Das vierte Theater der Stage Entertainment hatte lange Zeit etwas von einem rosa Elefanten an sich - jeder hatte schon einmal davon gehört, doch keiner hatte ihn gesehen. Ein Bericht in der heutigen Welt am Sonntag setzt den ins Kraut schießenden Gerüchten nun ein Ende: Das vierte Theater kommt und es wird in direkter Nachbarschaft zum König der Löwen im Hamburger Hafen errichtet. Was konkret in diesem neuen Theater gespielt werden soll, ist noch unklar - scheinbar soll es mit den Beatles zusammenhängen, weil diese ja (so will die Logik) mit Hamburg verbunden sind, wo sie 1962 einen ihrer ersten großen Auftritte im Star Club an der Großen Freiheit hatten. Naheliegend ist ein Import der Cirque du Soleil-Produktion “Love”, die in Las Vegas bereits Beatles-Songs verwurstet. Damit könnte man auch die erhofften ausländischen Touristen anziehen, die angeblich nicht nach Hamburg kommen, weil es abends keine Unterhaltungsangebote für sie gäbe.
Naja. Wenn sich der gemeine Däne/Holländer/Ami/Engländer auf Sauftour bislang nicht von Musicals wie Mamma mia oder Cats, die ebenfalls keine großen Deutschkenntnisse voraussetzen, nach Hamburg locken ließ, werden es die Beatles auch nicht tun. Zumal die erhofften Touristen in ihren Heimatländern vermutlich wesentlich günstigere Musicals sehen können. Da sollte der zitierte Herr von Albedyll vielleicht nochmal nachdenken. Schliesslich gibt es genug “authentisches” in Hamburg, dass sich vermarkten lässt. Städte wie Berlin, Paris und Barcelona werden auch ohne Musicals jährlich von Millionen Touristen überrannt.
Ein Musical das die mittelmäßigen Popliedchen der Spice Girls recycelt, braucht die Welt eigentlich wirklich nicht. Aber vielleicht wird das angekündigte Musical mit dem Arbeitstitel "Viva Forever" doch gar nicht so schlimm: Produzentin Judy Craymer, die mit Mamma mia das Jukebox-Musical erfand und eine durchaus witzige locker-flockige Komödie produzierte, konnte niemand geringeren als Jennifer Saunders für das Buch gewinnen. Die britische Comedy-Ikone wurde zunächst als Hälfte von "French and Saunders" bekannt und schrieb später mit "Absolutely Fabulous" eine der besten und erfolgreichsten Sitcoms aller Zeiten. In letzter Zeit hatte sie sich zurückgezogen um in aller Stille eine Brustkrebs-Erkrankung zu bekämpfen. Auf ein Bühnenstück von Jennifer Saunders hätte ich jedenfalls mehr Lust als auf recycelte Spice Girls-Songs die Kombination von beiden ist jedoch fast unwiderstehlich.
Überraschungen im West End: Whoopi Goldberg musste ihr ohnehin sehr kurzes Engagement als Mother Superior in "Sister Act" vorzeitig beenden, nachdem ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte und sie in die USA zurückkehrte um bei ihr zu sein. Bis ihre Nachfolgerin Sally Dexter am 2.09. ihr Debüt erlebt, wird eine Zweitbesetzung einspringen.
Bei "Legally Blonde" gab es derweil eine andere Überraschung: Nachdem TV- und Musicalstar Denise van Outen bereits als Nachfolgerin für Sheridan Smith als Elle gehandelt worden war, wird sie stattdessen ab 25.10. als Paulette zu sehen sein. Sheridan Smith hat ihren Vertrag bis Januar 2011 verlängert.
Mit einigem Neid schaut man derzeit nach New York, wo sich eine der spannendsten neuen Saisons seit Jahren zusammenbraut. Einschließlich der Revivals, Off-Broadway-Transfers und angekündigten Shows die noch kein Theater haben (u.a. "Catch me if you can" und "Wonderland") können sich die New Yorker Fans auf ca. 13-15 neue Produktionen freuen. Im West End dagegen sieht es traurig aus. Bis auf die Familienstücke "The Wizard of Oz" im Palladium und "Shrek" im Theatre Royal Drury Lane – und das Tanzmusical "Flashdance" (Shaftesbury Theatre), keines davon eine besonders originalle Uraufführung, wurde bislang wenig Neues verkündet. Natürlich kann man die Schuld bei der in Großbritannien besonders heftig ausgefallenen Wirtschaftskrise suchen, die etliche Investoren abschreckt. Oder bei Cameron Mackintosh der lieber die "Les Mis"-Kuh anlässlich des 25.Geburtstags lieber nochmal kräftig melkt, statt etwas neues zu bringen. Doch vielleicht sollte man dieses (sicher verdiente) Jubiläum eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten einmal nutzen um einen kritischen Blick ins West End zu werfen, wo sich mittlerweile eine stattliche Zahl von Dauerbrennern eingenistet hat. Hier die Top Ten:
Queens: Les Miserables - 25 Jahre Her Majesty's: Phantom – 25 Jahre Phoenix: Blood Brothers – 20 Jahre Cambridge: Chicago – 14 Jahre Prince o.Wales: Mamma mia – 12 J Lyceum: Lion King – 12 Jahre Dominion: We will rock you – 9 J Victoria Palace: Billy Elliot – 6 Jahre Apollo Victoria: Wicked – 5 Jahre Aldwych: Dirty Dancing – 5 Jahre Piccadilly: Grease – 4 Jahre
Gut, dass sind 11 Produktionen aber auf "Grease" wollte ich nicht verzichten, da man hier theoretisch von einer viel längeren Laufzeit sprechen kann. Das aktuelle Revival wurde eigentlich 1993 im Dominion Theatre uraufgeführt (seinerzeit als erste große "Grease"-Produktion die die Filmhits verwendete), transferierte ins Cambridge Theatre und war seitdem eigentlich permanent auf Tournee mit regelmäßigen Abstechern im West End. Viele dieser Stücke zielen ganz deutlich auf die Touristen und deren Sprachbarrieren, die lieber etwas halbwegs familiäres auswählen (Mamma mia, Lion King, Phantom), andere Stücke halten sich durch Stuntcasting am Leben wie z.B. Chicago und neuerdings Les Miserables, das nicht nur von der Hype um Susan Boyle und deren "I dreamed a dream" profitierte, sondern neulich auch noch einen Jones Brother auf die Bühne stellte. Blood Brothers stellt sicher einen kuriosen Sonderfall dar und profitiert davon, dass es auf dem allgemeinen Lehrplan englischer Schulen steht und somit unzählige Schulklassen Tagesausflüge nach London unternehmen und das Stück besuchen. Bei Stücken wie Billy Elliot und Wicked kann man bislang wohl einfach nur von einer erfreulich erfolgreichen Laufzeit sprechen.
Doch das Problem ist: Je mehr Shows zu derartigen Long-Runs werden, umso weniger Theater sind für neue Produktionen erhältlich. Dass es sich bei der hohen Anzahl von Long-Runs um ein Phänomen handelt, dass nur selten auftritt, bezweifle ich ebenfalls. Sicher hat es immer mal wieder spektakuläre Laufzeiten gegeben. Doch die Zahl der Städtetouristen ist in den letzten Jahren immer mehr gewachsen – und gerade London ist ein beliebtes Ziel für Billigflieger und damit für Städtetouristen leicht erreichbar. Dazu kommt das Pfund, dass in den letzten Jahren immer günstiger geworden ist und die stark gestiegene Mobilität in asiatischen Ländern, wo London neben Paris und Italien zu den gefragtesten Destinationen gehört. Auch bei europäischen Schulklassen, die früher Klassenfahrten ins nächstgelegene Mittelgebirge unternahmen, gehört London heute fast schon zum Pflichtprogramm. Mit anderen Worten: London ist immer voller geworden und immer mehr Touristen wollen abends mal ins Theater gehen. Und diese Touristen werden Shows wie "Mamma mia", "We will rock you", "Dirty Dancing" und "Lion King" vermutlich bis in alle Ewigkeit am Laufen halten können. Am Broadway sieht man dieses Phänomen zwar auch bei mehreren Shows, aber generell scheint die Fluktuation höher zu sein.
Was bleibt zu tun? Man kann es den Produzenten in dieser schwierigen Branche nicht verdenken, wenn sie eine Cash Cow melken wollen bis sie umfällt – immerhin kann man annehmen dass fette Profite bei einer dieser Cash Cows es dem Produzenten ermöglichen, dann auch wieder etwas gewagteres zu produzieren. (Andererseits? Wann hat Cameron Mackintosh das letzte Mal etwas gewagtes neues produziert? Haben Ulvaeus/Andersson trotz der Milliarden die ihnen "Mamma mia" auf ihre Bankkonten gespült haben, "Kristina" groß produziert? Oder gar etwas neues geschrieben?). Wie schon in New York, wo fast alle neuen Shows mittlerweile am Off-Broadway entstanden sind, scheint sich auch in London die echte Musicalszene immer weiter zurückzuziehen, z.B. in die Menier Chocolate Factory in Southwark oder in die Provinz, wie beim Chichester Festival. Traurig wäre es dennoch, wenn das West End irgendwann komplett den massenkompatiblen Touristen-Shows überlassen würde. Da sollten die Produzenten dann vielleicht doch mal den Mut haben, die Dinosaurier in den verdienten Ruhestand zu schicken und neuen Shows eine Chance zu geben, sich ebenfalls zu erfolgreichen Dauerbrennern zu entwickeln. Bis dahin kann man wohl nur abwarten, ob Theater wie das Lyceum, Cambridge oder Her Majesty's igendwann mal wieder zur Verfügung stehen und ein frischer Wind durch das West End weht.
Manchmal hat man zuviel Zeit zum Fantasieren. Eine sehr inspirierende Forumsdiskussion über das misslungene Buch der Phantom-Fortsetzung "Love never dies" setzte bei mir kreative Kräfte frei und ich überlegte mir immer mehr, wie ICH eine mögliche Fortsetzung erzählen würde (wenn ich eine Fortsetzung nicht komplett überflüssig fände, aber das nur nebenbei). Dies führte am Wochenende zur Entwicklung von "der Show die es nie gab" und die ich auch meinen Lesern nicht vorenthalten will. Leider wird seine Lordschaft wohl nicht mitlesen ;) Hier also meine Fassung von "Love never dies":
1.AKT 1.Szene: Die Pariser Oper, eine üppig ausgestattete Oper wird gerade aufgeführt, das Ensemble tanzt und singt zunächst und macht dann Platz für die große Diva des Opernhauses, eine 10 Jahre ältere Christine, die ein großes Solo vorträgt (Love never dies). 2. Szene: Vor dem Bühneneingang der Oper. Fotografen und Fans umlagern Christine, als sie hinaustritt. Aus den Worten eines Reporters geht hervor, dass dies die letzte Vorstellung in Paris war und man zu einem Gastspiel an der New Yorker Met aufbrechen wird – Christines erstes Gastspiel in den USA. Der 10 Jahre ältere Raoul tritt auf, ein übellauniger Dandy, der die Reporter und Fans ungeduldig verscheucht und für Christines Aufregung über die Reise nur ätzende Kommentare übrig hat.
3.Szene: Auf dem Transatlantikdampfer. Ballsaal am Abend, das Schiffsorchester spielt, Leute tanzen. Als Christine mit Raoul eintritt, wird sie von mehreren Leuten erkannt und umlagert. Der sichtlich betrunkene Raoul pöbelt ihre Fans an und flüchtet nach draußen.
4.Szene: Reling. Christine ist Raoul nach draußen gefolgt, beschimpft ihn zunächst, doch dann wird sie traurig darüber, wie sehr er sich verändert hat. Raoul gibt zu, dass er nicht damit klar kommt immer in ihrem Schatten zu stehen. Und dass er das Gefühl hat, dass er ihre Liebe nie vollständig besessen hat, dass sie das Phantom nie vergessen hat. Nach einem Duett geht er.
5.Szene: Reling. Christine bleibt allein zurück und muss sich eingestehen dass Raoul recht hat, sie hat das Phantom nie vergessen und fragt sich was aus ihm geworden ist(Solo).
6.Szene: Coney Island, Fantasma. Große Ensembleszene das die neue Welt des Phantoms einführt, die Freakshows und Tricks. Aus dem Ensemble tritt eine junge blonde Sängerin heraus um ihr Solo zu singen und bleibt alleine auf der Bühne zurück. Sie (nennen wir sie Meggie) erhält verärgerte Anweisungen von einem unsichtbaren Lehrmeister, der nicht zufrieden ist. Meggie bricht in Tränen aus und flüchtet.
7.Szene: Das Phantom tritt aus dem Schatten, schaut Meggie nach und gesteht sich ein, dass er Christine nie vergessen hat und es nie eine andere wie sie geben wird (Till I hear you sing). Er wandert die Pier von Coney Island entlang und steht schliesslich vor einem Poster, das Christines Gastspiel an der New Yorker Met ankündigt und erstarrt.
8.Szene: Die New Yorker Met. Das Opernpublikum strömt zum Eingang und unterhält sich aufgeregt über die berühmte französische Diva und ihr Gastspiel. Keiner beachtet einen vorbeihuschenden Schatten.
9.Szene: Auf der Bühne. Christine singt mit ihrem Duettpartner, der kurz verschwindet. Als er zurückkommt, steckt das Phantom im Kostüm (analog zu "The Point of no return"), doch nur sie und das echte Musicalpublikum sehen ihn, das fiktive Opernpublikum nicht. Er gibt ihr einen Umschlag, zeigt sich kurz und Christine fällt in Ohnmacht, während das Phantom verschwindet.
10.Szene: Nächster Morgen. Die französische Diva die auf der Bühne in Ohnmacht fiel, ist Stadtgespräch, keiner weiß warum sie umfiel. Raoul ist peinlich berührt und beklagt sich darüber, dass Christine sich lächerlich gemacht hat. Christine ist mit dem Brief des Phantoms zu sehen, der sie nach Coney Island einlädt. Die Nummer sollte ähnlich wie “Prima Donna” aufgebaut sein, mit dem Chor, Raoul und Christine die alle was eigenes singen. Zum Schluß singt nur noch Christine, ja, sie wird das Phantom besuchen. Vorhang.
2. AKT
1.Szene: Coney Island, tagsüber. Badegäste, Ausflügler, Akrobaten überall, die Sonne scheint, alles ist wunderbar (Heaven by the sea). Christine erscheint mit ihrer Zofe/Assistentin, genießt alles, ist aber auch nervös. Vor dem Eingang von Fantasma bittet sie die Zofe sie allein zu lassen und tritt ein.
2.Szene:Großer Kontrast zwischen dem sonnigen Coney Island draußen und der düsteren Welt des Phantoms drinnen. Hier passt "The Beauty Underneath", allerdings nicht vom Phantom gesungen, sondern von den Freaks selbst, während Christine herumwandert auf der Suche nach dem Phantom. Zum Schluß steht er selbst vor ihr und nimmt sie mit. 3.Szene: Er gesteht ihr, dass er sie nie vergessen hat, sie gesteht ihm, dass sie kreuzunglücklich mit Raoul ist, der sich so verändert hat und fällt in seine Arme. Sie gestehen sich ihre Liebe (“Beneath a moonless sky” mit anderem Text). Das Lied endet mit einem Kuss.
4.Szene: Hotel in Manhattan. Raoul im Zimmer. Ständig fragen Leute nach Christine, er muss zugeben, dass er keine Ahnung hat wo sie ist. Er stapft im Zimmer auf und ab und findet die Einladung die mit “Your Angel of Music” unterzeichnet ist. Ihm wird klar, dass das Phantom dahintersteckt und explodiert, singt dann aber ein großes Solo über seinen Schmerz, dass er zehn Jahre lang das Gefühl hatte, Christine immer mit seinem Nebenbuhler teilen zu müssen, was ihn fertig gemacht hat. Aber jetzt reichts! Er nimmt eine Pistole und zieht los.
5.Szene: Phantoms Turmzimmer. Christine steht im Nachthemd am Fenster und singt, es ist klar, das was gelaufen ist. Meggie klopft an um das Phantom an die Proben für ihre nächste Show zu erinnern, doch er wirft sie raus. Meggie sieht Christine, reimt sich den Rest zusammen und rennt eifersüchtig und in Tränen weg. Das Phantom kommt zu Christine ans Fenster, bittet sie bei ihm zu bleiben, sein Star in Coney Island zu werden. Christine weiß nicht was sie machen soll.
6.Szene: Raoul streift auf der Suche nach Phantom durch Coney Island. Er trifft auf Meggie, die seinen Verdacht bestätigt, dass Christine bei ihm ist und lässt sich den Weg zeigen. Im Weggehen zückt er seine Pistole. Meggie, von düsterer Vorahnung beschlichen, läuft weg um Hilfe zu holen.
7.Szene: Konfrontation im Turmzimmer, quasi das gleiche Dreieck wie im Original, diesmal mit umgekehrten Vorzeichen. Christine fleht Raoul an, das Phantom zu verschonen, sie ist bereit mit ihm zurückzugehen. Das Phantom will sich auf Raoul stürzen, er erschießt ihn. Christine hält ihn in den Armen bis das Phantom den Geist aufgibt und verspricht ihm, dass er in ihr und in ihrer Stimme weiterleben wird. Sie sagt Raoul, dass sie ihn verlassen wird. Die Polizei kommt, hergeführt von Meggie und nimmt Raoul mit. Christine singt ein Reprise von “Love never dies”. Vorhang.
Aus irgendwelchen mir nicht ersichtlichen Gründen hat Bram Stokers Obervampir im Laufe der Zeit mehr Musicalkomponisten angezogen als schöne Jungfrauen ausgesaugt. Zu den bekannteren Varianten gehören der tschechische Dracula von Karel Svoboda, Wildhorns balladenlastiger Jekyll-Klon und die Rock-Oper aus Montréal mit Bruno Pelletier als Blutsauger. Auch einen deutschen Vampir gibt es natürlich, nämlich den von Mathias Christian Kosel, der einst in Heilbronn seine Uraufführung erlebte.
Doch auch wenn Vampire im allgemeinen so ziemlich jede Generation einmal heimsuchen und eine neue Hype entfachen (zu meiner Zeit waren es die Anne Rice-Vampire um Lestat und Louis, derzeit die unsäglichen Twilight-Schmonzetten der Mormonen-Meyer), stießen sie beim Musicalpublikum eher selten auf Gegenliebe. Das musste am Broadway das Beißer-Trio Lestat, Dracula und Krolock schmerzhaft erfahren, die allesamt floppten. Doch immerhin schafften sie es bis auf die Bühne.
Noch schlechter geht es nun dem schwedischen Dracula aus der Feder von Daniel Bergström und Daniel Engström, das zu Halloween im Globen in Stockholm aufgeführt werden sollte. Geplant war ein großes Spektakel mit insgesamt 1000 Akteuren. Den Blutsauger sollte Fredrick Lycke geben, der einst auch auf deutschen Musicalbühnen zu sehen war. Doch nachdem nur insgesamt 500 Eintrittskarten verkauft wurden, sah man sich jetzt gezwungen die Sache abzublasen. Im Globen, in dem normalerweise Eishockeyspiele und Konzerte vom Kaliber Madonna und Paul McCartney stattfinden, finden 15000 Besucher Platz.
Als Appetithappen auf die kommende flämische Uraufführung von Tanz der Vampire gibt es nun "Totale Duisternis" als Single gesungen von Hans Peter Janssens und Anne van Opstal. Dazu gibts auch ein schönes Video mit vielen Blicken hinter die Kulissen in der Stadsschouwburg Antwerpen:
Am Broadway wird sich das Afrobeat-Musical um Fela Kuti am 2.Januar 2011 verabschieden. Dafür wird es am 6.November seine London-Premiere im National Theatre erleben und im Rahmen der "NT Live"-Reihe auch im Kino übertragen. Die Live-Übertragung aus dem Olivier Theatre soll am 13.Januar 2011 stattfinden. Ob Deutschland zu den 22 Ländern gehört, die bislang bei NT Live mitgemacht haben, ist noch unbekannt. In den Niederlanden zeigte man im letzten Jahr immerhin Helen Mirrens "Phädra" und die Bühnenadaption von Terry Pratchetts "Nation". Neben "Fela!" wird in diesem Jahr auch "A disappearing number" und der neue "Hamlet" mit Rory Kinnear gezeigt.
Am Broadway übernimmt Soul-Diva Patti LaBelle am 14.September bis zum Ende der Spielzeit die Rolle von Felas Mutter Funmilayo Anikulapo-Kuti. Sie übernimmt die Rolle von der Tony-nominierten Lillias White.
Der RBB (Radio Berlin-Brandenburg, für alle die gewöhnlich nicht über RTL und Pro Sieben hinauskommen) zeigt eine Reihe von Almodovar-Frühwerken - heute abend um 22.45 Uhr ist sein erster großer Erfolg "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" dran, der ihm Ende der 80'er Jahre zum internationalen Durchbruch und der ersten Oscar-Nominierung verhalf. Neben Almodovars erster Muse Carmen Maura als Pepa gibt es auch einen sehr jungen Antonio Banderas als Carlos zu sehen. Der Film ist natürlich schon an sich sehr sehenswert, doch gerade Musicalfans sollten die Chance nutzen: Schliesslich ist die geplante Musicalfassung, die im Oktober am Broadway mit u.a. Patti LuPone und Sherie Rene Scott Premiere feiert, die wohl spannendeste neue Musicalproduktion der kommenden Saison (abgesehen vom "wird er oder wird er nicht?"-Spinnenmann)
Manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder – Stage Entertainment hat es tatsächlich geschafft, für die Hauptrolle in "Sister Act" eine deutsch- sprachige Darstellerin zu casten. Zodwa Selele spielt ab Oktober Deloris von Cartier im Hamburger Operettenhaus. "Casting-Finale" das Whoopi Goldberg höchstselbst in London leitete, setzte sie sich gegen Mitbewerberin Patricia Meeden durch, die jedoch auch als Alternate zweimal pro Woche Deloris spielen darf. Nach dem Tarzan-Debakel ist es schön, dass endlich wieder heimisches Talent gefördert ist und nach ihrer großartigen Darbietung als "Aida" in Tecklenburg würde mich Zodwa Selele fast dazu hinreißen, die lauwarme Show in Hamburg noch einmal zu besuchen. Whoopi Goldberg sorgt derzeit dafür, dass "Sister Act" in London auf einmal wieder ausverkauft ist – sie hat für die letzten Wochen die Rolle der Mutter Oberin im London Palladium übernommen und begeistert ihre Fans.
Man weiß nicht, ob man sich freuen oder heulen soll. Nach einem Bericht der Medien-Website DWDL.de wird "Glee" ab Januar 2011 beim Kindersender SuperRTL zu sehen sein. Nun kann man ja erstmal froh sein, dass die Serie, die längst weltweit ein Phänomen geworden ist, auch endlich nach Deutschland kommt. Und die Unsitten von Werbepausen und Synchronisation hätte es auch beim Hauptsender RTL gegeben, wenn der die Vorkaufsoption genutzt hätte. Aber schon bei größeren Sendern sind hervorragende US-Serien den Quotentod gestorben - wer guckt denn bitte abends um 20.15 Uhr noch SuperRTL, das sich erfolgreich als Kinder- und Familiensender etabliert hat?
Natürlich kann man Programmchef Claude Schmit verstehen, der die Hauptsendezeit abends aufmöbeln will und mit "Glee" ein gutes Vehikel haben dürfte um die etwas ältere Zielgruppe von 10-15 Jahren auch abends an den Sender zu binden. Aber es ist mal wieder typisch, dass eine weltweit erfolgreiche US-Serie viel zu spät und bei einem Spartensender auftaucht, weil bei den größeren Sendern ja so hochwichtige Programme wie "Solitary" oder "X-Diaries" ausgestrahlt werden. Und dann wundert man sich, wenn die Internetpiraterie weiter brummt...
Es tut sich wieder was beim Spinnenmann in New York: Die offizielle Premiere von “Spiderman – Turn off the Dark” wurde nun für den 21.Dezember angekündigt, die erste Preview für den 14.November. Die Proben haben begonnen und der Kartenvorverkauf soll ab September losgehen. Die Karten sollen bis zu $140 kosten und werden damit, wenn man die Gebühren hinzurechnet, die $150-Schallmauer durchbrechen. Neben Reeve Carney als Peter Parker sind nun Patrick Page als Green Goblin und Jennifer Damiano als Mary Jane dabei. Das Hilton Theatre, in dem Spiderman aufgeführt wird, wurde übrigens gerade in Foxwoods Theatre umbenannt. Man darf gespannt sein, ob das Projekt nun wirklich aus den Startlöchern kommt.
Da mir angekreidet wurde, dass ich es wagte, eine locker-amüsante Show wie "Legally Blonde" – noch dazu eine Filmadaption – besser zu finden, als das ALW-Werk "Love never dies", kam ich ins Grübeln. Vor allem über die bei einigen Fans scheinbar herrschende Einstellung, dass ein "originales Werk" erstmal sowieso prinzipiell besser muß als eine Adaption. Aber kann man das so sagen? Wieviele wirklich originale Musicals gibt es eigentlich, die gar keine Vorlage haben? Die größten Hits der Musicalgeschichte haben sich bei einem bestehenden Werk bedient. Doch im Gegensatz zu heute, hat man sich früher die Mühe gemacht, die Vorlage zu adaptieren. So wurden aus Shakespeares Romeo und Julia in Verona Tony und Maria in der New Yorker West Side und aus Pygmalion und Galatea der griechischen Sage wurden Henry Higgins und Eliza Doolittle (und bei Kurt Weill nochmal zu Rodney und Venus). Die Verfremdung einer Vorlage ist in den letzten 10-20 Jahren selten geworden; man findet sie noch bei Jonathan Larsons Rent, der Puccinis darbende Bohemiens aus Paris in New Yorks East Village verlegt hat, wo sie statt an TBC an Aids leiden, doch ansonsten blieb man bei Musicaladaptionen nahe an der Vorlage, egal ob es sich um Opern wie "Aida" handelte oder um Filme wie "Billy Elliot". Auch bei Buchadaptionen verließ die Musicalautoren oft der Mut – hatten Don Black und Christopher Hampton Gaston Leroux' Schauermärchen "Das Phantom der Oper" noch komplett umgekrempelt und Boublil/Schoenberg mit Herbert Kretzmers Hilfe "Les Miserables" noch extrem gekürzt, wurden andere Buchvorlagen mit weitaus weniger Fantasie auf die Bühne gebracht und scheiterten häufig, z.B. "Jane Eyre" oder "A tale of two cities".
Filmvorlagen sind gewissermaßen einfacher zu adaptieren, da sie schon als "Spielvorlage" existieren und ein 90-minütiger Film mit 60-70 Minuten Song ideal auf Musicallänge gedehnt werden kann. Doch interessanterweise sind es oft die weniger bekannten Filme die als Musical überzeugen, während Filmklassiker auf der Bühne eher floppen, so wie erst kürzlich "Gone with the wind" oder "Lord of the Rings" in London. Zu erdrückend sind hier die filmischen Vorbilder, egal ob es sich um Leinwandikonen wie Clark Gable und Vivien Leigh handelt oder um die grandiosen Bilder die Peter Jackson auf die Kinoleinwand zauberte. Genausowenig wie man ein Film-Remake von "Casablanca" sehen will, will man andere Leute in Rollen wie Rick Blaine oder Rhett Butler sehen, die untrennbar mit den Gesichtern von Humphrey Bogart oder Clark Gable verbunden sind. Auch Franchises, die den Normalbürger ohnehin schon mit ihrem gnadenlosen Marketing und Dauer-Sequel-Präsenz ermüden, scheinen wenig beliebt zu sein – wenn von "Shrek" schon gefühlt 10 Folgen im Kino gelaufen sind, mit anschließender DVD und TV-Verwertung und Krimskrams von Gummifiguren bei McDonalds bis zur Bettwäsche braucht man das grüne Monster nun wirklich nicht mehr auf der Bühne sehen. Ideal scheinen mittelmäßig bekannte Filme zu sein, die nicht allzu sehr von einem Star geprägt wurden – so ließ sich Reese Witherspoon in "Legally Blonde" leicht durch Laura Bell Bundy oder Sheridan Smith ersetzen oder Jamie Bell und Julie Walters durch diverse Billy Elliots und Mrs Wilkinsons. Wenn nun noch Musik und Umsetzung passen, dürften einem Erfolg z.B. von Almodovars wenig bekanntem Erstling "Women on the verge of a nervous breakdown" wenig entgegen stehen – eine in den USA gänzlich unbekannte Carmen Maura lässt sich leicht durch Broadway-Superstar Patti LuPone ersetzen.
Doch zurück zur Eingangsfrage. Sind diese Adaptionen automatisch schlechter als originale Werke, nur weil sie Adaptionen sind? Betrachtet man die originalen Werke der letzten Jahre, kann man diese Frage getrost mit nein beantworten. Seit Willy Russells "Blood Brothers", die mittlerweile auch schon über 20 Jahre auf dem Buckel haben und von einem versierten Theaterautor verfasst wurden, gab es kaum noch neue Stücke, die als solche bestehen konnten. In meinen Augen liegt das Problem darin, dass es eben keine Musicalautoren im klassischen Sinn mehr gibt, die Musicals als eigenständige Bühnenwerke konzipieren. Man sieht es an Webbers derzeitigem Lieblingspartner Ben Elton: Ein begnadeter Autor eigentlich, der als Stand Up-Comedian begann, großartige Sitcoms wie "Blackadder" verfasste und zahlreiche Bestseller schrieb, die sich auf amüsante und intelligente Weise mit aktuellen Themen befassen (in seinem neuesten Buch "Meltdown" schreibt er z.B. über die Finanzkrise, davor setzte er sich u.a. mit TV-Phänomen wie Big Brother und Pop Idol auseinander). Seinen größten Bestseller "Popcorn" adaptierte er auch erfolgreich als Theaterstück. Doch seine Musicalbücher – "The Beautiful Game", "We will rock you" und nun "Love never dies" waren allesamt bestenfalls mittelmäßig. Der eigentlich sehr spannende Ausgangsgedanke von "We will rock you" – die Gleichschaltung der modernen Popmusik durch globale Unternehmen – geht im Queen-Bombast völlig unter und was eigentlich eine bewegende Geschichte zum Nordirland-Konflikt sein sollte, verliert sich in einer letztendlich sehr banalen Liebesgeschichte.
Doch Webber ist nicht der Einzige, dem es scheinbar an Partnern mangelt. Broadway-Liebling Jason Robert Brown schreibt wunderbare Songs, doch seine Werke sind entweder ohnehin als Song-Zyklus angelegt wie "Songs for a new world" oder "Thirteen" oder wenn sie eine vorgebliche Handlung haben, sind es doch nur eine Aneinanderreihung von Beziehungskistensongs wie in "The last five years". Duncan Sheik hat mit "Spring Awakening" ein großartiges Musical abgeliefert, das sich jedoch auch sehr eng an Wedekinds Vorlage hält. Sein neues Werk "Whisper House" existiert nun auch erstmal als Songzyklus auf CD. Und dann wäre da noch Scott Alan, der eine Vielzahl wunderbarer Songs mit intelligenten, poetischen Texten verfasst hat und gerade sein drittes Album veröffentlicht. Doch außer Konzerten hört man nicht viel von ihm und auf ein komplettes Musical wird man wohl noch lange warten müssen. Auch hier scheinen wieder die Schreiber zu fehlen, die den Songs einen würdigen Handlungsrahmen verpassen.
Und wenn Autoren fehlen, dann ist es wohl letztendlich besser, auf vorhandene Filme zurückzugreifen, denen nur noch Songs beigefügt werden müssen, als "originale Stoffe" zu schaffen, deren Handlungen unlogisch konstruierte, hauchdünne Machwerke sind mit often dilettantischen Songtexten. Dazu gehört für mich nicht nur "Love never dies", sondern z.B. auch das unterhaltsame aber trotzdem furchtbar dünne "In the Heights". Dies ist besonders schade, wenn man die Vielzahl junger Theaterautoren auf beiden Seiten des Atlantik betrachtet, die in den letzten Jahren mit großartigen Schauspielen Furore machten, so wie Jez Butterworth und Lucy Prebble in London und Lynn Nottage und John Logan in New York. Bei den Musicals war es ein einziges Stück, das vergleichbar eine originale Handlung mit moderner, aktueller Thematik und mitreißenden Songs auf die Bühne brachte: "Next to Normal" von Brian Yorkey und Tom Kitt.
Auch ich wünsche mir mehr originale, spannende Stoffe oder zumindest phantasievollere Bearbeitungen von Film- und Buchvorlagen als eine 1:1-Adaption, womöglich noch mit recycelter Musik und Dialogen. Doch um diese zu erhalten, muss man wohl erstmal wieder wirklich gute Autoren aufbauen, die wissen wie man eine Geschichte als Musical flüssig und packend erzählt, Autoren vom Kaliber eines Oscar Hammerstein II., eines Sondheims oder auch eines Tim Rice. Und bis es soweit ist, nehme ich mir die Freiheit lieber flott erzählte, überzeugende Film-Adaptionen toll zu finden, als holperige implausible originale Geschichten.
Während dieser Blogger am letzten Wochenende in London weilte, fand in der Hollywood Bowl in Los Angeles die konzertante Aufführung von "Rent" in der Regie von Neil Patrick Harris statt. Zur 1A-Besetzung gehörten u.a. Vanessa Hudgens als Mimi, Skylar Astin als Mark und "Pussycat Doll" Nicole Scherzinger als Maureen. Eine offizielle DVD wird es leider wieder einmal nicht geben, doch zum Glück kann man auf Youtube schon einiges finden. Z.B. dieses hervorragend gefilmte "One song glory" von "Superboy" Aaron Tveit als Roger:
Sehr viel ist schon über die Phantom-Fortsetzung geschrieben worden, die die Meinungen teilt – von Fanbois die das Stück einfach nur grandios finden, bis zu fragwürdigen Wesen mit zuviel Zeit, die es gar nicht kennen, aber sehr viel Zeit mit Kampagnen verbringen, das Stück wieder aus der Welt zu schaffen. Zur Premiere im Frühling setzte eine regelrechte Stampede über den Kanal ein, weil auch zahllose deutsche Fans es unbedingt sehen wollten – ich hatte die ersten Previews um eine Woche verpasst und so wichtig war es mir nun wirklich nicht, als dass ich einen zusätzlichen Trip nach London dafür eingeplant hätte. Mittlerweile wurde an "Love never dies" schon herumgeschraubt und eine weitere Überarbeitung soll im Oktober stattfinden – was ich nun also im Adelphi Theatre zu sehen bekam, ist wohl ein seltsam halbfertiges Hybrid zu dem es schwerfällt eine Meinung zu fällen. Probieren wir's trotzdem:
Mit der Score zu "Love never dies" hat ALW einige seiner besten Kompositionen seit langem abgeliefert und tatsächlich kommt hier auch der recycelte Titelsong wesentlich besser zur Geltung als in seiner ersten Inkarnation in "The Beautiful Game", einer eher poppigen Show für die er eindeutig zu dramatisch und opernhaft war. Dazu kommen andere schöne Songs wie "Till I hear you sing again", das romantische "Beneath a moonless sky" das leider durch einen teilweise dämlichen Text abgewertet wird und das überraschend rockige "The Beauty Underneath", für mich überhaupt das Highlight der Show, wo auch auf der Bühne so richtig die Post abgeht, wenn das Phantom dem kleinen Gustave seine skurrilen Erfindungen präsentiert.
Und damit wären wir auch beim ersten Problem der Show: Letztendlich ist es eines jener opulenten Spektakel von denen man gerne sagt "You leave whistling the scenery". Was letztendlich hängen bleibt, sind nicht die Songs und schon gar nicht die hanebüchende Geschichte, sondern die grandiosen Bühnenbilder und Effekte mit denen Coney Island und die Vaudeville-Welt der Jahrhundertwende zum Leben erweckt wird. Die Handlung passt auf eine Briefmarke: Noch nach zehn Jahren schmachtet das Phantom, das sich mittlerweile Mister Y nennt und auf Coney Island ein frühes Disneyland names Phantasma geschaffen hat, seiner Christine nach und schickt ihr schliesslich eine Einladung nach New York. Christine ist mittlerweile Mutter und der smarte Raoul ist zum arroganten Säufer mutiert (warum erfahren wir nie, aber es muss ja schliesslich irgendwie Sinn ergeben, dass Christine dem Phantom wieder in die Arme fällt). Klein-Gustave entpuppt sich in der idiotischsten Prämisse des Buches als Sprössling des Phantoms (klar, Christine hatte nach der Befreiung aus der unterirdischen Höhle des Phantoms durch Raoul vor zehn Jahren, nichts besseres zu tun als nochmal für einen One Night Stand zurückzukehren), Christine soll sich endgültig zwischen den beiden entscheiden, doch stattdessen nimmt die Handlung eine weitere aberwitzige Wendung.
Damit reiht sich "Love never dies" in die Reihe überflüssiger unsinniger Fortsetzungen ein, mit denen aus etlichen Film- und Literaturklassikern nochmal Geld gemacht werden wollte. Neben der aberwitzigen Handlung ist für mich das größte Problem, dass niemand mehr so richtig sympathisch ist und es mir eigentlich völlig schnuppe war ob Christine nun mit dem Phantom und Gustave auf Happy Family machte oder nicht. Ich genoß nur die prachtvolle Optik und teilweise die schöne Musik und wünschte mir inständig, dass all das Talent und Geld, das in "Love never dies" gesteckt wurde, in ein originales Musical gesteckt worden wäre, in eine neue Geschichte, die in dieser Zeit auf Coney Island spielt, mit originären Charakteren und ihrer eigenen fesselnden Geschichte. Mit diesem bemühten Melken seiner besten Cash Cow "Phantom" hat sich ALW jedenfalls keinen Gefallen getan. Es müssten schon einige wirklich große Änderungen vorgenommen werden, damit ich mich nochmal ins Adelphi Theatre locken lasse.
Fast schon eine liebe Gewohnheit ist es geworden, bei jedem London-Besuch auch ein Schauspiel zu besuchen. Das Schauspiel boomt derzeit in London sowieso, große Stars aus Film und Fernsehen geben sich die Klinke in die Hand und man findet eine breite Auswahl an neuen Stücken und an Klassikern, die nicht durch Regietheaternonsens verschandelt werden. Nachdem ich einmal in Düsseldorf einen verschandelten und um die Hälfte gekürzten "Tod eines Handlungsreisenden" ertragen durfte, stand nun wieder ein Arthur Miller auf dem Programm, diesmal "All my Sons" mit der Traumbesetzung David Suchet, Zoë Wanamaker und Stephen Campbell Moore. Ein Vollpreisticket war's mir allerdings nicht wert gewesen und an Discounts war nicht zu denken, da die Tickets weggingen wie warme Semmeln. Also probierte ich mein Glück zum ersten Mal mit einem Day Seat für £10. Das hieß in diesem Fall: Früh raus und um 8.00 Uhr mit einem guten Buch am Apollo Theatre aufkreuzen (ein Glück, dass mein Hotel nur fünf Minuten Fussweg entfernt war!). Vor mir waren nur zwei Personen, die jedoch Day Seats für die Abendvorstellung wollten. Um 8.15 Uhr war die Schlange schon auf 10 Personen angewachsen und die wenigen guten Day Seats wären weg gewesen. So klappte es jedoch – ich bekam einen der sechs Sitze in den beiden Parkettlogen, ganz nahe an der Bühne mit fast perfektem Blick und noch dazu viel Beinfreiheit und Platz. Die zwei Stunden Anstehen hatten sich da auf jeden Fall schon gelohnt und auch das Stück selbst war absolut mitreißend mit einem perfekten Ensemble.
David Suchet war mir schon in zig BBC-Verfilmungen über den Weg gelaufen und ist vor allem als Agatha Christie's Poirot bekannt und auch Zoë Wanamaker gehört zu denen, die immer mal wieder irgendwo auftauchen (u.a. in den Harry Potter-Verfilmungen). Beide waren grandios als das Ehepaar Keller, das sich nach dem 2.Weltkrieg in Selbstbetrug flüchtet um nicht wahrhaben zu wollen, dass eine fehlerhafte Lieferung von Motorteilen aus Kellers Fabrik zum Absturz von Kampfbombern im Krieg geführt hat und womöglich zum Tod ihres zweiten Sohnes Larry, der als Pilot in der Air Force verschollen ist. Ihr Lügenbild wird jedoch von Sohn Chris, der Larrys Verlobte Ann heiraten will, und Anns Bruder George zum Einsturz gebracht. Auch die drei, Stephen Campbell Moore, Jemima Rooper und vor allem Daniel Lapaine als George spielten absolut Award-verdächtig und die letzte halbe Stunde war eines der fesselndsten Theatererlebnisse der letzten Jahre für mich.
Sagenhaftes Glück hatte ich auch noch, denn die erste Vorstellung von "Into the woods" fiel genau auf den letzten freien Tag meiner Reise, so dass ich mir dann auch gleich ein Ticket im Open Air Theatre sicherte – und des Morgens Gebete zum Regengott sprach. Das Open Air Theatre ist das einzige Theater in London, das es je fertig gebracht hat, dass ich in der Pause geflüchtet bin – und das noch nichtmal weil es regnete. Es handelte sich seinerzeit um eine sehr langweilige und absolut unlustige Produktion von Sondheims leichtgewichtigen Erstling "A funny thing happened to the forum" und bei kühler Witterung und mit dem Gedanken an den langen Fussweg durch den Regents' Park zurück zur U-Bahn war mir einfach nicht mehr danach auszuharren. Andererseits: Ich hatte auch schon eine sehr schöne Produktion von "Paint your wagon" dort gesehen und im letzten Jahr hatte das Open Air Theatre mit "Hello Dolly" einen echten Hit gelandet.
"Into the woods" ist eines von Sondheims zugänglicheren Werken mit viel Humor und cleveren Texten, das ich bislang auch nur auf deutsch gesehen hatte – und zwar erst im letzten Jahr am Stadttheater Hagen wo es eher dröge inszeniert war und mit einigen eher fehlbesetzten Darstellern. Nicht so hier, wo man ein 1A-Ensemble aufgeboten hatte mit u.a. Hannah Waddingham als Hexe, Jenna Russell als Baker's Wife und Helen Dallimore als Cinderella. Und obwohl das Wetter den ganzen Tag trüb, grau und windig gewesen war, blieb es doch halbwegs trocken, so dass ich mich guten Mutes auf den Weg in den Regents Park machte.
Beim Betreten des Zuschauerraums guckte ich erstmal dumm: Die Bühne war weg! Dann ging mir auf: Man hatte tatsächlich die gesamte Bühne unter Erdboden und Gras versteckt, so dass sie mit dem echten Bäumen und Sträuchern des Parks verschmolz und man wirklich das Gefühl hatte, "mitten im Wald" zu sein. Die Darsteller agierten teilweise auf diesem Boden und teilweise auf Holzgerüsten darüber (was für Leute, die wie ich ziemlich weit vorne sitzen, dann zu Nackenstarre führt, wenn man ständig hochschauen muß). In dieser bezaubernden Kulisse, mit großartigen Darstellern und in der englischen Originalversion, war "Into the woods" dann auch um einiges unterhaltsamer als in Hagen, doch vor allem im 2.Akt zieht es sich nach wie vor sehr in die Länge. Hannah Waddingham ist mittlerweile eine Bank im West End, doch mich begeisterten vor allem Jenna Russell als liebenswerte Bäckersfrau und Beverly Rudd als burschikoses Rotkäppchen. Die Szene, in der der Bäcker sie und ihre Großmutter aus dem Bauch des Wolfes befreit, war ein Geniestreich von Regisseur Timothy Sheader. Apropos Wolf: Der wurde ganz hervorragend von Michael Xavier gespielt, der demnächst in der männlichen Hauptrolle der Oberschmonzette "Love Story" zu sehen sein wird.
So einmalig wie in dieser Version wird "Into the woods" wohl nie mehr zu sehen sein – ein Besuch lohnt sich unbedingt! Der große Sondheim himself war übrigens auch anwesend und schien zufrieden.
Donnerstags abends ging es vollgestopft mit dem grandiosen Afternoon Tea im Ritz Hotel nach Southwark, zu meinem dritten Besuch in der Menier Chocolate Factory nach "Tick, Tick, Boom" und "Sweet Charity" – diesmal hatte man sich Andrew Lloyd Webbers "Aspects of Love" vorgenommen, das ich bislang nur auf deutsch gesehen hatte – in der charmanten deutschsprachigen Uraufführung an der Staatsoperette Dresden. Als "Aspects" 1989 Premiere feierte, war ALW auf dem Höhepunkt seines Ruhmes und die üppigen visuellen Spektakel der Blockbuster-Musicals wie Phantom und Les Mis das Maß aller Dinge. Da konnte dieses Musical, das eher kammerspielartig die Irrungen und Wirrungen der Liebe erzählt, eigentlich nur scheitern, auch wenn es sich alles in allem rech beachtlich schlug.
Die Menier schien mir genau der richtige Ort zu sein, zumal sie sich den besten Ruf mit dem Abstauben älterer Musicals gemacht hat, von denen die meisten ins West End transferierten. Trevor Nunn, der schon das Original inszenierte, machte sich hier noch einmal ans Werk – mit durchaus akzeptablen Ergebnissen, vom 'Allo 'Allo-Akzent der Pseudo-Franzosen mal abgesehen. Das größte Problem des Stückes ist ganz einfach die Vorlage von David Garnett – die Liebeswirrungen der fünf Protagonisten Rose, Alex, George, Giulietta und Jenny erscheinen teilweise einfach nur konstruiert und keiner von ihnen ist so richtig sympathisch – in dieser Fassung am ehesten noch Georges italienische Liebhaberin Giulietta, die von Rosalie Craig mit viel Charme und überzeugend italienischer Lebensfreude gespielt wird. Auch George selbst, von West End-Veteran Dave Willetts gespielt, kommt als distiguierter Mann von Welt, den wenig aus der Fassung bringt, noch halbwegs sympathisch rüber.
Übertrieben dagegen erscheint mir die Empörung der politisch-korrekten Brigade über die Verliebtheit der 14-jährigen Jenny in ihren über 30-jährigen Cousin Alex, die ihre Affäre in Richtung "Kinderporno" rücken wollen. In diesem Alter schwärmen die meisten Mädchen für erwachsene Schauspieler oder Sänger (oder eben auch für eine lebende Person in ihrer Nähe, wenn es eine gibt), weil die Jungs im eigenen Alter viel unreifer sind als sie und bis heute ist es in vielen Kulturen gang und gäbe, dass Mädchen mit 15-16 Jahren heiraten. Dass sich in unseren Breitengraden eine seltsame Spätpubertät mit "Party machen" bis Ende 20 durchgesetzt hat, ist letztendlich genauso fragwürdig. Zumal Michael Arden auch im zweiten Akt, als über 30-jähriger, noch immer aussieht wie der 17-jährige Milchbubi des 1.Aktes, während die ältere Jenny (Rebecca Brewer) deutlich älter als 15 aussieht. In Spiel und Gesang waren beide jedoch ziemlich überzeugend.
Das größte Manko der Produktion war in meinen Augen Katherine Kingsley's Rose. Rose ist ohnehin nicht sonderlich sympathisch sondern eher eine opportunistische Zicke und bleibt in dieser Produktion dazu noch sehr unterkühlt. Zumal Kingsley dann auch noch ihren großen Song "Anything but lonely" mit dem übelsten Over-Acting das ich sonst höchstens von Uwe Kröger kenne, so richtig versemmelte. Die kleine Bühne (und endlich neue bequeme Bänke!), das minimalistische Bühnenbild und schöne Kostüme, die das jeweilige Jahrzehnt perfekt wiedergeben, sorgen für schöne Atmosphäre – sehenswert ist diese Produktion allemal.
"Legally Blonde" war für mich in New York vor drei Jahren DIE Überraschung, nachdem ich die Show nur als Notstopfen gebucht hatte, weil andere Shows die ich eigentlich sehen wollte, ihren vorzeitigen Tod gestorben waren. Ich hatte eine uninspirierte Filmadaption erwartet und bekam mehr als zwei Stunden knallpinke Unterhaltung voller Spass, Lebensfreude und flotter Musik und noch dazu mit einer Message, die ich persönlich in diesem Zeitalter der ultimativen Oberflächlichkeit für sehr wichtig halte – auch blonde Püppchen haben ein Gehirn und es schadet ihnen nicht, wenn sie es in Betrieb nehmen. Mit einem erneuten Besuch in London hatte ich es eigentlich nicht eilig, doch dann besetzte man die Rolle der Elle mit Sheridan Smith, die mir aus der Sitcom "Two pints of lager and a packet of crisps" bekannt und sehr sympathisch war. Nicht nur das, Sheridan heimste von Anfang an grandiose Kritiken ein und schien sogar New Yorks Elle Laura Bell Bundy (die mir sehr gut gefallen hatte) auszustechen. Da biß ich dann doch in den sauren Apfel und gönnte mir eine Vollpreiskarte – und ich bereute es nicht.
Die Stimmung im (an einem Mittwoch Abend!) ausverkauften Savoy Theatre war großartig, die Besetzung allererste Sahne. Auch das etwas kleinere Theater und die kleinere Bühne schienen der Show im Vergleich zum riesigen Palace Theatre in New York gut bekommen zu sein. In der ersten Szene fiel es mir noch etwas schwer, statt Sheridan Smith aus Yorkshire Elle Woods aus Malibu zu sehen, doch spätestens bei "Serious" war ich restlos von ihr überzeugt. Mit ihrer großen Sitcom-Erfahrung beherrscht sie comic timing und eine grandiose Mimik bis aufs Feinste und ist einfach unglaublich liebenswert und einen Tick warmherziger als ihr New Yorker Vorbild. Auch ihre Mitspieler waren einfach perfekt – Richard Fleeshman als lackaffiger Warner, Alex Gaumond als sympathischer Emmett und Jill Halfpenny als bodenständige Friseuse Paulette. Die Musik von Laurence O'Keefe ist vielleicht nicht die stärkste, doch das Stück lebt vor allem von seiner Comedy und seiner starken Geschichte. Einfach rundum gelungene Unterhaltung, die ein Vollpreis-Ticket absolut wert war. Bleibt zu hoffen, dass die Show nach Sheridan Smith's Abschied nicht komplett einbricht und ein ädequater Ersatz gefunden wird. Und wenn sich das Gerücht bestätigt, dass Miss Smith die Titelrolle in der geplanten Musicalversion von "Bridget Jones" spielen wird, bin ich sofort dabei!