Keiner war skeptischer als ich, als eine Bühnenversion des recht verstaubten Hape Kerkeling-Filmes "Kein Pardon" in Düsseldorf angekündigt wurde. Und keiner war wohl überraschter als ich, gestern richtig gut gemachte Comedy zu erleben, mit einer Handlung die flotter wirkte als im behäbigen Film und von Enrico de Pieri und Dirk Bach großartig getragen wurde. Auch die neue Musik von Achim Hagemann und Thomas Zaufke konnte sich hören lassen. Richtig war vor allem die Entscheidung, die Handlung konsequent in den 80'er Jahren zu lassen, mit entsprechenden Kostümen und Frisuren. Dadurch umschiffte man das Problem des "Altbackenen" durch die seither komplett veränderte Fernsehlandschaft und konnte sich auf eine nostalgische Reise in die 80'er machen, als die Große Samstag Abend Show noch das TV-Highlight der Woche war, und die Showmaster-Moderatoren echte Stars. Auch der Kontrast des durch und durch spießigen Ruhrpott-Wohnzimmers der Schlönzkes in Bottrop mit der Glitzerwelt des Showbusiness funktionierte hervorragend und ließ Peters Träume von dieser Welt sehr realistisch wirken - auf eine sympathischere Art als die heutigen "irgendwas mit Medien machen"-Ambitionen verpeilter Mittelschichtsteenies und der Superstar-Ambitionen im Ghetto.
Mit Enrico de Pieri hat man einen Glücksgriff getan, der Hape Kerkeling nicht nur verblüffend ähnlich sieht, und hervorragend singt und spielt, sondern ein ganz großer Sympathieträger ist, den man von der ersten Sekunde an einfach mag. Und dieses ganz große Herz hebt "Kein Pardon" meinesachtens über die bisherigen deutschen Eigenproduktionen hinaus, wo durchweg unsympathische Egomanen wie Udo Lindenberg und die Karrieretussi in IWNNINY im Mittelpunkt standen oder reine Comedyfiguren wie Abahatchi und Ranger im "Schuh des Manitu". Auch die Schlönzke-Familie ist herrlich mitten aus dem echten Leben gegriffen und Iris Schumacher als Mutti Schlönzke ist köstlich, auch wenn sie im 2.Akt ein wenig zu tief ins Seifenoper-Geschluchze abgedrängt wird. Dafür darf Opa (köstlich: Wolfgang Trepper) es dann mit "Dat wär doch gelacht" mal richtig krachen lassen und sorgt für den letzten großen Lacher vor dem Finale.
Auf der Fernsehseite hat man die üblichen Klischees nicht ausgelassen (kaum wiederzuerkennen: Ex-Valjean Reinhard Brussman als chaotischer Regisseur) und die nervige "Käffchen"-Blondine hätten sie am besten ganz weggelassen, doch all das ist vergessen, sobald Dirk Bach als Heinz Wäscher auf der Bühne steht. Mir war die kölsche Kugel und Lachnummer vom Dienst nie sonderlich sympathisch, aber Ehre wem Ehre gebührt: Der Mann ist einfach grandios live auf der Bühne und das Publikum frisst ihm aus der Hand. Da ist mein einziger Kritikpunkt (an die Adresse der Regie) auch nur, dass Bach gezwungen wird, ein Abziehbild des Film-Wäschers Heinz Schenk zu präsentieren, komplett mit hessischem Akzent, statt ihn einfach Dirk Bach sein zu lassen. Aber vielleicht kann der gemeine Düsseldorfer keine drei Stunden Kölsch auf der Bühne goutieren.Das einzige Problem ist für mich die Figur der Ulla, die einfach nicht funktioniert. Im Film war Ulla ein wichtiger Bestandteil von Peters Emanzipation von seiner Familie und seine moralische Stütze, doch auf der Bühne wirken ihre beiden großen Szenen seltsam überflüssig. Hier steht eindeutig der Konflikt von Peter mit seiner Familie im Vordergrund und das Zusammenspiel zwischen ihm und Heinz Wäscher. Da kann auch die großartige Roberta Valentini, gestraft mit einer unsäglichen 80'er-Frisur, nichts retten. Die Ulla hätte man besser ganz streichen können.
Überhaupt ist das Stück mit drei Stunden Spieldauer um einiges zu lang und nachdem im 1.Akt ordentlich aufs Comedy Tempo gedrückt wurde mit einigen köstlichen Szenen, verliert der zweite Akt nach Heinz Wäschers großem Abgang mit "Lass Heinz ran!" extrem an Tempo und zieht sich. Mit dem Filmsong "Witzigkeit kennt keine Grenzen" hat man einen unsagbar nervigen aber sehr effektiven Ohrwurm in der Show, den die Leute beim Nachhausegehen gerne summen und Enrico de Pieris "Biene Maja"-Audition ist die Eintrittskarte schon fast alleine wert. Aber auch neue Nummern wie "Bottrop Beach", "Kein Pardon" und "Wild und frei" können sich hören lassen und machen Lust auf die CD. 
Wird die Show ein Erfolg? Das Publikum gestern war begeistert, doch das durch Gratis-Prosecco angezählte Premierenpublikum lässt sich nicht unbedingt mit den normalen Zuschauern vergleichen. Und auch der durchaus vergleichbare "Schuh des Manitu" - Filmvorlage großartig umgesetzt, schmissige Songs, tolle Darsteller - floppte heftig. Eine Prognose kann ich daher wirklich nicht abgeben. Und wer gerne die Nase rümpft über den hach so dummen normalen deutschen Spießbürger wird die Schlönzkes natürlich auch nur doof finden und Dirk Bach peinlich. Der möge dann seinen Sondheims treu bleiben und den Shows die besser sind, je weiter und teurer die Reise dorthin war. Aber wer einen flotten Abend mit großartigen Darstellern, netter Musik und gutgemachter Comedy erleben will, der ist bei "Kein Pardon" richtig, zumal sich die Preise in halbwegs akzeptablem Rahmen halten (abgesehen von unverschämten 15% Vorverkaufsgebühr!). Allerdings fürchte ich jetzt schon, dass Dirk Bach unersetzlich sein wird - also besser möglichst bald gehen.
Fotos: © mehr! Entertainment 2011
Danke für die lesenswerte Rezension (und den kleinen Seitenhieb auf Kevin aus dem muz-Forum - LOL).
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