Montag, 25. April 2011

Vollgas am Broadway

Weitgehend unbeachtet von der deutschen Musical-Community die natürlich viel wichtigere Probleme zu diskutieren hatte, standen am Broadway die aufregendsten Wochen des Jahres an: Eine selten gewordene Masse an Premieren, rechtzeitig vor den Tony Awards, die Anfang Juni vergeben werden. Mit Spannung verfolgte man die Berichterstattung auf den Foren und Newsseiten – die Kommentare der Besucher und die offiziellen Kritiken und, soweit vorhanden, Ausschnitte aus den Shows selbst. Nach mehreren mageren Jahren ging der Broadway in diesem Frühjahr in die Vollen, scheint es, mit sovielen Premieren und Revivals wie schon lange nicht mehr. Und nachdem sich der mächtig Staub aufwirbelnde Spinnenmann von seiner Regisseurin getrennt hatte und eine kreative Pause ankündigte, konnte man dann auch endlich mal sehen, was es sonst noch so gab.
Im Bereich der neuen Musicals dürfte “Book of Mormon” der Gewinner des Jahres sein. Seit der ersten Tryout-Vorstellung überschlugen sich die positiven Kommentare der Besucher, die sich da ausnahmsweise einig mit den Kritikern waren. Scheinbar ist den Autoren Trey Parker und Matt Stone das Kunststück gelungen mit ihrer Show einerseits Religion und vor allem religiöse Organisationen durch den Kakao zu ziehen und andererseits trotzdem Respekt vor Gläubigen zu behalten – was in der heutigen Zeit ausgesprochen selten ist. Ein wenig Sorgen macht mir persönlich der oft gezogene Vergleich zu “Spamalot”, eine Show die ich weit weniger witzig fand, als erwartet. Sei’s drum, ich bin heilfroh mir rechtzeitig ein Ticket gesichert zu haben und freue mich darauf, mir ein persönliches Urteil über “Book of Mormon” machen zu können. Das Eugene O’Neill Theatre ist jedenfalls Abend für Abend ausverkauft und schon am frühen Morgen bilden sich Schlangen für die wenigen Stehplatzkarten, die nachmittags verkauft werden. Wenn das Stück wie erwartet die Tony Awards abräumt, dürfte der Andrang nur noch größer werden.

Weniger gut geht es den beiden anderen neuen Musicals der Saison: Das noch während der Tryouts in Seattle hochgelobte “Catch me if you can” des Hairspray-Teams, scheint am Broadway auf weniger Gegenliebe zu stoßen. Nicht nur die Musik wurde kritisiert, sondern auch die eher lahme Geschichte mit Figuren die zu wenig Mitgefühl einluden. Das verwundert wenig, war schon die Filmvorlage mit Leonardo DiCaprio kaum mehr als ein nettes Popcornfilmchen, das man für 7 Euro Kinoeintritt genießen konnte – aber mehr auch nicht. Und ein kleines bißchen Schadenfreude kann ich mir dann auch nicht verkneifen, wenn sich zeigt, dass dieses hektische und manchmal hirnlose Verwursten irgendwelcher Filmvorlagen für die Musicalbühne leider nicht oft wirklich gut funktioniert.
Eine Erfahrung die auch David Yatzbek machen musste, dessen Verwurstung der Almodovar-Komödie “Women on the verge of a nervous breakdown” trotz einer 1A-Cast eher floppte und schon wieder halb vergessen ist. Immerhin wurde die Show tatsächlich auf CD verewigt, so dass man sich ein Bild davon machen kann. Und die Hoffnung auf eine europäische Aufführung, sei’s in London oder idealerweise in Madrid, ist auch noch nicht gestorben. Mit einigen Überarbeitungen dürfte das Stück in Europa, wo Almodovar wesentlich besser bekannt ist und der abgründige Humor eher gefragt ist, sicher besser laufen. Es sei ihm gegönnt.

Den Flop der Saison lieferte – wieder einmal – Frank Wildhorn, dessen “Wonderland” von den Kritikern in der Luft zerfetzt wurde. Das bereitet mir jedoch ausnahmsweise keine Schadenfreude, da ich die CD der Uraufführung in Tampa wirklich mochte und Hoffnung hatte, dass er einmal etwas anderes abliefern würde, als die ewig gleiche seiche Schmonzette um einen starken Mann und die flennenden Weibchen, die ihn umgeben. Doch scheinbar hat man die Show am Broadway zur Unkenntlichkeit verschlimmbessert und die Songs der Tampa-CD entweder gestrichen oder komplett umgeschrieben. Schade auch, dass es immer Wildhorn ist, der die Prügel einstecken muss, auch wenn die Schuld eigentlich bei Jack Murphy zu suchen ist, der nicht nur selten banale Bücher verzapft, egal wie gut die Vorlage ist, sondern vor allem immer grenzdebile Texte zu eigentlich guten Songs schreibt. Man darf gespannt sein, ob es “Bonnie & Clyde” in der nächsten Saison besser läuft – da ist dann ausnahmsweise nicht Murphy am Werk, sondern Don Black, der im Laufe der Zeit auch wirklich gute Songs getextet hat.

Es scheint mindestens ein Musical pro Saison zu geben, das die “gute alte Zeit” der 50’er und 60’er und den Sound der Epoche verwursten muss – in diesem Jahr ist es “Baby it’s you”, das die Geschichte der Girlband The Shirelles und der New Jersey Hausfrau Florence Greenberg, die sie entdeckte und förderte, aufkocht. Dies mag das gleiche Publikum ansprechen, das auch zu “Memphis”, Jersey Boys” und wie sie alle heißen pilgert, aber mich persönlich interessiert es gerade erstmal null.

Zwei weitere Neupremieren sind Importe aus London, die am Broadway auf viel Gegenliebe stoßen: Der australische Hit “Priscilla – Queen of the Desert” und die Bühnenadaption von “Sister Act”. Letzteres scheint man noch ein wenig aufgepeppt und überarbeitet zu haben und dürfte die familienfreundliche Alternative für Touristen aus dem Mittleren Westen darstellen, denen Priscilla oder Book of Mormon zu heikel ist. Die Kritiken waren durchweg freundlich und zumindest bei Patina Miller weiß man bereits, dass sie das Lob wirklich verdient hat.
Auch Priscilla scheint sich überraschend gut zu entwickeln mit guter Auslastung und vor allem absolut positivem "word of mouth" der Besucher, die die großartige Unterhaltung und das große Herz der Show loben. Doch wie lange sich eine derartig freche Show mit drei schillernden Drag Queens in den Hauptrollen am Broadway halten kann, bleibt abzuwarten, wenn sie erstmal auf die Touristen aus den konservativeren Gegenden der USA angewiesen ist.

Neben den ganzen neuen Musicals gab es auch zwei Revivals von älteren Stücken – die beide erst vor einer Dekade am Broadway zu sehen gewesen waren. Sei’s drum. “Anything Goes” bietet die gleiche solide Unterhaltung wie seit Jahrzehnten und gibt der talentierten Sutton Foster, die bislang immer eher die weniger erfolgreichen Shows wie “Thoroughly Modern Millie” und “Shrek” erwischt hatte, die Chance als Reno Sweeney in einer der besten klassischen Rollen des Musicaltheaters zu glänzen.
Das neue Revival von “How to succeed in business without really trying” scheint von Anfang an nur als Vehikel für seinen Leading Man geplant gewesen zu sein, “Harry Potter”-Star Daniel Radcliffe. Und abgesehen von den Hardcore-Musicalfans, die sowieso alle Schauspieler, die es wagen mal auf der Leinwand oder in der Popmusik kommerziell erfolgreich zu sein, in Bausch und Bogen zu verdammen, scheinen die meisten Besucher von seiner Leistung absolut angetan zu sein. Dem talentierten jungen Mann sei es gegönnt, eine echte Karriere auf Bühne und Leinwand zu schaffen ohne dass der Harry Potter ewig an ihm kleben bleibt, so wie Mark Hamill nie wieder von seinem Luke Skywalker-Schatten weg kam. Über einen Transfer nach London wird bereits gemunkelt, also Daumen drücken.


Für mich wird es in diesem Jahr nur eine kleine Stippvisite am Broadway geben um den Spinnenmann und die Mormonen zu sehen – und hoffentlich einen Stapel neuer Broadway Cast Recordings mit heimzunehmen.

1 Kommentare:

  1. das forum der musicalzentrale ist nicht die "deutsche musical community", sondern eine hirnlose ansammlung von vollkoffern

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