Die verrücktesten Ideen erweisen sich manchmal als die besten. In diesem Fall ergab sich für mich das Luxusproblem, das es keine direkten Verbindungen nach und von Florida gab, die mir in den Kram passten und ein Umstieg an einem der typischen Hubs nötig wurde. Und wenn man eh schon umsteigen muss - warum dann nicht dafür sorgen, dass dies in New York passiert und nicht in so aufregenden Metropolen wie Atlanta oder Charlotte? Und dann auch gleich noch eine Übernachtung in New York einschieben für einen Abstecher zum Broadway? Ziel der Mission war zunächst "Spiderman", das zur Zeit meiner Reisebuchung noch nicht mal die ersten Previews absolviert hatte und noch niemand das sich entwickelnde Chaos ahnte. Und trotz aller Häme, die sich in den letzten Monaten über das Stück ergoss: Ich finde es nach wie vor gut, dass man hier etwas neues und aufregendes probiert hat - und neue Wege gehen ist immer schwieriger als das 7.Jukebox-Musical, die 8.Adelsschmonzette oder den 9.Filmabklatsch uninspiriert auf die Bühne zu werfen. Aber mehr dazu später. Schwierige Reiseplanung sorgte dafür, dass nur der Sonntag als Stopover in Frage kam und die meisten Shows am Broadway spielen an diesem Tag nur eine späte Matinee. Doch die Musen waren mir hold: Das zweite Stück, das mich in dieser Saison sehr interessierte - "The Book of Mormon" - spielte zwei Vorstellungen, so dass es tatsächlich drin war, gleich nach dem Spinnenmann auch noch die Mormonen zu sehen. Und schon nach den ersten begeisterten Kommentaren im Internet ahnte ich, dass es mit Discount-Tickets schwierig werden würde und sicherte mir lieber (zum ersten Mal seit langem) eine Vollpreiskarte vorne im Parkett für stolze $137. Eine Entscheidung die ich nicht bereute als der Vorverkauf so richtig anzog und höchstens noch Premiumtickets zu haben waren. Soweit die Vorgeschichte.
Nun also die Shows selbst: Spiderman 2.0, Matinee um 15.00 Uhr, das riesige Foxwoods Theater ist sehr gut gefüllt und leider auf Kühlschranktemperatur klimatisiert. Die Plätze in der 1.Reihe des Balcony erweisen sich als Glücksfall: Für $97 hat man großartige Sicht auf die Bühne, die Flugszenen und zweimal landet Spidy sogar vor meiner Nase. Etwas mulmig wird mir, als es um 15.10 Uhr noch immer nicht losgegangen ist und jemand in Zivil mit Mikrofon in der Hand auf der Bühne erscheint. Was geht? Immerhin: Keine Showabsage, nur eine Entschuldigung, dass es Probleme gab, zwei Leute ausgetauscht werden mussten und dass es gleich losging.Nun fehlt mir natürlich der Vergleich mit Version 1.0, aber der 1.Akt plätschert relativ harmlos dahin mit der einzig nennenswerten Nummer das gut choreografierte "Bullying by Numbers" das Peter Parker als gehänselten Nerd in der Schule vorstellt. Richtig in Fahrt kommt die Show dann bei der großen Nummer "Rise Above" in der sich Peter zur Karriere als Spiderman entschließt - nur um dann zum totalen Stillstand zu kommen, weil die Technik nicht funktionierte. Zwar ging es nach fünf Minuten dann weiter, aber da war das Tempo schon aus der ersten tollen Flugnummer raus und kommt auch bis zur Pause nicht mehr in Gang. Auch der zweite Akt braucht lange bis er in Schwung kommt - die erste Nummer des Green Goblin "A freak like me" nervt nur und das folgende schöne Duett "If the world should end" von Peter und Mary Jane ergibt hier irgendwie wenig Sinn. Dann wiederholte sich das Muster aus dem 1.Akt: Mit dem tollen Song "The boy falls from the sky" nimmt die Show nochmal Fahrt auf - und kommt wieder zum Stillstand, als die Technik beim Green Goblin vor dem finalen Zweikampf in der Luft nicht mitspielte. Patrick Page versuchte zwar das Publikum mit Mätzchen zu unterhalten, während die Techniker an seinen Seilen arbeiteten, aber das passte nun auch nicht wirklich zum monströsen Superschurken.
Letztendlich bleibt festzustellen: Irgendwo in dem ganzen Chaos ist eine gute Show versteckt - aber so wie sie jetzt ist, kann man "Spiderman" nur als Enttäuschung bezeichnen (und ich frage mich, ob die Taymor-Version die Arachne in den Mittelpunkt stellte, vielleicht doch besser funktioniert hätte). Die wirklich guten Songs kann man einer Hand abzählen und das ist einfach zu wenig für ein Team wie "Bono & The Edge" wenn man ihre langjährigen Hits für U2 betrachtet und die Geschichte funktioniert einfach nicht flüssig. Das mag auch an den beiden Pannen gelegen haben, aber für mich war zuviel dabei war, das die Handlung nicht vorwärts brachte und zuwenig, das wirklich half, den Figuren Tiefgang zu verleihen. Die Technik - soweit sie funktionierte - war grandios, doch wenn man z.B. an "Starlight Express" oder auch "Lord of the Rings" denkt, fragt man sich schon, was hier nun derartig viele Millionen verschlungen haben soll. Die Flugszenen - so toll sie auch waren wenn sie richtig funktionierten - könnens kaum gewesen sein.Die Darsteller taten was sie konnten mit dem Material: Reeve Carney ist ein Sympathieträger als Peter Parker mit gefälliger Rockstimme und Jennifer Damiano eine hübsche zweckdienliche Mary Jane Watson, die zweidimensional bleibt. Gerne mehr gesehen hätte ich von Arachne, T.V. Carpio, mit großer Stimme und den besten Momenten. Ich persönlich fand es auch gut, dass das Feeling der Comic-Bücher erhalten blieb mit comichaft gezeichneten Bühnenbildern und "bang!"-Lautmalerei, aber es ist fraglich, ob man damit ein großes Publikum jenseits der Comic Book-Nerds erreicht (und diese geben lieber $100 für ein rares Comicheft aus als für ein Musicalticket). Zu wünschen wäre, dass es sich wirklich noch um Out-of-Town-Tryouts handeln würde, die noch komplett geändert werden könnten. Aber nach allem was war, wird man nun die neue Premiere wohl durchziehen müssen. Ich denke, die Show wird sich einige Jahre redlich halten und vor allem von den Touristen leben, aber der große Wurf ist sie wirklich nicht geworden. Schade.
Besonders krass wurde der Unterschied deutlich, als ich nur eine gute Stunde später im Eugene O'Neill Theatre Platz nahm um den Hit der Saison zu sehen: "The Book of Mormon" von Trey Parker, Matt Stone und Robert Lopez. Hier wurde vor allem wieder mal klar wie wichtig ein gutes und durchdachtes Buch für ein Musical ist, wo jede Szene und jeder Song der Handlung dienen und der Zeichnung der Protagonisten. Da gab es keine Längen, keine überflüssigen Nummern und schon gar keine Langweile: Von der ersten Sekunde zündet das (oft recht vulgäre) Gag-Feuerwerk und doch versinkt die Show (anders als z.B. "Spamalot" mit dem es manchmal verglichen wird) nie in Albernheit. Dafür sorgen die grandiosen Sympathieträger Andrew Rannells und Josh Gad als ungleiches Missionarspaar, das es ins vom Bürgerkrieg zerrissene Uganda verschlägt um dort das "Buch Mormon" an die Afrikaner zu bringen und sie zum Konvertieren zu verlocken. Ein bisschen Hintergrundwissen um diese uramerikanische Religion und den selbsternannten Propheten Joseph Smith hilft zwar, ist aber auch nicht nötig, da das Stück die Essenz in herrlich komischen Rückblicken selbst erklärt.
Viel mehr von der Handlung zu verraten, hieße, zuviele köstliche Gags zu verraten, daher sei nur soviel gesagt: Wer keine Chance hat, die Show live zu sehen, sollte unbedingt zur CD greifen. Denn erfreulicherweise kann auch die Musik für sich genommen überzeugen mit durchweg gelungenen Songs und mitreißenden Ensemblenummern wie das schon berühmt gewordene "Hasa diga eebowai" und das mit herrlicher Inbrunst gesungene "I believe" in dem sich Elder Price in den Kopf setzt, den örtlichen Warlord zum Mormonentum zu bekehren...Trotz allem Humor gibt es auch immer wieder kurze ernste Momente, die für Dramatik sorgen und helfen, die Figuren ernst zu nehmen, wenn es z.B. zum Streit zwischen Price und Cunningham kommt oder Nabalungi erfährt, dass Cunningham es bei seinen Schilderungen der Mormonenlehre mit der Wahrheit nicht so eng gesehen hat. Den Autoren ist hier das rare Kunststück gelungen wirklich genau den richtigen Ton zwischen zum Quietschen komischer Satire und ernsthaft-dramatischen Momenten zu treffen, so dass man sich zwar köstlich über die Protagonisten amüsiert, aber zugleich mit ihnen mitfühlt. Neben den beiden Stars überzeugte vor allem Nikki M. James als Nabalungi mit ihrem ansteckenden Enthusiasmus für "Sal Tlay Ka Siti", das scheinbare Paradies auf Erden, doch eigentlich waren alle Darsteller so grandios, dass es nicht fair wäre, einige herauszuheben. Als Tony-Gewinner würde ich mir letztendlich Andrew Rannells wünschen, dessen Elder Price einfach die interessantere Geschichte erlebt und der den anfangs aalglatten All-American-Boy unglaublich überzeugend auf eine Achterbahn der Gefühle schickte, während Josh Gad's Elder Cunningham im Grunde der gleiche moppelige Chaos-Sidekick ist, den es auch in fast jeder Hollywood-Komödie gibt (und sollte das Musical verfilmt werden, würde die Rolle von einem jungen Jack Black gespielt werden)
Ich war nachher nur noch heilfroh, dass ich verrückt genug gewesen war, diese Abendvorstellung noch gleich hinter "Spiderman" einzuschieben und dieses großartige Stück erleben zu dürfen. Natürlich wäre ich gerne noch länger am Broadway geblieben - auf der Musicalseite hätte ich gerne noch "Catch me if you can" und "How to succeed..." mitgenommen (wo ich jedoch noch stark auf einen London-Transfer hoffe) und vor allem die Chance genutzt, die derzeit unglaublich stark besetzten Schauspiele zu sehen, darunter "House of Blue Leaves" mit Edie Falco, "The Normal Heart" mit Jim Parsons, "Born yesterday" mit Robert Sean Leonard, "Bengal Tiger at Baghdad Zoo" mit Robin Williams und natürlich "Jerusalem" mit Mark Rylance, das ich nun zum zweiten Mal verpasse. Sei's drum, ich bin schon froh, dass dieser Abstecher möglich war um die beiden Musicals zu sehen, die ich unbedingt sehen wollte. Dafür hat es sich gelohnt!
Das hört sich alles sehr schön an. Da wäre ich gerne mit dabei gewesen. Habe schon einiges gutes darüber gehört.
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