So schön es gewesen wäre – zur Premiere der Cats-Tournee in Hamburg konnte ich nicht fahren, weil ich genau da in London war. Das wäre nochmal was gewesen. „Cats in Hamburg“ – so hatte vor vielen Jahren meine Musicalliebe begonnen. Stattdessen gab es nun netterweise die Möglichkeit die Tournee in Berlin zu besuchen, so dass ich dann gleich noch eine Abendvorstellung hinterherschob und über Nacht blieb, statt abends wieder heimzufahren.
Das neue Theaterzelt mag ästhetisch veranlagten Architekturfreunden Bauchschmerzen bereiten, aber für „Cats“ hat es den Vorteil dass das Musical so inszeniert werden kann, wie es ursprünglich im New London Theatre angelegt worden war, mit einer runden offenen Bühne, um die das Publikum im Halbkreis herumsitzt und von überall einen guten Blick aufs Geschehen hat (eine vergleichbare Anlage habe ich bis dahin nur im Amsterdamer Theater Carré erlebt, das ohnehin früher als Zirkus mit halbrundem Zuschauerraum konstruiert worden war und wo man nur das Mittelparkett rausnehmen brauchte um den Effekt wieder herzustellen). Auch sonst hat man die Londoner Urfassung übernommen, wodurch dann auch wieder das lahme „Billy MacCaw“ statt der italienischen Opernparodie in „Growltigers letzte Schlacht“ zu hören war und die Texte der Wiener Aufführung von Michael Kunze verwendet.
„Cats“ war seinerseits von Stella und Stage Entertainment bis zum allerletzten Tropfen gemolken worden (so wie es derzeit einer gewissen Kaiserin widerfährt) und derart zum Touristenfutter für Busausflügler aus der Provinz geworden, dass es in gewisser Weise eine Erleichterung war, als es endlich in den Ruhestand geschickt wurde. Und nun, nach längerer Pause, ist ein Wiedersehen mit den Katzen umso schöner. Man mag über die insubstantielle Handlung meckern , doch wer kann schon abstreiten, was für ein Gesamtkunstwerk hier geschaffen wurde mit der zauberhaften Atmosphäre des Müllplatzes bei Nacht, den realistischen Katzenkostümen, den Gedichten von T.S. Eliot mit ihrer warmherzigen Menschlichkeit und vor allem der atemberaubenden Choreographie von Gillian Lynne? Was die Katzen-Darsteller Abend für Abend tänzerisch leisten, beeindruckte mich auch gestern noch genauso wie vor 20 Jahren. Mit „Cats“ wurde damals etwas so innovatives und neuartiges geschaffen, wie es seitdem kaum noch gelungen ist. Wenn heute etwas innovativ sein will, kostet es nur sagenhaft viel Geld, zieht Hohn und Spott an und wird dann doch ein Flop (I’m looking at you, Spidy).
Darstellerisch gab es nichts zu meckern – Femke Soetenga spielte Grizabella am gestrigen Abend und auch wenn ich schon besssere erlebt habe, war es doch einfach großartig, „Erinnerung“ noch einmal so auf der Bühne zu erleben, wie es im Kontext der Show sein soll und noch immer am Mitreißendsten ist. Frank Logemann wusste den Part von Gus, dem Theaterkater, herrlich zu melken – da merkte man dann auch wieder den Vorteil von heimischen Darstellern, die mit jedem Wort umgehen können und nicht zur papageienhaft fremde Sätze nachplappern die sie nicht verstehen. Schön auch zu sehen, wie andere bekannte Musicaldarsteller wie Ann Christin Elverum (Jenny Fleckenreich) und Dominik Hees (Rum Tum Tugger) ins Katzenfell schlüpfen und hier eine andere Facette ihres Könnens zeigen können.
Das Zelt ist nicht sonderlich groß, so dass man auch auf den billigen Plätzen vermutlich gut sehen wird. Jeder, der „Cats“ damals noch nicht gesehen hat, sollte unbedingt die Chance nutzen sich mit einem der schönsten Meilensteine der Musicalgeschichte vertraut zu machen und wer „Cats“ bereits kennt, wird sicher das Wiedersehen genießen. Nach Berlin gastiert die Tournee noch in Mannheim und Hannover, ehe sie dann ins Ausland weiterzieht nach Luxemburg, Wien und Zürich. Aber danach wird sie hoffentlich noch einmal wiederkommen.
Photos © mehr! Entertainment 2011