Dienstag, 31. Mai 2011

"Spiderman 2.0" und "Book of Mormon" in New York - Reviews

Die verrücktesten Ideen erweisen sich manchmal als die besten. In diesem Fall ergab sich für mich das Luxusproblem, das es keine direkten Verbindungen nach und von Florida gab, die mir in den Kram passten und ein Umstieg an einem der typischen Hubs nötig wurde. Und wenn man eh schon umsteigen muss - warum dann nicht dafür sorgen, dass dies in New York passiert und nicht in so aufregenden Metropolen wie Atlanta oder Charlotte? Und dann auch gleich noch eine Übernachtung in New York einschieben für einen Abstecher zum Broadway? Ziel der Mission war zunächst "Spiderman", das zur Zeit meiner Reisebuchung noch nicht mal die ersten Previews absolviert hatte und noch niemand das sich entwickelnde Chaos ahnte. Und trotz aller Häme, die sich in den letzten Monaten über das Stück ergoss: Ich finde es nach wie vor gut, dass man hier etwas neues und aufregendes probiert hat - und neue Wege gehen ist immer schwieriger als das 7.Jukebox-Musical, die 8.Adelsschmonzette oder den 9.Filmabklatsch uninspiriert auf die Bühne zu werfen. Aber mehr dazu später. Schwierige Reiseplanung sorgte dafür, dass nur der Sonntag als Stopover in Frage kam und die meisten Shows am Broadway spielen an diesem Tag nur eine späte Matinee. Doch die Musen waren mir hold: Das zweite Stück, das mich in dieser Saison sehr interessierte - "The Book of Mormon" - spielte zwei Vorstellungen, so dass es tatsächlich drin war, gleich nach dem Spinnenmann auch noch die Mormonen zu sehen. Und schon nach den ersten begeisterten Kommentaren im Internet ahnte ich, dass es mit Discount-Tickets schwierig werden würde und sicherte mir lieber (zum ersten Mal seit langem) eine Vollpreiskarte vorne im Parkett für stolze $137. Eine Entscheidung die ich nicht bereute als der Vorverkauf so richtig anzog und höchstens noch Premiumtickets zu haben waren. Soweit die Vorgeschichte.

Nun also die Shows selbst: Spiderman 2.0, Matinee um 15.00 Uhr, das riesige Foxwoods Theater ist sehr gut gefüllt und leider auf Kühlschranktemperatur klimatisiert. Die Plätze in der 1.Reihe des Balcony erweisen sich als Glücksfall: Für $97 hat man großartige Sicht auf die Bühne, die Flugszenen und zweimal landet Spidy sogar vor meiner Nase. Etwas mulmig wird mir, als es um 15.10 Uhr noch immer nicht losgegangen ist und jemand in Zivil mit Mikrofon in der Hand auf der Bühne erscheint. Was geht? Immerhin: Keine Showabsage, nur eine Entschuldigung, dass es Probleme gab, zwei Leute ausgetauscht werden mussten und dass es gleich losging.
Nun fehlt mir natürlich der Vergleich mit Version 1.0, aber der 1.Akt plätschert relativ harmlos dahin mit der einzig nennenswerten Nummer das gut choreografierte "Bullying by Numbers" das Peter Parker als gehänselten Nerd in der Schule vorstellt. Richtig in Fahrt kommt die Show dann bei der großen Nummer "Rise Above" in der sich Peter zur Karriere als Spiderman entschließt - nur um dann zum totalen Stillstand zu kommen, weil die Technik nicht funktionierte. Zwar ging es nach fünf Minuten dann weiter, aber da war das Tempo schon aus der ersten tollen Flugnummer raus und kommt auch bis zur Pause nicht mehr in Gang. Auch der zweite Akt braucht lange bis er in Schwung kommt - die erste Nummer des Green Goblin "A freak like me" nervt nur und das folgende schöne Duett "If the world should end" von Peter und Mary Jane ergibt hier irgendwie wenig Sinn. Dann wiederholte sich das Muster aus dem 1.Akt: Mit dem tollen Song "The boy falls from the sky" nimmt die Show nochmal Fahrt auf - und kommt wieder zum Stillstand, als die Technik beim Green Goblin vor dem finalen Zweikampf in der Luft nicht mitspielte. Patrick Page versuchte zwar das Publikum mit Mätzchen zu unterhalten, während die Techniker an seinen Seilen arbeiteten, aber das passte nun auch nicht wirklich zum monströsen Superschurken.


Letztendlich bleibt festzustellen: Irgendwo in dem ganzen Chaos ist eine gute Show versteckt - aber so wie sie jetzt ist, kann man "Spiderman" nur als Enttäuschung bezeichnen (und ich frage mich, ob die Taymor-Version die Arachne in den Mittelpunkt stellte, vielleicht doch besser funktioniert hätte). Die wirklich guten Songs kann man einer Hand abzählen und das ist einfach zu wenig für ein Team wie "Bono & The Edge" wenn man ihre langjährigen Hits für U2 betrachtet und die Geschichte funktioniert einfach nicht flüssig. Das mag auch an den beiden Pannen gelegen haben, aber für mich war zuviel dabei war, das die Handlung nicht vorwärts brachte und zuwenig, das wirklich half, den Figuren Tiefgang zu verleihen. Die Technik - soweit sie funktionierte - war grandios, doch wenn man z.B. an "Starlight Express" oder auch "Lord of the Rings" denkt, fragt man sich schon, was hier nun derartig viele Millionen verschlungen haben soll. Die Flugszenen - so toll sie auch waren wenn sie richtig funktionierten - könnens kaum gewesen sein.
Die Darsteller taten was sie konnten mit dem Material: Reeve Carney ist ein Sympathieträger als Peter Parker mit gefälliger Rockstimme und Jennifer Damiano eine hübsche zweckdienliche Mary Jane Watson, die zweidimensional bleibt. Gerne mehr gesehen hätte ich von Arachne, T.V. Carpio, mit großer Stimme und den besten Momenten. Ich persönlich fand es auch gut, dass das Feeling der Comic-Bücher erhalten blieb mit comichaft gezeichneten Bühnenbildern und "bang!"-Lautmalerei, aber es ist fraglich, ob man damit ein großes Publikum jenseits der Comic Book-Nerds erreicht (und diese geben lieber $100 für ein rares Comicheft aus als für ein Musicalticket). Zu wünschen wäre, dass es sich wirklich noch um Out-of-Town-Tryouts handeln würde, die noch komplett geändert werden könnten. Aber nach allem was war, wird man nun die neue Premiere wohl durchziehen müssen. Ich denke, die Show wird sich einige Jahre redlich halten und vor allem von den Touristen leben, aber der große Wurf ist sie wirklich nicht geworden. Schade.


Besonders krass wurde der Unterschied deutlich, als ich nur eine gute Stunde später im Eugene O'Neill Theatre Platz nahm um den Hit der Saison zu sehen: "The Book of Mormon" von Trey Parker, Matt Stone und Robert Lopez. Hier wurde vor allem wieder mal klar wie wichtig ein gutes und durchdachtes Buch für ein Musical ist, wo jede Szene und jeder Song der Handlung dienen und der Zeichnung der Protagonisten. Da gab es keine Längen, keine überflüssigen Nummern und schon gar keine Langweile: Von der ersten Sekunde zündet das (oft recht vulgäre) Gag-Feuerwerk und doch versinkt die Show (anders als z.B. "Spamalot" mit dem es manchmal verglichen wird) nie in Albernheit. Dafür sorgen die grandiosen Sympathieträger Andrew Rannells und Josh Gad als ungleiches Missionarspaar, das es ins vom Bürgerkrieg zerrissene Uganda verschlägt um dort das "Buch Mormon" an die Afrikaner zu bringen und sie zum Konvertieren zu verlocken. Ein bisschen Hintergrundwissen um diese uramerikanische Religion und den selbsternannten Propheten Joseph Smith hilft zwar, ist aber auch nicht nötig, da das Stück die Essenz in herrlich komischen Rückblicken selbst erklärt.

Viel mehr von der Handlung zu verraten, hieße, zuviele köstliche Gags zu verraten, daher sei nur soviel gesagt: Wer keine Chance hat, die Show live zu sehen, sollte unbedingt zur CD greifen. Denn erfreulicherweise kann auch die Musik für sich genommen überzeugen mit durchweg gelungenen Songs und mitreißenden Ensemblenummern wie das schon berühmt gewordene "Hasa diga eebowai" und das mit herrlicher Inbrunst gesungene "I believe" in dem sich Elder Price in den Kopf setzt, den örtlichen Warlord zum Mormonentum zu bekehren...
Trotz allem Humor gibt es auch immer wieder kurze ernste Momente, die für Dramatik sorgen und helfen, die Figuren ernst zu nehmen, wenn es z.B. zum Streit zwischen Price und Cunningham kommt oder Nabalungi erfährt, dass Cunningham es bei seinen Schilderungen der Mormonenlehre mit der Wahrheit nicht so eng gesehen hat. Den Autoren ist hier das rare Kunststück gelungen wirklich genau den richtigen Ton zwischen zum Quietschen komischer Satire und ernsthaft-dramatischen Momenten zu treffen, so dass man sich zwar köstlich über die Protagonisten amüsiert, aber zugleich mit ihnen mitfühlt. Neben den beiden Stars überzeugte vor allem Nikki M. James als Nabalungi mit ihrem ansteckenden Enthusiasmus für "Sal Tlay Ka Siti", das scheinbare Paradies auf Erden, doch eigentlich waren alle Darsteller so grandios, dass es nicht fair wäre, einige herauszuheben. Als Tony-Gewinner würde ich mir letztendlich Andrew Rannells wünschen, dessen Elder Price einfach die interessantere Geschichte erlebt und der den anfangs aalglatten All-American-Boy unglaublich überzeugend auf eine Achterbahn der Gefühle schickte, während Josh Gad's Elder Cunningham im Grunde der gleiche moppelige Chaos-Sidekick ist, den es auch in fast jeder Hollywood-Komödie gibt (und sollte das Musical verfilmt werden, würde die Rolle von einem jungen Jack Black gespielt werden)

Ich war nachher nur noch heilfroh, dass ich verrückt genug gewesen war, diese Abendvorstellung noch gleich hinter "Spiderman" einzuschieben und dieses großartige Stück erleben zu dürfen.
Natürlich wäre ich gerne noch länger am Broadway geblieben - auf der Musicalseite hätte ich gerne noch "Catch me if you can" und "How to succeed..." mitgenommen (wo ich jedoch noch stark auf einen London-Transfer hoffe) und vor allem die Chance genutzt, die derzeit unglaublich stark besetzten Schauspiele zu sehen, darunter "House of Blue Leaves" mit Edie Falco, "The Normal Heart" mit Jim Parsons, "Born yesterday" mit Robert Sean Leonard, "Bengal Tiger at Baghdad Zoo" mit Robin Williams und natürlich "Jerusalem" mit Mark Rylance, das ich nun zum zweiten Mal verpasse. Sei's drum, ich bin schon froh, dass dieser Abstecher möglich war um die beiden Musicals zu sehen, die ich unbedingt sehen wollte. Dafür hat es sich gelohnt!

Samstag, 21. Mai 2011

Musikalitis macht Pause



...bis Juni. Dafür gibts dann Kritiken zum diesjährigen Broadway-Hit "Book of Mormon" und zur reloaded Version "Spiderman 2.0" :)

Freitag, 20. Mai 2011

Matthew Morrison - Silberling als Schlaftablette

Solide, zuverlässig, gediegen – so präsentiert sich Broadwaystar Matthew Morrison seit zwei Jahren als Spanischlehrer und Clubleiter Will Schuester in „Glee“, die ihn auch jenseits der New Yorker Theaterszene berühmt machte. Und genauso präsentiert sich nun auch seine erste Solo-CD, die vor einigen Wochen erschienen ist und vor allem den Gleeks Spass machen wird. Positiv zu vermerken ist, dass Morrison sich an neu- (und teilweise selbst-)geschriebene Songs gewagt hat, statt den üblichen Weg zu gehen und die ewig gleichen Musicalsongs zum gefühlt 245.Mal einzusingen. Dabei gelang es ihm sogar Popschwergewichte wie Sting und Elton John für Duette ins Studio zu holen, sowie Glee-Partnerin Gwyneth Paltrow, mit der er eine nette Version von „Somewhere over the Rainbow“ samt Ukulele zum besten gibt.
Aber so richtig zünden wollen die zehn Tracks der CD nicht. Solider Mainstream-Softrock, der ganz gut zur musikalischen Untermalung einer abendlichen Autofahrt taugt, aber in dieser Form schon viel zu oft zu hören war und auch nicht wirklich hilft neue Facetten von Matthew Morrison jenseits des grundsoliden „Mr Shue“ zu entdecken. Neben der netten Single „Summer Rain“ und dem etwas flotteren „Still got tonight“ gefällt mir persönlich das Sting-Duett „Let your soul be your pilot“. Elton John dagegen klingt wie Elton John seit über 30 Jahren eigentlich immer klingt und Songs wie „My Name“ und „It’s Over“ taugen vor allem als Schlaftablette.

Auch in den USA scheint die CD nicht auf die gewünschte Gegenliebe zu stoßen oder wurde seine Popularität überschätzt: Die geplanten Solo-Konzerte wurden jedenfalls schon fast stillschweigend abgeblasen – stattdessen begleitet Morrison ausgerechnet die Boyband-Mumien von New Kids on the Block auf Tournee. Schade, Matthew, da wäre sicher mehr drin gewesen.

Donnerstag, 19. Mai 2011

"Matilda" ab Oktober in London

Endlich ist es offiziell: Das in Stratford on Avon hochgelobte neue Musical "Matilda" von Tim Minchkin und Dennis Kelly, das auf dem gleichnamigen Buch von Roald Dahl basiert, ist ab 18.Oktober im West End zu sehen. Die Premiere findet am 22.November statt. Die "Erwachsenen" der Produktion in Stratford werden auch in London wieder zu sehen sein, darunter Lauren Ward, Bertie Carvel, Josie Walker und Paul Kaye, während für die Titelrolle und die anderen Kinderrollen neue junge Talente gecastet werden. Wer nicht solange warten will, sollte sich mal bei Youtube diverse Clips des Komponisten Tim Minchkin ansehen, der selbst als Songwriter, Sänger und Comedian sehr gefragt ist und grandiose Songs mit hochintelligenten Texten schreibt. Allein das macht schon viel Vorfreude auf "Matilda".

Tragischerweise scheinen sich die Produzenten des schon lange nur noch mühsam durch immer alberner werdendes Stuntcasting am Leben gehaltenen "Chicago"-Revivals trotzdem noch nicht zu einem Ende des ausgelutschten Kander/Ebb-Stückes durchringen zu können. Angeblich sucht man derzeit nach einer neuen Spielstätte für das Stück, das bereits einmal vom Adelphi Theatre ins Cambridge Theatre umgezogen ist. Aber solange sich noch irgendwelche C-List-Celebrities für ein paar Monate anheuern lassen, wird man "Chicago" wohl noch weiter auslutschen wie bei uns die gute alte Sisi und die Blutsauger.

Dienstag, 17. Mai 2011

NBC bringt neue Musicalserie "Smash"

So langsam legt sich der Kater vom grandiosen ESC-Wochenende in Düsseldorf. Auf iTunes laufen wieder andere Songs, die Flaggen sind weggepackt und die Nachbarn brauchen sich nicht mehr von lauten und falschen Darbietungen von korsischen Faux-Opera-Liedern zwangsbeglücken lassen. Ahem. Die Musicalwelt döst weiter ihrer Saure-Gurken-Zeit entgegen, doch in den USA brummt die Vorbereitung auf die neue TV-Saison. Dass der Erfolg von "Glee" weitere "musicalische" Serien nach sich ziehen würde, war eigentlich auch klar. Und jetzt wo es mit "Glee" allmählich abwärts geht (Übersättigung kombiniert mit zuviel gehäufter Banalität ist noch nie einer Serie gut bekommen), wird es Zeit für etwas Neues.

Da passt die Nachricht gut, dass NBC die Pilotfolge von "Smash" angenommen hat um daraus eine Serie zu produzieren: Die Geschichte handelt von einem Creative Team, das ein Broadway-Musical auf die Beine stellen will. Debra Messing und Christian Borle spielen die Autoren, die an einem Musical über Marilyn Monroe arbeiten, das von Angelica Houstons Produzentin an den Broadway gebracht werden soll. Um die Hauptrolle duellieren sich eine erfahrene Broadwaysängerin (gespielt von Glinda-Blondchen Megan Hilty) und eine Newcomerin, gespielt von Katharine McPhee.
Hinter dem fiktiven Team steht ein äußerst erfolgreiches reales Team: Die Musik und Texte stammen von Marc Shaiman und Scott Wittman ("Hairspray" ,"Catch me if you can"), Theresa Rebeck schrieb das Drehbuch und Michael Mayer, der so ziemlich alle Musicalhits mit Jugendappeal der letzten Jahre auf die Bühne gebracht hat, führt Regie.

Man darf gespannt sein, was nun bei NBC dabei rumkommt. In Deutschland wird die Serie wohl entweder gar nicht zu sehen sein oder so kaputtsynchronisiert und zerpflückt wie "Glee". Doch zum Glück gibt es ja DVD-Boxen...

Donnerstag, 12. Mai 2011

Schocker aus London - muß "Dress Circle" schließen?

Kaum ein London-Reisender, der wohl noch nicht bei Dress Circle in der Monmouth Street eingekauft hat: Der kleine, herrlich vollgestopfte und altmodische Laden ist eine Institution im Theatreland und erste Anlaufstelle für obskure Cast Aufnahmen und Merchandising. In letzter Zeit hatte man auch immer öfter West End-Stars in den Laden geholt um neue Solo-CDs oder Cast-Aufnahmen mit Signierstunden und gesanglichen Kostproben zu promoten. Doch dies scheint heutzutage nicht mehr zu reichen. Wie "The Stage" in der heutigen Ausgabe schrieb, ist der Laden nun von der Schließung bedroht. Eine heftige Mieterhöhung und insgesamt steigende Kosten einerseits, magere Absätze andererseits - das konnte nicht mehr gutgehen. Diese Erfahrung musste vor einigen Jahren auch Footlight Records in New York machen.

Besitzer Murray Allan schiebt es im Interview auf fehlende neue Cast Recordings in London, u.a. von "Hairspray" oder "Priscilla" und auf fehlende Merchandise-Artikel. Doch das dürfte nur die halbe Wahrheit seit, oder vielleicht sogar nur ein Viertel. Dazu kommt meines Erachtens:

1. Das Internet. Damit muß man noch nichtmal die böse Piraterie meinen, auch wenn sicher hinzukommt, dass Musicalfans CD-Kopien nun problemlos als mp3 durchs Web an Freunde verschicken können. Aber auch die günstigeren Preise bei Amazon & Co. und die einfachen Downloads bei iTunes dürften einen sehr großen Teil dazu beitragen. Auch ich bekenne mich schuldig, dass ich bis auf einige "Spezialitäten" lieber bei HMV für £9,99 gekauft habe als bei Dress Circle für £14,99 oder bei iTunes nur die 2-3 "Sahnestücke" aus einer CD für £1,50 erworben habe, wenn der Rest eh wieder nur Klangbrei, Reprises und ähnliche Füller waren.

2. Marktsättigung. Anders als z.B. "Sound of Music", die lieber auf andere Genres erweitert haben, hielt Dress Circle sehr lange an "Oldies" fest. Klar, bis Mitte der 90'er gab es sicher sehr viele ältere Musicalliebhaber, die ihre alten Vinyls von Vera Lynn , Frank Sinatra und einer OBC von 1965 nochmal neu auf CD nachkauften, aber irgendwann war's damit eben vorbei, da hatte jeder was er brauchte auch auf einem Silberling.

3. Keine Exoten mehr. Das mag auch mit 1. zu tun haben, aber ich erinnere mich noch gut daran, dass Ende der 80'er, Anfang der 90'er, viele Fans ganz heiß auf irgendwelche Exoten waren - ob das nun eine koreanische "Les Miserables"-CD war, "Cats" auf norwegisch oder "Evita" auf portugiesisch, die Fans der Großmusicals sammelten begierig diese Exoten und waren stolz wie Oskar wenn sie jede existierende "Cats"-Aufnahme ihr Eigen nennen konnten. Auch wenn sie nix verstanden oder man bei Takarazuka-Aufnahmen Ausschlag an den Ohren bekam. Und die einzige Anlaufstelle für derartige Exoten waren nunmal Footlight, Dress Circle und später Sound of Music. Doch auch diese Zeit ist vorbei - wenn Stücke überhaupt an exotischen Orten gespielt werden, gibt's nur noch selten Aufnahmen davon. Oder man hört mal eben bei Youtube rein, wie sich denn "Defying Gravity" auf Tagalog anhört. Und mit etwas Spürsinn findet man die CDs dann oft im Ausgangsland um einiges billiger oder kennt über die Weiten des Internets jemanden, der sie vor Ort besorgen kann. Aber generell scheint diese Jagd auf Exoten sehr nachgelassen zu haben; fast überall kocht man sich heute ein eigenes Süppchen und interessiert sich kaum noch für das, was jenseits der Grenzen passiert. Und ich gestehe: Ich kaufe mir dann auch lieber ein neues französisches "Spectacle" in Paris oder ein Eigengewächs wie "Soldaat van Oranje" in Holland als die x-te Aufnahme vom Lion King.

Sei's drum. Ich fände es sehr schade, wenn Dress Circle wirklich schließen müsste - das Londoner Theatreland wäre um eine Ikone ärmer. Andererseits kann man den Fluß der Zeit nicht aufhalten. Und da hätten die Besitzer eben - wie ihre Kollegen Tüpker und Luketa in Deutschland mit ihren Konzerten - nach anderen Wegen suchen müssen um Geld zu verdienen. Vorerst jedoch heißt es noch Daumen drücken, dass sich eine Rettungsmöglichkeit erübrigt. Wenn ein Investor alles ist, was fehlt - Hallo CamMack, Hallo ALW?

Mittwoch, 11. Mai 2011

"Wonderland" schliesst am 15.Mai

Poor Frank Wildhorn. Wieder mal wird sein Status als Flopkönig vom Broadway bestätigt. Am Sonntag schliesst "Wonderland" nach miserablen Kritiken und ohne für einen einzigen Award in dieser Saison nominiert worden zu sein nach 31 Previews und 33 regulären Vorstellungen. Das ist selbst für seine Verhältnisse ein Rekord. Da die "Broadway Grosses" in den letzten Wochen gar nicht mal sooo schlecht aussehen und bald die Sommer-Touri-Saison beginnt, kommt der Zeitpunkt etwas überraschend. Man kann nur orakeln, dass der Vorverkauf nach Veröffentlichung der Kritiken so drastisch eingebrochen ist, das auch TKTS und andere Discount-Aktionen nichts mehr retten konnten. Immerhin waren die Investoren scheinbar reiche Opas aus Westflorida, die von vornerein wussten, sie würden es sich leisten können, ihr Geld zu verbrennen.
Trotzdem muss man sich fragen, was wohl in Wildhorn vorgeht. Da kann er noch so sehr an seinem Partner Jack Murphy (dessen brunzdummes Buch und lahme Texte weitaus mehr kritisiert wurden als die eigentlich ganz passable Musik) festhalten, noch so oft beschwören, dass er ja nur Popmusik für den Mainstream schreiben will und gar keinen Wert auf Kritikerlob legt - niemand kann sich mit so einem Debakel glücklich fühlen. Und nun immerhin fünf Broadway-Musicals sein eigen nennen, die allesamt finanzielle Flops waren. Sicher, nun wird er wieder auf seine "großen Erfolge" in Ostasien (Japan, Korea) und natürlich Mitteleuropa verweisen und vermutlich würden die Wildhorn-Groupies hier auch ein "Wonderland" über den grünen Klee loben (ob St.Gallen schon die Rechte beantragt hat?).

Aber ich muss mir trotzdem an den Kopf fassen. Der Mann hat ein Händchen für tolle Balladen und sogar für interessante Stoffe (zu Tode ausgelutschte Themen wie Dracula mal abgesehen), wie kann es möglich sein, dass es immer wieder so spektakulär scheitert? Ob "Bonnie & Clyde" nun noch etwas rausreißen können, ist fraglich. Vor "Wonderland" waren immerhin viele wildhornlose Jahre am Broadway vergangen, so dass eine frische Neugier und die Hoffnung auf Besserung da war (zumal das erfrischend neue, spannende Concept Album von "Wonderland" wirklich gelungen war). Aber mit diesem Flop frisch in Erinnerung dürfte man einer neuen Show von ihm noch viel skeptischer entgegen sehen.

Montag, 9. Mai 2011

Menier Chocolate Factory bringt Sondheims "Road Show"

Eigentlich hatte ich ja gehofft dass nach dem riesigen Bohei um Sondheims 80.Geburtstag letztes Jahr mal wieder etwas Ruhe um den Heiligen Stephen einkehrt. So sehr ich einen Teil seiner Werke mittlerweile schätze, so öde finde ich nach wie vor den anderen Teil seiner verquasten pseudo-intellektuellen Stücke, die eine bestimmte Art von Musical"fans" anzieht, die sich am liebsten naserümpfend über alle anderen Formen des Musicals auslassen und gerne für was besseres halten. Sei's drum. Auch in diesem Jahr geht der Sondheim-Reigen weiter. Nachdem das Pleasance Theatre in London bereits eine Produktion von "Follies" zum 40.Geburtstag des Musicals angekündigt hatte, machte die Menier Chocolate Factory nun endlich offiziell, was ohnehin jeder wußte: Ab dem 24.Juni wird das noch relativ neue Werk "Road Show" als europäische Erstaufführung gespielt. Das Buch stammt von John Weidman mit dem Sondheim bereits bei "Assassins" und "Pacific Overtures" zusammengearbeitet hat. Regie führt John Doyle.

Mit dem Spätwerk, das die Geschichte zweiter Glücksritter in den USA der 30'er Jahre erzählt, war Sondheim bislang kein Glück beschieden. Eine frühe Version erlebte 1999 unter dem Titel "Wise Guys" einen Workshop, ehe es unter dem neuen Namen "Bounce" 2003 in Chicago und Washington zu sehen war. 2008 versuchte eine überarbeitete Version am Off-Broadway ihr Glück mit, doch auch sie war nur zwei Monate zu sehen. Mal sehen was die Menier Chocolate Factory, die selbst einen Hit dringend nötig hätte, aus dem Stoff macht.

Sonntag, 8. Mai 2011

Henk Poort und Danny de Munk zusammen auf Tournee

Die Saure-Gurken-Zeit in der Musicalbranche hält an - am Broadway ist man auf die bevorstehende Tony-Verleihung fixiert, in London liegt man noch im Post-Royal Wedding-Koma (so scheint es). Immerhin sind die Holländer mittlerweile fleissig dabei, die kommende Saison zu planen: So gab De Efteling gerade bekannt, dass das erfolgreiche Familienmusical "Kruimeltje", das bislang exklusiv im Vergnügungspark bei Tilburg gespielt wurde, im Herbst auf Tournee gehen soll .
Noch erfreulicher ist jedoch die Tatsache, das sich zwei von mir sehr geschätzte Musicaldarsteller zusammengetan haben um gemeinsam mit einem Konzert auf Tournee zu gehen: Henk Poort und Danny de Munk, die ich gemeinsam 1990 bei "Les Misérables" in Amsterdam erleben durfte und die seitdem glücklicherweise nie mehr von den Musicalbühnen des Landes verschwunden sind.
In der Theatershow "Jeugdherinneringen" (Jugenderinnerungen) blicken beide auf ihre langjährige Karriere zurück: Henk als junger Opernsänger im Ausland, Danny als Kinderstar im Kino, bis sich ihre Wege bei "Les Misérables" kreuzten. Und natürlich werden viele Hits ihrer jeweiligen Musicalkarrieren zu hören sein.
Die Premiere findet am 21.September in Hoorn statt, danach geht es auf Tournee. Den vollständigen Tourneeplan gibt es hier.

Montag, 2. Mai 2011

"1953 - De Musical" in Roermond

Wenn in Deutschland Jahreszahlen wie 1989 oder 1945 weiß jeder, was damit gemeint ist. Ähnlich verhält es sich in den Niederlanden mit 1953, dem Jahr der größten Naturkatastrophe, die das Land im 20.Jahrhundert heimsuchte. In der Nacht vom 31.Januar zum 1.Februar sorgten starke Stürme zusammen mit einer Springflut für katastrophale Überschwemmungen, die große Teile von Zeeland unter Wasser setzten. Über 1800 Tote waren zu beklagen und unzählige Bewohner verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Erschwerend kam hinzu, dass sich das niederländische Radio nach einer lapidaren Sturmwarnung um Mitternacht wie üblich mit der Nationalhymne aus dem Äther verabschiedete und echte Hilfsaktionen erst montags anliefen, als die Menschen anderswo wieder die Arbeit aufnahmen und erste Berichte aus Zeeland eintrafen. 1953 hat sich in den Niederlanden als kollektives Drama derartig ins Gedächtnis gebrannt, das es zwar zum Pflichtprogramm im Schulunterricht gehört, aber nicht irgendwie fiktiv verarbeitet wurde. Erst vor zwei Jahren veröffentlichte der Schauspiel Rik Launspach mit „De Storm“ ein Buch das die Flutkatastrophe aufgriff und das später als erster „echter“ Katastrophenfilm der Niederlande teuer verfilmt wurde. Was leider nicht half aus der eher dürftigen Geschichte einen Hit zu machen, aber das nur nebenbei.

Auch im Musicalbereich ist man in den Niederlanden dazu übergegangen heimische Stoffe für die Bühne zu bearbeiten statt zu importieren und so wagte sich der junge Produzent Michael van Hoorne nun an“1953 – de Musical“, das im Frühling auf Tournee ging.
Van Hoorne’s Ziel ist es eine kostengünstige Alternative zu den anderen Musicaltourneen zu bieten und so kommt die Musik vom Band, die Bühnenbilder sind eher zweckmäßig und das Ensemble klein. Dazu gibt es kostenlose Programmhefte mit viel Werbung und sogar ein kostenloses Pausengetränk (zumindest im hübschen neuen Theater De Oranjerie in Roermond). Doch immerhin bot Van Hoorne erstklassige Darsteller auf, darunter Ben Cramer als herrischer Deichgraf, der die Gefahr verkennt, Marcel Smid als Wachtmeister, der Cassandra-mäßig vor der Katastrophe warnt und ignoriert wird und Filip Bolluyt als Bürgermeister, der andere Dinge im Kopf hat als ein bißchen Hochwasser. Die Damenseite wird angeführt von Marleen van der Loo als seiner Gattin und Joke de Kruijf (kaum wiederzuerkennen) als Fischersfrau. Dazu kommen das örtliche Wirtshauspaar und die jungen Leute, Robbert van Unnik als Sohn des Deichgrafen, der sich in das nicht standesgemäße Dienstmädchen Anna verliebt (stark gespielt von Anna Verschoor) und die Geschwister Krina und Jannes.
Anders als beim vergleichbaren Katastrophenmusical „Titanic“, wo die Vielzahl der Figuren oft nur für einen Song auftreten und ihre späteren Schicksale beim Schiffsuntergang dann kalt lassen weil man sie nie kennengelernt hat, widmen Michael van Hoorne und Bart Mijnster ihren Figuren einen sehr ausführlichen 1.Akt um sie kennenzulernen.

Trotzdem wartet man eigentlich nur auf den 2.Akt und die eigentliche Katastrophe – die dann sehr schlapp ausfällt. Es gelingen einige großartige Momente, wenn Deichgraf Jacobse unterstützt von Wind- und Nebelmaschine auf dem Deich gegen die Naturgewalten ansingt oder die beiden Leading Ladies das wunderschöne Duett "Een Tranenzee" singen, aber bei den heutigen technischen Möglichkeiten kann ich nicht verstehen, warum man hier nicht mit Projektionen gearbeitet hat um das ständig steigende Wasser zu simulieren. Wenn Jannes reichlich unzeremoniell über den Deich fällt und „ertrinkt“, bekommt man das als Zuschauer kaum mit, ebenso wenig wie Annas dramatisches Ende auf dem Dach des Hauses, auf das sie sich geflüchtet hatte. Drama geht anders.

Sehenswert ist das Stück trotzdem und Floris de Haan sind einige wirklich schöne Lieder gelungen. Hätte man hier das Budget und die Möglichkeiten des „Soldaat van Oranje“ gehabt, hätte das Musical wirklich großartig werden können – doch für mich verdient jeder Produzent Lob, der überhaupt versucht, etwas neues kreatives anzuschieben und auch Menschen mit schmalerem Budget einen schönen Theaterabend zu bereiten. Denn letztendlich beweist "1953 - de Musical" worauf es ankommt - ein gutes Buch mit starken Figuren, für die man sich interessiert, schöne Songs die ins Ohr gehen und hervorragende Darsteller, denen es gelingt, das Publikum mitzureißen.