"Jumping the Shark" heisst es im Hollywood Jargon, wenn eine TV-Serie oder Franchise ihre beste Zeit hinter sich hat und es mit Qualität und Quote rapide abwärts geht. Manche Serien schaffen den Absprung vorher und hören auf, solange sie noch gut sind, andere schleppen sich noch durch eine oder mehrere Staffeln mit stetig sinkenden Zuschauerzahlen. Das Kunststück, bereits in der 2.Staffel über den Hai zu springen, gelingt jedoch nur selten: Ryan Murphy ist es bei "Glee" jedoch grandios gelungen. Zumindest ist dies der Eindruck, den ich bekommen habe.Ein kleiner Rückblick: Als "Glee" Premiere hatte, war die Hype gross, auch in der Musical-Gemeinde. Im Gegensatz zum unsäglich banalen High School Musical, kam "Glee" relativ erwachsen daher und wagte sich auch an Themen wie das Mobbing von hässlichen/dicken/schwulen Schülern, umfasste behinderte Menschen und alternative Lebensstile. Dazu kamen tolle Aufbereitungen von Songs aus unterschiedlichen Genres, einschliesslich vieler Showtunes und für Musicalfans ein wahres Stelldichein an Broadway-Stars von Newcomern wie Lea Michele und Jonathan Groff zu etablierten Stars wie Matthew Morrison, Kristin Chenoweth, Idina Menzel und Cheyenne Jackson. Da konnte man auch darüber hinwegsehen, dass etliche der "Schüler" nur mit Hilfe von Autotuning Songs halbwegs unfallfrei über die Bühne brachten (wobei man sich ansichts der Masse an jungen Musicaldarstellern fragen muss, warum eigentlich?).
Leider wurde jedoch auch bald klar, dass sich die Handlungsstränge von "Glee" nur für Comedy eigneten - sobald man versuchte, die Show halbwegs ernst zu nehmen, war man angesichts von Unsinn wie Terry Schuester's gelogener Schwangerschaft und Sue Sylvester's Intrigen gegen den Glee Club hoffnungslos verloren. Was eigentlich schade war, denn es gab immer wieder wirklich bewegende Momente, die das Potenzial dieser Serie als "Anwalt der Minderheiten" zeigte. Ein unvergessenes Highlight war für mich Amber Riley's Cover von Christina Aguilera's "Beautiful" in einer Episode, die den Schönheits- und Schlankheitswahn der heutigen Zeit thematisierte.
Leider zeigte die 2.Staffel dann eine schreckliche Ideenlosigkeit - das muntere Ringelreihen des Glee Clubs in Sachen Beziehungen ging weiter, bis es wirklich niemanden mehr interessierte, wer nun mit wem zugange war, andere Figuren, die einst spannend anfingen (Kurt's bewegendes Coming Out gegenüber seinem Vater) wurden zu lächerlichen Karikaturen und Figuren, die schon als Karikaturen anfingen (wie die unsäglich dumme Brittany, die immer für einen One-Liner gut war) wurden in keine Richtung weiter entwickelt. Ein Hoffnungsschimmer bot noch die Ankündigung von Ryan Murphy, dass die heutigen Darsteller am Ende der 3.Staffel allesamt ihren Abschluss machen und die High School verlassen würden - ein gründliches "Reboot" der Serie mit frischen Gesichtern hätte eine neue Chance bedeutet. Stattdessen sollen die Stars wie Lea Michele und Cory Monteith nun weiterhin dabei sein - gerade in Lea Michele's Fall eine seltsame Entscheidung ihrerseits, sich auf Jahre an die unsägliche Persona Rachel Berry festzubinden statt ihren "Namen" nun zu nutzen um sich als Broadway Leading Lady zu etablieren.
Vor allem heisst dies wohl auch, dass FOX "Glee" weiterhin melken will, über die 3.Staffel hinaus, auch wenn ich mich angesichts der Ideenlosigkeit der 2.Staffel jetzt schon frage, was denn noch passieren soll, außer weiteren Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen zwischen den Glee Club-Mitgliedern. Aber solange die "Gleeks" weiterhin fleissig jedes noch so belanglose Liedchen von iTunes downloaden und man die Franchise zwischen den Staffeln mit überteuerten Live-Konzerten melken kann (die dann wiederum im Kino ausgestrahlt werden, natürlich in 3D um die Tickets noch ein bisschen teurer machen zu können, und als DVD vertickt werden) und nebenbei noch ein bisschen Plunder verkauft, solange wird man die Kuh auch noch melken. Damit ist "Glee" leider nur noch ein Beispiel für die heutige Verwertungskette einer erfolgreichen Franchise. Qualität spielt dabei keine Rolle mehr.
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