Dienstag, 24. August 2010

London – Fluch der Long-Runs?

Mit einigem Neid schaut man derzeit nach New York, wo sich eine der spannendsten neuen Saisons seit Jahren zusammenbraut. Einschließlich der Revivals, Off-Broadway-Transfers und angekündigten Shows die noch kein Theater haben (u.a. "Catch me if you can" und "Wonderland") können sich die New Yorker Fans auf ca. 13-15 neue Produktionen freuen.
Im West End dagegen sieht es traurig aus. Bis auf die Familienstücke "The Wizard of Oz" im Palladium und "Shrek" im Theatre Royal Drury Lane – und das Tanzmusical "Flashdance" (Shaftesbury Theatre), keines davon eine besonders originalle Uraufführung, wurde bislang wenig Neues verkündet. Natürlich kann man die Schuld bei der in Großbritannien besonders heftig ausgefallenen Wirtschaftskrise suchen, die etliche Investoren abschreckt. Oder bei Cameron Mackintosh der lieber die "Les Mis"-Kuh anlässlich des 25.Geburtstags lieber nochmal kräftig melkt, statt etwas neues zu bringen. Doch vielleicht sollte man dieses (sicher verdiente) Jubiläum eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten einmal nutzen um einen kritischen Blick ins West End zu werfen, wo sich mittlerweile eine stattliche Zahl von Dauerbrennern eingenistet hat. Hier die Top Ten:


Queens: Les Miserables - 25 Jahre
Her Majesty's: Phantom – 25 Jahre
Phoenix: Blood Brothers – 20 Jahre
Cambridge: Chicago – 14 Jahre
Prince o.Wales: Mamma mia – 12 J
Lyceum: Lion King – 12 Jahre
Dominion: We will rock you – 9 J
Victoria Palace: Billy Elliot – 6 Jahre
Apollo Victoria: Wicked – 5 Jahre
Aldwych: Dirty Dancing – 5 Jahre
Piccadilly: Grease – 4 Jahre

Gut, dass sind 11 Produktionen aber auf "Grease" wollte ich nicht verzichten, da man hier theoretisch von einer viel längeren Laufzeit sprechen kann. Das aktuelle Revival wurde eigentlich 1993 im Dominion Theatre uraufgeführt (seinerzeit als erste große "Grease"-Produktion die die Filmhits verwendete), transferierte ins Cambridge Theatre und war seitdem eigentlich permanent auf Tournee mit regelmäßigen Abstechern im West End. Viele dieser Stücke zielen ganz deutlich auf die Touristen und deren Sprachbarrieren, die lieber etwas halbwegs familiäres auswählen (Mamma mia, Lion King, Phantom), andere Stücke halten sich durch Stuntcasting am Leben wie z.B. Chicago und neuerdings Les Miserables, das nicht nur von der Hype um Susan Boyle und deren "I dreamed a dream" profitierte, sondern neulich auch noch einen Jones Brother auf die Bühne stellte. Blood Brothers stellt sicher einen kuriosen Sonderfall dar und profitiert davon, dass es auf dem allgemeinen Lehrplan englischer Schulen steht und somit unzählige Schulklassen Tagesausflüge nach London unternehmen und das Stück besuchen. Bei Stücken wie Billy Elliot und Wicked kann man bislang wohl einfach nur von einer erfreulich erfolgreichen Laufzeit sprechen.

Doch das Problem ist: Je mehr Shows zu derartigen Long-Runs werden, umso weniger Theater sind für neue Produktionen erhältlich. Dass es sich bei der hohen Anzahl von Long-Runs um ein Phänomen handelt, dass nur selten auftritt, bezweifle ich ebenfalls. Sicher hat es immer mal wieder spektakuläre Laufzeiten gegeben. Doch die Zahl der Städtetouristen ist in den letzten Jahren immer mehr gewachsen – und gerade London ist ein beliebtes Ziel für Billigflieger und damit für Städtetouristen leicht erreichbar. Dazu kommt das Pfund, dass in den letzten Jahren immer günstiger geworden ist und die stark gestiegene Mobilität in asiatischen Ländern, wo London neben Paris und Italien zu den gefragtesten Destinationen gehört. Auch bei europäischen Schulklassen, die früher Klassenfahrten ins nächstgelegene Mittelgebirge unternahmen, gehört London heute fast schon zum Pflichtprogramm. Mit anderen Worten: London ist immer voller geworden und immer mehr Touristen wollen abends mal ins Theater gehen. Und diese Touristen werden Shows wie "Mamma mia", "We will rock you", "Dirty Dancing" und "Lion King" vermutlich bis in alle Ewigkeit am Laufen halten können. Am Broadway sieht man dieses Phänomen zwar auch bei mehreren Shows, aber generell scheint die Fluktuation höher zu sein.

Was bleibt zu tun? Man kann es den Produzenten in dieser schwierigen Branche nicht verdenken, wenn sie eine Cash Cow melken wollen bis sie umfällt – immerhin kann man annehmen dass fette Profite bei einer dieser Cash Cows es dem Produzenten ermöglichen, dann auch wieder etwas gewagteres zu produzieren. (Andererseits? Wann hat Cameron Mackintosh das letzte Mal etwas gewagtes neues produziert? Haben Ulvaeus/Andersson trotz der Milliarden die ihnen "Mamma mia" auf ihre Bankkonten gespült haben, "Kristina" groß produziert? Oder gar etwas neues geschrieben?). Wie schon in New York, wo fast alle neuen Shows mittlerweile am Off-Broadway entstanden sind, scheint sich auch in London die echte Musicalszene immer weiter zurückzuziehen, z.B. in die Menier Chocolate Factory in Southwark oder in die Provinz, wie beim Chichester Festival. Traurig wäre es dennoch, wenn das West End irgendwann komplett den massenkompatiblen Touristen-Shows überlassen würde. Da sollten die Produzenten dann vielleicht doch mal den Mut haben, die Dinosaurier in den verdienten Ruhestand zu schicken und neuen Shows eine Chance zu geben, sich ebenfalls zu erfolgreichen Dauerbrennern zu entwickeln. Bis dahin kann man wohl nur abwarten, ob Theater wie das Lyceum, Cambridge oder Her Majesty's igendwann mal wieder zur Verfügung stehen und ein frischer Wind durch das West End weht.

1 Kommentare:

  1. Wunderbar geschrieben. Habe deinen Text wirklich gern gelesen.

    AntwortenLöschen