Die Musical-Adaption on Roald Dahls Kinderbuchklassiker "Matilda" der Royal Shakespeare Company verzückte im letzten Winter schon Stratford on Avon, wo das Stück seine Uraufführung erlebte. Ein Transfer nach London war also nur noch eine Frage der Zeit. Nun bin ich eigentlich kein Freund von Kinderbüchern und deren Adaptionen, wenn sie süüüüße Kinderchen auf die Bühne bringen, doch Dahls Bücher mit ihren dunklen, erwachsenen Untertönen und ihrem Sinn für Anarchie waren schon immer eine Ausnahme. Und nun kam auch noch der australische Songwriter und Comedian Tim Minchin dazu, dessen tiefsinnige Songs zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen mich seit Jahren beeindrucken. Und so sass ich nun wieder im Cambridge Theater, dessen Bühne komplett und kreativ umgestaltet wurde und an eine Kreuzung aus Bücherei und riesigem Scrabble-Set erinnerte.
Matilda Wormwold ist das ungeliebte zweite Kind eines durch und durch verprollten Paares, das mit ihrer hochintelligenten Tochter gar nichts anfangen kann. Mutti (endlich ein Wiedersehen mit Josie Walker) liebt nur Tanzen und Papi (herrlich: Paul Kaye) die Glotze. Doch falsch gedacht, wer jetzt ein armes leidendes Kindchen mit Schluchzballaden erwartet. Matilda wehrt sich zuhause mit fiesen Streichen und gewinnt in der Schule das Herz der jungen verhuschten Lehrerin Miss Honey, die sich für sie sogar mit der bösartigen Schulleiterin Miss Trunchbull anlegt, einer ehemaligem olympischen Hammerwerferin, die auch mal an kleines Mädchen an den Zöpfen über den Schulhof wirft. In seinen Songs nimmt Tim Minchin viele aktuelle Themen auf die Schippe und sorgt so für Tiefsinn. Wenn die Kinder darüber singen, dass sie ein wahres "Miracle" sind, spiegelt das den heutigen Wahn wieder, wonach ein Kind nicht mehr einfach nur Teil des Lebens ist, sondern ein absolutes Wunderwerk, dem sich der Rest der Welt unterordnen muss. Die Nummern der Wormwolds - "Loud" und "Telly" spiegeln ebenso perfekt die heutigen Proll-Kultur wieder und "When I grow up" ist eine wunderschöne Hymne an die Kindheit. Doch auch leise Töne fehlen nicht, wenn Miss Honey und Matilda zum Schluss "My House" singen, ein wunderschönes kleines Lied.
Neben Minchin's Musik und Texten und den kreativen Bühnenbildern beeindrucken vor allem die Kinderdarsteller, die zum Glück niemals niedlich sein müssen. Wie ein kleines Mädchen, in meinem Fall die großartige Cleo Demetriou, ein ganzes Musical tragen kann, ist ganz einfach beeindruckend und auch die anderen Kinderdarsteller überzeugten auf ganzer Linie. Die kleine Lavender, wer immer sie war, hätte ich am liebsten gleich adoptiert. Auch die Erwachsenen sind perfekt bis in die Nebenrollen besetzt und Bertie Carvels Panto-Darbietung als fiese kinderhassende Trunchbull ist schon jetzt ein Highlight der Saison, das ihm die ersten Award-Nominierungen einbringt. Daneben gefielen mir vor allem Lauren Ward als Miss Honey, Melanie la Barre als Bibliothekarin und Gary Watson als herrlich schmieriger Rodolpho.
"Matilda" ist vielleicht nicht der ganz ganz große Wurf, als das es von manchen gehypt wird, aber es ist ein sehr gut gelungenes, rundes, kreatives neues Musical mit großartigen Darstellern, das man sehen sollte. Eine freudige Abwechslung von den ganzen lahmen Film-Adaptionen und Jukebox-Musicals, das hoffentlich eine ganze Weile laufen wird.

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