Donnerstag, 12. Mai 2011

Schocker aus London - muß "Dress Circle" schließen?

Kaum ein London-Reisender, der wohl noch nicht bei Dress Circle in der Monmouth Street eingekauft hat: Der kleine, herrlich vollgestopfte und altmodische Laden ist eine Institution im Theatreland und erste Anlaufstelle für obskure Cast Aufnahmen und Merchandising. In letzter Zeit hatte man auch immer öfter West End-Stars in den Laden geholt um neue Solo-CDs oder Cast-Aufnahmen mit Signierstunden und gesanglichen Kostproben zu promoten. Doch dies scheint heutzutage nicht mehr zu reichen. Wie "The Stage" in der heutigen Ausgabe schrieb, ist der Laden nun von der Schließung bedroht. Eine heftige Mieterhöhung und insgesamt steigende Kosten einerseits, magere Absätze andererseits - das konnte nicht mehr gutgehen. Diese Erfahrung musste vor einigen Jahren auch Footlight Records in New York machen.

Besitzer Murray Allan schiebt es im Interview auf fehlende neue Cast Recordings in London, u.a. von "Hairspray" oder "Priscilla" und auf fehlende Merchandise-Artikel. Doch das dürfte nur die halbe Wahrheit seit, oder vielleicht sogar nur ein Viertel. Dazu kommt meines Erachtens:

1. Das Internet. Damit muß man noch nichtmal die böse Piraterie meinen, auch wenn sicher hinzukommt, dass Musicalfans CD-Kopien nun problemlos als mp3 durchs Web an Freunde verschicken können. Aber auch die günstigeren Preise bei Amazon & Co. und die einfachen Downloads bei iTunes dürften einen sehr großen Teil dazu beitragen. Auch ich bekenne mich schuldig, dass ich bis auf einige "Spezialitäten" lieber bei HMV für £9,99 gekauft habe als bei Dress Circle für £14,99 oder bei iTunes nur die 2-3 "Sahnestücke" aus einer CD für £1,50 erworben habe, wenn der Rest eh wieder nur Klangbrei, Reprises und ähnliche Füller waren.

2. Marktsättigung. Anders als z.B. "Sound of Music", die lieber auf andere Genres erweitert haben, hielt Dress Circle sehr lange an "Oldies" fest. Klar, bis Mitte der 90'er gab es sicher sehr viele ältere Musicalliebhaber, die ihre alten Vinyls von Vera Lynn , Frank Sinatra und einer OBC von 1965 nochmal neu auf CD nachkauften, aber irgendwann war's damit eben vorbei, da hatte jeder was er brauchte auch auf einem Silberling.

3. Keine Exoten mehr. Das mag auch mit 1. zu tun haben, aber ich erinnere mich noch gut daran, dass Ende der 80'er, Anfang der 90'er, viele Fans ganz heiß auf irgendwelche Exoten waren - ob das nun eine koreanische "Les Miserables"-CD war, "Cats" auf norwegisch oder "Evita" auf portugiesisch, die Fans der Großmusicals sammelten begierig diese Exoten und waren stolz wie Oskar wenn sie jede existierende "Cats"-Aufnahme ihr Eigen nennen konnten. Auch wenn sie nix verstanden oder man bei Takarazuka-Aufnahmen Ausschlag an den Ohren bekam. Und die einzige Anlaufstelle für derartige Exoten waren nunmal Footlight, Dress Circle und später Sound of Music. Doch auch diese Zeit ist vorbei - wenn Stücke überhaupt an exotischen Orten gespielt werden, gibt's nur noch selten Aufnahmen davon. Oder man hört mal eben bei Youtube rein, wie sich denn "Defying Gravity" auf Tagalog anhört. Und mit etwas Spürsinn findet man die CDs dann oft im Ausgangsland um einiges billiger oder kennt über die Weiten des Internets jemanden, der sie vor Ort besorgen kann. Aber generell scheint diese Jagd auf Exoten sehr nachgelassen zu haben; fast überall kocht man sich heute ein eigenes Süppchen und interessiert sich kaum noch für das, was jenseits der Grenzen passiert. Und ich gestehe: Ich kaufe mir dann auch lieber ein neues französisches "Spectacle" in Paris oder ein Eigengewächs wie "Soldaat van Oranje" in Holland als die x-te Aufnahme vom Lion King.

Sei's drum. Ich fände es sehr schade, wenn Dress Circle wirklich schließen müsste - das Londoner Theatreland wäre um eine Ikone ärmer. Andererseits kann man den Fluß der Zeit nicht aufhalten. Und da hätten die Besitzer eben - wie ihre Kollegen Tüpker und Luketa in Deutschland mit ihren Konzerten - nach anderen Wegen suchen müssen um Geld zu verdienen. Vorerst jedoch heißt es noch Daumen drücken, dass sich eine Rettungsmöglichkeit erübrigt. Wenn ein Investor alles ist, was fehlt - Hallo CamMack, Hallo ALW?

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