Der "König der Löwen" feiert in dieser Woche den zehnten Geburtstag in Hamburg - das ist auch uns eine Gratulation wert. Mit mittlerweile über 8 Millionen Zuschauern hat das Disney-Musical damit sogar die früheren Dauerbrenner "Cats" und "Phantom der Oper" trotz (noch) kürzerer Laufzeit überholt. Anders als diese ist der Löwenkönig nämlich bis heute durchweg ausverkauft und hat damit zahlreiche andere Musicals in den beiden anderen Hamburger Musicalhäusern locker überlebt. Und ein Ende der Spielzeit ist nicht abzusehen - Man könnte es nun wie die Stage Entertainment machen und etwas von Komfort und Gastlichkeit der Theater schwafeln, oder von der einmaligen Lage im Hamburger Hafen - aber die Anreise per Elbeboot oder plüschige Sessel im Theater verlocken niemanden dazu, die maßlos überteuerten Karten zu kaufen, wenn die Qualität nicht stimmt. Zumal der Löwenkönig zu den wenigen Musicals gehören, die auch auf beiden Seiten des Atlantiks seit Jahren konstant zu den Shows mit den besten Einnahmeergebnissen gehören. Das schaffte außer dem ewigen Dauerläufer "Phantom" sonst nur noch die Abba-Show "Mamma mia".
Erstaunlicherweise gehört der "König der Löwen" dabei zu den Musicals um die immer erfreulich wenig Fanhype gemacht wurde. Das zeigt wieder einmal deutlich wie weit entfernt die Ansichten des Durchschnittsbesuchern von denen der Hardcore-Fans sein könnne, die sich für den Nabel der Musicalwelt halten. Bei Otto Normalbesucher besteht nach wie vor vor allem Interesse an bunten aufregenden Kostümen und Kulissen, an fantasievollen Einfällen und einer leichtverdaulichen Geschichte, kurzum an einem Gesamtkunstwerk, wie es früher "Cats" und "Starlight Express" vorgemacht haben. Auch Fantasiewelten wie die der tanzenden Vampire und die zauberhafte Welt von Oz können scheinbar besser punkten als alles, was auch nur entfernt mit Realität zu tun hat, egal ob flotte Komödie oder Edeldramolett. Da kann man schon jetzt getrost davon ausgehen, dass der "König der Löwen" in Hamburg auch dann noch brüllen wird, wenn sich Rocky längst wieder die Boxhandschuhe ausgezogen hat...
Mittwoch, 30. November 2011
Montag, 28. November 2011
Das Letzte Einhorn - Theater am Aegi, Hannover
1982 erschien einer der schönsten Zeichentrickfilm aller Zeiten: “Das letzte Einhorn”, nach dem gleichnamigen Buch von Peter S.Beagle. Es war eine der ersten Videocassetten die ich damals besaß und mehrmals zuhause ansah, ehe der Film etwas in Vergessenheit geriet. Jahre später – da interessierte ich mich schon einige Jahre für Musicals – las ich Beagles Buchvorlage und dachte bei jedem Kapitel nur, wie perfekt die Geschichte um das letzte Einhorn für eine Musicalversion sein würde. Und als das Theater für Niedersachsen nun tatsächlich ein Musical aus der Feder von Christian Gundlach ankündigte, war mir auch der Weg nach Hannover nicht zu weit, um es zu sehen.
Wer den Film wirklich nicht kennt: Eines Tages erfährt ein unsterbliches Einhorn in seinem Zauberwald, dass es das letzte seiner Art sein soll. Der bösartige rote Stier von König Haggard hat alle anderen Einhörner ins Meer getrieben, wo sie nur dem verbitterten alte König gehören. Das Einhorn macht sich auf den Weg, seine Artgenossen zu retten und findet dabei bald Freunde: Den unfähigen Zauberer Schmendrick, der es befreit, nachdem Mommy Fortuna das Einhorn für ihre Monster-Ausstellung eingefangen hatte, und die Räuberbraut Molly Grue, die von ihrem großkotzigen Ehemann die Nase voll hat. Als sie die düstere Burg von Haggard erreichen und der Rote Stier das Einhorn bedroht, verwandelt Schmendrick es in eine schöne junge Frau, die Lady Amalthea - in die sich Haggards romantischer Sohn Prinz Lir prompt verliebt. Während Molly und Schmendrick nach einer Möglichkeit suchen, den Roten Stier zu besiegen, scheint Amalthea immer mehr zu vergessen, wer sie wirklich ist und was sie hergeführt hat. Bis zur letzten Konfrontation mit dem Roten Stier. Das Ende ist bittersüß: Das wieder verwandelte Einhorn befreit seine Artgenossen und besiegt den Roten Stier, doch es muss Abschied nehmen von Lir, Molly und Schmendrick.
Das große Problem einer Bühnenfassung ist natürlich die duale Rolle des Einhorns und der Lady Amalthea, bzw. einen Zweibeiner in einen Vierbeiner zu verwandeln, der nicht albern oder nach Panto-Pferd aussieht. In Hannover entschied man sich dafür, das Einhorn einerseits ein wenig vornübergebeugt gehen zu lassen, mit Armbewegungen die mich eher an “Cats” als an ein Pferd erinnerten, und andererseits die Akrobatikküste der Darstellerin Annika Dickel zu nutzen, die an Tüchern in der Luft hing und von oben die Jäger in ihrem Zauberwald beobachtete oder mit dem Stier kämpfte. Auch durfte sie nur als Amalthea einmal singen (ein schönes Duett mit Lir), während das Einhorn nur sprach. Das funktionierte insgesamt ganz gut, auch wenn ich mir bei der Verwandlung eine größere Veränderung gewünscht hätte als lediglich das Horn auf dem Kopf verschwinden zu lassen, z.B. durch offene Haare.
Die kleine Cast bestand aus insgesamt sechs Personen, die allesamt großartig spielten, auch wenn Frank Brunets Captain Cully mit Eyeliner und Rastazöpfen bei Jack Sparrow abgeschaut war und er in seiner zweiten Rolle als Haggard viel zu gutaussehend und vital für den verbiesterten alten Mann wirkte. Jonas Hein als Lir schien aus Lothlorien ausgewandert zu sein, doch mit seinem hübschen Gesicht und langen blonden Haaren war er ein knuddeliger Prinz aus dem Bilderbuch für kleine Mädchen. Michaela Linck als Molly (mit einem früheren tollen Auftritt als Mommy Fortuna) und Jens Plewinski als Schmendrick überzeugten mich ebenfalls und bewiesen wieder einmal, das deutsche Darsteller sich hinter den radebrechenden Importen der Großproduktionen nicht verstecken brauchte. Eine Sonderfunktion nahm Navina Heyne ein, die als “Puppenspielerin” Figuren wie den Schmetterling und vor allem den Roten Stier großartig zum Leben erweckte, und zugleich als Erzählerin die Gedanken des Einhorns mit dem schönen, mehrfach wieder aufgegriffenen “Auf deinem Weg” in Worte fasste.
Im ersten Akt machte sich das knappe Budget schmerzhaft bemerkbar, wenn bei Mommy Fortuna’s Monstershow die Bühne fast leer bleibt und die Monster nur als Schatten hinter einem weißen Vorhang zu sehen sind und später Captain Cully’s Räuberbande ebenfalls unsichtbar bleibt. Im zweiten Akt stört dies weniger, da Haggards Burg ohnehin düster und verlassen ist. Hier fehlte mir eher die allumfassende Melancholie, die den Zeichentrickfilm ausmachte, zusammen mit der traurigschönen Musik der Band America, die den preisgekrönten Soundtrack geliefert hatte.
Auf die erste Szene, in der Schmendrick, Molly und Amalthea die Burg erreichen, folgt sogleich eine Szene, in der sich Lir bei Molly beklagt, dass er Amalthea nicht beeindrucken kann, und sie ihm “Das Herz einer Lady” auf witzig-flotte Art erklärt. Weder sehen wir, dass die Lady ihn auch nur ein einziges Mal zurückweist, noch den inneren Konflikt der Lady, die nicht weiß, wie sie die Einhörner retten soll und ihr wahres Wesen immer mehr vergisst, während sie sich immer mehr zum hübschn Prinzen hingezogen fühlt. Aber letztendlich ist es eine Familienshow, die vor allem Kinder begeistern soll, die darf man nicht mit Gefühl überfrachten. Einen einzigen bösen Patzer leistete sich die Regie nur ganz zum Schluss: Als der Rote Stier besiegt ist, und die Einhörner aufs Land zurückkehren, sind auf der Hintergrundprojektion weiße Pferde zu sehen. Das geht gar nicht.
Als Low Budget-Produktion zu familienfreundlichen Preisen ist dem TfN mit dem “Letzten Einhorn” ein charmantes kleines Musical gelungen, das mit viel Fantasie, schönen Melodien und witzigen Texten begeistert. Und doch dachte ich ständig, wie großartig dieses Stück sein könnte, wenn nun ein Produzent das Geld in die Hand nehmen würde, daraus eine große Produktion mit üppigen Bühnenbildern und einem größeren Ensemble zu machen (und die Show mit 2-3 zusätzlichen Songs und großen Ensemblenummern von 100 Minuten auf 120-150 Minuten zu erweitern). Da ist es einfach nur ärgerlich, dass die Stage Entertainment lieber Amerikanern etliche Millionen nachwirft um die “Rocky”-Franchise auf der Bühne auszuschlachten, statt talentierte Komponisten wie Christian Gundlach zu fördern und mit einem ambitioniertem Theater wie den TfN und seiner Musicalabteilung zusammenzuarbeiten um neue Stücke wie das “Letzte Einhorn” zunächst regional klein aufzuführen und Schwächen auszubessern, ehe es in größerer Fassung an ein Stage Entertainment-Haus geholt wird. Bis dahin bedanke ich mich beim TfN für diesen schönen Nachmittag in Hannover und für die Erfüllung eines 20 Jahre alten Traumes :)
Fotos: © Theater für Niedersachsen 2011
Freitag, 25. November 2011
Das letzte Einhorn - CD-Kritik
Jenseits aller Hype um die Grossproduktionen hat die Musicalabteilung des Theaters für Niedersachsen in diesen Tagen ein wunderschönes Familien-Musical für die festliche Saison erschaffen, das mir eine ganz besonder Freude macht: "Das Letzte Einhorn", nach dem Roman von Peter S.Beagle. Der Stoff war vor allem als Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1982 ein weltweiter Erfolg, dessen Titelsong "The Last Unicorn" der Gruppe America ebenfalls für sich alleine ein Hit war. Ich liebte diesen Film abgöttisch und als ich einige Jahre später die Romanvorlage las, dachte ich sofort, dass dies ein brillianter Stoff für ein Musical war. Während heute die unsinnigsten Stoffe mit halbgaren Songs versehen auf die Bühne geworfen werden, konnte ich beim "Letzten Einhorn" sofort zahlreiche Szenen vor mir sehen und die entsprechenden Lieder hören. Dass nun das TfN mir nach so langer Zeit diesen Herzenswunsch erfüllt, heisst natürlich, dass ich mich am Sonntag auf den Weg nach Hannover machen werde, um mir das Musical anzusehen. Bis dahin gibt es schonmal eine CD, die sich hören lassen kann.
Musik und Texte stammen von Christian Gundlach, der für das TfN bereits "Märchenmond" auf die Bühne gebracht hat, mehrere Musicals von Stephen Schwartz übersetzte und zusammen mit Martin Lingnau "Das Orangenmädchen" schrieb. Die instrumentalen Parts und Reprises nicht mitgezählt, komponierte Gundlach für das "Einhorn" zehn neue Songs, die allesamt gut ins Ohr gehen. Ich hätte mir ein wenig mehr Abwechslung gewünscht und das ein oder andere Mal erwischte ich mich dabei, dass ich enttäuscht war, dass Gundlach nicht den Song geschrieben hatte, den ICH mir an bestimmten Stellen vorstellte, doch an anderen Stellen schien er direkt in meinen Kopf hineingesehen zu haben.
Absolut ohrwurmverdächtig ist das Lied "Auf deinem Weg", das die Erzählerin/Puppenspielerin (Navina Heyne) zunächst komplett singt und dann mehrmals in kurzen Reprises aufgreift, wenn sie das Einhorn auf seiner Suche nach den Artgenossen begleitet, und das einfach wunderschön ist. Mehr noch, es ist eine Rarität geworden, das ein Musicalsong für sich alleine als Lied stehen kann, ohne textlich und inhaltlich komplett in die Erzählung eingebunden zu sein. Ein schöner Einfall ist auch das witzige Duett "Das Herz einer Lady" bei dem Molly (Michaela Linck) dem verliebten Prinz Lir (Jonas Hein) Beziehungstipps gibt. Dass Lir und Amalthea (Annika Dickel) gleich darauf "Mein Herz ist ein Meer" singen, ist dann allerdings ein wenig zu herzig. Auch die "Morität des großen Räuberhäuptlings Captain Cully" und Mommy Fortunas "Kreatur der Nacht" lassen sich hören, wobei ich mir letztere noch böser und verdorbener vorgestellt hätte - aber es handelt sich ja auch um ein Familien-Musical.
Was mir besonders positiv auffällt sind die Texte, die sehr natürlich und locker klingen und nicht so furchtbar gesteltzt wie deutsche Texte es oft sind. Die Reime klingen natürlich und nicht konstruiert und fallen durch viel Sprachwitz auf. So macht zumindest schonmal die CD viel Hoffnung auf einen gelungenen Musicalabend in Hannover am Sonntag. Mehr folgt!
Musik und Texte stammen von Christian Gundlach, der für das TfN bereits "Märchenmond" auf die Bühne gebracht hat, mehrere Musicals von Stephen Schwartz übersetzte und zusammen mit Martin Lingnau "Das Orangenmädchen" schrieb. Die instrumentalen Parts und Reprises nicht mitgezählt, komponierte Gundlach für das "Einhorn" zehn neue Songs, die allesamt gut ins Ohr gehen. Ich hätte mir ein wenig mehr Abwechslung gewünscht und das ein oder andere Mal erwischte ich mich dabei, dass ich enttäuscht war, dass Gundlach nicht den Song geschrieben hatte, den ICH mir an bestimmten Stellen vorstellte, doch an anderen Stellen schien er direkt in meinen Kopf hineingesehen zu haben.
Absolut ohrwurmverdächtig ist das Lied "Auf deinem Weg", das die Erzählerin/Puppenspielerin (Navina Heyne) zunächst komplett singt und dann mehrmals in kurzen Reprises aufgreift, wenn sie das Einhorn auf seiner Suche nach den Artgenossen begleitet, und das einfach wunderschön ist. Mehr noch, es ist eine Rarität geworden, das ein Musicalsong für sich alleine als Lied stehen kann, ohne textlich und inhaltlich komplett in die Erzählung eingebunden zu sein. Ein schöner Einfall ist auch das witzige Duett "Das Herz einer Lady" bei dem Molly (Michaela Linck) dem verliebten Prinz Lir (Jonas Hein) Beziehungstipps gibt. Dass Lir und Amalthea (Annika Dickel) gleich darauf "Mein Herz ist ein Meer" singen, ist dann allerdings ein wenig zu herzig. Auch die "Morität des großen Räuberhäuptlings Captain Cully" und Mommy Fortunas "Kreatur der Nacht" lassen sich hören, wobei ich mir letztere noch böser und verdorbener vorgestellt hätte - aber es handelt sich ja auch um ein Familien-Musical.
Was mir besonders positiv auffällt sind die Texte, die sehr natürlich und locker klingen und nicht so furchtbar gesteltzt wie deutsche Texte es oft sind. Die Reime klingen natürlich und nicht konstruiert und fallen durch viel Sprachwitz auf. So macht zumindest schonmal die CD viel Hoffnung auf einen gelungenen Musicalabend in Hannover am Sonntag. Mehr folgt!
Donnerstag, 24. November 2011
Henk Poort + Danny de Munk - Jeugdherinneringen
Am gestrigen Abend erlebte ich einen wirklich ganz besonderen Abend mit den beiden holländischen Musicalstars, an dessen Ende ich sogar von ihnen zu einem Bier eingeladen wurde. Wie kam's? Henk Poort und Danny de Munk gehören zu den bekanntesten und beliebtesten Stars der holländischen Szene, die seit 20 Jahren kontinuierlich in großen und kleinen Musicals zu sehen waren. Beide sah ich bei ihrem jeweiligen Musicaldebüt in "Les Misérables" in Amsterdam 1991 - bis heute einer der besten Musicalabende meines Lebens. Henk Poort (Valjean) kam aus dem Opernfach, Danny de Munk (Marius) war im Land dank "Ciske de Rat" als Kinderstar und Heintje-Verschnitt bekannt und bekam von Joop van den Ende die Chance zum Comeback als Erwachsener. Poort begegnete mir anschliessend noch als Phantom, als Tevje in "Anatevka" und als Captain Haddock in "Tintin", de Munk war u.a. in "Cyrano" und "Copacabana" dabei, und zuletzt in der erfolgreichen Bühnenfassung von "Ciske de Rat". Wenn diese beiden Showgrößen, die auch privat gut befreundet sind, mit einem Konzert auf Tournee gehen, erwartet man eine Reihe ihrer größen Musicalsongs, von Poort vielleicht ein paar Opernarien und von de Munk einige seiner großen Pophits. Falsch gedacht.
Schon der Auftakt von "Jeugdherinneringen" macht klar, dass die beiden vor allem Spaß haben wollen: In Fatsuits stolpern sie als alte Männer mit Stock und Rollator auf die Bühne - und strippen erstmal komplett. Nackte Fatsuits sind kein schöner Anblick, die Herren :) Und dann legen sie los - und zwar mit ihren eigenen Jugenderinnerungen, nicht mit einem "Best Of" von schon hundertmal gehörten Musicalstandards. Mit dem "Johnny Jordaan Medley" lassen sie den Jordaan in Amsterdam aufleben, mit Medleys von Manke Nelis und Andre Hazes weitere berühmte niederländische Sänger von Anno Dunnemals. Die Texte werden erfreulicherweise auf einer Tafel eingeblendet, so dass alle ohne Stottern mitsingen können .
Dazu kommen niederländische und englische Schlager und sogar Edelschnulzen wie "Please Release Me" klingen bei Henk Poort so richtig gut. Im Neapolitanischen Medley darf er mit "O Sole Mio" einmal kurz seine fantastische Stimme zeigen, ehe mit "Marina" und "Volare" das Publikum tanzend in die Pause geschickt wird. Bei "Que Sera Sera" darf die ganze Halle schunkeln. Und was ansonsten oft peinlich und gezwungen wirkt, kommt hier unglaublich natürlich rüber, da man einfach merkt, wieviel Spass die beiden auf der Bühne haben - da springt der Funke schnell über. Kurz vor Ende lassen sie mit "Als ik toch eens rijk was" und "Copacabana" kurz ihre Musicalkarriere anklingen, ehe der Abend mit dem "Kroegenmedley" aus bekannten Kneipensongs so richtig in Party versackt und die ersten Reihen zur Polonaise durchs Theater und auf die Bühne aufbrechen. Eine Bedienung bringt mehrmals ein Tablett mit Bechern voll frisch gezapftem Bier auf die Bühne, die von Danny und Henk im Publikum verteilt werden. Auch ich bekam eins ab (Dank je wel, Danny).
Nein, einen solchen Abend hatte ich beileibe nicht erwartet und schon lange hatte ich nicht mehr soviel Spass an einem Konzertabend. Ein wirklich frisches Konzept voller herrlicher Ideen, das die beiden Sänger von ihrer sympathischsten Seite zeigte und zugleich eine wunderbar nostalgische Reise durch die Schlagerjahrzehnte darstellte. Noch ein erfreulicher Aspekt: Eine CD gab es auch schon zu kaufen, und zwar für kontofreundliche 10 Euro (ein Live-Mitschnitt von der Vorstellung in Gouda). Wer Zeit hatte, konnte sie nach der Vorstellung sogar von Danny und Henk signieren lassen.
Montag, 21. November 2011
"Matilda" als bestes neues Musical ausgezeichnet
Den ersten Award der Saison hat "Matilda" bereits einkassiert: Gestern Abend wurde die Show als bestes neues Musical der Saison bei den Evening Standard Awards im Savoy Hotel in London ausgezeichnet. Die Konkurrenz war zugegeben nicht sonderlich stark: "Betty Blue Eyes" hat sich längst verabschiedet, und "London Road" war der Jury dann wohl doch zu avantgardistisch.
Bei den Hauptdarstellern musste sich "Trunchbull" Bertie Carvel jedoch (zurecht) dem Gespann Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller geschlagen geben, die gemeinsam für "Frankenstein" am Royal National Theatre ausgezeichnet wurden, wo sie alternierend den Doktor und das Monster gaben. Bei den Damen gewann Ex-"Legally Blonde"-Star Sheridan Smith für ihre Rolle in Terence Rattigans "Flare Path" und dürfte sich damit auch als seriöse Schauspielerin etabliert haben und nicht mehr nur als blonde Comedy-Nudel wahrgenommen werden.
Den Preis für das beste Schauspiel durfte Richard Bean gleich doppelt mit nach Hause nehmen - für sein neugeschriebenes Werk "The Heretic", das den Klimawandel behandelt, sowie für seine hochgelobte Adaption "One Man, Two Guvnors" von Goldonis Klassiker "Servant of Two Masters". Einen Sonderpreis gab es für den scheidenden Intendanten des Donmar Warehouse, Michael Grandage, dafür, dass er aus dem winzigen Theater in Covent Garden "einen Star" gemacht hat. Auch dies völlig zu Recht.
Insgesamt ausnahmsweise eine Preisverleihung wo ich zu hundert Prozent hinter den Awards stehe. Das lässt für die Oliviers hoffen, die sich meistens den ein oder anderen Klopper erlauben.
Bei den Hauptdarstellern musste sich "Trunchbull" Bertie Carvel jedoch (zurecht) dem Gespann Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller geschlagen geben, die gemeinsam für "Frankenstein" am Royal National Theatre ausgezeichnet wurden, wo sie alternierend den Doktor und das Monster gaben. Bei den Damen gewann Ex-"Legally Blonde"-Star Sheridan Smith für ihre Rolle in Terence Rattigans "Flare Path" und dürfte sich damit auch als seriöse Schauspielerin etabliert haben und nicht mehr nur als blonde Comedy-Nudel wahrgenommen werden.
Den Preis für das beste Schauspiel durfte Richard Bean gleich doppelt mit nach Hause nehmen - für sein neugeschriebenes Werk "The Heretic", das den Klimawandel behandelt, sowie für seine hochgelobte Adaption "One Man, Two Guvnors" von Goldonis Klassiker "Servant of Two Masters". Einen Sonderpreis gab es für den scheidenden Intendanten des Donmar Warehouse, Michael Grandage, dafür, dass er aus dem winzigen Theater in Covent Garden "einen Star" gemacht hat. Auch dies völlig zu Recht.
Insgesamt ausnahmsweise eine Preisverleihung wo ich zu hundert Prozent hinter den Awards stehe. Das lässt für die Oliviers hoffen, die sich meistens den ein oder anderen Klopper erlauben.
Sonntag, 20. November 2011
"Rocky" ab Herbst 2012 im Operettenhaus Hamburg
Bei einer Pressekonferenz in Hamburg machte Stage Entertainment heute Nägel mit Köpfen: Im Herbst 2012 wird "Rocky - das Musical" im Hamburger Operettenhaus Premiere haben. Die singenden Nonnen von "Sister Act" werden erwartungsgemäß durch die Republik rotieren. "Rocky" ist scheinbar ein Auftragswerk der Stage Entertainment, für das man in Deutschland bereits die Klitschko-Brüder vor den Publicity-Karren spannen konnte, während in den USA an der Entwicklung des Musicals gearbeitet wird. Das relativ erfolgreiche Duo Stephen Flaherty und Lynn Ahrens ("Ragtime", "Seussical") schreibt insgesamt 20 neue Songs für das Musical, zu dem sich die bekanntesten Filmhits wie "Eye of the Tiger" gesellen werden. Auch Ur-Rocky Sylvester Stallone, dessen Filmkarriere sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast befindet, fungiert als Produzent. Da orientiert man sich wohl schon daran, wie prima Whoopi Goldberg als Publicity-Leuchtturm für "Sister Act" funktionierte.
Mit 15 Millionen US-Dollar soll die Uraufführung von "Rocky" zu Buche schlagen - das alles weil scheinbar in der Stage Entertainment-Chefetage ein Boxfan sitzt? Ob das Publikum mit einem 35 Jahre alten Film und einer Thematik wie Boxen ins Theater zu locken sein wird, bleibt erstmal abzuwarten. Während ich persönlich nichts gegen die Thematik an sich habe oder die Filmvorlage, macht es mir doch immer Bauchschmerzen, wenn es um "Auftragswerke" geht, bei denen irgendein Anzugträger in der Chefetage meint, eine tolle Idee zu haben, aber das Creative Team nicht wirklich mit Herzblut jahrelang an einem Thema arbeitet, das ihnen wirklich am Herzen liegt.
Mit 15 Millionen US-Dollar soll die Uraufführung von "Rocky" zu Buche schlagen - das alles weil scheinbar in der Stage Entertainment-Chefetage ein Boxfan sitzt? Ob das Publikum mit einem 35 Jahre alten Film und einer Thematik wie Boxen ins Theater zu locken sein wird, bleibt erstmal abzuwarten. Während ich persönlich nichts gegen die Thematik an sich habe oder die Filmvorlage, macht es mir doch immer Bauchschmerzen, wenn es um "Auftragswerke" geht, bei denen irgendein Anzugträger in der Chefetage meint, eine tolle Idee zu haben, aber das Creative Team nicht wirklich mit Herzblut jahrelang an einem Thema arbeitet, das ihnen wirklich am Herzen liegt.
Montag, 14. November 2011
Jerusalem - Apollo Theatre
Da das Schauspiel "Jerusalem" von Jez Butterworth für mich der Hauptgrund dieser Reise war, soll es auch entsprechend mit einer Besprechung gewürdigt werden. "Jerusalem" wurde 2009 am Royal Court Theatre uraufgeführt, der ersten Adresse in London um neue Stücke und Autoren zu fördern, und wurde dort ein solcher Erfolg, dass es sogleich für 12 Wochen ins West End transferierte. Dort wurde ich zwar darauf aufmerksam, doch mein aktueller Trip war bereits vollständig verplant, so dass mir nur der Kauf des Textbuches blieb - und dieses begeisterte mich so sehr, dass ich mich schon schwarz ärgerte, die Show nicht sehen zu können. Nach der mit Oliviers bekrönten Laufzeit in London, gingen Stück und Ensemble nach New York an den Broadway, wo ich es dann wieder nicht sehen konnte, weil mein einziger Tag in New York in diesem Jahr schon ausgebucht war. Frisch mit Tonys ausgezeichnet, kam es nun noch einmal ins West End zurück und diesmal wollte ich es mir garantiert nicht mehr entgehen lassen und so sass ich dann am Samstag endlich im Apollo Theatre vor dem kreativen Bühnenbild von Ultz mit (fast) echten Bäumen, zwischen denen der alte Trailer von Johnny "Rooster" Byron parkt.
Rooster ist ganz sicher eine der faszinierendsten Bühnenfiguren, die in den letzten Jahren geschaffen wurden, perfekt verkörpert von Mark Rylance, der zurecht alle erhältlichen Preise dafür abräumte. Ein moderner Puck, ein Waldgeist, der wilde Geschichten erzählt, aber auch ein Zigeuner und Außenseiter, zu dem die anderen Außenseiter des Dorfes flüchten um sich billig mit Drogen versorgen zu lassen. Ein Neubaugebiet in der Nähe will Rooster und seinen vergammelten Wohnwagen weg haben, doch die bisherigen Anordnungen des Kennet & Avon Council wurden ignoriert. Vor der Zwangsräumung des Geländes am Tag nach St.George's Day, dem größten englischen Feiertag mit Volksfesten landesweit, lässt es Rooster noch einmal krachen.
Autor Jez Butterworth kombiniert dabei geschickt die moderne Zwänge und zahllose unsinnige Regelungen zur allgemeinen Sicherheit mit dem Mythos des uralten Englands, in dem Waldgeister und Elfen lebten. Wie das Programm so schön feststellt, haben sich Wales und Schottland seit langer Zeit ihre uralte keltische Vergangenheit zu eigen gemacht, doch in England, dem Land von Avalon, der Druiden und Wayland the Smith geriet all dies in Vergessenheit. Natürlich haben Kritiker recht, wenn sie sagen, dass wir Rooster auf der Bühne toll finden, aber garantiert auch nicht hinterm eigenen Garten hausen wollen haben. Doch darum geht es meinesachtens auch nicht. Wir finden Rooster so toll, weil er der modernen überregulierten Gesellschaft den Mittelfinger zeigt und macht was er will, und dabei doch auch ein Herz für die anderen Außenseiter hat, die sich zu ihm in den Wald flüchten, wie die Teenies Tanya, Pea und Phaedra, die abdankende Mai-Königin. Der versponnene Lee, der am nächsten Morgen nach Australien auswandern will, sein zynischer Freund Davey, der in der Schlachtfabrik täglich 400 Kühe umbringt, und der geistig leicht verwirrte Professor, aber auch seine alten Freunde Ginger, der ewige Loser, und Wesley, der Pub Lord, der für das St.George's Volkfest als Morris Dancer zwangsverpflichtet wurde.
Das Stück lebt von ihrer Interaktion, von urkomischen Dialogen, tiefsinnigen Einblicken und von Roosters unglaublichen Geschichten. Doch schliesslich schleicht sich eine ernstere Note in die Geschichte, wenn Roosters Ex mit dem gemeinsamen Sohn auftaucht oder Phaedras Stiefvater auf der Suche nach dem Mädchen erscheint und von Rooster des Missbrauchs beschuldigt wird. Rooster kann nicht gewinnen; auch er wird den Weg aller englischen Waldgeister in die Vergessenheit antreten - doch bis dahin bietet er viel Stoff zum Lachen, Weinen und Nachdenken.
Neben Mark Rylances Bravura-Leistung in der Hauptrolle überzeugt auch das hochkarätige Ensemble, darunter "Pirates of the Caribbean"- und "The Office"-Star Mackenzie Crook als Ginger, als ewig geschlagener Loser der Konstrastpunkt zur unermüdlichen Energie von Rooster und am Ende sein einziger Freund. Als Pea ist nun Sophie McShera dabei, die gerade noch als Küchenhilfe Daisy in der zweiten Staffel von "Downton Abbey" im Fernsehen zu sehen war, und als Lee der Schauspieler und Sänger Johnny Flynn neben dem Großteil der Originalbesetzung. Ein großartiger Abend, an dem die über drei Stunden wie im Flug vergingen und ich das Theater am Ende so emotional erschöpft verließ wie im Sommer nach Kevin Spacey's brilliantem Richard III. am Old Vic Theatre. Ein emotionales Engagement dass ich in dieser Form schon seit Jahren leider nicht mehr bei Musicals empfinde und mich immer mehr zum Schauspiel hinzieht.
Sonntag, 13. November 2011
Shrek - Theatre Royal Drury Lane
Und nochn Familien-Musical? Ich war "Shrek" gegenüber recht feindlich gesinnt, als es am Broadway öffnete, weil es mich in erster Linie nervte, dass diese Franchise nach Büchern, vier Filmen und etlichen anderen Spinoffs nun auch noch als Bühnen-Musical gemolken werden sollte. Und das, obwohl ich den originalen Film eigentlich toll fand. Die CD hörte ich nur einmal kurz durch,dann geriet das Stück für mich in Vergessenheit und auch in London zog mich zunächst nichts hin, vor allem bei den dreisten Preisen. Aber dann schwärmten Leute von dem Stück, deren Meinung ich sehr schätze, so dass ich doch neugierig wurde. Dazu juckte mich die Besetzung: Nigel Lindsay (Shrek) war grandios in einer der Hauptrollen der bitterbösen Satire "Four Lions" und Nigel Harman (Farquaad) lieferte vor einigen Jahren eine fantastische Vorstellung im Schauspiel "Three Days of Rain". Und als Celebrity-Blondine Amanda Holden, die erste Fiona, abdankte, dachte ich, dass es wohl auch möglich sein würde, günstige Karten zu bekommen (auch wenn sie dann durch ein weiteres B-List Blondchen ersetzt wurde, Kimberley Walsh von Girls Aloud).
Shrek hält sich sehr bedeckt, was die Day Seats betrifft, die auch noch mit 30 Pfund zu Buche schlagen, doch da ich für die Matinee einfach nichts besseres zu tun hatte, biss ich in den sauren Apfel. Und hatte Glück, denn mein Day Seat befand sich in der ersten Parkettreihe mittig. Dank Orchestergraben und niedriger Bühne ein ganz hervorragender Platz, der 30 Pfund mehr als wert war.
Shrek ist knallig bunt, fantasievoll und durchaus witzig mit einigen cleveren Texten und genialen Regieeinfällen, von denen vor allem der diminuitive Lord Farquaard profitiert, den Nigel Harman die meiste Zeit auf den Knien spielt (was wiederum Gelegenheit zu herrlichen choreografischen Einfällen bot) und der von den Hauptfiguren am meisten überzeugte. Auch Nigel Lindsay spielte Shrek sehr gut, doch hinter all der grünen Schminke war es schwierig, mehr zu sehen als ein Abziehbild des Filmes, und zusätzlich wurde er von schwachen Mitspielern sehr ausgebremst, so dass er nur in seinem Solo "Who I'd be" einmal richtig glänzen kann.
Denn mit den beiden Nigels endet dann auch mein Lob für die Hauptdarsteller. Girls Aloud-Blondchen Kimberley Walsh war ganz nett als Fiona, doch es war leicht zu ahnen, wieviel mehr eine versierte Schauspielerin und vor allem Komödiantin aus diesem Part machen könnte und aus Nummern wie "This is how a dream comes true". Auch Richard Blackwoods Donkey war größtenteils ein Totalausfall, der die meisten Zeit nur passiv herumstand und aus seinen Songs nicht viel machte. Natürlich ist es schwer, eine so hervorragend animierte Zeichentrickfigur, die noch dazu ganz auf Eddie Murphy zugeschnitten war, als Zweibeiner zum Leben zu erwecken, aber dieser Donkey war einfach nur einschläfernd öde. Daneben gab es zum Glück noch andere witzige Einfälle wie den großartig animierten Drachen oder die ganzen Märchenfiguren, die fantasievoll zum Leben erweckt wurden.
Insgesamt ist Shrek ein knallbuntes Pop-Musical für die ganze Familie, dem der Tiefgang von Matilda fehlt, das aber wohl auch gar nichts anderes will, als einfach nur für spaßige Unterhaltung zu sorgen. Und in dieser Hinsicht überzeugt es durchaus – so sehr, dass ich es mir vielleicht nochmal ansehe, wenn auch für Fiona und Donkey gute Musicaldarsteller gefunden wurden, statt B-List Promis.
Shrek hält sich sehr bedeckt, was die Day Seats betrifft, die auch noch mit 30 Pfund zu Buche schlagen, doch da ich für die Matinee einfach nichts besseres zu tun hatte, biss ich in den sauren Apfel. Und hatte Glück, denn mein Day Seat befand sich in der ersten Parkettreihe mittig. Dank Orchestergraben und niedriger Bühne ein ganz hervorragender Platz, der 30 Pfund mehr als wert war.
Shrek ist knallig bunt, fantasievoll und durchaus witzig mit einigen cleveren Texten und genialen Regieeinfällen, von denen vor allem der diminuitive Lord Farquaard profitiert, den Nigel Harman die meiste Zeit auf den Knien spielt (was wiederum Gelegenheit zu herrlichen choreografischen Einfällen bot) und der von den Hauptfiguren am meisten überzeugte. Auch Nigel Lindsay spielte Shrek sehr gut, doch hinter all der grünen Schminke war es schwierig, mehr zu sehen als ein Abziehbild des Filmes, und zusätzlich wurde er von schwachen Mitspielern sehr ausgebremst, so dass er nur in seinem Solo "Who I'd be" einmal richtig glänzen kann.
Denn mit den beiden Nigels endet dann auch mein Lob für die Hauptdarsteller. Girls Aloud-Blondchen Kimberley Walsh war ganz nett als Fiona, doch es war leicht zu ahnen, wieviel mehr eine versierte Schauspielerin und vor allem Komödiantin aus diesem Part machen könnte und aus Nummern wie "This is how a dream comes true". Auch Richard Blackwoods Donkey war größtenteils ein Totalausfall, der die meisten Zeit nur passiv herumstand und aus seinen Songs nicht viel machte. Natürlich ist es schwer, eine so hervorragend animierte Zeichentrickfigur, die noch dazu ganz auf Eddie Murphy zugeschnitten war, als Zweibeiner zum Leben zu erwecken, aber dieser Donkey war einfach nur einschläfernd öde. Daneben gab es zum Glück noch andere witzige Einfälle wie den großartig animierten Drachen oder die ganzen Märchenfiguren, die fantasievoll zum Leben erweckt wurden.
Insgesamt ist Shrek ein knallbuntes Pop-Musical für die ganze Familie, dem der Tiefgang von Matilda fehlt, das aber wohl auch gar nichts anderes will, als einfach nur für spaßige Unterhaltung zu sorgen. Und in dieser Hinsicht überzeugt es durchaus – so sehr, dass ich es mir vielleicht nochmal ansehe, wenn auch für Fiona und Donkey gute Musicaldarsteller gefunden wurden, statt B-List Promis.
Matilda - Cambridge Theatre, London
Die Musical-Adaption on Roald Dahls Kinderbuchklassiker "Matilda" der Royal Shakespeare Company verzückte im letzten Winter schon Stratford on Avon, wo das Stück seine Uraufführung erlebte. Ein Transfer nach London war also nur noch eine Frage der Zeit. Nun bin ich eigentlich kein Freund von Kinderbüchern und deren Adaptionen, wenn sie süüüüße Kinderchen auf die Bühne bringen, doch Dahls Bücher mit ihren dunklen, erwachsenen Untertönen und ihrem Sinn für Anarchie waren schon immer eine Ausnahme. Und nun kam auch noch der australische Songwriter und Comedian Tim Minchin dazu, dessen tiefsinnige Songs zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen mich seit Jahren beeindrucken. Und so sass ich nun wieder im Cambridge Theater, dessen Bühne komplett und kreativ umgestaltet wurde und an eine Kreuzung aus Bücherei und riesigem Scrabble-Set erinnerte.
Matilda Wormwold ist das ungeliebte zweite Kind eines durch und durch verprollten Paares, das mit ihrer hochintelligenten Tochter gar nichts anfangen kann. Mutti (endlich ein Wiedersehen mit Josie Walker) liebt nur Tanzen und Papi (herrlich: Paul Kaye) die Glotze. Doch falsch gedacht, wer jetzt ein armes leidendes Kindchen mit Schluchzballaden erwartet. Matilda wehrt sich zuhause mit fiesen Streichen und gewinnt in der Schule das Herz der jungen verhuschten Lehrerin Miss Honey, die sich für sie sogar mit der bösartigen Schulleiterin Miss Trunchbull anlegt, einer ehemaligem olympischen Hammerwerferin, die auch mal an kleines Mädchen an den Zöpfen über den Schulhof wirft. In seinen Songs nimmt Tim Minchin viele aktuelle Themen auf die Schippe und sorgt so für Tiefsinn. Wenn die Kinder darüber singen, dass sie ein wahres "Miracle" sind, spiegelt das den heutigen Wahn wieder, wonach ein Kind nicht mehr einfach nur Teil des Lebens ist, sondern ein absolutes Wunderwerk, dem sich der Rest der Welt unterordnen muss. Die Nummern der Wormwolds - "Loud" und "Telly" spiegeln ebenso perfekt die heutigen Proll-Kultur wieder und "When I grow up" ist eine wunderschöne Hymne an die Kindheit. Doch auch leise Töne fehlen nicht, wenn Miss Honey und Matilda zum Schluss "My House" singen, ein wunderschönes kleines Lied.
Neben Minchin's Musik und Texten und den kreativen Bühnenbildern beeindrucken vor allem die Kinderdarsteller, die zum Glück niemals niedlich sein müssen. Wie ein kleines Mädchen, in meinem Fall die großartige Cleo Demetriou, ein ganzes Musical tragen kann, ist ganz einfach beeindruckend und auch die anderen Kinderdarsteller überzeugten auf ganzer Linie. Die kleine Lavender, wer immer sie war, hätte ich am liebsten gleich adoptiert. Auch die Erwachsenen sind perfekt bis in die Nebenrollen besetzt und Bertie Carvels Panto-Darbietung als fiese kinderhassende Trunchbull ist schon jetzt ein Highlight der Saison, das ihm die ersten Award-Nominierungen einbringt. Daneben gefielen mir vor allem Lauren Ward als Miss Honey, Melanie la Barre als Bibliothekarin und Gary Watson als herrlich schmieriger Rodolpho.
"Matilda" ist vielleicht nicht der ganz ganz große Wurf, als das es von manchen gehypt wird, aber es ist ein sehr gut gelungenes, rundes, kreatives neues Musical mit großartigen Darstellern, das man sehen sollte. Eine freudige Abwechslung von den ganzen lahmen Film-Adaptionen und Jukebox-Musicals, das hoffentlich eine ganze Weile laufen wird.
Matilda Wormwold ist das ungeliebte zweite Kind eines durch und durch verprollten Paares, das mit ihrer hochintelligenten Tochter gar nichts anfangen kann. Mutti (endlich ein Wiedersehen mit Josie Walker) liebt nur Tanzen und Papi (herrlich: Paul Kaye) die Glotze. Doch falsch gedacht, wer jetzt ein armes leidendes Kindchen mit Schluchzballaden erwartet. Matilda wehrt sich zuhause mit fiesen Streichen und gewinnt in der Schule das Herz der jungen verhuschten Lehrerin Miss Honey, die sich für sie sogar mit der bösartigen Schulleiterin Miss Trunchbull anlegt, einer ehemaligem olympischen Hammerwerferin, die auch mal an kleines Mädchen an den Zöpfen über den Schulhof wirft. In seinen Songs nimmt Tim Minchin viele aktuelle Themen auf die Schippe und sorgt so für Tiefsinn. Wenn die Kinder darüber singen, dass sie ein wahres "Miracle" sind, spiegelt das den heutigen Wahn wieder, wonach ein Kind nicht mehr einfach nur Teil des Lebens ist, sondern ein absolutes Wunderwerk, dem sich der Rest der Welt unterordnen muss. Die Nummern der Wormwolds - "Loud" und "Telly" spiegeln ebenso perfekt die heutigen Proll-Kultur wieder und "When I grow up" ist eine wunderschöne Hymne an die Kindheit. Doch auch leise Töne fehlen nicht, wenn Miss Honey und Matilda zum Schluss "My House" singen, ein wunderschönes kleines Lied.
Neben Minchin's Musik und Texten und den kreativen Bühnenbildern beeindrucken vor allem die Kinderdarsteller, die zum Glück niemals niedlich sein müssen. Wie ein kleines Mädchen, in meinem Fall die großartige Cleo Demetriou, ein ganzes Musical tragen kann, ist ganz einfach beeindruckend und auch die anderen Kinderdarsteller überzeugten auf ganzer Linie. Die kleine Lavender, wer immer sie war, hätte ich am liebsten gleich adoptiert. Auch die Erwachsenen sind perfekt bis in die Nebenrollen besetzt und Bertie Carvels Panto-Darbietung als fiese kinderhassende Trunchbull ist schon jetzt ein Highlight der Saison, das ihm die ersten Award-Nominierungen einbringt. Daneben gefielen mir vor allem Lauren Ward als Miss Honey, Melanie la Barre als Bibliothekarin und Gary Watson als herrlich schmieriger Rodolpho.
"Matilda" ist vielleicht nicht der ganz ganz große Wurf, als das es von manchen gehypt wird, aber es ist ein sehr gut gelungenes, rundes, kreatives neues Musical mit großartigen Darstellern, das man sehen sollte. Eine freudige Abwechslung von den ganzen lahmen Film-Adaptionen und Jukebox-Musicals, das hoffentlich eine ganze Weile laufen wird.
Freitag, 11. November 2011
"Kein Pardon" in Düsseldorf
Keiner war skeptischer als ich, als eine Bühnenversion des recht verstaubten Hape Kerkeling-Filmes "Kein Pardon" in Düsseldorf angekündigt wurde. Und keiner war wohl überraschter als ich, gestern richtig gut gemachte Comedy zu erleben, mit einer Handlung die flotter wirkte als im behäbigen Film und von Enrico de Pieri und Dirk Bach großartig getragen wurde. Auch die neue Musik von Achim Hagemann und Thomas Zaufke konnte sich hören lassen. Richtig war vor allem die Entscheidung, die Handlung konsequent in den 80'er Jahren zu lassen, mit entsprechenden Kostümen und Frisuren. Dadurch umschiffte man das Problem des "Altbackenen" durch die seither komplett veränderte Fernsehlandschaft und konnte sich auf eine nostalgische Reise in die 80'er machen, als die Große Samstag Abend Show noch das TV-Highlight der Woche war, und die Showmaster-Moderatoren echte Stars. Auch der Kontrast des durch und durch spießigen Ruhrpott-Wohnzimmers der Schlönzkes in Bottrop mit der Glitzerwelt des Showbusiness funktionierte hervorragend und ließ Peters Träume von dieser Welt sehr realistisch wirken - auf eine sympathischere Art als die heutigen "irgendwas mit Medien machen"-Ambitionen verpeilter Mittelschichtsteenies und der Superstar-Ambitionen im Ghetto.
Mit Enrico de Pieri hat man einen Glücksgriff getan, der Hape Kerkeling nicht nur verblüffend ähnlich sieht, und hervorragend singt und spielt, sondern ein ganz großer Sympathieträger ist, den man von der ersten Sekunde an einfach mag. Und dieses ganz große Herz hebt "Kein Pardon" meinesachtens über die bisherigen deutschen Eigenproduktionen hinaus, wo durchweg unsympathische Egomanen wie Udo Lindenberg und die Karrieretussi in IWNNINY im Mittelpunkt standen oder reine Comedyfiguren wie Abahatchi und Ranger im "Schuh des Manitu". Auch die Schlönzke-Familie ist herrlich mitten aus dem echten Leben gegriffen und Iris Schumacher als Mutti Schlönzke ist köstlich, auch wenn sie im 2.Akt ein wenig zu tief ins Seifenoper-Geschluchze abgedrängt wird. Dafür darf Opa (köstlich: Wolfgang Trepper) es dann mit "Dat wär doch gelacht" mal richtig krachen lassen und sorgt für den letzten großen Lacher vor dem Finale.
Auf der Fernsehseite hat man die üblichen Klischees nicht ausgelassen (kaum wiederzuerkennen: Ex-Valjean Reinhard Brussman als chaotischer Regisseur) und die nervige "Käffchen"-Blondine hätten sie am besten ganz weggelassen, doch all das ist vergessen, sobald Dirk Bach als Heinz Wäscher auf der Bühne steht. Mir war die kölsche Kugel und Lachnummer vom Dienst nie sonderlich sympathisch, aber Ehre wem Ehre gebührt: Der Mann ist einfach grandios live auf der Bühne und das Publikum frisst ihm aus der Hand. Da ist mein einziger Kritikpunkt (an die Adresse der Regie) auch nur, dass Bach gezwungen wird, ein Abziehbild des Film-Wäschers Heinz Schenk zu präsentieren, komplett mit hessischem Akzent, statt ihn einfach Dirk Bach sein zu lassen. Aber vielleicht kann der gemeine Düsseldorfer keine drei Stunden Kölsch auf der Bühne goutieren.Das einzige Problem ist für mich die Figur der Ulla, die einfach nicht funktioniert. Im Film war Ulla ein wichtiger Bestandteil von Peters Emanzipation von seiner Familie und seine moralische Stütze, doch auf der Bühne wirken ihre beiden großen Szenen seltsam überflüssig. Hier steht eindeutig der Konflikt von Peter mit seiner Familie im Vordergrund und das Zusammenspiel zwischen ihm und Heinz Wäscher. Da kann auch die großartige Roberta Valentini, gestraft mit einer unsäglichen 80'er-Frisur, nichts retten. Die Ulla hätte man besser ganz streichen können.
Überhaupt ist das Stück mit drei Stunden Spieldauer um einiges zu lang und nachdem im 1.Akt ordentlich aufs Comedy Tempo gedrückt wurde mit einigen köstlichen Szenen, verliert der zweite Akt nach Heinz Wäschers großem Abgang mit "Lass Heinz ran!" extrem an Tempo und zieht sich. Mit dem Filmsong "Witzigkeit kennt keine Grenzen" hat man einen unsagbar nervigen aber sehr effektiven Ohrwurm in der Show, den die Leute beim Nachhausegehen gerne summen und Enrico de Pieris "Biene Maja"-Audition ist die Eintrittskarte schon fast alleine wert. Aber auch neue Nummern wie "Bottrop Beach", "Kein Pardon" und "Wild und frei" können sich hören lassen und machen Lust auf die CD. 
Wird die Show ein Erfolg? Das Publikum gestern war begeistert, doch das durch Gratis-Prosecco angezählte Premierenpublikum lässt sich nicht unbedingt mit den normalen Zuschauern vergleichen. Und auch der durchaus vergleichbare "Schuh des Manitu" - Filmvorlage großartig umgesetzt, schmissige Songs, tolle Darsteller - floppte heftig. Eine Prognose kann ich daher wirklich nicht abgeben. Und wer gerne die Nase rümpft über den hach so dummen normalen deutschen Spießbürger wird die Schlönzkes natürlich auch nur doof finden und Dirk Bach peinlich. Der möge dann seinen Sondheims treu bleiben und den Shows die besser sind, je weiter und teurer die Reise dorthin war. Aber wer einen flotten Abend mit großartigen Darstellern, netter Musik und gutgemachter Comedy erleben will, der ist bei "Kein Pardon" richtig, zumal sich die Preise in halbwegs akzeptablem Rahmen halten (abgesehen von unverschämten 15% Vorverkaufsgebühr!). Allerdings fürchte ich jetzt schon, dass Dirk Bach unersetzlich sein wird - also besser möglichst bald gehen.
Fotos: © mehr! Entertainment 2011
Freitag, 4. November 2011
"Curtains" startet in Coburg
Nun könnte man sich zwar fragen, warum sich die Coburger ausgerechnet dieses eher schwächliche letzte Musical der "Cabaret"-Autoren Kander und Ebb ausgesucht haben, statt einem Stoff wie "Next to Normal", doch letztendlich ist es ja immer begrüßenswert, wenn sich ein deutsches Stadttheater aufrafft, statt der 148.Aufführung von "Evita" oder "My Fair Lady" etwas neues zu bringen.
Die leichtgewichtige Komödie hatte im März 2007 nach einer Tryout-Serie in Los Angeles am Broadway Premiere, wo sie sich jedoch nur 15 Monate halten konnte. Zu den Problemen gehörte sicherlich, dass der Autor Peter Stone als auch Texter Fred Ebb während des Entwicklungsprozesses verstarben. Komponist John Kander brachte das Stück zusammen mit Rupert Holmes zuende. Ich selbst kam eher unverhofft in den Genuß des Stückes, da zwei von mir geplante Theaterbesuche im Sommer 2007 aufgrund vorzeitiger Schliessung der Stücke wegfielen und ich somit viel Zeit in New York hatte (völlig richtig, dass die entsetzliche Schmonzette "Pirate Queen" floppte, unverständlich, dass das hervorragede Revival von "Journey's End" nicht länger spielte).
Dass bei "Curtains" ältere Herrschaften am Werk waren, merkt man in jeder Minute des Stückes: Als liebevolle Persiflage auf Mystery-Thriller gedacht, spielt "Curtains" im Jahr 1959 und hat den Charme der alten Broadway-Komödien mit vielen Oneliners, nostalgischer Musik und einer harmlosen Handlung, die von Inspektor Frank Cioffi erzählt, der heimlich selbst von Bühnenruhm träumt. Als die untalentierte Hauptdarstellerin der neuen Komödie "Robbin' Hood" nach der Premiere backstage ermordert wird, soll Cioffi den Mörder finden - und verliebt sich natürlich in die junge Schauspielerin Niki. Der einzige Moment, der mir dann auch von der Show in Erinnerung geblieben ist, ist die grandiose Fantasy-Nummer "A tough act to follow", in der sich Cioffi mit Niki im siebten Showbiz-Himmel wähnt. Ansonsten plätscherte alles ganz nett und unaufgeregt vor sich hin.
In New York spielte "Frasier"-Star David Hyde Pierce den Cioffi, in Coburg darf Musical Comedy-Experte Jens Janke ran. Die deutsche Übersetzung erstellte wieder einmal Wolfgang Adenberg, Jean Renshaw inszeniert. In Coburg wird man sicher zu kleinen Preisen (bis 28 Euro!) einen vergnüglichen Abend haben - wer in der Region wohnt, sollte sich das Stück ruhig einmal ansehen.
Karten gibt es hier.
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