
"Sweet Sweet Smile" ein Stück über die Carpenter-Geschwister Richard und Karen kann durchaus als Compilation-Show bezeichnet werden, denn die Musik kommt ausschließlich von eben jenen Geschwistern, die in den 70-iger Jahren eine Weltkarriere machten. Die Musik der Carpenters wurde entweder geliebt oder gehasst, gehasst vor allem deshalb, weil sie als weichgespülter "Lackschuh-Pop" betrachtet wurde. Der Autor dieses Stückes, Lars Wernecke hat es geschafft, aus dem Über-Leben der beiden Geschwister eine fesselnde, fiktive Story zu schreiben und die Songs der Carpenters so in den Text einzubetten, dass auch sie die Geschichte weiter erzählen.
Ein schlaksiger, geradezu dürrer Mann betritt nervös die Bühne und beginnt fieberhaft in seinem Keller-Tonstudio zu arbeiten. Richard Carpenter hat den frühen Tod seiner Schwester immer noch nicht überwunden. Karen starb mit 32 Jahren an Magersucht, nun wird er von Anrufern verfolgt, die ihn für den Tod seiner Schwester verantwortlich machen. Schon am Anfang wird klar, der übersensible Richard vermisst seine Schwester noch heute, gibt sich jedoch keinerlei Schuld an der Krankheit seiner Schwester. Beide scheinen ihre eigenen Dämonen gehabt zu haben, denn Richard war viele Jahre tablettensüchtig. Richard leidet noch heute darunter, dass seine Musik als "Fahrstuhlstuhlmusik" missbraucht wird und sehnt sich nach Anerkennung für sein Werk.
Jetzt sitzt er in seinen Studio, zwischen all den Andenken, Bildern des Popduo´s und vielen Goldenen und Platinschallplatten und versucht die Geister der Vergangenheit zu vertreiben. Dazu singt er die alten weltberühmten Carpenter Songs wieder ein, "Rainy days and Mondays, natürlich Sweet, Sweet Smile und auch eine Adaption des Beatles Songs "He´s got a ticket to ride". Dazwischen klingelt immer wieder das Telefon, anonyme Anrufer belästigen ihn mit Vorwürfen, am Tod seiner Schwester schuld zu sein.
Ingo Brosch spielt Richard Carpenter und füllt damit mühelos die ca. 2 Stunden Spielzeit. Die Körpersprache ist beeindruckend, er verleiht seiner Figur fast manische Züge und lässt mit seiner Gestik bei den Songs die Carpenters wieder auferstehen. Er zeichnet das Bild eines todunglücklichen Mannes ohne seine Figur zur Karikatur werden zu lassen. Man merkt ihm an, dass es der Premierenabend ist, der Text könnte sich noch etwas mehr einschleifen. Manch einer hat Ingo Brosch vielleicht auch als "Santa Maria" beim "Schuh des Manitu" erlebt, mir hat er dort sehr gut gefallen. Aber erst in diesem Stück kann er zeigen, wie groß seine gesanglichen Fähigkeiten sind. Er interpretiert die Carpenter-Songs mit weichem Bariton und meistert selbst schwierige Passagen mühelos. Der verdiente Lohn ist heftiger, langanhaltender Applaus nach einem so überraschenden Ende, dass das Publikum sekundenlang verblüfft schweigt.
Die Vaganten-Bühne ist ein Paradebeispiel für Off-Theater, klein, dunkel, direkt neben dem TdW im Keller des Quasimodo. Aber die Technik ist ok, besonders nachdem der Tontechniker den Hall etwas reduziert hat. Ich würde es toll finden, wenn viele Darsteller, die ihre Brötchen im großen TdW verdienen, öfter das kleine Theater nebenan für interessante Projekte nutzen würden.
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