominieren und Montego Glover erhält mehr als genug Gelegenheit ihre herausragende Stimme unter Beweis zu stellen. Sympathieträger war für mich jedoch eher Chad Kimball als Huey, der junge Weiße, der um seinen Traum kämpft und mit "Memphis lives in me" dann auch das schönste Lied der Show singen darf. 

Wer die Musik der Epoche liebt oder einfach nur kurzweilige Unterhaltung sucht, wird "Memphis" ganz sicher sehr genossen haben. Sollte es wie angekündigt nach London kommen und dort jemand mitspielen, den ich sehr gerne live sehen möchte, würde ich es mir zu einem günstigen Discount-Preis sicher auch anschauen. Aber unterm Strich muss ich sagen, dass mir die DVD vollauf genügt hat um mir ein Bild dieser Show zu machen, die für mich eher unter "ganz nett, aber belanglos" fällt. Wenn überhaupt würde ich hoffen, dass die mutige Entscheidung der Produzenten eine noch laufende Show im Kino zu zeigen und auf DVD herauszubringen auch von anderen Produzenten aufgegriffen wird.