Donnerstag, 31. März 2011

"Moby Dick" kehrt nach London zurück

Vor fast 20 Jahren erlebte der damals extremst erfolgs- verwöhnte Cameron Mackintosh einen empfindlichen Flop mit der Musical-Komödie "Moby Dick: A Whale of a Tale!", die sich im Piccadilly Theatre nur vier Monate halten konnte. Rückblickend muss man sagen: Es war die falsche Show zur falschen Zeit: 1992 hatten die epischen Schmonzetten Hochkonjunktur und Mackintosh stand wie kein zweiter für eben diese Schluchzicals. Und auch der Titel (Ein Musical über den berühmtesten Wal aller Zeiten??) hat vermutlich kaum jemanden angesprochen. Das ist schade, denn "Moby Dick" war eine köstliche und völlig durchgedrehte Komödie über die Mädchenschule St.Godley’s Academy for Young Ladies, die von der Pleite bedroht wird und daher in der Regie ihrer Schulleiterin Melvilles Klassiker im Swimming Pool aufführen will. Die Schulleiterin, die auch den Part des Captain Ahab übernimmt, wurde dabei von Tony Monopoly in Frauenkleidern gespielt – das riecht nicht nur nach Edna Turnblad sondern vor allem nach Rupert Everetts köstlicher Schulleiterin Camilla Fritton in den neuen Verfilmungen der "Girls of St.Trinian’s".

Nachdem sich der Rummel um die Schmonzetten mittlerweile gelegt hat und auch Cameron Mackintosh wieder Komödien produziert, wagt sich das kleine Landor Theatre in Clapham nun auch wieder an eine Aufführung von "Moby Dick" – wobei man sagen muss, dass das Stück von Robert Longden und Hereward Kaye nie wirklich verschwunden war, sondern immer wieder gerne von britischen Schulen und Universitäten gespielt wurde. Zur Besetzung gehören West End-Stars wie Sarah Lark, Debbie Kurup und Michelle Bishop – wer für die Schulleiterin in Frauenkleider schlüpft, ist dagegen noch nicht bekannt. Gespielt wird vom 27.April bis 28.Mai. www.landortheatre.co.uk

Dienstag, 29. März 2011

Adam und Eva bekommen in Paris eine zweite Chance

Nach 12 Jahren präsentiert Pascal Obispo endlich einen Nachfolger für sein erfolgreiches Musical “Les Dix Commandements” – und wieder hat er sich einen biblischen Stoff ausgesucht, diesmal Adam und Eva höchstpersönlich. Dabei soll jedoch nicht die biblische Geschichte nacherzählt werden. Stattdessen wird in "Adam et Eve, la seconde chance" die Frage gestellt, was wäre, wenn die Menschheit eine zweite Chance erhielte. D

ie Antwort auf die Frage kann man ab dem 31.Januar 2012 im Palais des Sports bekommen. Nach der Spielzeit in Paris ist eine Frankreich-Tournee geplant. Auch die Besetzung steht bereits fest: Thierry Amiel, der in der französischen Variante von DSDS zu sehen war, wird Adam, seine Eva heißt Cylia. Weitere Mitwirkende sind Solal als Solus, Liza Pastor als Lilith und Nuno Resende als die Schlange. Der Kartenvorverkauf hat gerade begonnen, die Tickets kosten zwischen 39 und 80 Euro. Und wie üblich in Frankreich, steht auch die erste Single “Rien ne se finit” bereits in den Startlöchern. Weitere Informationen unter
www.adameteve-lespectacle.com.

"In the Heights" Film abgeblasen

Wie die Variety in der gestrigen Ausgabe berichtet, hat Universal recht spät beschlossen, die Verfilmung von Lin-Manuel Mirandas „In the Heights“ abzublasen. Als Grund wurde angegeben, dass es den Produzenten nicht gelungen ist, große Latino-Namen wie Shakira oder Jennifer Lopez für das Projekt zu gewinnen, die für Einnahmen an den Kinokassen gesorgt hätten. Lin-Manuel Miranda kann nun theoretisch noch versuchen, ein anderes Filmstudio als Produzenten zu gewinnen aber realistisch betrachtet dürfte dies das Aus für eine Filmversion sein.
Fest steht damit weiterhin nur die Verfilmung von „Rock of Ages“ für die neben Tom Cruise weitere Stars zugesagt haben, die das Kinopublikum anlocken werden. Für die schon x-mal angekündigte Verfilmung von „Les Miserables“ wird derweil Tom Hooper, der Regisseur des aktuellen Kinohits „The King’s Speech“ heiß gehandelt. Allerdings wurde diese Verfilmung schon so oft angekündigt, dass ich erst dran glaube, wenn die Dreharbeiten beginnen…

Freitag, 25. März 2011

"Rebecca" kommt nach Stuttgart

Natürlich kommt die offizielle Mitteilung darüber, was die Gerüchteküche schon lange wusste, während man in der Pariser Frühlingssonne Creme Brulee genießt und keine Zeit hat, den Blog zu aktualiseren. Sei’s drum, hier also die große Pressemitteilung von Stage Entertainment: Das Musical „Rebecca“ von Sylvester Levay und Michael Kunze kommt im Dezember 2011 nach Stuttgart. Als Mrs Danvers ist wenig überraschend Pia Douwes dabei – weitere Rollen sind noch nicht bekannt, aber kann wohl getrost davon ausgehen, dass Uwe Kröger seinen Part als Maxim wiederholen wird. Bleibt zu hoffen, dass man für die namenlose Erzählerin „Ich“ wenigstens einer deutschen Newcomerin eine Chance gibt, den Durchbruch zu erleben.

Nun bin ich zwar kein großer Fan von „Rebecca“ und die bereits entstehende Fanhysterie um die Stuttgarter Aufführung macht es mir wahrlich nicht leichter mich darauf zu freuen, aber ich glaube trotzdem dass die Stage Entertainment hier eine gute Entscheidung getroffen hat: Der Stoff ist in Deutschland dank der Hitchcock-Verfilmung weidlich bekannt und anders als in der restlichen Welt, wo sich die Musicalszene weiterentwickelt hat, ist man hier noch immer für die epischen Schmonzetten der 80’er und 90’er sehr empfänglich. Freuen wir uns also darüber, dass es in der kommenden Saison schonmal EIN frisches Musical geben wird, wenn die Polanski-Flattermänner tatsächlich nach Berlin zurückkehren. Für ein zweites Stück oder gar eine deutschsprachige Uraufführung dürfte es angesichts der ausgelasteten Theater eher schlecht aussehen.

Dienstag, 22. März 2011

Traumcast für Sondheims "Company" in New York

Eine absolute atemberaubende Besetzung haben die New Yorker Philharmoniker für ihre konzertante Version von Sondheims "Company" versammelt. Nachdem gerade erst bekannt gegeben wurde, dass Patti LuPone (Joanne), Anika Noni Rose (Marta), Martha Plimpton (Sarah) und der bekannte Comedian Stephen Colbert (Harry) neben Neil Patrick Harris als Robert auf der Bühne stehen werden, konnten nun zwei weitere bekannte TV-Stars verpflichtet werden: Jon Cryer, der neben dem skandalträchtigen Charlie Sheen in der Sitcom "Two and a half men" zu sehen war, als David und "Mad Men"-Diva Christina Hendricks als April.

Auch wenn die Beziehungsklamotte nicht zu meinen Favoriten von Sondheim gehört, wird diese CD-Einspielung garantiert den Weg in mein Regal finden – alleine Patti LuPone’s "Ladies who lunch" und natürlich Neil Patrick Harris selbst sollten es wert sein. Bei so einer Besetzung hoffe ich aber noch viel mehr auf eine DVD die einen visuellen Eindruck der vielen grandiosen Schauspieler mitliefert.

Sonntag, 20. März 2011

Kritik: "Cats" on Tour (Berlin)

So schön es gewesen wäre – zur Premiere der Cats-Tournee in Hamburg konnte ich nicht fahren, weil ich genau da in London war. Das wäre nochmal was gewesen. „Cats in Hamburg“ – so hatte vor vielen Jahren meine Musicalliebe begonnen. Stattdessen gab es nun netterweise die Möglichkeit die Tournee in Berlin zu besuchen, so dass ich dann gleich noch eine Abendvorstellung hinterherschob und über Nacht blieb, statt abends wieder heimzufahren.
Das neue Theaterzelt mag ästhetisch veranlagten Architekturfreunden Bauchschmerzen bereiten, aber für „Cats“ hat es den Vorteil dass das Musical so inszeniert werden kann, wie es ursprünglich im New London Theatre angelegt worden war, mit einer runden offenen Bühne, um die das Publikum im Halbkreis herumsitzt und von überall einen guten Blick aufs Geschehen hat (eine vergleichbare Anlage habe ich bis dahin nur im Amsterdamer Theater Carré erlebt, das ohnehin früher als Zirkus mit halbrundem Zuschauerraum konstruiert worden war und wo man nur das Mittelparkett rausnehmen brauchte um den Effekt wieder herzustellen). Auch sonst hat man die Londoner Urfassung übernommen, wodurch dann auch wieder das lahme „Billy MacCaw“ statt der italienischen Opernparodie in „Growltigers letzte Schlacht“ zu hören war und die Texte der Wiener Aufführung von Michael Kunze verwendet.

„Cats“ war seinerseits von Stella und Stage Entertainment bis zum allerletzten Tropfen gemolken worden (so wie es derzeit einer gewissen Kaiserin widerfährt) und derart zum Touristenfutter für Busausflügler aus der Provinz geworden, dass es in gewisser Weise eine Erleichterung war, als es endlich in den Ruhestand geschickt wurde. Und nun, nach längerer Pause, ist ein Wiedersehen mit den Katzen umso schöner. Man mag über die insubstantielle Handlung meckern , doch wer kann schon abstreiten, was für ein Gesamtkunstwerk hier geschaffen wurde mit der zauberhaften Atmosphäre des Müllplatzes bei Nacht, den realistischen Katzenkostümen, den Gedichten von T.S. Eliot mit ihrer warmherzigen Menschlichkeit und vor allem der atemberaubenden Choreographie von Gillian Lynne? Was die Katzen-Darsteller Abend für Abend tänzerisch leisten, beeindruckte mich auch gestern noch genauso wie vor 20 Jahren. Mit „Cats“ wurde damals etwas so innovatives und neuartiges geschaffen, wie es seitdem kaum noch gelungen ist. Wenn heute etwas innovativ sein will, kostet es nur sagenhaft viel Geld, zieht Hohn und Spott an und wird dann doch ein Flop (I’m looking at you, Spidy).
Darstellerisch gab es nichts zu meckern – Femke Soetenga spielte Grizabella am gestrigen Abend und auch wenn ich schon besssere erlebt habe, war es doch einfach großartig, „Erinnerung“ noch einmal so auf der Bühne zu erleben, wie es im Kontext der Show sein soll und noch immer am Mitreißendsten ist. Frank Logemann wusste den Part von Gus, dem Theaterkater, herrlich zu melken – da merkte man dann auch wieder den Vorteil von heimischen Darstellern, die mit jedem Wort umgehen können und nicht zur papageienhaft fremde Sätze nachplappern die sie nicht verstehen. Schön auch zu sehen, wie andere bekannte Musicaldarsteller wie Ann Christin Elverum (Jenny Fleckenreich) und Dominik Hees (Rum Tum Tugger) ins Katzenfell schlüpfen und hier eine andere Facette ihres Könnens zeigen können.

Das Zelt ist nicht sonderlich groß, so dass man auch auf den billigen Plätzen vermutlich gut sehen wird. Jeder, der „Cats“ damals noch nicht gesehen hat, sollte unbedingt die Chance nutzen sich mit einem der schönsten Meilensteine der Musicalgeschichte vertraut zu machen und wer „Cats“ bereits kennt, wird sicher das Wiedersehen genießen. Nach Berlin gastiert die Tournee noch in Mannheim und Hannover, ehe sie dann ins Ausland weiterzieht nach Luxemburg, Wien und Zürich. Aber danach wird sie hoffentlich noch einmal wiederkommen.



Photos © mehr! Entertainment 2011

Kritik: "Hinterm Horizont" - Berlin

Statt mit dem Sonderzug nach Pankow ging es gestern mit dem ICE nach Berlin um das neueste Werk von Stage Entertainment am Potsdamer Platz zu begutachten. Sorry, der Kalauer musste sein. Ich habe nicht prinzipiell was gegen Jukebox Musicals – im Gegenteil, wenn sie gut gemacht sind, kann ich mich bei ihnen ganz vorzüglich amüsieren wie z.B. bei Mamma mia, Priscilla oder Rock of Ages. Sorgfältig ausgewählte Songs, die oft sogar eine völlig neue Bedeutung erhalten, ein originales Buch gut gewürzt mit flotten Sprüchen, und ein peppiges Bühnenbild sind alles Dinge, die ich zu schätzen weiß und die für mich auch nicht unorigineller sind, als die 35.Verwurstung eines Literaturklassikers mit ewig gleichen Schluchzballaden für hilflose Weibchen die sich nach einem Mann verzehren, edlen Helden, die ihre inneren Konflikte als Powerballade ins Publikum schmettern und dem Pflichtauftritt für leichtbekleidete Nutten, der in keiner Schmonzette fehlen darf. Andererseits macht es für mich durchaus einen Unterschied, ob in einer Saison am Broadway oder im West End ein neues Jukebox Musical neben mehreren brandneuen Shows und Klassiker-Revivals öffnet, oder ob es – wie in diesem Fall – das einzige komplett neue Musical des Monopolisten Stage Entertainment ist, das in einem Jahr aufgeführt wird. Gut, die Nonnenklamotte auf der Reeperbahn ist für Deutschland auch noch neu und letztendlich auch kein schlechtes Werk, aber ich warte seit Jahren vergeblich darauf, dass Deutschland ein Stück bekommt, das hier einen ähnlichen Status erreichen könnte wie „Elisabeth“ in Österreich, „Kristina från Duvemåla“ in Schweden oder „Ciske de Rat“ und jetzt „Soldaat van Oranje“ in den Niederlanden, eine Geschichte die im Land jeder kennt und liebt und die als Musical ein entsprechender Erfolg wird.

Mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Fall der Berliner Mauer hat man immerhin ein historisch einmaliges Ereignis und das geteilte Deutschland war schon für etliche Bücher und Filme über getrennte Liebende gut. Das man aus diesem Stoff nun letztendlich nicht mehr rausholen konnte, als ein Jukebox Musical, das nicht nur die Songs von Udo Lindenberg recycelt sondern in erster Linie das riesige Ego dieses Mannes zelebriert, ist schon ausgesprochen traurig und ein Armutszeugnis für die deutsche Talentförderung. Andererseits: Hinterm Horizont scheint sich gut zu verkaufen, denn selbst der 2.Rang war gestern geöffnet (und soweit ich sehen konnte voll besetzt) und nach einer Vielzahl von Flops oder bestenfalls lauwarmen schöngeredeten Erfolgen, kann man der Stage Entertainment nicht verdenken, dass sie dann lieber auf eine scheinbare sichere Bank und den Namen Lindenberg setzt. Wann gab es das letzte Mal solche Schlangen am Einlass?

Aber genug geschwafelt, da war ich nun am Samstag Mittag, am Berliner Hauptbahnhof, mit genug Zeit schnell im Hotel einzuchecken (faulheitshalber im Meininger Hotel gleich am Bahnhof) und dann durch das Regierungsviertel zu bummeln um mal zu sehen wo Milliarden Steuergelder versenkt wurden. In Klein-Manhattan am Potsdamer Platz war dann noch genug Zeit für ein spätes Mittagessen, dann dräute schon der Udo in der Nachmittagsvorstellung. Und so schlecht war’s dann letztendlich wirklich nicht. Schon der Auftakt „packt“ das Publikum, wenn mit Projektionen Szenen vom tatsächlichen Mauerbau gezeigt werden, von weinenden Menschen und Mutigen, die in letzter Sekunde abhauen. Dass man gerade an einem Ort sitzt, wo bis vor 20 Jahren noch genau die Mauer verlief und der Todesstreifen Ost und West trennte, macht die Sache nur noch eindringlicher. Der erste Akt plätschert dann so vor sich hin und es ist vor allem dem starken Spiel von Josephin Busch (Jessy) und Christian Sengewald (Elmar) zu verdanken, dass man sich emotional engagiert. Auf die üblichen Klischees und Kalauer über Stasi, Sachsen und die DDR an sich von Thorsten Brussig war ich ja nun vorbereitet und dem Publikum schien’s zu gefallen. Auch die Lindenberg-Songs funktionierten größtenteils ganz gut, zumal hier nicht einfach völlig unpassende Songs in eine mühsame Handlung gequetscht wurden, sondern immerhin schon etliche Songs bestehen, die das Ost/West-Verhältnis thematisieren. Und Udos urdeutscher Rock und das kleinbürgerliche Pseudo-Rebellentum das er verkörpert, passt hier auch irgendwie. Wenn zum Finale des 1.Aktes Elmar schließlich per Ballon „rübermacht“ und an einem einzigen gelben FDJ-Ballon hängend übers Parkett fliegt, ist das zwar einerseits zum Schmunzeln albern, aber in Verbindung mit den Projektionen auf der Bühne, die das geteilte Berlin und den Todesstreifen aus der Luft zeigen, dann doch wieder sehr ergreifend.

Der zweite Akt geht ebenso solide weiter bis er nach dem Mauerfall komplett den Bach runtergeht. Hier hätte Brussig den Mut haben müssen, sich notfalls gegen Lindenbergs Wünsche zu stellen und die nicht enden wollende, sagenhaft unlustige Szene im Hotel Atlantic in Hamburg streichen müssen, in der Udo zunächst einen Doppelgänger castet, ehe er von Jessy und dem gemeinsamen Sohn Steve konfrontiert wird. Nach weiteren endlosen Minuten singen dann natürlich alle glücklich versöhnt das Finale. Auch die Mauerfall-Szene selbst zum Song „Willkommen in Berlin“ war einfach nur gnadenlos dämlich – und das war die wirkliche Schande. Jeder, der alt genug ist sich an 1989 zu erinnern, wird wohl bei den Einspielern der Tagesschau und den Bildern vom Mauerfall einen dicken Kloß der Rührung im Hals haben. Und dieser starke Moment wird dann komplett versiebt damit, dass DDR-Klischees wie Sandmännchen und Ampelmännchen auf der Bühne rumhopsen und die Damen stolz Aldi-Tüten und Persil-Kartons herumtragen. Ugh. Ich persönlich kann auch nicht nachvollziehen, warum die „alte Jessy“, die zu Beginn von einer Reporterin als Udos Mädchen aus Ost-Berlin identifiziert wurd und schließlich mit ihr und Steve nach Hamburg fährt, von einer anderen Darstellerin gespielt werden musste. Aline Staskowiak sah kaum älter aus als Josephin Busch, hatte aber ganz andere Gesichtszüge – nachdem ich zwei Stunden mit Josephins Jessy mitgelitten hatte, riß mich das fremde Gesicht dann einfach nur aus der Geschichte. Da hätte doch wirklich eine andere Frisur und ein anderer Kleidungsstil genügt um das fortgeschrittene Alter deutlich zu machen.

Als Udo stand überraschenderweise Michael Eisenburger auf der Bühne, der nichtmal im Programmheft stand, der aber eine solide Leistung zeigte – sofern man das darstellerisch kann, wenn die Hauptaufgabe ist, das Imitat eines pseudo-coolen deutschen Rocksängers darzustellen. Die Tatsache dass die Musik recycelt war, störte mich weniger – was wahrscheinlich daran lag, dass ich mit dem Werk von Lindenberg nicht sonderlich vertraut bin und andererseits einige seiner Songs eben wirklich gut zur Handlung passen weil sie die Teilung , die DDR und das Lebensgefühl des Kalten Krieges thematisieren. Andererseits: So sehr wie Udo Lindenberg sich selbst gerne als Held der Wiedervereinigung thematisiert, der sooooviel dafür getan hat und dem die DDR immer soooo am Herzen liegt: War’s da schon zuviel verlangt, den Eierlikör ein paar Tage wegzustellen und NEUE Songs für das Stück zu komponieren? Er selbst hätte dann den großen Song der Show selbst singen und als Single rausbringen können – Top-Promotion für die Show und insgesamt einfach ein wesentlich würdigeres Unterfangen als dieses Jukebox-Musical. Da hätte ich sogar noch akzeptieren können, dass Lindenberg der Held des Stückes sein soll, auch wenn ich es schöner gefunden hätte, eine Liebesgeschichte zwischen dem Ost-Mädchen und West-Jungen so zu gestalten, dass er einfach nur „irgendein“ junger Rocksänger war, der einmal im Osten gastieren durfte. Und dass die Erkenntnis „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ nicht daher kommt, dass Udo nun mal ein unsäglich von sich eingenommener dummer Wicht ist, sondern, dass beide sich einfach verändert und weiterentwickelt haben.

Lohnt sich der Besuch von „Hinterm Horizont“ ? Ja. Ein solches Musical wird es nicht mehr geben und in dieser Location, am Potsdamer Platz in Berlin, entfaltet die Geschichte eine Wirkung, die sie nirgendwo anders haben wird. Und es gibt genug sehens- und hörenswerte Momente und großartige Darstellerleistungen. Gerade von Josephin Busch wird man hoffentlich noch einiges mehr hören. 


Photos © Stage Entertainment 2011 / privat

Freitag, 18. März 2011

Deutschlands Musicalszene kennt "Kein Pardon"

Da hat man grad den Koffer gepackt um sich "Hinterm Horizont" in Berlin anzutun, da wartet die deutsche Musicalszene mit der nächsten Eigenproduktion aus dem Bereich des geistigen Tiefflugs auf: Einer Bühnenadaption von Hape Kerkelings Film "Kein Pardon!", die Ende Oktober im Capitol Theater in Düsseldorf uraufgeführt werden soll und damit die erste Eigenproduktion von Maik Klokows neuer Firma "mehr!-Entertainment" ist.

Das Buch stammt von Comedian Thomas Hermanns, die Musik von Achim Hagemann, der schon für Kerkeling-Erfolge wie “Witzischkeit hat keine Grenzen” verantwortlich war. Als erster Hauptdarsteller wurde Dirk Bach als cholerischer Moderator Heinz Wäscher angekündigt – wer Kerkelings Rolle des depperten Peter Schlönzke spielt, den es per Zufall in die Höhen (und Niederungen) des Showbiz verschlägt, ist noch offen. Der Meister selbst erklärte jedenfalls schon, keine Zeit zu haben. Regie führt Alex Balga, der Haus und Hofregisseur am Capitol Theater.

Nun muss ich sagen, dass ich Hape Kerkeling sehr schätze – egal ob als Moderator, Autor des durchaus lesenswerten Bestsellers “Ich bin dann mal weg” und eben auch als Filmautor, dem Deutschland einige der verschwindend wenigen wirklich gelungenen Comedy- und Satire-Filme zu verdanken hat. Wenn er mit seinem Namen hinter der Produktion steht, besteht die Hoffnung, dass das Werk auch auf der Bühne überzeugen wird und nicht in den seichten Niederungen der aktuellen TV “Comedians” von Barth bis Cindy versumpft. Wenn aber andererseits schon das wirklich gelungene Musical “Der Schuh des Manitu”, das auf einem wesentlich erfolgreicheren Film basierte, schon derartig floppte – wie soll dann “Kein Pardon!” besser laufen? (Antwort? Klar – indem Klokow die Preise weitaus weniger unverschämt ansetzt als die Kollegen der Stage Entertainment in Berlin, aber ob das passieren wird?)

25th Anniversary Concert für das Phantom in London

Anders als beim lautstarken Getrommel für das Les Miz-Jubiläum im letzten Jahr, ist es um den 25.Geburtstag des Phantoms der Oper in London bislang erstaunlich still geblieben. Doch nun ließ Fortsetzungsphantom Ramin Karimloo per Twitter und eBay die Katze aus dem Sack, als er zwei Karten zur Auktion bereitstellte "für das Event zum 25.Geburtstag des Phantoms im Oktober 2011" bei dem er einmalig wieder als Phantom zu hören sein wird. Ansonsten ist noch nichts bekannt, so dass die Gerüchteküche wohl in den nächsten Wochen auf Hochtouren arbeiten wird, wann genau, wo und mit wem dieses Event stattfinden wird.

Übrigens: Das Höchstgebot für die beiden Karten liegt derzeit bei £920, die Erlöse gehen an Comic Relief für Red Nose Day. Dafür gibt’s außer den Karten auch noch ein persönliches Treffen mit Ramin und er wird freiwillig 90 Tage lang deinen geistigen Ergüssen auf Twitter lauschen.
Dann mal ran ans Bieten!

Dienstag, 15. März 2011

Disney verwurstet weitere Filme

Disneys neue Bühnenmusicals “Aladdin” und “Newsies” haben noch nichtmal ihre Uraufführungen erlebt da legt der Mauskonzern mit etlichen weiteren Ankündigungen nach Wobei sich die Begeisterung über Bühnenversionen der lauwarmen Disney-Filmchen “Freaky Friday” und “Father of the Bride” ziemlich in Grenzen hält. Spannender ist da schon eine Bühnenversion von “Alice im Wonderland” basierend auf dem letztjährigen Filmerfolg von Tim Burton – aber es sei dahingestellt, ob man diesen Stoff wirklich nochmal auf der Bühne braucht.

Weitere Stücke, die schon öfter angekündigt wurden, sind “Dumbo” , “Jungle Book” und eine neue Version vom “Hunchback of Notre Dame”, der seit der Berliner Aufführung nirgendwo mehr zu sehen war. Richtig interessant finde ich persönlich nur die Ankündigung einer neuen Version von “Little Mermaid” mit einem neuen Creative Team. Der Stoff hätte jede Chance ein innovatives, spannendes, neues Musical zu sein – leider versagte die Broadway-Version da in fast jeder Hinsicht. Mal sehen ob es im zweiten Anlauf dann besser klappt.

Montag, 14. März 2011

Olivier Awards 2011

Keine Überraschungen gab es in diesem Jahr bei den Olivier Awards, die sonst schonmal durch absolut fragwürdige Entscheidungen glänzen. In einem äußerst schwachen Musicaljahr setzte sich "Legally Blonde" als bestes Musical gegen u.a. "Love never dies" durch und Leading Lady Sheridan Smith konnte verdientermaßen einen weiteren Award ins Regal stellen. Auch Jill Halfpenny (Pauline) gewann als beste Nebendarstellerin. Bei den Herren setzte sich David Thaxton (Georgio in Sondheim's "Passion") gegen Ramin Karimloo durch. Mein Gefühl sagt mir, dass "Love never dies" eine Chance gehabt hätte, wenn es Oliviers getrennt für Musik und Buch gegeben hätte - den "Musik"-Olivier hätte es dicke verdient gehabt, den Buch-Olivier jedoch auf keinen Fall. So ging es völlig leer aus.

Fast schmerzhaft die Tatsache dass sich beim Audience Award, für den das Publikum wochenlang im Internet Stimmen abgeben durfte, ausgerechnet "We will rock you" durchsetzte. Das geniale Revival von "Into the Woods" im Open Air Theatre Regents Park wurde als bestes Revival ausgezeichnet und Stephen Sondheim erhielt aus der Hand von Angela Lansbury einen Sonderpreis für sein Lebenswerk.


Im Bereich Schauspiel gewann Bruce Norris's "Clybourne Park" erwartungsgemäss den Olivier für das beste neue Schauspiel und Howard Davies wurde für seine Arbeit bei "The White Guard" als bester Regisseur gewürdigt. Bei den Schauspielern gewannen Roger Allam ("Henry IV" im Globe), Nancy Carroll ("After the Dance" im NT), Adrian Scarborough (ebenfalls "After the Dance") und Michelle Terry ("Tribes" im Royal Court). Die innovative Aufführung von "The Railway Children" die das Theatre Royal York im alten Eurostar-Terminal in Waterloo Station inszenierte, wurde als "Bestes Entertainment" ausgezeichnet.

Insgesamt in meinen Augen verdiente Gewinner in einer sehr mauen Saison.

Sonntag, 13. März 2011

Kritik: "Soldaat van Oranje" - Valkenburg

Auf dem alten Fliegerhorst Valkenburg bei Leiden ist der wohl größte Erfolg der neueren niederländischen Musicalgeschichte entstanden: Eine Musicaladaption von „Soldaat van Oranje“, einem der bekanntesten Bücher/Filme des Landes. Erfreulich ist der Erfolg vor allem, weil sich die Produzenten Robin de Levita und Fred Boot (beide vorher bei Stage Entertainment tätig) somit als ernsthafte Konkurrenten zu ihrem ehemaligen Brötchengeber Joop van den Ende etablieren konnten und die niederländische Musicalszene hoffentlich weiter beleben werden. Und weil sich Mut manchmal eben doch noch auszahlt.

„Soldaat van Oranje“ basiert auf den Erinnerungen von Erik Hazelhoff Roelfzema, der 1940 als Student in Leiden lebte und eigentlich nichts anderes als den üblichen Studentenblödsinn mit Besäufnissen und Liebeleien im Kopf hatte als die Deutschen sein Land besetzten. Erik und seine Freunde müssen jeder für sich entscheiden, wie sie damit umgehen – einfach den Kopf in den Sand stecken? Mit den Deutschen kollaborieren? Oder sich dem Widerstand anschließen? Erik entschließt sich für letzteres und schmuggelt Radiosender von England über die Nordsee in die besetzten Niederlande. In England lernt er die im Exil lebende Königin Wilhelmina kennen und wird ihr Adjudant und fliegt als Pilot für die RAF. Als sie nach Kriegsende in die Niederlande zurückkehrt, ist er an ihrer Seite. Seine Memoiren verkauften sich schon als Buch hervorragenden und wurden 1977 mit Rutger Hauer verfilmt (und verhalfen sowohl Hauer als auch Regisseur Paul Verhoeven zum Durchbruch in Hollywood).

Der Fliegerhorst Valkenburg ist eine klug gewählte Location, da sich die Handlung in nahegelegenen Orten wie Leiden, Rotterdam und Scheveningen abspielt und weil er dem Creative Team Einfälle ermöglicht wie die Rückkehr Königin Wilhelminas in die Heimat mit einem echten Flugzeug zu inszenieren (auch wenn es nur rollt). Noch interessanter ist jedoch der Einfall das Publikum auf eine Art Drehscheibe zu setzen, die sich bei einem Szenenwechsel zu einem neuen Bühnenbild hindreht, das entsprechend fest installiert ist. So werden spektakuläre Szenen möglich wie jene die am Strand spielen und für die etliche tausend Kubikmeter Sand und echtes Wasser zum Einsatz kommen. Da stört es auch nicht sonderlich, dass der „TheaterHangar“ ungefähr soviel Flair hat wie eine Bushaltestelle in der Provinz. Ärgerlich ist eher, dass man für das Parken mit 10 Euro abgezockt wird, denn Alternativen zum Auto gibt es bei der abgelegenen Location nicht.

Immerhin, drinnen sieht es eigentlich ganz nett aus und der Theatersaal wirkt auf Anhieb wie jeder andere auch. Die Amerikaner Tom Harriman und Pamela Phillips Oland haben Musik und Texte geliefert, für die wiederum Frans van Deursen die niederländische Übersetzung erstellt haben, doch die Musik bleibt während der gesamten Vorstellung eher zurückhaltend. Wer unbedingt überlebensgroße überzuckerte Big Belt-Balladen zum Glücklichsein braucht, sollte um das Stück einen großen Bogen machen. Es ist eher ein Schauspiel mit Musik, das von der unglaublich dichten Handlung und den großartigen Darstellern lebt. Die fast dreieinhalb Stunden vergingen wie im Flug und nicht ein einziges Mal habe ich auf die Uhr geschaut.

Und statt die Geschichte von Erik und seinen Freunden mit überflüssigen Liebesgeschichten und ausgedehnten Songs im Fluß aufzuhalten, bleibt man hier ganz bei den Hauptfiguren und wie jede von ihnen ihre eigenen Entscheidungen fallen muss als der Krieg in die Niederlande kommt. Im Vergleich zum Film wurde die Rolle der Königin Wilhelmina stark ausgedehnt (köstlich authentisch gespielt von Anke van’t Hof) und die Monarchin in ihrem Exil ausgesprochen menschlich gemacht. Bärenstark auch die beiden Nebenhandlungs- stränge: Da ist Charlotte (großartig: Marlijn Weerdenburg), die Paul für Erik verlässt und heimlich für den Widerstand arbeitet, vom verschmähten Paul bei den Nazis verpfiffen wird und im KZ endet, oder Anton, der von Bram als halber Deutscher fertiggemacht wird, sich den Nazis anschließt und als Mitglied der Waffen-SS schliesslich den gefangen genommenen Widerstandskämpfer Anton hinrichten lässt (ganz grandios gespielt von Oren Schrijver, den man bislang eher aus leichtgewichtigen Stücken wie Saturday Night Fever kannte, wo er den Tony spielte). Für ein wenig Auflockerung zwischen den tragischen Schicksalen sorgt der Flirt von Chris mit der königlichen Hofdame Tessa. Als Soldat von Oranien, Erik selbst, trägt Matteo van der Grijn, die Handlung mit unendlich viel Charisma und fesselt in jeder Sekunde – wenn hier kein Star geboren wurde, dann weiß ich es nicht.

Die Drehscheibe wurde für meinen Geschmack ein wenig zu oft eingesetzt und lässt das Publikum wie im Karrussel kreisen während Projektionen Hintergrundinformationen zum Krieg in den Niederlanden zwischen den Szenen liefern. Insgesamt ist es jedoch auf jeden Fall eine sehr innovative, effective Idee, die schnelle Szenenwechsel möglich macht und eben mit einmaligen Bühnenbildern aufwarten kann. Wenn Erik und seine Freunde an einem scheinbar echten Strand stehen, auf den echtes Wasser schwappt, während über ihre Köpfe Kampfflieger gen Land fliegen und in der Ferne Rotterdam in Flammen steht, ist das unglaublich bewegend. Und über Königin Wilhelmina’s Rückkehr in einer echten Dakota, für die die Außenwand des Hangars aufgeschoben wird und das Publikum auf einmal mit echter kalter Seeluft aufgeschreckt wird, kann man schmunzeln, eine geniale Idee ist es allemal. Ich mag nur nicht daran denken wie es den armen Darstellern in den eisigen Winterwochen ging, wenn sie in ihren dünnen Kostümen draußen in der Kälte standen.

Mittlerweile wurden für „Soldaat van Oranje“ über 200.000 Karten verkauft und der Vorverkauf bis Ende Juli verlängert. Da das wärmere Wetter und die Badesaison an der Nordsee mit Sicherheit für stärkeren Zulauf in den nahegelegenen Badeorten Katwijk und Noordwijk sorgen wird, dürfte das Musical mit Sicherheit noch in den Herbst verlängert werden und das erste Jahr vollmachen. Ein schöner und vor allem hochverdienter Erfolg für das mutige Projekt.

Donnerstag, 10. März 2011

"American Idiot" verlässt den Broadway

Ob der heftige Einbruch bei den Einnahmen nach dem Abschied von Billie Joe Armstrong den Ausschlag gegeben haben? Green Day's Erfolgsmusical "American Idiot" verabschiedet sich am 24.April nach 421 Vorstellungen (und 27 Previews) vom Broadway. Für die letzten drei Wochen wird Armstrong noch einmal zurückkehren in die Rolle des St.Jimmy.
Und erfreulicherweise ist es kein Abschied für immer: Ab Herbst wird "American Idiot" dann auf US-Tournee gehen und sicher an den jeweiligen Standorten zahlreiche Green Day-Fans und junge Musicalfans anziehen, die froh sind über ein Musical das mit moderner Musik moderne Themen behandelt. Auch wenn das so einige auf Schmonzetten fixierte Leutchen in unseren Landen, die "American Idiot" nicht mal live gesehen haben, das so ganz und gar nicht verstehen können.

"Spiderman" verschiebt die Premiere (mal wieder)

Wenn man sich gestern auf einschlägigen Broadwayforen umtrieb, konnte man meinen politische Umwälzungen von globaler Wichtigkeit würden gerade stattfinden (das tun sie auch, aber nicht in New York…). Mit „Breaking News“ und „1.45pm Update“ wurde da ein Wirbel gemacht, den man sonst nur von CNN und Co. kennt. Was war los? Die Produzenten von „Spiderman“ hatten für gestern eine wichtige Mitteilung angekündigt. Da eine einfache Pressemitteilung rauszuhauen reichte wohl nicht – warum auch, wenn man viel mehr Wirbel machen kann der wiederum Aufmerksamkeit verspricht?

Und was nun die wichtige Neuigkeit? Genau das, was ohnehin jeder kommen gesehen hatte: Die Premiere, für den 15.März geplant, wird erneut verschoben. Diesmal auf ein noch nicht festgelegtes Datum im frühen Sommer (nun bin ich mal gespannt ob "meine" Vorstellung stattfinden wird...). In der Zwischenzeit soll das Buch noch einmal überarbeitet werden und neue Songs von Bono und The Edge eingefügt werden. Regisseurin Julie Taymor, die die heftigsten Kritiken bis hin zu purem Haß einstecken musste, bleibt der Produktion zwar weiterhin verbunden, wird aber als Regisseurin scheinbar durch Phil McKinley ersetzt. Das hohle Presse Statement klingt nach Wegkomplimen- tieren, aber die Show dürfte davon profitieren nachdem Taymor sich weigerte, an heftig kritisierten Elementen des Stückes Veränderungen vorzunehmen. Neben Phil McKinley sind in letzter Zeit Autor Roberto Aguirre-Sacasa, „musical consultat“ Paul Bogaev und Sound Designer Peter Hylenski hinzukommen.

Ich habe bislang sehr viel Verständnis für Spiderman gehabt – man hat hier versucht etwas wirklich Neues auf die Beine zu bringen, das technisch einfach nicht als Tryout in der Provinz machbar war. Andere Shows eiern viel länger durch die Provinzen, werden mehrmals komplett überarbeitet und sind am Ende trotzdem nicht wirklich zufriedenstellend. Ich habe nirgendwo erlebt, dass „Love never dies“ vergleichbare Häme einstecken musste, obwohl da auch noch NACH der Premiere, als Karten zum vollen Preis verkauft wurden, mehrfach größere Überarbeitungen stattfanden bis hin zu kurzfristigen Schliessungen. Auch Wildhorns „Scarlet Pimpernel“ wurde nach der Broadway Premiere noch mehrfach überarbeitet und vom ewigen Rumgefummel an unserer „Elisabeth“ wollen wir mal gar nicht reden. Nun bleibt zu hoffen, dass Spiderman diese Chance nutzt , das Ruder noch einmal rumzureißen und sich als technisch innovative Show mit gutem Buch und guter Musik zu präsentieren und nicht als spektakulärster Flop am Broadway in die Annalen einzugehen. Es dürfte die letzte Chance sein.

Mittwoch, 9. März 2011

Musical-Briefmarken bei Royal Mail

Sorry, derzeit gibt es nicht wirklich viel Neues aus der Welt der Musicals zu berichten. Oder ich kriege es nicht mit, weil ich derzeit nervös mit meinem Spiderman-Ticket in der Hand vor dem Computer sitze und auf die für diese Woche angekündigte große Neuigkeit warte. Die vermutlich darauf hinausläuft, dass die Show einige Wochen schließen und erneut überarbeitet wird. Und wie ich mein Glück kenne, genau dann geschlossen ist, wenn ich in New York bin. Immerhin hat die Royal Mail mein nervöses Warten unterbrochen indem sie mir endlich die vor zwei Wochen bestellten Briefmarken ins Haus geschickt hat. Was ich im Ausland mit englischen Briefmarken will? Nunja, es gibt nun diesen hübschen Satz First Class-Briefmarken, die den englischen Musicals gewidmet sind:


Um sie auf schnöde Briefe zu kleben, sind sie natürlich viel zu schade, aber als Sammlerobjekt sind sie nun wirklich putzig. Mit der Auswahl will man (laut Royal Mail) Musicals verschiedener Dekaden würdigen. Aber dass Jukebox-Musicals wie "We Will Rock You" und das längst vergessene "Return to the forbidden planet" hier den Vorzug vor zumindest EINEM Musical von Andrew Lloyd-Webber und dem Dauerbrenner "Les Misérables" erhalten haben, ist schon ziemlich merkwürdig. Ich kann mir nur vorstellen, dass seine Lordschaft irgendwann mit seinem eigenen Set Briefmarken geehrt wird. Bestellen kann man den Satz auf der Website der Royal Mail.

Freitag, 4. März 2011

"What would Barbra do?" - Emma Brockes

Nicht nur Musicalstars können Biografien verfassen sondern auch Fans. Oder in diesem Fall die Journalistin Emma Brockes, die mit diesem Buch eine Liebeserklärung an das Musicalgenre, insbesondere die Klassiker aus der „goldenen Zeit“, verfasst hat. Streckenweise liest sich das Buch unglaublich witzig – wenn sie davon erzählt, wie ihre Mutter auf der Straße den Titelsong von „The Sound of Music“ schmetterte, wenn sie sie verabschiedete oder wie sie einen unliebsamen One Night-Stand aus dem Bett und auf die Straße scheuchte indem sie ihn mit „Oh what a beautiful morning“ in voller Lautstärke weckte.
Andere Kapitel sind eher trocken gestaltet, wenn sie z.B. die Unterschiede zwischen dem originalen „Mary Poppins“-Buch von P.L.Travers und der überzuckerten Disney-Verfilmung analysiert. Sie ist dabei durchaus nicht blind gegenüber den Fehlern der Klassikern, insbesondere dem weitverbreiteten Sexismus und Rassismus oder den teilweise haarsträubend unlogischen Handlungen (besonders „Brigadoon“ bekommt hier verdient sein Fett weg).

Zunächst schade fand ich ihre Bekenntnis, mit den neueren Musicals ab ca. 1970 nicht mehr viel anfangen zu können, doch wenn man das Buch durchgelesen hat, versteht man sie viel besser. Es wird meiner Begeisterung für „Rent“, „Billy Elliot“ oder „Les Miserables“ keinen Abbruch tun (alles Shows, die sie kritisiert) aber ein Körnchen Wahrheit ist schon drin, wenn Brockes beschreibt wie schamlos diese Shows ihr Publikum mit pathostriefenden Momenten wie Fantines Tod oder dem Brief von Billys Mutter manipulieren. Und wie ernst sich die modernen Musicals im Vergleich zu den Klassikern nehmen, die selbst bei Stücken mit ernster Thematik so dick auftrugen, dass ernste Momente immer wieder vom typischen leichtgewichtigen Fluff des Genres überlagert wurden und sich das Publikum gut unterhalten fühlte.
So wird man bei „The Sound of Music“ – für viele DER Kitschklassiker schlechthin – nicht daran denken, dass die von Trapps vor den Nazis flohen oder ein alleinerziehender Witwer nicht fähig war eine Beziehung zu seinen Kindern aufzubauen, sondern an Julie Andrews die im Nachthemd von Schnitzeln mit Nudeln singt und die Vorhänge in ihrem Zimmer zu Spielkleidung umfunktioniert. Würde der Stoff heute für ein Musical adaptiert, würde von Trapp mit Sicherheit eine große schwergewichtigte Ballade über den Verlust seiner geliebten Frau schmettern und Maria statt „I have confidence“ zu trällern, darüber lamentieren, dass sie nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll.


Und vielleicht erklärt dieser absolut schamlos Hang zum leichtgewichtigen Kitsch der Klassiker auch den Erfolg der Jukebox-Musicals heute: Schliesslich nehmen sich „Mamma mia“, „Priscilla“ oder „Rock of Ages“ genauso wenig ernst und erlauben sich einen teilweise haarsträubenden Klamauk, der beim Publikum aber auch entsprechend gut ankommt. Dieser Eskapismus ist den neuen Musicals generell fremd. Natürlich möchte auch ich nicht auf ernsthafte Stücke verzichten und mag auch mal bei der ein oder anderen Schmonzette mitflennen und natürlich ist es wichtig für das Genre an sich, dass es sich immer wieder weiterentwickelt. Und doch möchte man bei und nach der Lektüre von „What would Barbra do?“ am liebsten mal wieder eine DVD eines alten schamlos albernen Klassikers einwerfen und im Auto aus voller Brust „Oh what a beautiful morning!“ schmettern, auch wenn der Verkehrsdienst des WDR mal wieder 5km Stau am Kreuz Köln-West meldet.


Wer, wie leider soviele „Musicalfans“, nicht über den Tellerrand der aktuellen Großproduktionen hinausblicken kann, sollte einen Bogen um dieses Buch machen. Wer aber ein Herz für die alten Klassiker hat und für die großen Showbiz-Ladies von Esther Williams über Julie Andrews bis zu Barbra Streisand (deren „Yentl“ hier genüsslich zerpflückt wird), sollte zugreifen – genüssliche Lektüre und viele Erinnerungen an eigene DVD-Abende und Gesangsversuche sind garantiert.

"Rock of Ages" in London und im Kino

Die Gerüchteküche wusste es schon länger, jetzt ist es offiziell: "Rock of Ages" kommt nach London. Das Jukebox-Musical, das den Hard Rock und die langhaarigen Bands der 80’er auf die Schippe nimmt, wird am 31.August im Shaftesbury Theatre Premiere haben. Schade ist das Timing: Das West End stöhnt ohnehin unter der Überlast der Jukebox-Musicals und so wird "Rock of Ages" wahrscheinlich keinen warmen Empfang bereitet. Dabei ist die Show wirklich sehr unterhaltsam; ich hatte am Broadway einen herrlich amüsanten Abend mit der Musik meiner Jugend. Und inspirierter als lieblos auf die Bühne geschubste Werke wie das "Million Dollar Quartet" oder "Dirty Dancing" ist es allemal.

"Rock of Ages" spielt nicht nur seit 2008 in New York (erst am Off-Broadway, dann im Brooks Atkinson Theatre und ab jetzt im Helen Hayes Theatre), sondern ist gerade mit der ersten US-Tournee in Los Angeles gestartet und steht in Australien in den Startlöchern.

Und im Gegensatz zu so vielen anderen Gerüchten ist hier auch die Film-Version definitiv in Produktion: Neben Tom Cruise als Stacee Jaxx wurde nun Julianne Hough als Sherrie angekündigt. Die Dame ist vor allem als Countrysängerin und zweimalige Gewinnerin von "Dancing with the Stars" bekannt und hatte eine kleine Rolle in "Burlesque". Für die eigentliche Hauptrolle des Drew wurde nun ein öffentliches Casting ausgerufen – Wannabe-Rockstars können sich über die Website www.rockofagesmoviecasting.com mit einem eigenen Video bewerben.

Mittwoch, 2. März 2011

Der "König der Löwen" ab Oktober in Madrid

Die spanische Hauptstadt gerät im Herbst endgültig zum musicalischen Kindergarten: Nachdem erst vor zwei Wochen verkündet wurde, dass "Shrek" ab Oktober im Theater Nuevo Apolo zu sehen sein wird, zieht Stage Entertainment jetzt nach: Disney-CEO Thomas Schumacher verkündete heute bei einer großen Pressekonferent, dass die spanische Version des Löwenkönigs am 21.Oktober im Teatro Lope de Vega uraufgeführt werden wird. Dabei waren auch Jessica Myers, die aktuell als Nala in Hamburg auf der Bühne steht und Andile Gumbi, der aktuelle Simba in London, die "Can you feel the love tonight?" präsentierten. Die spanische Besetzung steht noch nicht fest. Ähnlich wie in Paris werden auch in Madrid die Preise um einiges moderater sein als in Hamburg: Die teuersten Tickets kosten 79,90 Euro.

Dienstag, 1. März 2011

"Sister Act" holt Show Doctor

Was für Deutschland gut genug ist, reicht für den Broadway noch lange nicht: Die höheren Maßstäbe dort werden mal wieder bestätigt durch die Tatsache, dass Stage Entertainment und Whoopi Goldberg einen Show Doctor an Bord holten um die anstehende Broadway-Produktion von „Sister Act“ noch einmal zu überarbeiten. Die Wahl fiel auf Autor Douglas Carter Beane, dessen Schauspiel „The Little Dog Laughed“ im letzten für Tonys und Oliviers nominiert war und der davor schon eine Tony-Nominierung für das Buch der Bühnenversion von „Xanadu“ erhalten hatte. Zusammen mit Cheri und Bill Steinkellner soll er nun noch einmal am Buch von „Sister Act“ arbeiten. Die Zeit drängt, schließlich sollen die Previews in diesem Monat im Broadway Theatre beginnen; die Premiere findet am 20.April statt.

Das Stück kann davon nur profitieren; denn neben der eigentlich recht überzeugenden Disco-Pop-Musik von Alan Menken lahmte die Show in London vor allem am Buch mit platten Gags und zu sehr in die Länge gezogenen Nebenhandlungen.