Sonntag, 20. Juni 2010

Drei Musketiere in Tecklenburg

Als diesjähriges großes Sommermusical hatte man sich in Tecklenburg die "Drei Musketiere"der Bolland-Brüder ausgesucht, das Eigengewächs der Stage Entertainment. Eine gute Wahl,denn schon "Les Misérables" hatte gezeigt, dass derartige historische Stoffe großartig in die Burgruine der Freilichtbühne passen und durch die Ausmaße der Bühne wurden Ensemble- und Fechtszenen noch größer und rasanter. Dauer-Athos und jetzt auch Regisseur Marc Clear setzt insgesamt auf Tempo und die Show ist immer dann am besten, wenn sie das ist, was Alexandre Dumas damals verfasst hat: Eine mitreißende, spannende und zugleich amüsante Abenteuergeschichte um den jungen D’Artagnan, die drei Musketiere Athos, Porthos und Aramis und eine Intrige die Kardinal Richelieu gegen die Königin eingefädelt hat.

Bolland & Bolland schienen bei der Uraufführung ein Musical "am Reißbrett" geschrieben zu haben, das mit viel zu vielen überflüssigen Schmachtballaden und weiblichem Gesülze überfrachtet war, weil sie wohl dachten, das Publikum erwarten diese Art von Songs, ob sie passen oder nicht. Das hatte sich schon in Berlin bei der deutschen Uraufführung gebessert und nun blieben eigentlich nur noch drei überflüssige Damensongs, die den Fluss der Handlung aufhielten: Ein Schmachtsong für Königin Anne im 2.Akt ("Kein geteiltes Leid"), das alberne "Männer" mit dem Milady de Winter als Vamp eingeführt werden soll und das zwar musikalisch sch
öne, aber ebenfalls überflüssige "Wer kann schon ohne Liebe sein"-Terzett der drei Damen. Auch die albernen "Nicht aus Stein"-Nummer des Richelieu, wo das uralt-Klischee "katholischer zölibatsgeplagter Geistlicher hadert mit Sexualität" aufgewärmt wird, hätte man streichen können.
Aber es hielt sich in erträglichem Rahmen, auch wenn der erste Akt wesentlich stärker war, als der kürzere zweite Akt der insgesamt zu sehr in Herzschmerz umkippte, wenn nach zuvielen Sülzballaden dann Constance und Milady de Winter beide ihren Geist aufgeben. Sei’s drum, die "Drei Musketiere" sind in dieser Version nicht der größte Wurf der Musicalgeschichte, aber gutgemachtes Entertainment sind sie allemal und in Tecklenburg ist die Show schon alleine wegen der Darsteller sehenswert.

Die größte positive Überraschung stellte für mich Thomas Hohler als D’Artagnan dar, für mich ein Unbekannter, der auf den Bildern reichlich mickrig wirkte und so gar nicht wie der junge fesche Abenteurer, der ein Musketier werden will. Doch auf der Bühne überzeugte er auf ganzer Linie mit großartiger Stimme, Charisma und comic timing, eine echte Entdeckung, der die Herzen der Zuschauer im Nu gewann. Als Musketiere standen erprobte Veteranen auf der Bühne; neben Marc Clear als Athos Enrico de Pieri als Porthos und Jens Janke als Aramis, der wie immer eine verlässliche Bank war. Yngve Gasoy Romdal war als Richelieu schön diabolisch, aber die Rolle an sich leidet unter einem schwachen Profil. Bei den Damen überzeugte vor allem Lisa Antoni, die mit der gewitzten süßen Constance hier eine marginal bessere Rolle spielen kann als die unsägliche Mary Vetsera in "Rudolf" mit ihrem Breitbandgesülze, doch leider hat Constance nicht sonderlich viel zu singen und so bleibt das Duett "Alles" ihr stärkster Moment. Femke Soetenga als Milady de Winter wirkte zunächst stimmlich und optisch wie ein Pia Douwes-Klon, was vermutlich auch daran lag, dass sie deren Kostüm und Perücke trug. Zumal die Lady mit "Milady ist zurück" und "Männer" zwei schwache Songs singen muß und ihr Leder Sado-Maso-Outfit einfach lächerlich wirkt. Erst als die Handlung richtig in Schwung kommt, und Milady als fechtende Femme fatale auftreten darf, lernt man auch die Soetenga zu schätzen und ihr Abgang geriet zu einem bewegenden Moment. Ich weiß nicht ob Wietske van Tongeren sich die Rollen aussucht oder die Rollen sie aussuchen, aber nach Ich und Stephanie von Belgien spielt sie mit Königin Anne die dritte trutschige Frau, die nur hadert und leidet, stattet Anne aber mit der gleichen Würde aus wie die betrogene Stephanie im Rudolf-Schluchzical. Schön wäre es, diese Darstellerin mal in einer spannenden dreidimensionalen Rolle zu sehen. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch Paul Stampehl als Ober-Bösewicht Rochefort und Stefan Poslovski als Kammerdiener, die der Show die wichtige Dosis Humor als Salz in der Suppe verpassten.

Das Wien-Kontigent der Darsteller hatte zur Premiere wohl seine eigenen Fans mitgebracht, die auf Wiener Art blökten und gröhlten, dass dagegen Vuvuzelas wie himmlische Geigen klingen. Abgesehen von diesen Fans und der eisigen Kälte am gestrigen Abend, darf man den Tecklenburger Musicalsommer wieder mal als gelungen betrachten. Aus den "Musketieren" wurde das Optimale herausgeholt und die kurzweilige Show verspricht gute Unterhaltung auf höchsten darstellerischen Niveau - und nun im Gegensatz zur Stage Entertainment-Variante zu zivilen Preisen. Also nichts wie hin!

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