Erstmal sorry an alle regelmäßigen Leser, dass die Updates in diesem Monat zu wünschen übrig ließen und wenn überhaupt, ziemlich London/New York-lastig waren. Eine sehr turbulente Zeit im Privatleben brachte es mit sich, dass ich kaum Zeit hatte mich wie sonst über die aktuellen Ereignisse in der Musicalszene zu informieren und wenn überhaupt, dann nur oberflächlich (was dann wiederum peinliche Mißgeschicke wie den falschen Spiderman-Clip mit sich brachte).
Aber: Ich gelobe Besserung! Nun geht es erstmal nach New York, in erster Linie um "American Idiot" live zu sehen (tja, liebe Naysayer, die Show hat euch leider nicht den Gefallen getan zusammenzuklappen ehe ich sie sehen konnte). Außerdem stehen "Next to Normal", "In the Heights" und "Rock of Ages" auf dem Programm, allesamt Shows die wir wohl in naher Zukunft nicht auf dieser Seite des Atlantiks erleben werden, und natürlich der Broadway Flea Market. Anschließend geht es noch zu ein paar erholsamen Tagen außerhalb von New York ans Meer - es wird also noch ein paar Tage dauern mit Show-Berichten und anderen Besprechungen von geplanten Einkäufen wie z.B. Patti LuPone's Biographie. Man sieht sich. Rock on!
Nun steht es offiziell fest: Nach dem ersten Try-Out in Manchester wird das Musical "Ghost" von Dave Stewart und Glen Ballard ab Juni 2011 ins Piccadilly Theatre in London einziehen und dort das "Grease"-Revival ersetzen, das nach drei Jahren endlich das Feld räumt. So richtig originell ist "Ghost" zwar nicht und nach "Flashdance", "Shrek" und "Love Story" die vierte Film-Verwurstung die London im kommenden Jahr heimsucht, aber immerhin mal wieder etwas frisches neues. Die Inszenierung liegt in den Händen von Matthew Warchus (Regie) und Rob Howell (Design), die zuletzt den Megaflop "Lord of the Rings" auf die Bühne brachten, doch muss man fairerweise sagen, dass Regisseur und Designer nichts dafür können wenn Buch und Musik einfach nicht überzeugen. Außerdem scheint festzustehen dass Sharon D. Clarke den Whoopi Goldberg-Part des durchgeknallten Mediums Oda Mae Brown übernimmt. Ob Laura Michelle Kelly wie schon in den Workshops die Demi Moore-Rolle der Molly spielt, steht scheinbar ebenso wenig fest wie wer die Swayze-Rolle Sam übernimmt.
Den Broadway scheint der Affe zu lausen: Eine australische Produktionsfirma namens Global Creatures plant "King Kong – Live on Stage" auf New York loszulassen. Immerhin hat man dafür einige Broadway-Experten wie Marius de Vries (Musik), Craig Lucas (Buch) und Daniel Kramer (Regie) gewonnen, aber das sollte nicht davon ablenken, dass die einzige "Bühnenproduktion" (wenn man sie so nennen will) von Global Creatures das Spektakel "Walking with Dinosaurs" war, das vor allem mit nachgebauten animierten Dinosauriern und Effekten aufwartete. Außerdem ist eine Bühnenversion von "How to train your Dragon" in der Mache, dem netten 3D-Animationsfilm von Dreamworks.
Hier scheint sich allmählich die letzte Lücke zu schließen zwischen Kinofilmen, Live-Spektakeln und echten Bühnenproduktionen, nachdem die Konturen in den letzten Jahren immer weiter verblassten: Filme kamen auf die Bühne und wurden dann wiederum als Musical verfilmt, Franchises, die bereits als Film und TV-Produktion funktionierten, wurden auf die Bühne ausgedehnt und Musicalstoffe von vornerein für die Kamera entwickelt oder als Konzerte und Tanzproduktionen auf Tournee geschickt.
Wann der Affe auf die New Yorker Bühne kommt, steht noch nicht fest. Man darf wohl erstmal die kommende Saison abwarten, wo originale Musicals, größtenteils vom Off-Broadway, auf kleinere Film-Adaptionen wie "Women on the verge of a nervous breakdown" und Mega-Franchises wie "Spiderman" treffen.
Von allen spannenden und weniger spannenden Broadway-Premieren der letzten Saison ist es nun ausgerechnet das Oldie-Recycling "Million Dollar Quartet", das im kommenden Jahr im West End Premiere feiern soll. Bei dem Stück geht es um eine legendäre Jam Session in Memphis 1956, bei der Elvis Presley, Johnny Cash, Carl Perkins und Jerry Lee Lewis zufällig zusammentrafen und miteinander Musik machten. Auf der Bühne sind die größten Hits dieser vier zu hören. Um die Publicity für eine West End-Produktion anzuheizen, werden nun mittels einer großen Audition-Tour Hauptdarsteller gesucht. Mir tut das Creative Team jetzt schon leid, dass sich jeden drittklassigen Elvis-Impersonator im Königreich anhören muss…
Etwas interessanter ist da schon das Gerücht, dass das in New York gefeierte Revival von "South Pacific" im kommenden Jahr nach London kommen soll. Bis dahin muss man sich wohl wieder damit trösten, dass etliche spannende neue Schauspiele auf die Bühne kommen, darunter die Adaption von Sebastian Faulks' "Birdsong" und der neueste Coup des Royal Court Theatre, "Clybourne Park". Für Musicals ist man in der kommenden Saison auf jeden Fall am Broadway besser aufgehoben.
Nach Wildhorns "Wonderland" (Marquis) hat nun auch "The Book of Mormon" ein Theater am Broadway gefunden – das Eugene O'Neill Theatre, wo am 24.März die Uraufführung stattfinden wird (Previews ab 24.Februar). Damit wächst die Zahl der Uraufführungen in der kommenden Saison auf rekordverdächtige 11. Und nach einiger harmloser Unterhaltung kann man hier immerhin auf köstlich bissige Satire hoffen, wenn die Macher der Kultserie South Park, Trey Parker und Matt Stone, zusammen mit Avenue Q-Komponist Robert Lopez die Mormonen wieder aufs Korn nehmen. Bereits 2003 wurde das Thema in South Park mit der Folge "All about Mormons" aufgegriffen, in der eine Mormonenfamilie nach South Park zieht.
Parker und Stone sind keine Musical-Neulinge – schon der South Park-Film und "Team America: World Police" kamen mit mehreren Songs daher; "Blame Canada" war sogar für einen Oscar nominiert. Man darf gespannt sein, was auf die Bühne des Eugene O'Neill-Theatres kommen wird – die ersten gereizten Kommentare auf amerikanischen Foren versprechen eine nette Kontroverse, die sich wohltuend von der gefälligen Unterhaltung abhebt, die ansonsten auf den Broadway zukommt.
Wie es in den deutschen Fanwelten so üblich ist: Wenn es nicht von Stage Entertainment oder den VBW kommt, existiert es nicht. Diese Erfahrung dürfte gerade auch Deutschlands jüngstes Stadttheater machen, das Landestheater Oberpfalz östlich von Nürnberg nahe der tschechischen Grenze gelegen. Dort findet nämlich am heutigen Abend weitgehend unbeachtet die deutschsprachige Uraufführung von “Xanadu” statt, der Bühnenadaption des gleichnamigen Filmes mit Olivia Newton John von 1980. Der Film war seinerzeit ein Flop, doch das Musical brachte es 2007 am Broadway auf über 500 Vorstellungen mit anschließender US-Tournee.
Die deutschsprachige Version wurde von Daniel Call erstellt, wobei die berühmten Filmsongs zum Glück auf Englisch erhalten bleiben. Regie in Leuchtenberg fürt Daniel Grünauer. In den Hauptrollen sind Susanne Stangl als Kira/Clio und Markus Engelstädter als Sonny zu stehen. Dem Landestheater Oberpfalz wünsche ich alles Gute für ihr ambitioniertes Projekt und toi, toi, toi.
"Spiderman" ist sicher das mit größter Spannung erwartete neue Musical am Broadway der Saison. Im amerikanischen "Frühstücksfernsehen" präsentierte Reeve Carney nun zum ersten Mal einen Song aus der Show. "Love me chase me" klingt nach typisch U2 und macht Appetit auf mehr.
Das knuddelige Off-Broadway-Musical "The 25th Annual Putnam County Spelling Bee" von William Finn und Rachel Sheinkin wird ab 11.Februar 2011 im Donmar Warehouse zu sehen sein. Regie führt Jamie Lloyd. Die Besetzung wurde noch nicht bekannt gegeben, doch angesichts der Größe des Donmar Warehouse und der begrenzten Spielzeit bis 2.April dürfte dem Stück auch im West End ein gewisser Erfolg sicher sein.
Auch sonst tut sich allmählich wieder etwas, wenn auch eher in den Provinzen, aber garantiert mit der Hoffnung auf einen späteren West End Transfer. Am Manchester Opera House findet ab 28.März ein Tryout von "Ghost" statt, basierend auf dem gleichnamigen Film mit Demi Moore und Patrick Swayze. Die Musik kommt von Dave Stewart von den Eurythmics, die Texte von Glen Ballard, das Buch von Bruce Joel Rubin, der bereits das Filmdrehbuch geschrieben hatte. Für die weibliche Hauptrolle ist Laura Michelle Kelly im Gespräch.
Jemima Rooper, die gerade erst im West End in "All my Sons" glänzte, spielt ab 2.Dezember 2011 in einem Revival des Klassikers "Me and my girl" im Crucible Theatre Sheffield zusammen mit Daniel Crossley als Bill Snibson. Bleibt zu hoffen, dass die beiden Tryouts und weitere geplante neue Stücke wie "Bridges Jones Diary" endlich wieder frischen Wind ins West End bringen.
Aus Holland kam schon einiges über die Grenze – von halbwegs gelungenen Werken wie den "Musketieren" bis zu fragwürdigen Schnellschüssen wie "Ich will Spass". Bemerkenswert ist die Ankündigung von Hans Cornelissen und Ruud de Graaf ein Musical über die deutsche Schlagerikone Marianne Rosenberg zu entwickeln, das zunächst 2013 in den Niederlanden Premiere haben wird und dann auch nach Deutschland exportiert werden soll. Neben Marianne Rosenberg soll auch die Geschichte von Rex Gildo darin verarbeitet werden, sowie zahlreiche alte deutsche Schlager wie "Rote Rosen", "Zwei kleine Italiener" und "Merci Cheri". Denn obwohl unsere niederländischen Nachbarn zwar früher gerne auf die Moffen jenseits der östlichen Grenze geschimpft haben, waren deutsche Schlager auch drüben Kult. Paul van Ewijk soll Regie führen, Tony Neef wurde bereits als einer der Hauptdarsteller angekündigt. Man darf gespannt sein, ob mehr dabei heraus kommt aus Käse…
Keine Überraschung bei der Pressepräsentation des neuesten religiös angehauchten Werkes von Dennis Martin und Peter Scholz: Sabrina Weckerlin, die schon für sie als (später heilige) Elisabeth von Thüringen in Eisenach auf der Bühne stand und als Alrun in "Bonifatius", wird bei der Uraufführung von "Die Päpstin" in Fulda im kommenden Jahr in der Hauptrolle der Johanna auf der Bühne stehen. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Buch der US-Amerikanerin Donna Cross, die ebenfalls zur Medienpräsentation nach Fulda gekommen war. Das klingt beeindruckender als es ist, denn jenseits von Deutschland stieß ihr Buch auf weit weniger Gegenliebe, doch in Sachen Belletristik waren die Deutschen noch nie sonderlich anspruchsvoll. So waren auch Deutsche, die die "Päpstin" bereits im letzten Jahr verfilmt hatten, mit Sönke Wortmann im Regiestuhl und Johanna Wokalek in der Hauptrolle.
Die Geschichte der "Päpstin Johanna" wurde von Geschichtsforschern mittlerweile eindeutig ins Reich der Fabel verwiesen, doch als halbwegs spannende Mittelalter-Schmonzette taugt der Stoff eines intelligenten Mädchens im Deutschland des Mittelalters, das durch eine Verknüpfung von (fragwürdigen) Zufällen erst zu Bruder Johannes Angelicus und später gar zu Papst Johannes wird, allemal. Aufgrund des Bekanntheitsgrades des Buches und dem Erfolg der Vorgängerproduktionen "Bonifatius" und "Elisabeth" dürfte Dennis Martin auch mit der "Päpstin" wieder einen relativen Hit landen. Und wenn man bedenkt, was für ein qualitativer Fortschritt "Elisabeth" gegenüber "Bonifatius" war, kann man sich sogar auf die Premiere in Fulda freuen.
Wie Michael Riedel diese Woche in der New York Post zu berichten wusste, droht "Love never dies" das endgültige Aus am Broadway. Quellen in London ließen verlauten, dass der Bruch zwischen Andrew Lloyd Webber und seinen US-Partnern Jack O'Brien (Regie) und Jerry Mitchell (Choreographie) definitiv ist. O'Brien und Mitchell wollen sich lieber dem neuen Shaiman-Musical "Catch me if you can" widmen, das nun wohl auch ins Neil Simon-Theatre einziehen wird, das eigentlich für "Love never dies" freigehalten wurde.
Lloyd Webber hat derweile andere Pläne angekündigt: Er will "Love never dies" in zwei neuen unterschiedlichen Produktionen in Toronto und Australien auf die Bühne bringen – die bessere Version soll dann zum Broadway gehen. Bleibt zu hoffen, dass "Lord Bonkers" (Riedels Worte, nicht meine!) nicht nur auf neue Regisseure setzt, sondern auch das hanebüchene Buch noch einmal von Grund auf überarbeitet. Denn meiner Meinung nach ist das das mit Abstand größte Problem von "Love never dies" – nicht die größtenteils gelungene Musik oder die Regie in London.