Schon wieder eine Film-Adaption, mag man denken. Aber irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass man hier mit mehr Sachverstand für das Genre Musical am Werk war - dafür garantieren wohl schon die Namen George Stiles, Anthony Drewe und Cameron Mackintosh. Jedenfalls zündete das skurrile Musical um Schweinchen Betty bei mir wesentlich mehr als "Ghost" vor zwei Tagen.Basierend auf dem Film "A Private Function" aus dem Jahr 1984 erzählt das Stück einen Schwank aus dem Jahr 1947, dem Jahr der königlichen Hochzeit von Prinzessin Elizabeth, der späteren Queen. Nach dem Krieg war das Essen noch streng rationiert und allerortens hieß es Gürtel enger schnallen. Das hindert die lokalen Schwergewichte nicht daran, ein Schwein heimlich zu mästen um es zu Ehren der königlichen Hochzeit zu schlachten. Blöd nur, dass ihnen das Ehepaar Chilvers auf die Spur kommt, der täppische Gilbert und seine Frau Joyce, die nur eines im Kopf hat: Den sozialen Aufstieg. Während die beiden im Film (gespielt von Maggie Smith und Michael Palin) recht zweidimensional daherkamen, bietet das Musical eine großartige Gelegenheit ihre Charaktere wirklich zu vertiefen (etwas, das ich bei "Ghost" vermisst habe, wie mir dann klar wurde). So entblättert Joyce bei "Nobody" nicht nur ihr Innenleben sondern darf in "Lionheart" auch auf die sie prägenden Kriegsjahre und das Kennenlernen von Gilbert zurückblicken. Auch dieser hat mit "The kind of man I am" einen großartigen Song und Reece Shearsmith und Sarah Lancashire sind beide wirklich hervorragend.Wenn Sarah Lancashire, die quasi die ganze Show trägt und der im Film eher unsympathischen Joyce eine ganz neue Qualität verleiht, in dieser Saison nicht mit dem Olivier nach Hause geht, dann weiß ich es nicht.
Auch die Farce, die im Film eher gemächlich daher kommt, wird live genüsslich und herrlich komisch ausgespielt, vor allem in "Pig No Pig". In den Nebenrollen glänzen Adrian Scarborough als Inspector Wormworld, der das Einhalten der Rationierung überwachen soll und dem versteckten Schwein auf der Spur ist und Ann Emery, die nach der Grandma in "Billy Elliot" schon wieder eine geistig nicht mehr ganz fitte alte Dame spielen muss und dies herrlich komisch tut.
Die Musik ist insgesamt typisch Stiles/Drewe und auf mich wirkte das Musical auch gar nicht darauf angelegt, dem großen Touristen-Mainstream zu gefallen (worauf "Ghost" wohl abzielt) - dafür ist die Geschichte viel zu englisch mit skurril-exzentrischen Charakteren, wie es sie nur in englischen Komödien gibt. Ich vermute daher eher, dass sich das Stück bald nicht nur auf Tournee befinden wird, sondern vor allem von Am Dram-Companies landauf landab nachgespielt werden wird, genau wie der bisher größte Hit von Stiles/Drewe "Honk!". Trotz Samstag Matinee war das Theater nur gut halbvoll; der 2.Rang und Balcony waren geschlossen. Schade, wenn "Betty" kein allzu langes Leben beschieden ist - für mich war es perfekt gelungene Unterhaltung.
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