Samstag, 13. August 2011

"Kein Pardon" - eine Filmkritik

Was tut man nicht alles, wenn einen das Sommerloch zu Tode langweilt und auch das Wetter nicht mitspielt? Man kann sich natürlich mit den DVD-Boxsets von großartigen HBO-Shows auf dem Sofa einquartieren... oder aber ein bisschen Research in Sachen Musical betreiben. Denn auch wenn sich die deutsche Fanhysterie ausschliesslich auf Rebecca in Stuttgart konzentriert, haben schliesslich noch andere Musicals in der kommenden Saison Premiere. Eines davon ist die Bühnenfassung des Kerkeling-Films "Kein Pardon", den der potenzielle Stage Entertainment-Konkurrent "mehr!" in Düsseldorf ins Capitol Theater bringt. Also denkt sich der geneigte Musicalliebhaber, "schaun mer mal" und schiebt die DVD des Filmes in den Laptop.

Bereits nach einer Viertelstunde wird schmerzhaft klar, dass wir es mit einem Dinosaurier zu tun haben, der nach 18 Jahren mit der Realität nichts mehr zu tun hat. "Kein Pardon" erschien 1993 als die Privatsender allmählich begannen sich durchzusetzen und "seriös" wurden. Schon in jenem Jahr musste "Kein Pardon" wirken wie ein nostalgischer Abgesang auf die 70'er und 80'er Jahre, in denen die öffentlich-rechtlichten Platzhirsche ARD und ZDF alleine für die deutsche Unterhaltung sorgten und die Showmaster der großen Samstag Abend-Unterhaltungsshows wie Kulenkampff, Carell und Elstner Superstars waren.
Während sich die Fernsehlandschaft in den 90'er Jahren allmählich fragmentierte, blieb in den 00'ern gar nichts mehr von ihr übrig. Statt den solide-spießigen Showmastern, die in "Kein Pardon" in der Figur des Heinz Wäscher (gespielt vom echten Showmaster Heinz Schenk) parodiert wurden, standen nun geschniegelte Bübchen vor der Kamera die irgendwie alle geklont wirkten, begleitet von genauso austauschbaren Blondinen mit Plastikbusen. Und über allem schwebte mit Dieter Bohlen ein Mann, der es trotz prolliger Sonnenbankbräune und gefärbten Haaren als Ekelpaket zum Superstar gebracht hatte. Auch die Fernsehwelt selbst, die ich selbst mehrere Jahre aus der Nähe betrachten durfte, hat sich in dieser Zeit unglaublich gewandelt vom einst grundsoliden steuerfinanzierten Betrieb der Öffentlich-Rechtlichen zur heutigen Hype, in der sich Heerscharen von Praktikanten darum drängeln "irgendwas mit Medien" zu machen oder sich gleich zum Superstar berufen fühlen.
Und selbst diese Hype hat ihren Zenith längst überschritten und die neue Realität der 10'er-Jahre ist die weitere Fragmentierung des Fernsehkonsums, in dem immer mehr Menschen über das Internet ihre gewünschten Programme beziehen und die Glotze selbst auslassen. Sobald die letzte Hemmschwelle gefallen ist - die mittlerweile unerträgliche Einschränkung der Programme auf nationale Grenzen, die ohnehin über Proxy-Server, Torrents und DVD-Importe längst immer häufiger umgangen wird - dürfte das Fernsehen in seiner jetzigen Form ohnehin Geschichte sein.


So wirkt einfach alles bei "Kein Pardon" altbacken - wenn man beim Casting für "Witzischkeit kennt keine Grenzen" eine Hausfrau jodeln sieht, denkt man unweigerlich an prollige Goldkettchenträger mit gegelten Haaren, die sich zum nächsten Bushido berufen fühlen, wenn man die gepflegte Langeweile von Showtreppe, Glückshase und langbeinigen Tänzerinnen der Show sieht, an das Laser-Licht-Effekte-Brimborium, das heute aus Ossendorf aufs Land losgelassen wird... und wenn man einen lahmen Gag von Heinz Wäscher als "Busengrabscher" auswalzt, denkt man an Dieter Bohlens zahlreiche blondierte Gefährtinnen, die dank Sex, Chuzpe und der BILD-Zeitung selbst zu Pseudo-Sterchen mutiert sind.

Das heisst natürlich nicht, dass die heutige Fernsehlandschaft nicht genauso eine hervorragende Vorlage für beißende Persiflagen abgibt - im Gegenteil, manches schreit sogar danach. Aber um "Kein Pardon" auch nur annährend relevant zu machen, müsste soviel umgeschrieben werden, das von der Filmvorlage nichts mehr übrig bleibt. Da muss man sich doch fragen - was soll das eigentlich? Wer hatte die glorreiche Idee, einen 18 Jahre alten Film, der links und rechts von der Wirklichkeit überholt wurde, für ein Musical auszumotten? Selbst das in den 60'er Jahren angesiedelte "Hairspray" wirkt da noch relevanter als "Kein Pardon". Ich lasse mich gerne eines anderen belehren, aber im Moment kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass das Musical irgendwie funktionieren könnte.

1 Kommentare:

  1. Gute Überlegungen, danke. Dann sind wir mal gespannt auf das Musical!

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