
Ein regnerischer Abend, allein in Paris; was kann man da machen? Essen gehen, ok, ist aber allein nicht so mein Ding. Ins Theater oder Kino? Gute Idee, leider kann ich kein Französisch.
Also fiel die Entscheidung auf "Zorro-Le Musical" welches derzeit in den Folies Bergère gespielt wird. Die Handlung basierend auf dem Buch von Isabel Allende bzw. Johnston McCulley, ist in allen ihren Variationen so bekannt, dass man ihr auch in einer komplett fremden Sprache folgen kann. Außerdem hatte ich mir aus London die englische Cast-CD mitgebracht und konnte mich daher ein wenig "vorbereiten".
Zuerst ein paar Worte zum Theater, welches auf mich einen ziemlich ambivalenten Eindruck machte. Um zu erkennen, dass man am Ziel ist, muss man schon fast direkt vor den Folies stehen, drinnen findet man eine riesige Halle, die trotz einiger Dekoration recht kahl und verlassen wirkt. Der Theatersaal wirkt stimmungsvoll jedoch reichlich abgenutzt, die Sitze sind ein Witz. Ich befürchte, dass man bei einem Gewicht unter 50kg mit diesen Klappsitzen einfach "zusammengefaltet" wird, außerdem ist die Polsterung so dürftig, dass man besser ein gut gepolstertes Hinterteil sein eigen nennt, um bequem zu sitzen.
Die ausliegenden Flyer zeigen die britische Cast, was ich besonders deshalb ärgerlich fand, da die Picturebooks mit 15€ doch ziemlich teuer waren. Was mir aber für die wirklich sehr gute und engagierte Cast außerordentlich leid tat, war die Auslastung, es war ein Mittwoch und wenn das Theater zu 50% gefüllt war, ist dies eine sehr optimistische Schätzung. Der nette Barkeeper erzählte, dass das Theater am Wochenende sehr gut gefüllt ist und sie auch auf die Zeit nach Weihnachten hoffen. Ein extra Dank geht an die sehr netten Platzanweiser, die jedem Besucher einen möglichst guten Platz im Saal suchten, ungeachtet der Preiskategorie, die auf dem Ticket stand, so saß ich für 49€ in der PK3 auf einem guten Platz der PK1.
Jetzt aber zum Stück, die Musik von den Gipsy Kings passt perfekt zum Stück und unterstützt die Handlung einfach klasse. Natürlich sollte man Flamenco und co. mögen, sonst ist es schwierig. Mir hat sie sehr gut gefallen, obwohl ich kein ausgesprochener Flamenco-Fan bin. Sicher brauche ich nicht zu erwähnen, dass "Bamboleo" eine der Hauptnummern des Stückes ist, "Djobi Djoba" wird ebenfalls mehrfach gespielt und "Baila Me" dient als Erkennungsmelodie zum Eintritt Zorro´s in das Leben der Zigeuner. Ein bisschen störend fand ich die häufigen Reprisen der Ensemblestücke, da die Gipsy Kings auf ein langes Schaffen zurück blicken, hätte man doch hier sicher noch ein paar weitere Nummern gefunden, die sich für ein Musical eignen.
Laurent Ban gibt den Diego, wie man ihn sich vorstellt, ein Held der (fast) alles kann; singen, spielen, fechten, fliegen, raufen. Tanzen ist nicht seine starke Seite (aber ok), dafür singt er super. Der Bio entnahm ich, dass er wahrscheinlich in Frankreich ziemlich bekannt ist, so war er z.B. der Nachfolger von Bruno Pelletier in "Notre Dame". Das Foto auf der offiziellen Website täuscht, er sieht besser aus und entspricht damit auch äußerlich dem "Helden", daher an dieser Stelle noch ein anderes Foto.

Vom Gesang her fand ich ihn durchaus anders als Matt Rawle, den ich nur von der CD kenne. Laurent Ban´s Stimme klingt weniger "metallisch" als die Stimme von Matt Rawle, ohne lyrisch zu wirken, durchaus auch energisch, mir hat sie sehr gut gefallen. Sein Gegenspieler Ramon wird von Yan Duffas (Film Coco Chanel) gegeben, eine reine Sprechrolle. Daher musste ich mich eher an der Körpersprache und am Ausdruck orientieren. In Sachen "Held" stand er Laurent Ban in nichts nach und war auch ohne Hemd nett anzusehen. Beide lieferten sich mitreißende Kämpfe und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Sieger im Fechten jeden Abend neu bestimmt wird, klasse. Duffas tanzt auch recht ordentlich.
Luisa war nett, sang gut, wirkte aber ansonsten ein bisschen zu brav und blass. Inez (Geraldine Larrosa) dagegen spielte ihre Rolle mit so viel Feuer, dass sicher mehr als die Hälfte der anwesenden Herren sauer war, als sie von Ramon erschossen wurde. Georges Beller als alter Zigeuner bzw. Don Alejandro hatte ebenfalls eine reine Sprechrolle inne, daher kann ich nur sagen, für mich rollendeckend gespielt, ebenso wie Sgt. Garcia.
Das Orchester war eine Band, lediglich Klavier, Percussions und natürlich die Gitarren wurden life gespielt, alles andere z.B. auch die Bläser kamen offenbar vom Band. Das tat der Sache aber keinen Abbruch, die Akustik war dafür optimal.
Die Ausstattung ist nicht so üppig, wie in anderen SE-Stücken, dies ist sicher dem Umstand geschuldet, dass das Stück nur wenige Monate gespielt wird. Jedoch sollte man, wenn man ein bisschen Pyrotechnik machen will, diese auch richtig ausgestalten und nicht nur winzige Knallerchen daraus machen. Aber ok, dass "Z" war gut und das Feuer auch im ganzen Zuschauerraum zu spüren.
Fazit; ein schöner Abend und auch wenn ich nur die Hälfte verstanden habe, habe ich es nicht bereut. Die Cast war klasse und hatte sich ihre standing ovations verdient. Die Musik ist mitreißend, wenn auch ein bisschen redundant und der Sprechanteil ist doch so hoch, dass eventuell auch Musicalkritiker von dem Stück angesprochen werden.
Das Stück passt nach meiner Meinung hervorragend ins TdW und ich kann mir lebhaft vorstellen, dass sich um die Rolle des Diego lange Schlangen bei jeder Audition bilden.