Ob eine Überdosis "Elisabeth" daran Schuld ist? Auch die Niederlande verwursten bald ihre verblichenen Regenten als Thema für ein Musical. In diesem Fall Willem van Oranje, der bei uns als Wilhelm von Oranien in den Annalen steht und im 16.Jahrhundert den Unabhängigkeits- kampf der damaligen protestantischen spanischen Niederlanden gegen den erzkatholischen Philip II. von Spanien anführte. Sein Motto "Je maintiendrai" ist bis heute das Motto des niederländischen Königshauses. Willem selbst erlebte die Unabhängigkeit der Niederlande nicht mehr: Der Krieg gegen Spanien sollte sich insgesamt 80 Jahre bis 1648 hinziehen. Der "Schweiger" selbst wurde jedoch 1584 in Delft ermordet.
Das Musical beginnt mit seiner Ermordung und erzählt dann in Rückblenden sein Leben – in einer "zeitgenössischen Regie" von Paul van Ewijk, mit "Rockmusik" von Jeroen Sleijfer und Allard Bloem. Da verwundert es wenig, dass Willem von Martin van der Starre gespielt wird, der mit Rockmusicals wie "Jesus Christ Superstar" (Judas) und "We will rock you" (Brit) bekannt wurde. Ara Halici wird seinen Gegenspieler Philip II. von Spanien spielen und Hein Gerrits den Attentäter Balthasar Gerards.
Das ganze klingt stark nach einem niederländischen Aufguss von "Elisabeth" in orange, aber natürlich sollte man ein Projekt nicht schlecht reden ehe man den ersten Ton gehört hat. Immerhin geistert hier nur der Attentäter durch die Szenerie und nicht auch noch der Tod. Die Premiere soll am 27.Februar 2012 in Delft stattfinden, wo Willem van Oranje sein Ende fand und in der Grabstätte der Oranier in der Nieuwe Kerk bestattet wurde.
Oprah Winfrey gelang was andere bislang nicht geschafft hatten: Sie brachte die komplette von Trapp-Familie aus dem legendären Hollywood-Filmmusical "The Sound of Music" zum 45.Jubiläum zusammen in ihre Talkshow. Christopher Plummer, der seinerzeit den gestrengen Captain von Trapp spielte, hatte sich bislang geweigert an derartigen Treffen teilzunehmen weil er immer der Ansicht war, "Sound of Music" hätte ihm die Karriere versaut. Doch mit mittlerweile 80 Jahren ist der Gute wohl entweder altersmilde geworden oder ahnt, dass dies seine letzte Chance sein könnte. Julie Andrews, für die die Rolle der Maria damals der große Durchbruch war, wirkt dagegen ausgesprochen frisch und fast alterslos - mit ihren damaligen Kindern kann sie mühelos mithalten. Die komplette "Oprah"-Folge, zu der auch ein Auftritt der Nachkommen der echten von Trapps gehört, kann man bei youtube in 3 Teilen ansehen.
Ob es die aktuellen Proteste und Streiks gegen Sarkozys Rentenreform sind, die den revolutionären Geist in Paris wieder mal befeuern? Für das Jahr 2012 wurden nun gleich zwei Musicals angekündigt, die die französische Revolution zum Thema haben. Das eine ist nicht ganz neu, sondern hat schon fast 40 Jahre auf dem Buckel: “La Révolution Francaise”, das Erstlingswerk von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg das bereits 1973 uraufgeführt wurde und zu den Zeiten als “Les Misérables” und die vietnamesische Schmonzette ihr größtes Fan Following hatten, als Doppel-CD in keiner guten Musicalsammlung fehlte. 2012 soll das Stück nun von Marc Lumbroso, der u.a. für Jean Jacques Goldman und Mylène Farmer tätig war, und Catherine Naubron abgestaubt und in Paris aufgeführt werden. Eine neue CD mit frischen Arrangements soll aufgenommen und rechtzeitig veröffentlicht werden.
Auch Dove Attia und Albert Cohen, die zuletzt mit “Mozart, l’Opèra Rock” einen großen Erfolg in Frankreich feiern konnten (die DVD soll rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erscheinen), basteln an einem Revolutionsmusical mit dem Titel “Les Amants de la Bastille”. Sinnigerweise handelt es, genau wie das Stück der Konkurrenz, um eine Liebesgeschichte zwischen einem armen Jüngling und einer jungen Adelsdame. Hoffen wir, dass die beiden Heldinnen ihren Kopf nicht verlieren. “Les Amants de la Bastille” hat außerdem schon einen Premierentermin: Am 25.Februar 2012 solls im Palais des Sports in Paris losgehen. Man darf gespannt sein, welche Revolution am Ende die Gunst des Publikums gewinnt.
Nach einer fast dreijährigen Spielzeit wird das Latino-Musical "In the Heights" am 9.Januar 2011 die letzte Vorstellung im Richard Rodgers Theatre am Broadway erleben. Für die letzten Wochen kehrt Autor und Komponist Lin-Manuel Miranda noch einmal in seiner Paraderolle als Usnavi zurück. Für das leichtgewichtige Musical um die Schicksal einiger Bewohner des von Latinos dominierten Viertels Washington Heights am Nordzipfel von Manhattan dürfte die knapp dreijährige Spielzeit ein großartiger Erfolg sein – schliesslich musste es ohne recycelte Popsongs, eine verwurstete Filmvorlage oder einen großen Starnamen auskommen (bis dann später Corbin Bleu und Jordin Sparks die Ticketverkäufe ankurbeln sollten). Auch wenn mir persönlich "In the Heights" nun nicht so wahnsinnig gut gefallen hat, finde ich den Erfolg doch ausgesprochen erfreulich. Und an der Filmversion wird ja schon gearbeitet.
Da Anfang Januar, nach der touristisch starken Vorweihnachtszeit und den Festtagen, traditionell das große Showsterben am Broadway beginnt, dürften bald auch andere Musicals ihre Schließung bekannt geben. Das Ende von "Next to Normal" pfeifen die Spatzen schon länger ziemlich lautstark von den Dächern…
Heute erscheint die CD von “Les Filles De Caleb, L’Opéra-Folk”, ein neues Werk aus dem franko- phonen Teil Kanadas von Michel Rivard, das vielleicht ein wenig hilft, die aktuelle Durststrecke aus unserem westlichen Nachbarland zu überbrücken, wo Kreativität leider auf sich warten lässt (sorry, aber Kamel Ouali’s x-ten Dracula-Aufguss finde ich nun wirklich nicht originell und werde auch auf den Besuch dankend verzichten).
“Les Filles De Caleb” ist in Québec ein wohlbekannter Stoff, der zunächst als Jugendbuchserie von Arlette Cousture erschien und wenig später auch als 20-teilige TV-Serie verfilmt wurde. Die Bücher erzählen die Geschichte von Emilie Bordeleau und ihrer Familie in Mauricie zwischen 1890 und 1945 und zeichnen ein stimmungsvolles Bild des Landlebens im Québec jener Zeit.
Zum Ensemble des neuen Musicals (oder meinetwegen Volksoper) gehören u.a. Luce Dufault als Émilie, Daniel Boucher als ihre große Liebe Ovila und Québecs Superstar Bruno Pelletier als Napoléon (nein nein nicht Bonaparte) Ab 13.April 2011 wird “Les Filles De Caleb” dann auch im Théâtre Saint-Denis in Montréal auf der Bühne zu sehen sein und anschließend in Québec auf Tournee gehen.
Die CD mit insgesamt 15 Tracks kann man derzeit nur auf kanadischen Websites bestellen – einen kleinen Vorgeschmack gibt es auf der Website www.lesfillesdecaleb.com. Eine vollständige Rezension wirds geben, sobald ich die CD in den Händen halte :)
Nachdem die Wii-Konsole von Nintendo in ihren Anfangsjahren vor allem mit Sportspielchen Furore machte und Filmfans wahlweise das Lichtschwert eines Sith-Jüngers, den Säbel von Captain Sparrow oder den Zauberstab von Harry Potter schwingen ließ, hat man in den letzten Jahren auch die Tanzfreunde als Zielgruppe entdeckt. “Just Dance” machte den Anfang einer Reihe von Tanz-Games, für die kein Zubehör außer der Wiimote mehr möglich war, vor einiger Zeit kam dann mit “Dance on Broadway” eine Fortsetzung die auch jeden Musicalfan begeistern sollte. Wer schon immer mal die innere Sally Bowles oder den inneren Sky Masterson rauslassen wollte, ist hier richtig.
Zeit für einen Selbstversuch. Hat man erstmal akzeptiert, dass es gar nicht so leicht ist, Arme und Beine halbwegs zu koordinieren und zugleich mit dem (eingeblendeten) Songtext mitzuhalten, macht das Spiel großen Spaß. Die Auswahl ist erfreulich breit – von Broadway-Klassikern wie “Luck be a lady” und “All that Jazz” zu Songs aus aktuellen Hits wie “Bend and Snap” aus Legally Blonde und “You can’t stop the beat” aus Hairspray, sowie Kultsongs wie dem “Time Warp” aus der Rocky Horror Show. Selbst zwei Tap-Nummern aus 42nd Street sind dabei, jedoch steppen die gepixelten Vortänzer nicht, so dass man es (zum Glück) auch sein lassen kann. Andere eher fragwürdige Titel wie “My favorite things” sind wohl eher der Beliebtheit von The Sound of Music geschuldet als einer innovativen Choreographie und das sich unter 20 Titeln gleich zwei befinden, die sich ums Geld drehen (“We’re in the money now” aus 42nd Street und “Money, Money” aus Cabaret) sagt auch einiges über die amerikanischen Produzenten von Ubisoft.
Die Grafik ist wie schon bei “Just Dance” eher lausig, doch immerhin kann jeder Song von insgesamt vier Usern getanzt werden, die abwechselnd im Mittelpunkt stehen (sofern man genügend Platz im Wohnzimmer für vier Tänzer hat). Die Songtexte werden karaokemäßig eingeblendet, so dass man auch mitsingen kann - sofern man den Atem dafür hat und nicht viel zu beschäftigt damit ist, seine Gliedmaßen zu koordinieren. Ich muß ehrlich zugeben, dass mir etliche Songs des Spiels einen ganz neuen Respekt für die Tänzer auf echten Musicalbühnen abgenötigt hat. “Dance on Broadway” sollte vielen Musicalfans die langen Winterabende versüßen und für Bewegung sorgen.
Einen Meilenstein erreichte die Londoner Produktion von "Phantom of the Opera" am gestrigen Samstag: Die Nachmittagsvorstellung war die 10.000ste Vorstellung in London. Zu Stephen John Davies und Sofia Escobar gesellten sich auch Andrew Lloyd-Webber himself und Ur-Phantom Michael Crawford auf der Bühne des Her Majesty's Theatre. Was man im kommenden Jahr für den 25.Geburtstag plant, wurde jedoch nicht verraten.
Dieser weitere Meilenstein dürfte ein Trostpflaster für ALW sein, nachdem die Fortsetzung "Love never dies" weiterhin nicht aus den negativen Schlagzeilen herauskommt und im November nun tatsächlich für eine Woche schließt um gründlich überarbeitet zu werden. Meinesachtens sollte man der ganzen Sache ja den Gnadenschuss geben, zumachen, ganz von vorne anfangen - vor allem was das Buch betrifft - und lieber in einem Jahr oder so nochmal neu öffnen. Bleibt abzuwarten was bei dieser "Überarbeitung" und den neuen Produktionen in Australien und Toronto herauskommt.
Während in Deutschland jedes noch so defizitäre Provinz-Stadttheater weiter seine vermurksten Regietheater-Konzepte auf das wenige noch verbliebene Publikum loslassen darf, trifft das neue Sparpaket der britischen Regierung auch den Kulturbereich. Schatzkanzler George Osborne, der gestern die Sparmaßnahmen im Unterhaus verkündete, strich auch dem britischen “Department of Culture, Media and Sport” insgesamt 24% seines Budgets. Statt 1,9 Milliarden Pfund sollen bis 2014 nur noch 1,1 Mrd. Pfund in die Kultur fließen. Am Bereich Sport wird man wohl so kurz vor den Olympischen Spielen in London kaum sparen wollen, so dass man weitere Qualitätseinbußen beim einst so großartigen britischen Fernsehen erwarten muß und natürlich in der Theaterszene.
99% der deutschen Musicaltouristen in London dürfte dies nicht weiter kratzen, da sie sowieso nicht über die kommerziellen Produktionen im West End hinausdenken, doch auch der “Nachschub” an neuen innovativen Musicals, die oft genug an staatlich geförderten kleinen Bühnen in der Provinz uraufgeführt wurden, könnte nun gefährdet sein, sowie kleinere Fringe Theatre, die Zuwendungen des Arts Council England erhalten (dessen Budget um insgesamt 29,6% gekürzt wird). Auch beim Royal National Theatre und der Royal Shakespeare Company muß man sich wohl auf steigende Eintrittspreise gefasst machen.
Die gute Lea Michele, die vor kurzem noch die Musicalwelt als Wendla in "Spring Awakening" begeisterte, scheint sich seit der weltweiten Hype um Glee ohnehin zur Diva entwickelt zu haben, die sich auf dem Set Zickereien mit den anderen Glee-Mädels liefert. Ob das nun alles wahr ist oder aus dem Image ihrer zickigen Figur Rachel Berry abgeleitet ist, sei dahingestellt. Ich hatte immer mehr Mühe sie sympathisch zu finden, was ich noch versuchte auf Rachel und nicht auf Lea zu schieben, und nun hat sie sich in meinen Augen endgültig unmöglich gemacht. Zusammen mit ihren Co-Stars Cory Monteith und Dianna Agron ließ sie sich für die neue Ausgabe des Männer-Magazins GQ fotografieren – in absolut unzweideutigen Posen die wohl der dümmlichen männlichen Fantasie des “scharfen Schulmädchens” entsprechen sollen. Dianna Agron kommt ein klein wenig besser weg. Und von Cory Monteith hat scheinbar niemand irgendwelche halbnackten Schlafzimmerposen erwartet, was wieder mal Bände spricht.
Warum ich mich aufrege? Nun, ich ärgere mich seit Jahren über den allgemeinen Sexismus und die “Britney-Generation” die Teenage-Mädchen einreden will, dass es irgendwas mit Emanzipation zu tun hätte, wenn sie sich wie billige Männerfantasien anziehen. Ebenso wie mich das Frauenbild in sovielen Musical-Schmonzetten ärgert, wo die Frauen fast nur darauf reduziert werden, nach Männern zu schmachten, zu flennen oder ab und zu mal rumzuzicken. Immerhin hat die Musicalwelt da in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht mit Leading Ladies wie Elphaba, Tracy Turnblad und Elle Woods, die sich durch Mut, Verstand und Witz auszeichnen und den sympathischen Kerl am Ende eher als Dreingabe bekommen und nicht als Verwirklichung ihres Lebensziels. Unsäglich, dass eine junge Musicaldarstellerin dieser Generation sich nun für derartig sexistischen Dreck hergegeben hat – noch dazu eine Musicaldarstellerin, die als Hauptfigur in Glee ein Vorbild für Millionen kleiner Mädchen geworden ist. Kleine Mädchen, die wieder einmal die Message bekommen, dass es erstrebenswert ist, halbnackt als Nutten durch die Welt zu laufen.
Man hatte ja gehofft, dass sich das sexistische Schmonzettenpaar Boublil/Schönberg endgültig von der Musicalszene verabschiedet hatten und nur noch ihre Überkuh "Les Miserables" zu diversen Anniversaries nochmal tüchtig melken. Doch zu früh gefreut. Seit Jahren unfähig etwas neues zu produzieren, wird wieder einmal die alte Kamelle rausgeholt, die schon seit Jahren ab und zu mal Wiederbelebungsversuche bekommt: Martin Guerre. Nun, zumindest die deutschen Schmonzettenfans, denen das West End derzeit viel zu unterhaltsam und peppig ist, dürften sich freuen wenn es wieder mal ein Musical gibt, in dem schwache hilflose Frauen darüber flennen wie doof doch das Leben ohne Mann ist und im Hintergrund ein bisschen Pseudo-Politik betrieben wird.
Inspiration zum geplanten West End-Revival soll vom Revival des Watermill Theatre in Newbury gekommen sein, wo Craig Revel Horwood die Show 2007 inszeniert hat. Dies ließen Alain Boublik und Cameron Mackintosh in der neuen Ausgabe von "The Stage" verlauten. Nun hatte Martin Guerre in seiner Urfassung noch immer eine Menge mehr Potential als die einfach nur unsägliche Schmonzette zu der die beiden Herren vor einigen Jahren das Leben der irischen Piratin Grania O'Malley verwurstet haben. Und Amerikas Schmonzetten-König Frank Wildhorn hat mit dem peppigen Sound von "Wonderland" bewiesen, dass auch er fähig ist, sich zu bewegen. Trotzdem habe ich starke Zweifel, dass in der x-ten überarbeiteten Version von Martin Guerre auf einmal ein Hit entsteht. Wenn eine Show nach mehrfachem Überarbeiten einfach nicht funktioniert, muss man halt auch mal akzeptieren, dass das Material nicht zündet und lieber mal was neues schreiben. Vom Leben geknechtete Weibchen die sich nach einem starken Mann sehnen, gibt's in der Literatur ganz sicher noch genug zu finden. Und ansonsten kann man ja auch spannende unabhängige Frauenfiguren aus der Geschichte komplett versauen, wie es schon bei Grania O'Malley gelungen ist.
Aufgepasst: Wer statt der gefühlt 25.Aufnahme der Flattermänner aus deutsch-österreichischer Produktion eine ganz frische Aufnahme von "Tanz der Vampire" haben will, sollte sich Richtung Belgien wenden: Die Stadsschouwburg Antwerpen verkauft nun die flämische Aufnahme "Dans der Vampieren". Inkl. Versand ins Ausland kostet das gute Stück 26 Euro, aber einen echten Vampirfan wird das wohl nicht abschrecken, auch wenn es sich "nur" um eine einfache CD mit 16 Songs handelt. "Sound of Music" hat die CD übrigens nicht im Angebot, daher mein Tipp: Bei winzig kleiner Auflage schnell das Sammlerstück sichern. Bestellen kann man hier. Am 24.Oktober ist die letzte Vorstellung in Antwerpen, dann haben 40000 Besucher, darunter auch viele holländische und deutsche Fans, das Musical besucht.
Mit den letzten neuen Musicals konnte die Menier Chocolate Factory leider nicht an vergangene Erfolge anknüpfen: Während "Sweet Charity" immerhin noch einen kurzen Sprung ins West End schaffte, blieb es bei "Aspects of Love" bei lauwarmen Kritiken und der Spielserie in Southwark. Über den Megaflop "Paradise Found" hüllt man lieber den Mantel des Vergessens. Zum Glück lässt sich Leiter David Babani von solchen Enttäuschungen nicht abschrecken weiterhin auf neue Produktionen zu setzen und für den Winter steht nun eine "Music Hall"-Bearbeitung des berühmten Gruselromans "The Invisible Man" von HG Wells auf dem Programm, die für familienfreundliches Entertainment zur Weihnachtszeit setzt.
Die Besetzung setzt sich dann auch aus 1A-Comedians wie Gary Wilmot, John Gordon Sinclair und Natalie Casey zusammen, zu denen sich nun auch West End-Star Maria Friedman gesellt und Schauspieler Jo Stone-Fewings. Die musikalische Bearbeitung des Romans wurde von Ken Hill erstellt, der den meisten Musicalfans wohl noch durch seine Bearbeitung des "Phantom der Oper" in Erinnerung ist, die seinerzeit zusammen mit der Kopit/Yeston-Version gerne auf Tournee durchs deutsche Land geschickt wurde weil man hoffte, naive Ticketkäufer würden Karten kaufen in der Erwartung das in Hamburg sensationell erfolgreiche Lloyd-Webber-Phantom zu sehen. Man darf gespannt sein, wie ein neues Werk von Ken Hill ankommt, das ohne den Ballast einer parallelen und wesentlich erfolgreicheren Adaption des gleichen Stoffes Premiere feiert.
Eigentlich sollte hier eine ausführliche Kritik der neuen Sat1-Soap “Hand auf Herz” stehen, die sich an der unglaublich erfolgreichen US-Serie “Glee” orientiert und für die der talentierte Komponist Martin Lingnau neue Songs komponiert hat. Die Folgen sind auf der Sat1-Website noch vollständig abrufbar, für alle die sie verpasst haben oder um diese Zeit nicht vor der Glotze hocken können. Doch ach, ich gebe zu, die erste Folge war schon so unglaublich schlecht, dass ich mir den Sonntag nicht damit versauen werde, mir weitere Folgen reinzuquälen. Vor allem nicht, wenn das Original gerade mit der Folge “Faith”, in der Religion in all ihren Facetten auf durchdachte und sehr bewegende Weise, einen neuen Höhepunkt erreicht hat.
Gab es Musik? Konflikte? Interessante Figuren? Nein, nur ein paar typische spätpubertierende Zicken, die angeblich erwachsene Lehrerinnen darstellen und ein paar jungpubertierende Zicklein unter den Schülerinnen, unrealistisch gutaussehende männliche Lehrer und eine abendliche Disco-Eskapade die mit einem One Night Stand zwischen der Leading Zicke und einem ihrer Schüler endet (und dann mit einem entsprechenden Cliffhänger – gähn). Selbst wenn es letztendlich zu einer musikalischen Probe kommt, wird diese gleich wieder von unsinnigen Rückblenden, gesteltzten Dialogen und der Zweitzicke zunichte gemacht. Und am Schlimmsten dabei ist, dass der Zickenkrieg nicht einmal im Ansatz so lustig ist wie die köstlichen Wortduelle zwischen Will Schuester und Sue Sylvester. Auch bei den Schülern gab es in den ersten beiden Folgen keine einzige Figur zu entdecken, die in irgendeiner Weise fesselt.
Dies ist vor allem bedenklich, weil TV-Sender dazu neigen, neue Produktionen blitzschnell aus dem Programm zu kippen wenn die Quote nicht stimmt. Und wenn die ersten beiden Folgen nicht neugierig machen und schon Folge 2 im einstelligen Quotenbereich dümpelt, kann man hier wohl auch keine großen Verbesserungen erwarten.
Natürlich kann man von einer durchschnittlichen deutschen Telenovela nicht das Niveau einer US-Serie erwarten, doch vor allem wird bei der seichten Qualtät von "Hand auf Herz" deutlich, dass Musicals in keinster Weise den Stellenwelt haben, den sie in den USA haben, wo sich von der ersten Folge an alles um Musik, Tanz und Show drehte, während hier nur zwei kurze Musikschnipsel zu hören waren und ca. 20 der 22 Minuten den üblichen überzogenen Herzschmerz-Problemen unrealistisch gutaussehender Menschen gewidmet wurden. Traurig macht mich dies vor allem für Martin Lingnau, der künstlerisch das Kaliber hätte, mehrere große Musicals auf deutschen Bühnen spielen zu haben und stattdessen mit diesem unterirdischen Mist seine Brötchen verdienen muss.
(dieser Beitrag sollte schon Sonntag veröffentlicht werden, doch ich hab die Kurve nicht eher gekriegt, sorry)
Kaum wurde die Broadway-Premiere des Menken-Musicals Sister Act für den kommenden Frühling angekündigt, began die New Yorker Presse das Messer zu wetzen. Vor allem Michael Riedel schoss in der New York Post scharf gegen Onkel Joop.
Zitat: The producer is Joop van den Ende, a billionaire Dutch entertainment mogul who adores Broadway musicals, but, sad to say, has the taste of your average burgher from Rotterdam.”
Nun möge man mich nicht falsch verstehen. Ich fand “Sister Act” in London auch bestenfalls mittelmäßige anspruchslose Unterhaltung, die von einigen komischen Momenten, ein paar peppigen Songs und dem Charisma der Leading Lady Patina Miller getragen wurde. Und ich kann die Vorbehalte der New Yorker Kritiker durchaus verstehen, vor allem in einer Saison wie dieser, in der mehr Premieren stattfinden als in den letzten Jahren zusammen. Trotzdem klingt hier – wieder einmal – die amerikanische Arroganz durch, mit der am Broadway auf alles Europäische herabgesehen wird (so wie in London auch gerne auf alles kontinentaleuropäische herabgesehen wird. Von den anglo-amerikanischen Grabenkämpfen die immer mal wieder aufflammen, nicht abzufangen).
Ob Sister Act von Show Doctor Jerry Zaks noch einmal so überarbeitet werden kann, dass es wirklich zündet, bleibt abzuwarten. Aber wenn Kritiker bereits so voreingenommen über eine neue Produktion schreiben, dann fragt man sich wirklich, warum es Joop van den Ende immer wieder am Broadway versuchen will und die Amerikaner nicht lieber sich selbst überlässt.
Ein Gastbeitrag von Justin aus Wien - vielen Dank!
Andere Facetten im Sinne der Vielfalt des Genres, das war u.a. der Werbeslogan der neuen Intendantin der Vereinigten Bühnen Wien. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde das Musicalpublikum in Wien mit einer Sternstunde abseits der Ensuitebespielung beglückt. "A tribute to Bernstein" hieß es damals. Das war vor 4 Jahren. Am 4. Oktober 2010 bewiesen andere Mut zur Vielfalt. Produzenten aus Deutschland (Walter und Tanja Feucht) veranstalteten im Raimund Theater mit riesiger Orchesterbesetzung unter der Leitung von Koen Schoots das Galakonzert "Wildhorn & Friends".
Solisten des Abends: Broadway-Diva Linda Eder, Pia Douwes & Thomas Borchert. Ein Mann am Klavier, der seine "friends" durch den Abend begleitete. Das war Frank Wildhorn, der auch ein wenig als Moderator fungierte, indem er mit interessanten Anektoten und persönlichen Erinnerungen über bestimmte Kompositionen die jeweiligen Songs ankündigte. Ich muss einleitend sagen, dass ich (sobald ich den Programmablauf in meinen Händen hielt) etwas enttäuscht war, weil ich vergeblich nach Linda Eder´s "Vienna" suchte, aber dazu später mehr...
Der Beginn war durch 3 Songs aus Monte Christo geprägt ("I will be there", "When the World was mine", "The man I used to be") und obwohl die Kompositionen zu Monte Christo nicht die meinigen sind, war ich wie versteinert, mit welcher Energie hier Douwes und Borchert ihre Interpretationen lieferten. Das war unglaublich. Vor allem der erste Song "I will be there" war so stark, eine Darbietung voller Leidenschaft und vor allem Power. So wünscht man sich Darbietungen, so wünscht man sich Theater. Danach folgten 2 Songs aus Jekyll & Hyde ("Bring on the men", "Someone like you") gesungen vom heimlichen Star des Abends "Linda Eder" und das mit einer Einzigartikeit, wo man merkt, was es heißt, Songs nicht nur zu singen, sondern auch zu interpretieren. Weiters folgten aus Dracula "The Longer I Live" erstklassig dargeboten von Thomas Borchert sowie "Please don´t make me love you" von Pia Douwes. Mit "Advice from a Caterpillar" aus Wonderland (ausgezeichnet Thomas Borchert) und "how ´bout a dance" aus Bonnie & Clyde (Pia Douwes in Höchstform) zeigt Wildhorn, wie sog. klassischer Broadwaysound klingen kann. Absolut fantastisch. Linda Eder & Thomas Borchert lieferten mit "something more" aus Rudolf den Beweis der Extraklasse dieses Konzerts, nämlich den, dass Songs, interpretiert von wirklich erstklassigen Sängern nichts mit Alter, Rollenzeichnung für ein Stück oder ähnlichem zu tun hat. Der erste Teil endete mit einem langen Swing Medley (Money to burn/mad hatter/big time). Broadwaysound vom feinsten.
Mit dem Opener "Viva" aus Carmen zeigt Douwes einmal mehr ihre Wandlungsfähigkeit als Künstlerin und vor allem eines: Power, Power, Power. (Dancer: Steven Seale). Berührend und wundervoll dargeboten folgte "Living in the Shadows" aus Victor/Victoria von Linda Eder und im Anschluss ein atemberaubendes "Where do broken hearts go?". Mit "Only love" aus Rudolf und "Hell to your Doorstep" aus Monte Christo ernteten Borchert und Douwes zu recht frenetischen Applaus. Ein Highlight der Highlights des Abends war mit Sicherheit "In his eyes", gesungen von Douwes und Eder. Naja, was soll ich sagen, das war dann ein unerwarteter Sturm. Ich kann dieser harmonischen Darbietung der beiden Damen eigentlich nur ein Kompliment machen und das ist jenes, dass ich noch nie und das meine ich so, noch nie eine schönere Interpretation dieses Songs gehört habe. Mit "Go with the flow" aus Wonderland und "Gold" aus Camille Claudel endete der Abend. Fast.
Natürlich gab es eine Zugabe und da es 3 Solisten gab, folgten auch 3 weitere Songs.
"This is the Moment", ein Song, den man eigentlich im Programm hätte erwarten können (Perfekt und voller Elan interpretiert, Thomas Borchert)
"Finding Wonderland" (Spektakulär Douwes, spätestens nach dieser Interpretation weiß man, warum die Frau auf den Musicalbühnen der Welt steht)
Und dann kams doch noch: "Vienna" von Linda Eder. Überwältigend. Und mit dieser Interpretation auch die ein, zwei oder mehr Tränen, und das hatte ich noch in keinem Theater.
Große Musicalkonzerte (mit großem Orchester und großen Chören) sind im englischsprachigen Raum keine Seltenheit. Bei uns scheinen sie immer noch Ausnahmestatus zu besitzen. Bedanken muss man sich eigentlich für den Mut solcher Produzenten, die derartiges auch hierzulande ermöglichen oder wie es vor kurzer Zeit RE-Present in Hamburg bewies. Konzerte, die nichts mit dem 3000. Galanachtsbrei des Musicals oder anderen Best-of-Touren gemein haben. Ein paar Beispiele gingen mir beim Verlassen des "Dampfers" durch den Kopf: Alan Menten & Stephen Schwartz?, Richard Rodgers?, John Kander?, Sondheim?, Yeston oder Woolfson?.. Später bei einem Glas Wein bekommt einem das Gefühl, etwas herausragendes, wirklich sensationell-schönes erlebt zu haben. Ist doch was.
Ich schließe meinen Bericht mit Linda Eder:
'Cause in Vienna- we were poetry
es, in Vienna- love was alive
Watching you watching me
All that our eyes could see
All of the nights
We chased into the dawn
It was the best time of my life
"Ich liebe Dich"
Auf meiner New Yorker Einkaufsliste ganz oben stand die gerade erschienene Autobiographie der großen Broadway Diva Patti LuPone, die ich ’93 bei "Sunset Boulevard" in London live erleben durfte. Patti LuPone hat nicht gerade den besten Ruf in der Szene und wer nun ihre Memoiren liest und dabei auch ein wenig zwischen den Zeilen liest, kann auch oft nachvollziehen warum. Trotzdem gibt das Buch eine spannende kurzweilige Lektüre her, vor allem über ihre Anfangsjahre. Wer weiß heute schon, dass Patti eigentlich klassische Schauspielerin ist, die fast per Zufall an die damals heiß begehrte Rolle der Eva Peron kam, die sie zum Musicalstar machte.
Viel Zeit widmet sie ihrer ersten großen Musicalrolle, dem verheerenden Flop "The Baker’s Wife" von Stephen Schwarz. Bei der Lektüre dieses Kapitels denkt man unweigerlich an andere, aktuellere Stücke, bei denen eigentlich früh klar war, dass sie nicht funktionieren und die doch mit aller Gewalt auf Hit gebürstet werden sollten.
Ein weiteres ausführliches Kapitel ist natürlich Sunset Boulevard gewidmet und ihrer großen Schmach, dass sie für die Broadway-Premiere durch Glenn Close ersetzt wurde. Während man ihren Frust durchaus nachvollziehen kann, wirkt sie hier doch arg wehleidig auf mich wenn sie von einer monatelangen Auszeit und Therapiestunden redet um darüber hinwegzukommen. Dafür werden einfach viel zu viele Menschen immer wieder schlecht von ihren Arbeitgebern behandelt. Und so ärgerlich es auch für sie war, man kann auch Andrew Lloyd Webber’s Seite verstehen, der nach den eher mauen Kritiken von Sunset Boulevard unbedingt einen großen Star brauchte, damit die Show in New York Karten verkaufte.
Neben dem Drama serviert Patti zum Glück auch einiges an Comedy mit witzigen Theater-Anekdoten wie ihrem Concorde-Rückflug nach London um abends pünktlich als Norma Desmond auf der Bühne zu stehen. Wer nur auf die deutschen Großmusicals fixiert ist, wird mit dem Buch nicht viel anfangen können, doch wer sich auch für den Broadway interessiert und die großen Diven der Szene, sollte Pattis Autobiographie unbedingt lesen.
Es gibt bekanntlich nichts älteres als die Zeitung von gestern und daher habe ich auch nicht wirklich Lust, irgendwelchen News nachzuhecheln, die während meiner USA-Reise verkündet wurden. Doch natürlich gilt mein Augenmerk neben New York noch immer am ehesten der zweiten Heimat London, wo sich weiteres Unheil zusammenbraut. Naja, nicht direkt in London sondern weiter nördlich am Mersey. Die Liverpooler sind zwar für ihren unverwüstlichen Humor bekannt, doch den Genuss der UK-Premiere eines längst vergessenen Broadway-Flops haben auch sie nicht verdient. Am 18.Februar 2011 soll im Liverpool Empire "Big – the Musical" Premiere feiern, ein Musical das auf dem gleichnamigen Film mit Tom Hanks aus dem Jahr 1988 basiert. Den Part von Tom Hanks soll Tom Chambers spielen, dem britischen Publikum aus Holby City und Strictly come dancing bekannt. Sollte das Stück ein Erfolg werden, droht eine Tournee und vielleicht sogar ein West End-Transfer. Warum mich das, milde gesagt, frustriert?
Nun, der nicht abreißende Strom an lauwarmen Filmverwurstungen ist so schon ärgerlich genug, auch wenn manche Bühnenversionen ja durchaus gelungen sind und einige der zukünftigen Projekte neugierig machen. Aber so richtig ärgerlich ist die Tatsache, dass London in den letzten Jahren kaum noch die erfolgreichen Broadway-Premieren nachspielt, sondern bis auf wenige Ausnahmen nur noch die Flops. Wo bleibt "Next to Normal", wo bleiben die mehrfach angekündigten Transfers der Revivals von "Gypsy" und "South Pacific"? Seit dem Start von "Wicked", "Avenue Q" und den "Jersey Boys" vor einigen Jahren sind die Transfers fast versiegt – und die einzige rühmliche Ausnahme ist "Legally Blonde", das aber am Broadway auch eher zu den Flops gezählt werden darf und sich erst in London, vor allem auch durch die grandiose Sheridan Smith, zum Hit mauserte.
Stattdessen kommt nun als einziger großer Transfer aus New York das ebenfalls gefloppte Franchise-Musical "Shrek" über den Teich. Mag sein, dass auch dieses sich in London noch zum Hit entwickelt, aber bei der angedrohten Besetzung mit u.a. TV-Sternchen Amanda Holden, die schon bei "Thoroughly Modern Millie" das Publikum vergrätzte, und den unverschämten Preisen, kann man dies wohl bezweifeln. Als großes Familien-Musical der Saison dürfte da der allerseits bekannte und beliebte "Wizard of Oz" die Nase vorn haben, zumal "Dorothy" Danielle Hope prominent im Fernsehen gesucht wurde und nun noch Michael Crawford als Wizard dazu gekommen ist.
Und während man hofft, dass sich wenigstens doch noch irgendetwas originelles, spannendes tut, kommt dann diese News: "Big", ein veritabler 15 Jahre alter Flop, der am Broadway kein halbes Jahr überlebte, wird in Liverpool aufgezogen mit geplanter Tournee und West End-Aufführung. Warum in aller Welt stecken Produzenten Geld in solche Projekte und nicht in Shows die derzeit in New York erfolgreich sind, die also vom Publikum schon angenommen wurden und um die es in der Community eine Menge positiven "Buzz" gibt.
Immerhin: Eine weitere Filmverwurstung die im kommenden Frühjahr ins West End kommt, verspricht wenigstens mehr Originalität: "Betty Blue Eyes", aus der Feder des bis heute sehr unterschätzten Duos George Stiles und Anthony Drewe, basiert auf dem Film "A private function" von einem der besten britischen Theaterautoren der Gegenwart, Alan Bennett, in dem u.a. Maggie Smith und Michael Palin zu sehen waren. Ihre Parts werden auf der Bühne von Sarah Lancashire und Reece Shearsmith übernommen, der vor allem als Teil der Anarcho-Comedy-Truppe The League of Gentlemen bekannt wurde. Schon der Film war eine köstliche Komödie, zusammen mit Songs von Stiles & Drewe könnte hier etwas wirklich vielversprechendes entstehen. Und britische Eigengewächse sind mir dann letztendlich lieber als der uninspirierte Import von uralten Broadway-Flops.
Als letztes Stück war einfach nur Spass pur angesagt. Die naserümpfenden Apostel der musicalischen Ernsthaftigkeit können hier also getrost aufhören zu lesen. "Rock of Ages" hatte mir schon auf der CD immer großen Spass gemacht – die Musik meiner Jugend, die langhaarigen Rocker der 80'er Jahre, kombiniert mit flotten Sprüchen und einem Buch dass sich in keiner Sekunde ernst nimmt – das versprach auch im Theater gute Unterhaltung und für $69 konnte ich sogar in der 6.Reihe mittig sitzen. Was will man mehr?
Die Geschichte nimmt mit auf eine Zeitreise in das Los Angeles der 80.Jahre und eine vergammelte Bar am Sunset Strip, in die es nacheinander den Möchtegern-Rocker Drew (alias Wolfgang von Colt!) und die typische Blondine aus dem Mittleren Westen, Sherrie, verschlägt. Drew versiebt die Balz um Sherrie jedoch und sie lässt sich lieber auf den langhaarigen Rockstar Stacee Jaxx ein, der mit seiner Band Arsenal sein allerletztes Konzert im Club gibt, weil er Eigentümer Lonnie einen Gefallen schuldig ist. Derweil will der deutsche Unternehmer Hertz den ganzen Block abreißen lassen, doch Söhnchen Franz, der sich in die Hippie-Aktivistin Regina verknallt, hilft beim Protest gegen den Abriß mit und entdeckt nebenbei seine Liebe zum Showbiz. Am Ende wird natürlich alles gut – der Club bleibt stehen, Sherrie und Drew kriegen sich.
Dazwischen liegen drei Stunden der besten Rocksongs der 80'er Jahre, die mich wieder einmal wehmütig an die Zeit erinnerten, als Musik noch handgemachte Herzenssache war und keine massenproduzierte Retorte mit austauschbaren Hupfdohlen, und jedemenge Lacher. Sicher kann man "Rock of Ages" in der gleichen Kategorie wie "Mamma mia" oder "Priscilla" ansiedeln, aber manchmal ist mir ein gutgemachtes Jukebox-Musical noch lieber als eine lauwarme Filmadaption mit einfallslosen neuen Songs wie bei "Sister Act" oder eine lieblos runtergeschriebene Schmonzette.
Die Darsteller waren allesamt mit viel Spass bei der Sache, wobei Mitchell Jarvis als Stacee für meinen Geschmack schon wieder zu dick auftrug. Joey Taranto als Drew und Emily Padgett als Sherrie dagegen waren ebenso hinreißend wie Jay Klaitz der als Lonnie die dünne Geschichte zusammenhält und dabei oft direkt mit dem Publikum interagiert. Überraschend groß war die zweite Love Story der Show zwischen Regina (Josephine Rose Roberts) und dem unglaublich guten Derek St.Pierre als Franz, einem jungen Mann von dem man hoffentlich noch viel hören wird.
Alles in allem war es auf jeden Fall für mich eine sehr gelungene Mischung aus vier stilistisch total unterschiedlichen Musicals, die mich auf ihre Art alle begeistert haben. Und wenn man die lauwarme neue Saison sieht, die London droht, und wieviele neue Stücke am Broadway in den Startlöchern stehen, könnte mich des Times Square noch eher wiedersehen als der Piccadilly Circus...
Kaum ein Musical fand in den letzten zwei Jahren soviel uneingeschränkten Zuspruch wie das Pulitzer-gekrönte Stück "Next to Normal" der Newcomer Brian Yorkey und Tom Kitt. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum: Wann hat das letzte Mal ein neues Musical ein heißes modernes Eisen angepackt und kam noch dazui mit hervorragenden Texten und eingängiger Musik daher?
Die Geschichte der Familie Goodman und den Auswirkungen der psychischen Krankheit von Mutter Diana auf ihren Ehemann Dan und ihre Tochter Natalie erwartet man sonst auch eher im (nicht-deutschen) Sprechtheater. Dabei sind es gerade die Songs, die den Charakteren eine weitere Dimension verleihen, etwa wenn Diana in "I miss the mountains" über das Leben im ewig ruhiggestellen Pillendunst klagt oder Natalie in "Superboy and the invisible girl" darüber, ständig im Schatten des nur in Dianas Fantasie existierenden großen Bruders Gabe zu stehen. Dieser Gabe ist der größte Kunstgriff der Autoren, denn obwohl er als kleiner Junge verstarb, lebt er in Dianas Fantasie (und für das Publikum sichtbar auf der Bühne) weiter und ist zu einem gutaussehenden jungen Mann herangewachsen. Diverse psychologische Behandlungen bis hin zur Lobotomie helfen nicht, den imaginären Jüngling zu vertreiben. Doch für mich am allerbesten an diesem Stück war das überraschend unamerikanische unzuckrige Ende des Stückes - man könnte befürchten dass Diana gesund wird, Gabe auf ewig verschwindet und alle glücklich ans Ende ihrer Tage leben, doch so kommt es nicht. Im Gegenteil, Diana findet zur einzig richtigen Erkenntnis, nämlich dass das bei den Amerikanern so beliebte Pillen einwerfen nichts bringt wenn es die Seele ist, die Schaden erlitten hat. Und so geht sie auf Selbstfindungstrip und lässt Dan und Natalie alleine zurück.
Die Rolle der Diana ist sicher eine der allerbesten Frauenrollen der letzten Jahre und Marin Mazzie meistert sie bravourös und mit fantastischer Stimme. Dagegen bleibt Jason Danieley (auch im echten Leben ihr Ehemann) als Dan etwas blass, was aber auch an der Figur selbst liegt, an diesem bedauernswerten Mann, der seit fünfzehn Jahren mit den Neurosen seiner Frau leben muss und dabei den eigenen Schmerz nie verdaut hatte. Ebenfalls beeindruckend war für mich Understudy Mackenzie Mauzy als Natalie, ein zartes, zerbrechliches und doch innerlich so starkes Mädchen, das man einfach nur mit fortnehmen will aus dem Mist in dem sie lebt. Kyle Dean Massey als Superboy Gabe, Louis Hobson als Dr Madden und der etwas überflüssige Adam Chanler-Berat als Natalies Verehrer Henry komplettierten das fantastische kleine Ensemble.
"Next to Normal" hat es auf jeden Fall verdient weltweit nachgespielt zu werden – nicht in den kommerziellen Seichtgebieten der Stage Entertainment oder auch im West End, aber ganz sicher z.B. im Royal National Theatre oder in einem deutschen Stadttheater das mehr Mut hat als die 23.Version von "Jekyll & Hyde" in zwei Jahren zu bringen.
Das fluffig-nette "In the Heights" hatte ich schon lange auf CD und es hatte nie so wirklich bei mir gezündet, obwohl ich ja eigentlich ein Fan der Karibik und von lateinamerikanischer Musik bin. Aber da die Chancen dass ein Musical über eine Gruppe Latinos im Stadtviertel Washington Heights von New York City je über den Atlantik kommt, eher minimal sind, dachte ich, es ist eine gute Gelegenheit es dann doch mal live zu sehen. Zumal die Besetzung nun mit American Idol-Gewinnerin Jordin Sparks als Nina aufwarten konnte, einer jungen Dame mit beeindruckender Powerstimme.
Am Ende war es dann ungefähr so wie ich erwartet hatte – zweieinhalb Stunden durch und durch sympathischer unterhaltsamer Fluff ohne große Dramatik, wo die größten Probleme darin bestehen herauszufinden wer nun einen Lottogewinn von 96000 Dollar verbuchen konnte (natürlich die gutherzige Oma des Viertels, Abuela Claudia) und ob Nina nun wieder aufs College zurückgehen soll oder nicht (natürlich tut sie es). Immerhin, die peppigen Latino-Rhythmen, die flotten Tanzszenen und der warmherzige Humor machen In the Heights zur gelungenen Unterhaltung und irgendwo kann man ja auch verstehen, dass Autor Lin-Manuel Miranda lieber ein so positives Bild von "seinem" Viertel zeichnet – was vielleicht am Ende auch besser ist als die ewig gleichen Sozialdramoletten von Kleinkriminalität, Drogen und Rassismus.
Bei den Darstellern überzeugte neben der sympathischen Jordin Sparks vor allem Clifton Oliver als Benny und Blanca Camacho als Abuela Claudia. Auch der neue Usnavi Kyle Beltran war als Erzähler und Herzstück der Show sehr sympathisch, aber bei dem was ich von Lin Manuel Miranda kenne, glaube ich doch, dass er in seiner Paraderolle noch besser gewesen wäre. Die Filmversion wird’s zeigen.
Für mich der Hauptgrund, in diesem Jahr mal wieder nach New York zu fliegen, war die Ankunft von "American Idiot", einer Bühnenversion des gleichnamigen Green Day-Albums, die zuerst in Berkeley/Kalifornien uraufgeführt wurde. Noch dazu mit zwei Herren, die ich wirklich schätze, Tony Vincent als St.Jimmy und John Gallagher Jr als Johnny. Dass letzterer dann in meiner Vorstellung nicht spielte, war schon eine kleine Enttäuschung aber das Stück war auch so mehr als sehenswert.
Schon das Album von Green Day war gewissermaßen als Concept Album mit einem dramaturgischen Faden veröffentlicht worden und für die Bühne kamen noch Songs des neuen Albums 21st Century Breakdown hinzu. Es geht um drei junge Männer, die in der klassischen amerikanischen Vorstadthölle gefangen sind und gegen die Gleichschaltung der Massen durch das brunzdumme Fernsehprogramm und die Medien im Allgemeinen rebellieren. Man darf nie vergessen, dass American Idiot 2004 erschien, als die Bush-Propaganda in den USA und die Paranoia vor islamischem Terror auf dem Höhepunkt war und aller möglicher Schwachfug vom Irakkrieg bis zum Patriot Act auch mit Hilfe der Medien durchgedrückt wurde – und wenn man die Propaganda-Schlachten der unsäglichen Tea Party und ihrem Vorzeigepüppchen Sarah Palin gegen Präsident Obama sieht, merkt man, dass es noch immer mehr als genug American Idiots gibt, die alles schlucken, was die Medien ihnen servieren.
Die drei jungen Männer, Johnny, Tunny und Will haben jedenfalls die Nase voll von Suburbia und wollen in die große Stadt abhauen. Will bleibt jedoch zurück als seine Freundin Heather ihm sagt, dass sie schwanger ist. Tunny, auf der Suche nach einem Sinn im Leben, lässt sich von der Army Propaganda verführen, zieht in den Irakkrieg und verliert dort sein linkes Bein, findet aber immerhin Liebe bei einer Armeekollegin, die nur als "Extraordinary Girl" benannt ist. Johnny lässt sich von einem Drogenhändler names St. Jimmy (der aussieht wie der Zwillingsbruder von Noomi Rapaces Lisbeth Salander) zu Drogen verführen und beginnt eine Liebschaft mit einem Mädchen das nur als Whatshername bekannt ist. Will ist absolut nicht reif für die Suburban Hell mit Frau, Baby und Eigenheim und Heather verlässt ihn frustriert – von diesen beiden hätte ich gerne mehr gehört, weil ihre Geschichte gegen Tunny und Johnny doch etwas vernachlässigt wird.
Anders als viele andere hatte ich jedoch kein Problem damit, dass die Show nur 90 Minuten lang war oder dass erläuternde Dialoge fehlten oder zusätzliche Songs, die andere Shows oft nur quälend in die Länge ziehen. Es sind die kleinen Momente, die Gesten, bestimmte Textzeilen, die bei American Idiot voll überzeugen, z.B. als Tunny zum ersten Mal im Rollstuhl mit einer Beinprothese auf die Bühne kommt und singt "When you're at the end of the road..." oder wenn sich immer mehr Freunde von Slackern in zerrissenen Jeans und Schlabber-T-Shirts in bleiche Bürogestalten in Anzug und Krawatte verwandeln. Für mich ist American Idiot so wie es ist, genau richtig, ich würde es nicht künstlich auseinanderziehen wollen nur um irgendwelchen Musicaltheater-Normen zu entsprechen (was dann auch bei Hauptfiguren die so sehr gegen Normen rebellieren, arg ironisch wäre).
Ja, ich gebe sogar zu, am Sonntag mittag habe ich mein Glück bei der Lottery versucht um evtl. doch noch John Gallagher Jr zu sehen und weil ich die Show wirklich gerne nochmal gesehen hätte. Leider war der Andrang sehr hoch weil soviele Musicalfans für den Flea Market in der Stadt waren und ich ging leer aus – nun also auf London hoffen – vielleicht sogar mit einem Transfer der Besetzung, die wirklich großartig war. Vor allem Stark Sands als Tunny hat mich beeindruckt, was aber wohl auch daran lag, dass mir seine Geschichte am nächsten ging, da ich selbst genug verblendete junge Amerikaner kenne, die sich als Berufssoldaten für die US Army verpflichten und vor patriotischem Stolz schier überquellen. Doch auch der Rest des Ensembles, darunter der scheinbar alterslose Tony Vincent und Understudy Van Hughes als Johnny beeindruckten mit ihrer unglaublichen Energie.