Dienstag, 25. Oktober 2011

"Masada - the Musical" - ein Rückblick

Vor vielen Jahren, als die Schluchzopern mit ihren vielen Herzschmerz-Balladen, überlebensgroßen Gefühlen und üppigen Bühnenbildern ihre größte Zeit erlebten (eine Zeit, die gerade im deutschsprachigen Raum bis heute die Erwartungen der Musicalfans prägt), brachte der von mir sehr geschätzte Andreas Luketa, damals noch Hauptrezensent von Musical-CDs für die “musicals”, eine Lobeshymne auf die israelische Produktion “Masada”, die als Doppel-CD auf englisch mit namhaften Broadwaysdarstellern erschienen war. Da ich zu jenem Zeitpunkt die Herzschmerz-Stücke schon reichlich über hatte und mich die Thematik damals gar nicht interessierte (Kurzfassung: Knapp tausend jüdische Rebellen begehen in der Bergfestung Masada lieber kollektiv Selbstmord als sich den bösen Römern zu ergeben, die die Festung stürmen), ließ ich “Masada” vollständig an mir vorübergehen. 

Aus der geplanten Broadwayaufführung wurde ohnehin nichts und das Stück verschwand jahrelang in der Versenkung, bis es 2008 unter dem Titel “Imagine This” auf einmal in London auftauchte und im New London Theatre ganze sechs Wochen zu sehen war. Vom originalen Thema – der Masada-Legende – war da jedodch schon nicht mehr viel übrig geblieben. Die Handlung war ins Warschauer Ghetto im 2.Weltkrieg verlegt worden, wo sich nun eine Gruppe Juden daran macht, die Masada-Legende als Stück im Stück aufzuführen und daraus Hoffnung zu schöpfen. Wie ein Stück, das mit dem kollektiven Selbstmord der Helden endet, den Juden im Ghetto Hoffnung geben soll, ist mir ebenso rätselhaft wie der neue Titel, unter dem man sich leider gar nichts vorstellen kann. Titel, Thema und Umsetzung stießen dann auch auf entsprechend wenig Gegenliebe und das Stück floppte heftig. 

Wer heutzutage als Tourist nach Israel reist und sich nicht nur auf religiöse Stätten fixiert um z.B. in den Spuren von Jesus durchs heilige Land zu ziehen, kommt an einer Besichtigung von Masada kaum vorbei. Die Bergfestung liegt am südwestlichen Ufer des Toten Meeres, so dass sich eine Tagestour dorthin sehr gut mit einem Stopp an einem der Strände verbinden lässt, wo man sich wie ein Schwein im gesunden Schlamm des Toten Meeres suhlen kann. Masada wurde erst 1963-65 vom israelischen Archäologen Yigael Yadin ausgegraben und vom jungen israelischen Staat schnell als Mythos verklärt. Dabei ist heute ziemlich sicher, dass sich der jüdisch-römische Geschichtsschreiber Josephus Flavius, der als einziger die Belagerung der Römer dokumentierte, die Geschichte vom kollektiven Selbstmord fröhlich aus den Fingern gesogen hat. Trotzdem wurde Masada schnell zu einer der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Israels und für viele Jahre wurden junge israelische Soldaten den Berg hinaufgescheucht um oben ihren Eid zu leisten, zu dem auch gehörte, dass “Masada nie wieder fallen dürfe”. Heute nehmen die unzähligen Touristen lieber die bequeme Seilbahn hinauf, oder nutzen die römische Rampe auf der anderen Seite. Doch der traditionelle Aufstieg über den Snake Path, der sich am Berg entlang hochwindet, ist ein spannendes Erlebnis mit traumhaften Aussichten. Soweit die Geschichte. 

Ich hatte fest erwartet, dass sich das mittlerweile sehr rare “Masada”-Doppelalbum im Souvenirshop finden würde, doch dem war nicht so. Sound of Music bietet es als Collectors Item für 149 Euro an, was es mir nun wirklich nicht wert war. Doch zum Glück bot es jemand bei Amazon gebraucht für ganze 10 Dollar an, so dass ich nun zwanzig Jahre nach der Hype doch noch glücklicher Besitzer der Originalfassung wurde. Glücklich? Naja. Komponist Shuki Levy, der in den 80’er Jahren u.a. die unglaublich eingängigen Titelmelodien der Seifenopern “Dallas” und “Denver” schrieb, hat in der Tat zahlreiche schöne Melodien erschaffen, die oft an Les Mis erinnern, aber auch als mitreißende Filmmusik gut funktionieren (und auf der CD vom Symphonieorchester Moskau schön üppig intoniert werden). Leider fallen die banalen Songtexte und das Buch der US-Soap-Darstellerin Shell Danielson stark ab und machen das Anhören der CDs zu einem zwiespältigen Vergnügen. 
Das Stück ist mit schmalzigen Liebesgeschichten überfrachtet und einer entsprechenden Vielzahl von Duetten, von denen sich einige später in “Imagine This” hinüber gerettet haben, darunter das schöne “If Tomorrow never comes” und “Somewhere in the Night”. Interessant ist jedoch nur die Geschichte der Überläuferin Tamar, die die jüdischen Rebellen von Masada verlässt um mit dem römischen General Silva anzubandeln, der entsprechend als Weichei präsentiert wird. Der Handlungsstrang um die hach so glücklichen jungen Liebenden Shem und Ruth wirkt gequält als Tearjerker konstruiert, da man als Zuhörer/Zuschauer ja weiß, dass sie das Stück nicht überleben. "The Wedding" und das implizierte "jetzt schlafen wir einmal miteinander und bringen uns dann um" ist eher peinlich als bewegend. Richtig toll wird “Masada” vor allem in den großen Ensemble-Nummern wie dem Act One Finale “My Jerusalem”, das mit “One day more” locker mithalten kann, und in Eleazars Solo "I never asked", das an Jesus' ähnlichen Monolog in "Gethsemane" erinnert.  Trotzdem glaube ich, dass “Masada” auf den Musicalbühnen eine weitaus bessere Chance gehabt hätte, wäre Levy seiner Erzählung treu geblieben, ohne sie mit dem Ghetto-Stoff zu verbinden. Eine Legende aus dem Jahr 70 n.Chr. ist für die meisten Zuschauer nunmal leichter zu verdauen als die Tragödie des 2.Weltkrieges und des Holocaust, die noch immer sehr frisch in der Erinnerung ist und die man nicht als Musical trivialisiert sehen will. 

Dass die Legende einen hervorragenden Stoff abgibt, bewies die großartige Miniserie von 1981, die sich vor allem auf den Konflikt zwischen dem römischen General Flavius Silva (Peter O’Toole) und dem jüdischen Rebellenführer Eleazar ben Yair (Peter Strauss) konzentrierte, mit als einziger Liebesgeschichte der wesentlich weniger schmalzigen Nebenhandlung um die Jüdin Sheva (Barbara Carrera), die Silvas Zelt teilt. Vielleicht unternimmt Levy ja noch einmal einen Anlauf, sein Originalwerk gründlich überarbeitet auf die Bühne zu bringen, vielleicht sogar vor Ort in Masada, wo immer wieder Open Air-Vorstellungen gegeben werden. Die damalige Hype im Fahrwasser von Les Mis und Co kann ich weiterhin nicht nachvollziehen und ich würde auch niemandem raten, die unsinnigen Collector’s Item-Preise im Internet zu bezahlen, aber jenseits von “Imagine This” ist das Stück durchaus eine Entdeckung wert.

1 Kommentare:

  1. Ich hatte das "Vergnügen" Imagine This damals in London zu sehen und bin froh, hier nochmal die Vorgeschichte des Stücks erzählt bekommen zu haben. Es war in meinen Augen ein Desaster, weil es schlichtweg überfrachtet war mit Symbolismen, Geschichten in der Geschichte, Pathos und vor allem einer nicht enden wollenden Portion Langeweile...Ich kann mich an keines der Musikstücke erinnern, ich glaube, da waren ein paar Perlen dabei. Aber wie man auf die Idee kam, eine komplexe historische Fabel mit einer anderen fast noch schwerer verdaulichen historischen Begebenheit zu verbinden, ist mir bis heute schleierhaft. Völlig in Ordnung, dass es damals so schnell von der Bildfläche verschwand. Mich juckt es in den Fingern, mal ins Original Masada reinzuhören (aber nicht zu dem Preis), Imagine This kommt bei mir aber sicher nie mehr in einen CD-Player oder iPod. Danke trotzdem an den Autor für die guten Infos.

    AntwortenLöschen