Dass "Hairspray" in Köln vor leeren Reihen spielt, ist allgemein bekannt. Und wenn schon die große Werbetrommel, die rund um die Premiere gerührt wurde, nichts genutzt hatte, war eigentlich klar, dass auch spätere Aktionen nicht mehr viel bringen würde. Eine Show die sich monatelang schlecht verkauft, mausert sich nicht urplötzlich zum Kassenschlager.Betroffen macht mich das frühe Ende aber dann doch irgendwie. Bei vielen anderen Shows war ein frühes Ende vorauszusehen, oft sogar berechtigt, wie z.B. beim leichtgewichtigen Vorgänger "Spamalot" in Köln, der mit 90-minütiger Spieldauer und ohne jede Starpower die hohen Preise einfach nicht rechtfertigte, zumal der grenzwertige Klamauk von Monty Python noch nie jedermanns Sache war. Aber nach dem Berliner "Schuh des Manitu" ist "Hairspray" nun schon die zweite Produktion, wo eigentlich alles stimmte und trotzdem blieben die Leute weg. Beim "Manitu" mochte man noch räsonieren, dass die Bully-Fans, die in Scharen seine Filme stürmen und vor der Bullyparade auf Pro7 klebten, nicht das richtige Zielpublikum für Live-Theater sind und dass in Berlin einfach zuviel Konkurrenz in Sachen Entertainment herrscht. Aber bei "Hairspray"?
Der grottige Musical Dome in seiner ganzen blauen Scheußlichkeit ist das einzige Musicaltheater im Einzugsbereich Köln-Düsseldorf-Bonn-Aachen, in dem schon einige Musicals beachtliche Laufzeiten erreichten – "Grease" in Düsseldorf, "Saturday Night Fever" und "We will rock you" in Köln und selbst Aachen feierte sich eine Weile als Musical-Metropole mit dem Woolfson-Stück "Gaudi", das in der Alsdorfer Provinz nun länger lebte als "Hairspray" in der Großstadt. Der Kölner an sich, der seine Stadt gerne als nördlichste Stadt Italiens bezeichnet, geht eigentlich ganz gerne raus – als ich mich am gestrigen Abend gegen 22.00 Uhr per Fahrrad auf den Heimweg machte, waren die Biergärten in der Altstadt, am Ring und im belgischen Viertel noch proppevoll. Wally Bockmayer spielt seit Jahren selbstgestrickte Musicals auf kölsch für eine ganze Saison ensuite und auch bei Millowitsch geht’s weiter wie in den Jahren vom seligen Willy. Auch die "Hochkultur" von Oper, Philharmonie und Schauspielhaus braucht sich nicht über mangelnde Nachfrage zu beklagen, ebenso wenig die kleinen Theater. Und keine noch so miserable Darbietung hindert den masochistisch veranlagten Kölner daran, Jahr für Jahr hunderte Euronen in Karten für den Effzeh im RheinEnergie-Stadion zu investieren, das regelmäßig ausverkauft ist. Nein, an mangelnder Ausgehlust bei den Einheimischen kann es nicht liegen, ebenso wenig an einer schlechten Location – zentraler geht’s eigentlich gar nicht und Touristen kommen ebenso scharenweise in die Stadt wie geschäftliche Besucher und die Provinzler aus dem Umland, die sich einen schönen Tag in der Großstadt mit Shopping, Essen und Musical machen (könnten).
An mangelnder Werbung hat's auch nicht gelegen – Regelmäßig war die Stadt vollplakatiert mit Postern, pinke Busse kurven durch die Straßen und die Zugpferde Ochsenknecht und Kelly wurden regelmäßig ins Fernsehen geschickt. Überhaupt, die Zugpferde. Ich war ja immer überzeugt davon, dass Starnamen mehr Leute anlocken würden, vor allem in Rollen wie Edna Turnblad oder davor King Arthur. Auch da hatte man diesmal wohl alles richtig gemacht mit Klischee-Macho Uwe Ochsenknecht und der außerordentlich sympathischen Maite Kelly. Und die wichtige "word of mouth"-Werbung dürfte ebenfalls funktioniert haben, denn wer "Hairspray" gesehen hatte, war eigentlich immer begeistert.
Ich kann mir die Gründe für diesen Flop – und als solchen muß man "Hairspray" nun einfach bezeichnen – nicht erklären. Nach zwei Flops in Serie werden die Produzenten auch nicht mehr erklären können, warum der Musical Dome so wichtig für die Stadt sein sollte oder warum es unbedingt dieser Standort sein muß. Wenn die Stadt Köln ein bißchen Verstand hat (woran man als Kölner desöfteren zweifeln muß, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt) wird sie den blauen Müllsack nun endlich entfernen und den Umbau des Breslauer Platz vorantreiben. Für Köln ist es irgendwo schade, genauso wie für die Region, wo man dann nach dem Capitol Theater in Düsseldorf und dem Colosseum in Essen das nächste Musicaltheater verliert. Aber scheinbar hat sich das Musical in dieser Forum als Long Run wirklich überlebt und dann lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Die glorreichen Zeiten der 90'er sind ohnehin vorbei als Deutschland mehrmals mit europäischen Uraufführungen und sogar einer Weltpremiere (Disney's "Glöckner von Notre Dame") aufwarten konnte und sich auch Broadwaystars wie Michael Cerveris nicht zu schade waren, eine Weile in Deutschland aufzutreten.
Heute schiebt man die gleichen Shows zum Erbrechen rum und kocht lauwarme Süppchen aus alter Popmusik, während die spannenden Uraufführungen im Ausland stattfinden. Musicals waren hier nur eine Hype, die vielleicht 10 Jahre andauerte und dann wieder vorbei war – die Chance diese Theaterform dauerhaft zu etablieren ist gescheitert. Woran, wer mag es sagen? Am heiligen deutschen Schubladendenken, der Arroganz der Stadttheaterkultur, die immer nur gegen die "Kommerzkultur" polemisierte statt mit ihr zusammen zu arbeiten, am Publikum, das seltenst den Schritt vom "Musicalfan" zum echten "Musicalinteressierten" machte, an den Produzenten, die mit zu hohen Preisen und zu schlechten Shows den Ast auf dem sie saßen selbst absägten? Wahrscheinlich von allem etwas.
Schade schade, aber Sonntag werde ich es mir anschauen, bevor die Tore sich schließen...
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