Samstag, 5. Mai 2012

Next to Normal - Heerlen

Nach einer erfolgreichen Spielzeit am Broadway, auf US-Tournee und im Ausland bringt Joop van den Ende in dieser Saison den Überraschungshit „Next to Normal“ vom Tom Kitt und Brian Yorkey auch in die Niederlande. Das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Musical erzählt die Geschichte der amerikanischen Familie Goodman, insbesondere der Mutter Diana, die an einer manisch-depressiven Störung leidet und versucht, sie zunächst mit Pillen, später mit Elektroschocks in den Griff zu bekommen. Doch erst die Erkenntnis, dass seelische Traumata auf ihre eigene Art heilen müssen, hilft ihr, einen notwendigen schweren Schritt zu machen. Derweil leiden ihr Mann Dan und vor allem die stets vernachlässigte Tochter Nathalie, die mit einem High School-Freund immerhin Unterstützung findet.
Erfreulich ist neben der modernen und vor allem originellen Geschichte, die sich wohltuend von den vielen Schmonzetten und lahmen Film-Adaptionen abhebt, die nicht minder moderne Musik und die intelligenten Texte von Liedern wie „I miss the mountains“, „Super Boy and the Invisible Girl“ und „I’m Alive“. In der niederländischen Tournee wird wie üblich auf niederländisch gesungen, während die Handlung in den USA verblieb, was manchmal zu recht kuriosen Szenen führt, wenn Dan am Frühstückstisch durch die „USA Today“ blättert, während er auf niederländisch singt. Das Bühnenbild von Jos Groenier ähnelt im Aufbau dem Broadway-Vorbild, wirkt aber abstrakter und kommt mit einem einstöckigen Hintergrundkonstrukt und einigen Tischen und Stühlen aus.
Dreh- und Angelpunkt von „Next to Normal“ ist natürlich die Hauptrolle der Diana und hier zeigt sich leider wieder einmal dass Joop van den Ende’s Freundschaftspolitik manchmal nach hinten losgeht. So grandios Simone Kleinsma als Norma Desmond in „Sunset Boulevard“ war, so fehlbesetzt ist sie hier als Diana. Sie ist nicht nur ganz einfach 10 Jahre zu alt für die Mutter einer Teenager-Tochter, sondern wirkt, nicht zuletzt auch durch eine furchtbar hässliche braune Perücke, viel zu bieder und trutschig für die amerikanische Suburban Mom, die auch in Europa jedem aus Serien wie „Desperate Housewives“ bekannt ist. Ständig musste ich an Marin Mazzie denken, die ich am Broadway in der Rolle sah, die mit ihrer schlanken Figur, eleganter Kleidung und perfektem Make Up viel mehr jenen Mittelschichtsmüttern ähnelte, die auf Teufel komm raus die Fassade wahren und sich dabei nur allzu oft mit Pillen und Psychiatern behelfen.

Auch „Nathalie“ Michelle van de Ven, ein erschreckend dünnes kleines Persönchen, konnte mich nicht wirklich überzeugen. Sie legte mir die Rolle viel zu aggressiv an, so dass Nathalie eher nervte, während ich am Broadway vor Mitleid mit dem armen vernachlässigten Mädchen fast zerflossen war und sie ständig in den Arm nehmen wollte. Auf der Habenseite sind immerhin die Herren des Ensembles, vor allem Wim van den Driessche als solider, still leidender Dan, der die Familie zusammen halten will, Freek Bartels als imaginärer Wundersohn Gabe, Jonathan Demoor als Slacker-Freund Henry und vor allem Rene van Kooten als grandioser Dr Madden.
Doch auch wenn „Next to Normal“ nicht ganz der große Wurf geworden ist, der er mit einer passenderen Hauptdarstellerin gewesen wäre, ist die Tournee mit fairen Eintrittspreisen um 30-40 Euro für die besten Sitze, doch absolut empfehlenswert. Ein Trauerspiel ist es eher, dass das deutsche Stadttheater nicht fähig ist, ein solches Stück zeitnah ins Land zu bringen – schließlich würde „Next to Normal“ ideal ins Schublädchen passen. Es hat den stets gesuchten „Anspruch“ und mit einem sechsköpfigen Ensemble und einer vierköpfigen Band dürfte es auch günstig zu spielen sein. Also, wer traut sich, statt die ewig gleichen Stücke abzunudeln?

1 Kommentar:

  1. Ich bin absolut deiner Meinung! Ich hab das Stück noch nicht gesehen, aber ich würde es auch gerne hierzulande im Stadttheater sehen wollen und denke auch, dass es dort hingehören würde! Hoffen wir mal, dass Deutschland mutiger wird :)
    LG

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