Donnerstag, 8. Dezember 2011

Rebecca - Palladium Theater, Stuttgart

Der Fanhype der letzten Monate nach zu urteilen, sollte man meinen ein preisgekrönter weltweiter Megabestseller war auf dem Weg nach Stuttgart und nicht ein halbwegs gelungenes aber keineswegs herausragendes Musical, das in Wien insgesamt anderthalb Jahre recht gut gelaufen ist und anschliessend noch in Japan, Ungarn und Finnland gespielt wurde. Nun hat sich die Stage Entertainment also der Sache angenommen und das Musical von Sylvester Levay und Michael Kunze ins Stuttgarter Palladium Theater gebracht. 

Bevor der Sturm der Entrüstung über mich hereinbricht, weil ich die Show nummal nicht besonders toll finde, kommen wir also erstmal zu den positiven Aspekten: Nicht nur wegen der überdimensionierten Treppe, die zum Schluss auch noch in Flammen aufgeht, ist Rebecca vor allem eines dieser Musicals, bei denen vor allem die üppigen Bühnenbilder im Gedächtnis bleiben. Projektionen werden hier, anders als beispielsweise bei der aktuellen “Elisabeth”-Tournee, geschmackvoll und passend eingesetzt, auch wenn ich – bei aller Liebe zur Serenissima - auf den Werbespot für Venedig hätte verzichten können, und manche Szenen sind auch ohne Brimborium spektakulär schön, z.B. auf dem blumenumrankten Balkon von Rebeccas Schlafzimmer. 

Auch die Besetzung kann sich sehen und hören lassen, wobei vor allem die Damen rundum überzeugen. Lucy Scherer ist eine perfekte “Ich”, die sympathisch und liebenswert wirkt und die Entwicklung vom unsicheren kleinen Mädchen zur neuen Herrin von Manderley überzeugend meistert und dabei auch noch mit großer Stimme beeindruckt. Pia Douwes darf nun endlich als Mrs Danvers glänzen, eine Rolle die wohl mit ihr im Hinterkopf geschrieben wurde und in die sie entsprechend hervorragend passt. Schade wirklich, dass sie letztendlich bis auf gefühlt dreiundzwanzig Reprises des Titelsongs eher wenig zu singen hat. Thomas Borchert hat mit Sicherheit seinen Status als einer der führenden deutschen Musicalstars verdient, doch auch wenn er gut spielt und singt, so empfand ich ihn einfach nicht passend besetzt für einen englischen Landadeligen, wie sie von “Brideshead Revisited” bis “Downton Abbey” regelmäßig meinen Bildschirm bevölkern. Selbst Uwe Kröger, für den ich mich nun wirklich nicht oft erwärmen kann, war für mich als Maxim de Winter überzeugender. 
Die Nebenrollen waren recht gut besetzt, wobei Kerstin Ibald als Beatrice als einzige der Wiener Originalbesetzung wieder dabei war und das wandelnde Klischee der patenten Lady vom Land abgeben musste, die burschikos mit Gummistiefeln und Flinte über ihre Äcker stapft. Traurigerweise nervten mich die Nebenfiguren jedoch größtenteils weil Kunze/Levay ihrem Prinzip treu blieben, jeder Nebenfigur mindestens ein Solo zu geben, egal wie überflüssig es war, so dass sie die Handlung einfach nur aufhielten statt sie voran zu treiben. 

Und damit wären wir beim großen Manko der Show: Die Handlung, bzw der nicht vorhandene Handlungsfluss. Es dauert fast bis zum Ende des 1.Aktes, das so etwas wie Spannung entsteht, nachdem Mrs Danvers die verhuschte “Ich” beim Maskenball böse auflaufen lässt und triumphierend Reprise Nr. 8 von “Rebecca” singen darf. Bis dahin zieht sich eine quälend langsame Exposition hin, wie sich Maxim de Winter und “Ich” kennen- und lieben lernen und in Manderley Einzug halten, wo Dienstboten und Nebenfiguren alle einmal singen dürfen, ehe die Handlung einen Schritt vorwärts macht. Immerhin wurde das unsägliche “Wir sind britisch” gestrichen, doch das genauso unsägliche “I’m an American Woman” noch nicht. Im zweiten Akt geht es zunächst mit der Entdeckung des Bootes und Maxims Geständnis spannend weiter, ehe die Handlung noch einmal mit der endlosen Bibliotheksszene und Favells “Eine Hand wäscht die andre” zum Stillstand kommt, bis Mrs Danvers endlich Manderley abfackeln darf. 

Sylvester Levay hat einige wirklich gute Melodien geschrieben, darunter den Titelsong “Rebecca”, das eingängige “Ich hab geträumt von Manderley” und das schöne Duett “Jenseits der Nacht”, während andere recht nette Songs wie “Zeit in einer Flasche” und “Die Stärke einer liebenden Frau” vor allem an ihren unsäglich dummen Texten kranken und bei letzterem wohl Generationen von Feministinnen in ihren Gräbern rotieren. 
Irgendwo in diesem quälend langatmigen Stück ist durchaus ein spannendes Musical versteckt, das man mit Mut zu kräftigen Schnitten vielleicht herauskitzeln könnte. Etliche Singsang-Stücke könnten durch kurze gesprochene Dialoge ersetzt werden, etliche überflüssige Songs für die Nebenfiguren ganz gestrichen werden, so dass die handvoll wirklich guter Songs wirklich glänzen kann. Bis zum ersehnten Broadway-Erfolg hat “Rebecca” jedenfalls noch einen sehr weiten Weg vor sich.

Fotos: © Stage Entertainment 2011

3 Kommentare:

  1. Was für ein Unsinn. Kein Spannung? In welchem Musical warst du denn?

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  2. Selten habe ich einen solchen Quatsch gelesen.

    Ich habe die Show mehrfach in Wien gesehen und finde die Stuttgarter Inszenierung sehr gut.

    Die Kürzungen an der einen oder anderen Stelle fallen kaum auf und sorgen für einen zügigen Fortgang der Handlung.

    Spannung bietet der erste Akt reichlich. Ich erinnere nur an die erste Szene auf Manderley, das Schlafzimmer mit Fawell, das Bootshaus und Ben und die Falle mit dem Kleid beim Ball.

    Für Erstbesucher bietet die Show eine rundum ausgewogene Mischung aus Handlung, und Rahmen.

    Das einzige wirkliche Manko (was einem Erstbesucher aber auch nicht auffallen wird) ist das Orchester welches ich im Vergleich zur Wiener Show sehr "dumpf" und "dünn" empfand.

    Alles in allem aber bietet REBECCA in Stuttgart echtes Theater mit einer tollen Geschichte, eigenständiger Musik, einer grandiosen Besetzung und einer atemberaubenden Optik.

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  3. Gibt es das also doch - einen geschmacksicheren deutschen Musical-Interessierten? Ich verstehe jedenfalls nicht, warum man das Stück an den Broadway bringt: Die biegen sich dort jetzt schon vor Lachen, dass man ihnen wieder so einen ET vorsetzt.

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