Dienstag, 19. April 2011

"Jézus Krisztus Szupersztar" in Budapest

Während man sich wieder mal mit größter Hingabe dem infantilen Wien vs Hamburg-Streit widmet, konnte ich ein paar Tage in der viel zu wenig beachteten Musical-Metropole weiter östlich an der Donau verbringen: Dem schönen Budapest. Bei einem ersten Kurztrip vor einigen Jahren spielte am einzigen Abend gar kein Musical. Nun blieb mir zwar wieder die Chance verwehrt, einmal das "andere" Phantom oder die "anderen" Katzen zu sehen, doch zumindest stand im Madách Szinház ein anderer großer Hit von Andrew Lloyd Webber auf dem Programm: Passend zu Ostern spielte man "Jesus Christ Superstar". Damit hatte sich dann auch die Sprachbarriere schon schön erledigt, da ich dieses Stück ebenfalls in und auswendig mitsingen kann. Und für ganze 21 Euronen gab es hervorragende Plätze vorne im Parkett (von wo aus das Mitlesen der Übertitel nicht ganz so einfach sein würde).

So war ich ganz einfach froh, dieses Theater mal von Innen zu sehen und schon die ersten 2-3 Songs erinnerten mich daran, WIE verdammt gut dieses Stück eigentlich ist. Und wie verdammt gut Andrew Lloyd Webber in jenen Jahren drauf war: Ein Doppelalbum, das in den Charts weltweit ewig Nr.1 war, mit Songs die jeder Jugendliche kannte, mit einer Thematik, die bei diversen Premieren zu Skandälchen führten und eine verdammt clevere Show, bei jeder Song und jede Textzeile ganz einfach sitzt. Von Seiner guten alten Lordschaft erwarte ich ja gar nicht mehr ein derartig modernen, bahnbrechendes Werk, aber wo sind die Nachfolger, die ein "Musical" noch weltweit in aller Munde bringen (und nicht aus völlig falschen Gründen wie nun bei Spiderman geschehen).

Mein letzter Besuch bei JCS ist nun schon wieder etliche Jahre her, da es leider zu den Stücken gehört, die in Deutschland bis ins allerletzte Provinztheater durchgenudelt werden und man daher einfach nicht mehr die Chance hat, dem Stück frisch und unvoreingenommen zu begegnen. So waren meine letzten beiden Besuche dann auch englischsprachige Versionen - die modernisierte Variante in der Regie von Gail Edwards, bei der die Apostel mit Maschinengewehren durchs Heilige Land stapften und die "römische" Version in London mit dem originellen Amphitheater-Arrangement.

Im Madách-Theater wurde nun schön traditionell gespielt und unter Einsatz von vielen Projektionen. Den Sanddünen-Dattelpalmen-Look findet man zwar nicht in Israel, aber sei's drum, andere Bilder waren dafür sehr gelungen, vor allem die Stadtmauern Jerusalems und die stets wachsende Zahl der Anhänger draußen in der Wüste bei "Hosanna".
Auch die Darsteller können mit ihren "westlichen" Kollegen mithalten (und selbstredend schaffen es auch die Ungarn, ihre Produktionen mit komplett einheimischen Ensembles zu besetzen). Attila Tóth gab einen sehr typischen Jesus, der weißgewandet und sanftmütig durch die Szenerie schwebte um es dann bei "Gethsemane" so richtig krachen zu lassen, dass mir die Spucke wegblieb. Sein Gegenspieler Judas war ein weiterer Attila (Serbán), der mir zuerst ein bisschen milchgesichtig daherkam, was dann aber irgendwie gut zum Klischee "jugendlicher Rebell" gegen den abgeklärten Jesus passte. Lilla Polyák war eine ausgesprochen hübsche Maria Magdalena, bei der jeder verstehen konnte, warum Jesus seine eigene Lehre mal eben unter "was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" beiseite schiebt, aber stimmlich wurde ich nicht mit ihr warm. Auch der Rest des Ensembles gab eine sehr solide Vorstellung ab und Herodes gelang es dann auch mal, wirklich komisch und nicht peinlich zu sein, wie so manche seiner Vorgänger.


Was die Qualität seiner Produktionen betrifft, braucht sich Budapest - zumindest diesem Eindruck nach - wirklich nicht zu verstecken. Und die Stadt an sich ist ohnehin eine Reise wert.

2 Kommentare:

  1. toller bericht. mich stört nur eins: du schreibst, budapest wird als musicalstandort viel zu wenig beachtet. das mag ich so nicht stehen lassen. denn warst du nicht derjenige, der vor eiiniger zeit mal im muz-forum geschrieben hat, dass du musicals in einer sprache vorziehst, die du auch verstehst? von daher wird es anderen nicht anders gehen. wer versteht schon ungarisch. nichtsdestotrotz gibt es eine handvoll musicalbegeisterter, die sich schon seit jahren die musicals in budapest ansehen. aber du meintest damals, das käme für dich nicht in frage, wenn du die sprache nicht verstehst. aber vllt. hast du deine meinung ja auch geändert. lg, ein alter kirschbier-kumpane ;-)

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  2. ich denke bei musicals, die man kennt oder schon mal gesehen hat, ist sprache grundsätzlich nicht zwangsläufig relevant, und budapest ist nicht für jedermann um die ecke, dass sich die künstlerische qualität bei sehr vielen stücken, vor allem bei mozart oder das phantom bei weitem über wien oder deutschland stellt, ist eine wunderbare künstlerische entdeckungsreise.

    hoffe, du hattest ein wenig zeit am gelert zu flanieren

    lg
    j.

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