Montag, 28. November 2011

Das Letzte Einhorn - Theater am Aegi, Hannover

1982 erschien einer der schönsten Zeichentrickfilm aller Zeiten: “Das letzte Einhorn”, nach dem gleichnamigen Buch von Peter S.Beagle. Es war eine der ersten Videocassetten die ich damals besaß und mehrmals zuhause ansah, ehe der Film etwas in Vergessenheit geriet. Jahre später – da interessierte ich mich schon einige Jahre für Musicals – las ich Beagles Buchvorlage und dachte bei jedem Kapitel nur, wie perfekt die Geschichte um das letzte Einhorn für eine Musicalversion sein würde. Und als das Theater für Niedersachsen nun tatsächlich ein Musical aus der Feder von Christian Gundlach ankündigte, war mir auch der Weg nach Hannover nicht zu weit, um es zu sehen. 

Wer den Film wirklich nicht kennt: Eines Tages erfährt ein unsterbliches Einhorn in seinem Zauberwald, dass es das letzte seiner Art sein soll. Der bösartige rote Stier von König Haggard hat alle anderen Einhörner ins Meer getrieben, wo sie nur dem verbitterten alte König gehören. Das Einhorn macht sich auf den Weg, seine Artgenossen zu retten und findet dabei bald Freunde: Den unfähigen Zauberer Schmendrick, der es befreit, nachdem Mommy Fortuna das Einhorn für ihre Monster-Ausstellung eingefangen hatte, und die Räuberbraut Molly Grue, die von ihrem großkotzigen Ehemann die Nase voll hat. Als sie die düstere Burg von Haggard erreichen und der Rote Stier das Einhorn bedroht, verwandelt Schmendrick es in eine schöne junge Frau, die Lady Amalthea - in die sich Haggards romantischer Sohn Prinz Lir prompt verliebt. Während Molly und Schmendrick nach einer Möglichkeit suchen, den Roten Stier zu besiegen, scheint Amalthea immer mehr zu vergessen, wer sie wirklich ist und was sie hergeführt hat. Bis zur letzten Konfrontation mit dem Roten Stier. Das Ende ist bittersüß: Das wieder verwandelte Einhorn befreit seine Artgenossen und besiegt den Roten Stier, doch es muss Abschied nehmen von Lir, Molly und Schmendrick. 

Das große Problem einer Bühnenfassung ist natürlich die duale Rolle des Einhorns und der Lady Amalthea, bzw. einen Zweibeiner in einen Vierbeiner zu verwandeln, der nicht albern oder nach Panto-Pferd aussieht. In Hannover entschied man sich dafür, das Einhorn einerseits ein wenig vornübergebeugt gehen zu lassen, mit Armbewegungen die mich eher an “Cats” als an ein Pferd erinnerten, und andererseits die Akrobatikküste der Darstellerin Annika Dickel zu nutzen, die an Tüchern in der Luft hing und von oben die Jäger in ihrem Zauberwald beobachtete oder mit dem Stier kämpfte. Auch durfte sie nur als Amalthea einmal singen (ein schönes Duett mit Lir), während das Einhorn nur sprach.  Das funktionierte insgesamt ganz gut, auch wenn ich mir bei der Verwandlung eine größere Veränderung gewünscht hätte als lediglich das Horn auf dem Kopf verschwinden zu lassen, z.B. durch offene Haare. 

Die kleine Cast bestand aus insgesamt sechs Personen, die allesamt großartig spielten, auch wenn Frank Brunets Captain Cully mit Eyeliner und Rastazöpfen bei Jack Sparrow abgeschaut war und er in seiner zweiten Rolle als Haggard viel zu gutaussehend und vital für den verbiesterten alten Mann wirkte.  Jonas Hein als Lir schien aus Lothlorien ausgewandert zu sein, doch mit seinem hübschen Gesicht und langen blonden Haaren war er ein knuddeliger Prinz aus dem Bilderbuch für kleine Mädchen. Michaela Linck als Molly (mit einem früheren tollen Auftritt als Mommy Fortuna)  und Jens Plewinski als Schmendrick überzeugten mich ebenfalls und bewiesen wieder einmal, das deutsche Darsteller sich hinter den radebrechenden Importen der Großproduktionen nicht verstecken brauchte. Eine Sonderfunktion nahm Navina Heyne ein, die als “Puppenspielerin” Figuren wie den Schmetterling und vor allem den Roten Stier großartig zum Leben erweckte, und zugleich als Erzählerin die Gedanken des Einhorns mit dem schönen, mehrfach wieder aufgegriffenen “Auf deinem Weg” in Worte fasste. 

Im ersten Akt machte sich das knappe Budget schmerzhaft bemerkbar, wenn bei Mommy Fortuna’s Monstershow die Bühne fast leer bleibt und die Monster nur als Schatten hinter einem weißen Vorhang zu sehen sind und später Captain Cully’s Räuberbande ebenfalls unsichtbar bleibt.  Im zweiten Akt stört dies weniger, da Haggards Burg ohnehin düster und verlassen ist. Hier fehlte mir eher die allumfassende Melancholie, die den Zeichentrickfilm ausmachte, zusammen mit der traurigschönen Musik der Band America, die den preisgekrönten Soundtrack geliefert hatte. 
Auf die erste Szene, in der Schmendrick, Molly und Amalthea die Burg erreichen, folgt sogleich eine Szene, in der sich Lir bei Molly beklagt, dass er Amalthea nicht beeindrucken kann, und sie ihm “Das Herz einer Lady” auf witzig-flotte Art erklärt. Weder sehen wir, dass die Lady ihn auch nur ein einziges Mal zurückweist, noch den inneren Konflikt der Lady, die nicht weiß, wie sie die Einhörner retten soll und ihr wahres Wesen immer mehr vergisst, während sie sich immer mehr zum hübschn Prinzen hingezogen fühlt. Aber letztendlich ist es eine Familienshow, die vor allem Kinder begeistern soll, die darf man nicht mit Gefühl überfrachten. Einen einzigen bösen Patzer leistete sich die Regie nur ganz zum Schluss: Als der Rote Stier besiegt ist, und die Einhörner aufs Land zurückkehren, sind auf der Hintergrundprojektion weiße Pferde zu sehen. Das geht gar nicht. 

Als Low Budget-Produktion zu familienfreundlichen Preisen ist dem TfN mit dem “Letzten Einhorn” ein charmantes kleines Musical gelungen, das mit viel Fantasie, schönen Melodien und witzigen Texten begeistert. Und doch dachte ich ständig, wie großartig dieses Stück sein könnte, wenn nun ein Produzent das Geld in die Hand nehmen würde, daraus eine große Produktion mit üppigen Bühnenbildern und einem größeren Ensemble zu machen (und die Show mit 2-3 zusätzlichen Songs und großen Ensemblenummern von 100 Minuten auf 120-150 Minuten zu erweitern). Da ist es einfach nur ärgerlich, dass die Stage Entertainment lieber Amerikanern etliche Millionen nachwirft um die “Rocky”-Franchise auf der Bühne auszuschlachten, statt talentierte Komponisten wie Christian Gundlach zu fördern und mit einem ambitioniertem Theater wie den TfN und seiner Musicalabteilung zusammenzuarbeiten um neue Stücke wie das “Letzte Einhorn” zunächst regional klein aufzuführen und Schwächen auszubessern, ehe es in größerer Fassung an ein Stage Entertainment-Haus geholt wird. Bis dahin bedanke ich mich beim TfN für diesen schönen Nachmittag in Hannover und für die Erfüllung eines 20 Jahre alten Traumes :)



Fotos: © Theater für Niedersachsen 2011

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