Da das Schauspiel "Jerusalem" von Jez Butterworth für mich der Hauptgrund dieser Reise war, soll es auch entsprechend mit einer Besprechung gewürdigt werden. "Jerusalem" wurde 2009 am Royal Court Theatre uraufgeführt, der ersten Adresse in London um neue Stücke und Autoren zu fördern, und wurde dort ein solcher Erfolg, dass es sogleich für 12 Wochen ins West End transferierte. Dort wurde ich zwar darauf aufmerksam, doch mein aktueller Trip war bereits vollständig verplant, so dass mir nur der Kauf des Textbuches blieb - und dieses begeisterte mich so sehr, dass ich mich schon schwarz ärgerte, die Show nicht sehen zu können. Nach der mit Oliviers bekrönten Laufzeit in London, gingen Stück und Ensemble nach New York an den Broadway, wo ich es dann wieder nicht sehen konnte, weil mein einziger Tag in New York in diesem Jahr schon ausgebucht war. Frisch mit Tonys ausgezeichnet, kam es nun noch einmal ins West End zurück und diesmal wollte ich es mir garantiert nicht mehr entgehen lassen und so sass ich dann am Samstag endlich im Apollo Theatre vor dem kreativen Bühnenbild von Ultz mit (fast) echten Bäumen, zwischen denen der alte Trailer von Johnny "Rooster" Byron parkt.
Rooster ist ganz sicher eine der faszinierendsten Bühnenfiguren, die in den letzten Jahren geschaffen wurden, perfekt verkörpert von Mark Rylance, der zurecht alle erhältlichen Preise dafür abräumte. Ein moderner Puck, ein Waldgeist, der wilde Geschichten erzählt, aber auch ein Zigeuner und Außenseiter, zu dem die anderen Außenseiter des Dorfes flüchten um sich billig mit Drogen versorgen zu lassen. Ein Neubaugebiet in der Nähe will Rooster und seinen vergammelten Wohnwagen weg haben, doch die bisherigen Anordnungen des Kennet & Avon Council wurden ignoriert. Vor der Zwangsräumung des Geländes am Tag nach St.George's Day, dem größten englischen Feiertag mit Volksfesten landesweit, lässt es Rooster noch einmal krachen.
Autor Jez Butterworth kombiniert dabei geschickt die moderne Zwänge und zahllose unsinnige Regelungen zur allgemeinen Sicherheit mit dem Mythos des uralten Englands, in dem Waldgeister und Elfen lebten. Wie das Programm so schön feststellt, haben sich Wales und Schottland seit langer Zeit ihre uralte keltische Vergangenheit zu eigen gemacht, doch in England, dem Land von Avalon, der Druiden und Wayland the Smith geriet all dies in Vergessenheit. Natürlich haben Kritiker recht, wenn sie sagen, dass wir Rooster auf der Bühne toll finden, aber garantiert auch nicht hinterm eigenen Garten hausen wollen haben. Doch darum geht es meinesachtens auch nicht. Wir finden Rooster so toll, weil er der modernen überregulierten Gesellschaft den Mittelfinger zeigt und macht was er will, und dabei doch auch ein Herz für die anderen Außenseiter hat, die sich zu ihm in den Wald flüchten, wie die Teenies Tanya, Pea und Phaedra, die abdankende Mai-Königin. Der versponnene Lee, der am nächsten Morgen nach Australien auswandern will, sein zynischer Freund Davey, der in der Schlachtfabrik täglich 400 Kühe umbringt, und der geistig leicht verwirrte Professor, aber auch seine alten Freunde Ginger, der ewige Loser, und Wesley, der Pub Lord, der für das St.George's Volkfest als Morris Dancer zwangsverpflichtet wurde.
Das Stück lebt von ihrer Interaktion, von urkomischen Dialogen, tiefsinnigen Einblicken und von Roosters unglaublichen Geschichten. Doch schliesslich schleicht sich eine ernstere Note in die Geschichte, wenn Roosters Ex mit dem gemeinsamen Sohn auftaucht oder Phaedras Stiefvater auf der Suche nach dem Mädchen erscheint und von Rooster des Missbrauchs beschuldigt wird. Rooster kann nicht gewinnen; auch er wird den Weg aller englischen Waldgeister in die Vergessenheit antreten - doch bis dahin bietet er viel Stoff zum Lachen, Weinen und Nachdenken.
Neben Mark Rylances Bravura-Leistung in der Hauptrolle überzeugt auch das hochkarätige Ensemble, darunter "Pirates of the Caribbean"- und "The Office"-Star Mackenzie Crook als Ginger, als ewig geschlagener Loser der Konstrastpunkt zur unermüdlichen Energie von Rooster und am Ende sein einziger Freund. Als Pea ist nun Sophie McShera dabei, die gerade noch als Küchenhilfe Daisy in der zweiten Staffel von "Downton Abbey" im Fernsehen zu sehen war, und als Lee der Schauspieler und Sänger Johnny Flynn neben dem Großteil der Originalbesetzung. Ein großartiger Abend, an dem die über drei Stunden wie im Flug vergingen und ich das Theater am Ende so emotional erschöpft verließ wie im Sommer nach Kevin Spacey's brilliantem Richard III. am Old Vic Theatre. Ein emotionales Engagement dass ich in dieser Form schon seit Jahren leider nicht mehr bei Musicals empfinde und mich immer mehr zum Schauspiel hinzieht.

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