Montag, 30. November 2009

Tracklisting von "Love never dies"-CD bekannt geworden

Auch wenn die CD von Andrew Lloyd Webber's heiß ersehnter (?) Phantom-Fortsetzung "Love never dies" erst zur Premiere in London im März 2010 erscheinen soll, wurde nun das komplette Tracklisting für die Doppel-CD veröffentlicht. Anhand der Songtitel lässt sich schonmal schön über die Handlung des Musicals spekulieren:

Act One

1. Prologue
2. The Coney Island Waltz
3. That’s the place you ruined, you fool!
4. A Little Slice of Heaven
5. Only For Him/Only For You
6. The Ayrie
7. ‘Till I Hear You Sing
8. Giry Confronts the Phantom/’Till I Hear You Sing (Reprise)
9. Christine Disembarks
10. Arrival of the Trio/Are You Ready to Begin?
11. What a Dreadful Town!…
12. Look With Your Heart
13. Beneath a Moonless Sky
14. Once Upon Another Time
15. « Mother Please, I’m Scared! »
16. Dear Old Friend
17. Beautiful
18. The Beauty Underneath
19. The Phantom Confronts Christine

Act Two

1. Entr’acte
2. Why Does She Love Me?
3. Devil Take the Hindmost
4. A Little Slice of Heaven (Reprise)
5. Ladies… Gents!/The Coney Island Waltz (Reprise)
6. Bathing Beauty
7. « Mother, Did You Watch? »
8. Before the Performance
9. Devil Take the Hindmost (Quartet)
10. Love Never Dies
11. « Ah, Christine!… »
12. « Gustave! Gustave!… »
13. « Please, Miss Giry, I Want to Go Back… »

Sonntag, 29. November 2009

Notre Dame de Paris in Antwerpen

In Flandern gehen die Vorbereitungen zur flämischen Uraufführung von “Notre Dame de Paris” in die heiße Phase, will sagen, die Produktionsfirma Musical van Vlaanderen beginnt die Werbetrommel zu rühren. Der erste große Pressetermin fand dann auch passenderweise in der Kathedrale von Antwerpen statt.

Bis auf Frollo sind nun alle Hauptrollen besetzt. Zu den bereits länger bekannten flämischen Stars Gene Thomas (Quasimodo) und Sandrine (Esmeralda) gesellen sich die Holländer Tim Driesen (Phoebus), Clayton Peroti (Clopin), Jorien Zeevart (Fleur de Lys) und Dennis ten Vergert (Gringoire). Regie führt wie schon bei der Originalinszenierung in Paris Gilles Maheu, die Choreographie kmmt wieder von Martino Müller. Die flämische Übersetzung erstellt Allard Blom.

Nach einer Tryout-Woche in Gent im Februar wird die offizielle Premiere im April in Antwerpen in der Stadsschouwburg stattfinden. Als kleinen Vorgeschmack ein Video von Sandrines bisher größtem Hit "I feel the same way", mit dem sie in der nationalen Vorauswahl zum Eurovision Song Contest in Belgien auftrat:

Viva Forever – das Spice Girls Musical in London

Die Drohungen wurden tatsächlich wahrgemacht: Im kommenden Jahr soll im West End ein Musical mit den Songs der Spice Girls Premiere haben. Das Machwerk nennt sich “Viva Forever” und wird geschrieben von Kim Fuller, die bereits den “Spiceworld”-Film verbrochen geschrieben hat. Allerdings soll es sich nicht um ein Jukebox-Musical a la Mamma mia handeln, bei dem Songs in eine künstlich gestrickte Handlung eingefügt werden, sondern um ein “autobiografisches Musical”, das die Geschichte der Spice Girls enthält, sowie 14 ihrer größten Hits. Die Premiere ist für den 5.November 2010 geplant und man munkelt, dass die Hauptdarstellerinnen bei einer TV-Casting-Show gesucht werden könnten. Uns beschäftigen so spannende Fragen wie: Wieviel Zickenkrieg hält eine Bühne aus? Wird das Budget für die Kostüme jeden Rahmen im West End sprengen? Und wer spielt David Beckham?

Samstag, 28. November 2009

Kerry Ellis, Kelsey Grammer und ein Witz

Besetzungsnews weltweit: Natürlich kann man sich in London und New York freuen. "Wicked"-Star Kerry Ellis kehrt ins West End zurück und übernimmt die Rolle der Nancy im erfolgreichen "Oliver!"-Revival im Theatre Royal Drury Lane. Auch in New York hat man einen Casting Coup gelandet und "Frasier"-Star Kelsey Grammer für die Hauptrolle des Georges verpflichtet wenn das Londoner Revival von "La Cage aux Folles" am Broadway startet. Neben ihm wird Londons Zaza Douglas Hodge auf der Bühne stehen.

Und worauf kann man sich im deutschsprachigen Raum freuen? Auf die katastrophalste Fehlbesetzung seit man einen nicht deutsch sprechenden schwedischen Bubi auf die Hauptrolle des Tarzan in Hamburg losgelassen hat. Das blasse Popsternchen Maricel und der um etliche Jahre zu alte Darius Merstein dürfen in Baden bei Wien als Maria und Tony in der "West Side Story" auf der Bühne stehen. Als ob die Wiener noch nicht genug gestraft sind mit der Stückauswahl der VBW können sie jetzt nicht mal mehr außerhalb der Stadt gute Produktionen genießen.

Der geneigte Kölner harrt jetzt erstmal der Dinge die in der kommenden Woche im Musical Dome dräuen und gibt sich dem Konsum von Glühwein und Eierpunsch auf dem Weihnachtsmarkt hin. Im Suff ist das alles irgendwie erträglicher.

Kristina in der Royal Albert Hall in London

Wer die konzertante Aufführung von "Kristina från Duvemåla" in der Carnegie Hall in New York verpasst hat, kann sich den 14.April 2010 im Kalender anstreichen: Dann soll es eine Wiederholung in der Royal Albert Hall in London geben, voraussichtlich mit den gleichen Darstellern. Kevin Odekirk (Robert) bestätigte die Planung jedenfalls schon auf seiner Facebook-Seite. Der 14.April ist ein schwer symbolisches Datum für "Kristina" - im Original ist der 14.April 1850 das Datum, an dem Karl Oskar, Kristina und die anderen auf ihre lange Reise gen Westen aufbrechen. Vermutlich kann man dann auch mit der Veröffentlichung des New Yorker Konzertes auf CD und DVD rechnen.

In New York kam "Kristina" übrigens weniger gut an, als die seinerzeit so überschwänglichen Kritiken für die schwedische Aufführung vermuten ließen. Vor allem die eher peinlich als witzigen Comic Relief-Nummern wie "Lice" fielen in New York gnadenlos durch (Kunze lässt grüßen) sowie der zähe zweite Akt und die offensichtliche Unlogik in Kristinas Verhalten. Vielleicht hofft man nun auf mehr Anklang in London.

Mittwoch, 25. November 2009

Herzlichen Glückwunsch Rachel Weisz

In London hat die Award-Saison begonnen - die Londoner Tageszeitung Evening Standard hat am Montag Abend ihre Preise für die vergangene Saison verliehen. Schwerpunktmäßig wurden dabei Schauspiele ausgezeichnet, darunter die Royal Court-Produktion "Jerusalem" als Best New Play und ihr Star Mark Rylance als bester Schauspieler. Ab Januar ist "Jerusalem" auch im West End zu sehen. Den Preis für die beste Schauspielerin räumte hochverdient Rachel Weisz für ihre grandiose Blanche in "A streetcar named desire" im Donmar Warehouse ab - als bekennender Fan der Dame daher ein herzlicher Glückwunsch auch von hier!

Den Preis als bestes Musical der Saison durfte "Hello Dolly" in der Produktion des Open Air Theatre Regent Park mit nach Hause nehmen und setzte sich dabei u.a. gegen "A little night music" und "Spring Awakening" durch. Auffällig ist, dass der Schwerpunkt der Evening Standard Awards eindeutig auf den kleineren Fringe-Produktionen lag, während große West End-Produktionen fast vollständig ignoriert wurden.

Zorro in Paris

In Paris treibt nun schon seit einem Monat "Zorro" von den Gypsy Kings in den Folies Bergeres sein Unwesen. Die Produktion unterscheidet sich nur unwesentlich von der Londoner "Urversion", so dass sich ein Trip nach Paris wohl nur für Die Hard-Fans lohnt oder für alle, die "Zorro" in London verpasst haben (wobei eine deutschsprachige Version sicher ohnehin nur eine Frage der Zeit ist).

In Paris stehen Laurent Ban (Zorro), Liza Pastor (Luisa) und Geraldine Larrosa (Inez) in den Hauptrollen und einen guten musikalischen Eindruck von ihnen kann man sich auch mit Hilfe der französischen CD machen, die pünktlich zur Premiere erschienen ist. Die 16 Tracks klingen auf mich ein wenig üppiger als auf der Londoner CD und die französische Sprache harmonisiert wesentlich angenehmer mit den Songs, die im spanischen Original gesungen werden.

Der Kartenvorkauf für "Zorro" in Paris läuft ganz redlich, auch wenn es bislang fast nie "ausverkauft" hieß, aber immerhin sind im Folies Bergeres 1600 Plätze zu füllen. Im Frühling dürfte sich der degenschwingende Mexikaner noch schwerer tun, wenn mit "Romeo et Juliette" ein absoluter Publikumsliebling zurückkehrt und das Trianon wieder einmal "Fame" auf die Bühne bringt.


Montag, 23. November 2009

Achtung Zuckerschock: Deutsche CD von Wildhorns "Graf von Monte Christo"

Ach der Frank Wildhorn. Da hat man gerade seinen Frieden mit ihm gemacht dank der erfrischend anderen "Wonderland"-CD, da sucht die nächste grausige Schmonzette in Form der deutschen "Graf von Monte Christo"-Aufnahme meinen nichtsahnenden CD-Player heim. In diesem Fall nicht ganz unerwartet, da eine englische Studioaufnahme des "Graf von Monte Christo" ja schon vor Monaten erschien. Doch wie schon bei "Rudolf" erklingen Jack Murphys ohnehin schon unsäglich platte Texte auf Deutsch irgendwie nochmal platter.

Besonders deutlich wird der Kitsch-Overkill schon bei Track 2 – "Ein Leben lang". Im instrumentalen Prolog mag man noch in satten süßlichen Orchesterklängen schwelgen, doch dann machen die Protagonisten zum ersten Mal den Mund auf und heraus kommt klebriger Unsinn wie "Jede Nacht war unser Stern bei mir, durch sein Licht warst du mir nah. Dieser Stern führt immer heim zu dir, lieber Gott, lass ihn uns da" - das klingt nach den Ergüssen eines 14-jährigen Jünglings der zum ersten Mal im Leben verliebt ist, aber nicht nach ausgefeilten Songtexten. Derart plakativ geht es dann auf insgesamt 13 Tracks weiter: "Ich lass dich niemals allein, niemals allein, denn keiner reisst mich jemals fort von dir, in jeder Nacht umarmst du mich ganz fest, niemals allein, schon morgen führt Gerechtigkeit zu dir, so wird es sein, niemals allein" und der geneigte Zuhörer verspürt den Drang, Dantes höchstpersönlich aus dem Chateau d'If zu befreien wenn dafür das unerträgliche Gesäusel aufhört.


Bei den genauso unsäglichen "Rudolf"-Texten war ich ja noch geneigt, der Übersetzerin Nina Jäger die Schuld für den banalen Blödsinn in die Schuhe zu schrieben, doch in St.Gallen war ein anderer Übersetzer am Werk (Kevin Schroeder), so dass es doch eindeutig an der Vorlage liegen muß. Jack Murphy sollte man eine Woche mit den gesammelten Werken von Stephen Sondheim in einen Schrank sperren und nicht mehr rauslassen, bis er einen Songtext unter 10 Stück Zucker verfasst hat.
Doch Frank Wildhorn ist kaum besser. Hat man den klebrigen Schmalz endlich überstanden, kann man im Grunde nicht mehr sagen ob da jetzt ein Dr Jekyll gesungen hat, ein Dracula, ein Rudolf oder ein Edmond Dantes. Auch die Frauenballaden klingen haargenau gleich, egal ob Lucy, Mina, Mary oder nun Mercedes sie singt. Einfach ärgerlich ist das, vor allem wenn man bedenkt, wieviel Material die Vorlagen hergeben – ob es nun das Leben des österreichischen Thronfolgers ist oder das grandiose Epos um Freundschaft, Rache, Hass und Liebe, das Alexandre Dumas einst verfasst hat und das hier auf einen unsäglichen Schmachtfetzen reduziert wurde.

Gibt es auch etwas positives zu berichten? Nunja, die Darsteller sind gut bei Stimme und mit Sophie Berner als Mercedes gibt es auch eine ausgezeichnete junge Newcomerin, von der man hoffentlich noch mehr in besseren Rollen hört. Thomas Borchert liefert eine solide Leistung ab und hat mit "Hölle auf Erden" und "Könige" (im Duett mit Dean Welterlen als Abbé Faria) auch die beiden erträglichsten Lieder zu singen (auch wenn "Hölle auf Erden" ein typischer Wildhorn ist, den genausogut Jekyll, Dracula oder Rudolf singen könnte).

Sei's drum, die Fans werden sich sicher über diese CD freuen, der Rest atmet erleichtert auf, dass uns in den nächsten zwei-drei Jahren wohl keine neuen Wildhorn-Schmonzetten mehr drohen, jetzt wo sich der gute Mann wieder auf die USA konzentriert.

Lady Gaga - ein Verlust für die Musicalwelt

Lady Gaga geriert sich heute meistens als schrill gekleideter Paradiesvogel mit supersexy Auftritten und locker-flockiger Popmusik. Und während sich viele aufregen oder sie mit der jungen Madonna vergleichen, dürfte klar sein, dass Stefani Germanotta, so Lady Gagas eigentlicher Name, mehr drauf hat, als die ebenfalls italienisch-stämmige Madonna Louise Ciccione. Sie besuchte immerhin die bekannte Tisch School of Performing Arts in New York und hätte wohl auch eine Karriere am Broadway starten können. Den Beweis dafür liefert ein Video, das seit neuestem bei Youtube die Runde macht und eine großartige 19-jährige Stefani Germanotta am Klavier beim jährlichen "Ultraviolent Live"-Talentwettbewerb der NYU zeigt. Mit den beiden Songs "Captivated" und "Electric Kiss" landete sie schliesslich auf dem 3.Platz.

Darth Musikalus ist ohnehin bekennender Fan von Lady Gaga - und nun auch Fan von Stefani Germanotta, dem Broadwaystar, den es nie gab...

Sonntag, 22. November 2009

Musical “A Tale of Two Cities” auf CD und DVD

Die Musicaladaption von Charles Dickens’ Klassiker “A Tale of Two Cities” war einer der größten Broadway-Flops der letzten Jahre. Dass das Stück ein lauwarmer Abklatsch von “Les Misérables” sei, war noch einer der freundlicheren Kommentare. Damit tat man dem Stück von Jill Santoriello jedoch unrecht – scheinbar muss sich jede Adaption eines literarischen Klassikers mit Les Mis vergleichen lassen und kann da nur scheitern. Doch nachdem man sich in den 90’ern kaum retten konnte vor diversen schlecht dahin geschmierten Musicals die auf englischen oder französischen Literaturklassikern basierten und von denen eins schmalziger war als das andere, kam die große Spasswelle der Comedies und Jukebox-Musicals der 00’er… und auf einmal konnte man bei “Tale of Two Cities” wieder Drama, große Balladen und große Gefühle erleben. Vielleicht kam das Stück zur falschen Zeit, wer weiß. Im Vergleich zu dem unsäglichen Schmachtfetzen “Pirate Queen”, der den Broadway im gleichen Jahr heimgesucht hatte, war “Tale of Two Cities” jedenfalls ein regelrechtes Meisterwerk.

Das dachte man sich wohl bei PBS, wo am 26.November eine konzertante Aufführung des Stückes ausgestrahlt wird, die im Juni 2009 in Brighton im Theatre Royal stattgefunden hatte. Anschließend wird das Konzert auch auf CD und DVD erscheinen. Dabei war auch ein Teil der Broadway Cast, darunter James Barbour als Sydney Carton, Kevin Earley, Brandi Burkhardt und die großartige Natalie Toro als Madame Defarge. Dazu gesellen sich bekannte britische Musicalkünstler wie J.Mark McVey, Ed Dixon, Rosemary Leach, Simon Thomas und Paul Baker.


Auch Wildhorn-Fans können aufhorchen: In dieser konzertanten Version ist ein von ihm geschriebener Song namens “Never say goodbye” zum ersten Mal zu hören (der wiederum nichts mit dem von ihm für die japanische Takarazuka Truppe geschriebenen Musical “Never say goodbye” zu tun hat).

Wildhorn bringt Bonnie & Clyde nach La Jolla

Frank Wildhorn schmeisst wieder hektisch mehrere Musicals auf einmal auf den Markt… was dabei rauskommt, hat man ja schon öfter gesehen, auch wenn die CD von “Wonderland” ja dann doch überraschend frisch und “anders” klang. Nun ist das La Jolla Playhouse in San Diego an der Reihe wo am heutigen Sonntag die Uraufführung von “Bonnie & Clyde” stattfindet. Da Wildhorn hier nicht mit seinem üblichen Partner-in-crime Jack Murphy zusammenarbeitet, sondern mit Don Black (Lyrics) und Ivan Menchell (Buch) kommt vielleicht etwas weniger klebriges heraus. Anders als bei den meisten Wildhorn-Werken gibt es von “Bonnie & Clyde” noch nichts musikalisch zu hören. Wildhorn drohte nur in einem Interview “a thrilling new score that combines rockabilly, blues and gospel music” an.

Viel erstaunlicher dagegen das Statement “"Until now, the characters I've written for have been fictional; I've taken theatrical emotions and tried to make them real. With Bonnie and Clyde, I'm taking real emotions and making them theatrical.” - scheinbar ist ihm entgangen dass Kronprinz Rudolf von Österreich eine historische Persönlichkeit war und nicht das Produkt eines Hollywood-Kitschfilms. Was allerdings wiederum die unsäglichen Freiheiten erklären würde, die er sich bei seiner Habsburger-Schmonzette genommen hat.

In Kalifornien stehen Laura Osnes (Sandy in “Grease”, Nellie in “South Pacific”) und Stark Sands (zuletzt im Drama “Journey’s End”) als das legendäre amerikanische Gangsterpaar aus den 30’er Jahren auf der Bühne. “Bonnie & Clyde” ist noch bis zum 20.Dezember in La Jolla zu sehen. Ein möglicher Transfer steht – wie bei “Wonderland” noch völlig in den Sternen.

(Photo: ©Craig Schwartz)

Samstag, 21. November 2009

Dreamgirls 2011 endlich in London?

Dreamgirls wird 2011 zum ersten Mal im Londoner West End zu sehen sein. Dies gaben die Produzenten der aktuellen US-Tournee des Erfolgsmusicals bekannt, die derzeit im legendären Apollo Theatre in Harlem ihre Uraufführung erlebt. Im kommenden Jahr wird “Dreamgirls” erstmal in den USA unterwegs sein und anschließend auch in London, Südafrika und Australien auf die Bühne kommen.

Das Musical aus dem Jahr 1981, das eine fiktionalisierte Version der Geschichte der “Surpremes” und ihrer Leadsängerin Diana Ross erzählt, erhielt 2006 Aufwind als die Filmversion mit Beyoncé, Eddie Murphy und Jennifer Hudson in die Kinos kam. Die neue Bühnenversion enhält den für den Film neugeschriebenen Song “Listen” in einer geänderten Fassung. In den Hauptrollen sind u.a. Syesha Mercado als Deena und Moya Angela als Effie zu sehen.

John Barrowman's Boxer Shorts bei Children in Need

Am gestrigen Abend fand in Großbritannien die alljährliche Charity-Sause "Children in Need" bei der BBC statt. Wer im Ausland die BBC nicht empfangen kann, ist zunächst angeschmiert, doch mittlerweile ist John Barrowmans Auftritt in Boxer Shorts schon bei Youtube gelandet. Genau diese Boxer Shorts kann man nun bei eBay ersteigern. Aktuell liegt das Gebot bei £1650. Barrrowman teilte außerdem mit, die Sammlungen bei "La Cage aux folles" hätten ingesamt £18.000 ergeben. Das ist schön!



Auch das Ensemble von "Legally Blonde" um Sheridan Smith und Duncan James war in der Show dabei und brachte einen Vorgeschmack auf die Londoner Version im Savoy Theatre:


Freitag, 20. November 2009

Buch-Tipp: "Chewing the Scenery" von Davina Elliott

Bei Dress Circle war mir die Taschen- buchausgabe von “Chewing the Scenery” bereits im Sommer aufgefallen; jetzt konnte ich sie endlich kaufen und kann sie jedem, der Theater liebt oder selbst einmal im Theater gearbeitet hat, nur von Herzen empfehlen. Die Autorin Davina Elliot hat selbst in etlichen Funktionen Backstage und als Produzentin gearbeitet und beweist einen scharfen Blick für die Macken und Neurosen von Theaterleuten.

Im West End wird eine neue Produktion von Noel Coward’s “Blithe Spirit” geplant mit Theaterlegende Judith Gold als Madame Arcati. Um sie versammelt ist ein Ensemble aus bekannten Schauspielern wie dem Schönling Rupert und seiner Frau, Newcomern wie der ehrgeizigen Scarlett und der völlig talentfreien amerikanischen Ex-Beauty Queen Echo. Die Regie führt ein junger “Regiestar” der sich Alexander Columbus nennt und keinen Plan hat, während Produzent Wesley viel mehr mit der Geburt seines ersten Kindes beschäftigt ist als mit der Show. Die hirnlose Echo und ihre Mutter fand ich etwas überzogen, aber insgesamt war es ein herrlich realistischer und sehr amüsanter Blick hinter die Kulissen einer West End-Show. Ein Muß für alle London-Liebhaber.

Donnerstag, 19. November 2009

CD-Kritik: "Bluebird" von Gareth Peter Dicks

Die Musicalszene scheint sich in den letzten Jahren immer mehr zwei zu teilen: Auf der einen Seite riesige multinationale Konzerne, zu denen Filmstudios, Musikverläge und Computerspiele gehören und die tief in die Tasche greifen können um Stoffe so oft und so vielfältig zu verwerten wie irgendwie geht. Da werden dann alte Filme zu Bühnenmusicals gemacht und die Bühnenversion wiederum als neuer Musicalfilm verfilmt oder alte Popsongs als Jukebox-Musical auf die Bühne gebracht und das dann wiederum verfilmt. Das Result kann zwar oft ganz nett sein, wie im Fall der gelungenen "Hairspray"-Verfilmung oder der Bühnenadaption von "Legally Blonde", aber so richtig originell ist das alles nicht.

Auf der anderen Seite der Szene befinden sich junge talentierte Komponisten und Autoren, die fleißig Songs schreiben, Workshops veranstalten und Demos aufnehmen, aber selten eine Chance erhalten, ihre Shows einem großen Publikum zu präsentieren. In den USA sorgt wenigstens der Off-Broadway noch dafür, dass ab und zu neue Talente ihren Durchbruch schaffen, so wie Popsänger Duncan Sheik mit seinem Musicalerstling "Spring Awakening" oder aktuell Tom Kitt mit "Next to Normal". In Großbritannien ist die Lage mangels einer wirklich funktionierenden "Off-Szene" noch schlechter. Talentierte Autoren wie George Stiles und Anthony Drew fristen seit Jahren ein Schattendasein (auch wenn sich ihre amüsante Version vom Häßlichen Entlein-Märchen "Honk!" zumindest in den Schulen und Amateur Societies etabliert hat) oder sind gezwungen aufs Ausland auszuweichen wie Alexander S. Bermange, der sich seit Jahren beim Märchentheater in Hanau verdingt auch wenn er ganz sicher mehr drauf hat.

Ein noch recht unbeschriebenes Blatt ist Gareth Peter Dicks, der es mit 28 Jahren schon auf fünf selbstkompinierte Musicals blicken kann, ein Buch und die selbst gegründete Broadway School of Performing Arts, ind er er auch unterrichtet. Nun war das Glück ihm gewissermaßen hold, da er für das Concept Album seines neuen Musicals "Bluebird" u.a. Ramin Karimloo gewonnen hatte, der als neues Phantom in der Sequel "Love never dies" im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.


Die Geschichte ist eine eher simple Dreiecks-Geschichte um das Ehepaar Pete und Roberta, die im England zur Zeit des 2.Weltkriegs leben. Pete zieht als Soldat in den Krieg, Roberta arbeitet als Krankenschwester an der Heimatfront und trifft dort auf den verwundeten US-Soldaten Ben, für den sie prompt Gefühle entwickelt. Dies führt zu etlichen Herzschmerz-Balladen bis Pete ihr den Gefallen tut an der Front zu sterben, so dass sie mit Ben glücklich werden kann. Zum Glück wird die recht banale schmalzige Geschichte einer „Frau zwischen zwei Männern“ durch etliche gute Ensemble-Nummern aufgewertet und auch bei den Solo-Nummern gibt es einige Perlen zu entdecken. Für mich sticht dabei der Titelsong „Bluebird“ (Stephen Weller/Pete) ebenso heraus wie das traurig-schöne „Goodnight, Dear Soldiers“ (Abi Finley/Jane). Die Hauptfiguren haben dagegen eher Klischee-Balladen bekommen, so Ramin Karimloo/Ben mit „Our hearts must take control“ und Sarah Lark/Roberta mit „Two Men“. Aber wer große Balladen und noch größere Gefühle mag, dürfte an „Bluebird“ ebenso seine Freude haben wie die Fans von Ramin Karimloo. Bleibt zu hoffen, dass Gareth Peter Dicks eine Chance erhalten wird, sein Musical in London auf die Bühne zu bringen.

Mittwoch, 18. November 2009

The Full Monty auf Tournee in Holland

Am Montag fand in der Stadsschouwburg Haarlem die offizielle Premiere des Musicals "The Full Monty" von David Yatzbek und Terrence McNally statt. Regie führt in den Niederlanden Paul van Ewijk, die Übersetzung besorgte Allard Blom. Am Broadway und im West End war die amüsante Musicalversion des erfolgreichen Film über sechs arbeitslose Stahlarbeiter die sich Chippendales-mäßig als Stripper versuchen, zwar kein riesiger Hit aber durchaus erfolgreich.

Da in Deutschland scheinbar irgendwer die Rechte am Musical blockiert, mußte man sich hier in diversen Stadttheatern mit der "Urversion" des Stückes, dem neuseeländischen "Ladies Night" begnügen, auf dem wiederum der Film basierte.


Noch bis 3.April 2010 ist "The Full Monty" in Holland auf Tournee - eine gute Gelegenheit für alle, die das Stück in London verpasst haben. Einen kleinen Vorgeschmack gab es im Juni schon bei der Musical Awards Gala:

Neuer "Nine" Trailer mit Kate Hudson

Yahoo Movies! hat einen neuen Trailer für die langerwartete Film-Version von Maury Yeston's "Nine" veröffentlicht. Kate Hudson präsentiert darin den neuen Song "Cinema Italiano". Anders als Youtube erlaubt Yahoo kein Einbetten seiner Clips auf anderen Websites, so dass ich nur einen Link zu Yahoo veröffentlichen darf.
Aber es lohnt sich :)


Der Filmstart wurde kürzlich auf den 25.Dezember verschoben, angeblich um "Nine" bessere Chancen bei der Award Saison im Frühling zu geben. In Deutschland bleibt es wohl beim Starttermin 28.Januar bleiben. Wer nicht so lange warten und den Film nicht durch Synchronisation versaut erleben will, kann ihn ab 7.Januar auch in den Niederlanden erleben.

Montag, 16. November 2009

Spamalot ab Februar 2010 in Paris

Ausgerechnet Paris mausert sich immer mehr zur Musicalmetropole. Neben den französischen "spectacles" schaffen auch immer mehr typisch anglo-amerikanische Musicals den Sprung an die Seine.
Am 4.Februar 2010 feiert nun der Monty Python-Klamauk "Spamalot" im Théâtre Comédia in der Übersetzung von Pierre François Martin-Laval seine französische Uraufführung. Im Théâtre Comédia waren bereits in den letzten Jahren sehr erfolgreiche französischsprachige Aufführungen von "Fame", "Grease" und "Fiddler on the roof" zu sehen. Wer in Paris bei "Spamalot" auf der Bühne stehen wird, ist noch nicht bekannt.

Hair kommt nach London

Wenn man selbst ein langes Wochenende unterwegs ist, kommt man natürlich nicht so richtig mit den "News" hinterher. Aber dieser Blog ist ja auch "nur" eine kleine Liebhaberei und besteht nicht aus einer achso großen Redaktion voller schwergewichtiger Experten. Daher nur kurz der Vollständigkeit halber:
Ab 14.April 2010 wird im Gielgud Theatre in London das Broadway-Revival von "Hair" zu sehen sein. Zunächst soll die US-Cast vom Broadway mit über den Atlantik transferieren, ehe dann – bei entsprechendem Publikumszuspruch – ein einheimisches Ensemble übernehmen soll. Auch wenn die letzte Londoner Produktion von "Hair" nicht gerade ein Hit war, hofft man nun doch auf bessere Zeiten. Die Kriegsmüdigkeit ist in Großbritannien schließlich genauso groß wie in den USA, da beide Länder stark im Irak und in Afghanistan involviert sind und zuviele Tote zu beklagen haben. Aber ob die Flower Power-Philosophie der Hippies nun noch zieht, bleibt abzuwarten. Die Ankündigung eines neuen Musicals für das Gielgud Theatre bedeutet außerdem wohl das endgültige Aus für "Avenue Q".

London 3: La cage aux folles im Playhouse Theatre

Ich hatte ja zugegeben schwerste Bedenken, was dieses Stück betrifft, da ich sowohl den originalen französischen Film als auch das amerikanische Remake “The Birdcage” einfach nur öde und altbacken finde und es immer peinlich fand, dass Georges nicht zu seinem Partner Albin stand und den spießigen Dindons nicht einfach den Mittelfinger zeigte. Auch eine Stadttheater-Produktion die ich vor Jahren mal besuchte, konnte mich nicht wirklich fesseln und so hatte ich dieses Revival der Menier Chocolate Factory auch bislang vermieden. Aber dann wurde angekündigt, dass John Barrowman für einige Monate Albin/Zaza spielen würde und ich warf meine Bedenken über Bord, denn ich habe die Karriere dieses außerordentlichen “Showmans” seit 20 Jahren verfolgt und war einfach neugierig darauf, ihn im Glitzerfummel zu sehen.

Zum Glück habe ich keinen Grund bekommen, diese Entscheidung zu bereuen – die Menier-Produktion von Terry Johnson dürfte der absolute Idealfall sein und passt hervorragend in das kleine intimate Playhouse hinter dem Charing Cross Bahnhof. Vom Opener “We are what we are” angefangen, ist man direkt mitten drin im Geschehen des Nachtclubs in St.Tropez und Simon Burke ist ein unglaublich sympathischer Georges, dem direkt die Sympathien zufliegen (ganz im Gegensatz zu den Film-Georges die auf mich immer nur wie billige Zuhälter wirkten). John Barrowman ist unbestritten der Star des Abends und man merkt ihm in jeder Sekunde an, mit wieviel Spass diese Rampensau dabei ist und wie mühelos es ihm gelingt, dass das Publikum aus seiner Hand frisst (auch wenn das Theater logischerweise ohnehin voller Fans von ihm war). Da fällt es auch kaum ins Gewicht, dass er ein Kreuz hat wie ein bulgarischer Ringer und alles andere als feminin wirkt. Vor allem aber ist “La Cage” eine Geschichte die als Musical 100x besser funktioniert als als Film, weil die Songs den Figuren hier eine dringend benötigte dritte Dimension geben, egal ob es Georges’ schöne Ballade “Song on the sand” ist oder natürlich Zaza’s mitreißende Hymne “I am what I am”, die von Barrowman mit unglaublich viel Ausdruck gesungen wird und mitten ins Herz geht. Auch die komödiantischen Nummern überzeugen voll, wobei dem ohnehin schon komischen “Masculinity” nochmal zusätzlich Komik dadurch verliehen wurde, dass ungeplant ein Stuhl unter John Barrowman zusammenbrach und sich auch die Akteure auf der Bühne nicht mehr halten konnten vor Lachen (zumindest hoffe ich, dass es dismal eine echte “Panne” war und nicht das künstliche “corpsing” das bei Hairspray von Edna und Wilbur veranstaltet wird). Die nervigen Dindons spielen im Musical zum Glück eine wesentlich kleinere Rolle als in den Filmen und stattdessen dürfen die großartigen Cagelles in mehreren Shownummern glänzen bis hin zum mitreißenden Finale. Das Publikum war nicht mehr zu halten und gab der Show zurecht am Ende eine spontane Standing Ovation.

Doch dass John Barrowman mehr ist, als nur eine profilsüchtige Rampensau (wie einige meinen, denen seine ständige TV-Präsenz auf die Nerven geht) bewies er nach der Show: Für die alljährliche große Charity-Show “Children in Need” der BBC stellten er und andere Ensemble-Mitglieder sich nach der Vorstellung an den Eingang um Spenden zu sammeln und Autogramme zu schreiben – und es waren etliche Dutzend, die sich da um ihren Liebling drängelten, der geduldig für Fotos posierte und Autogramme schrieb.
Alles in allem einer der schönsten Abende, die ich seit langem in London verbracht habe, wodurch sich meine Entscheidung, spontan wegen Barrowman einen dritten Trip in diesem Jahr zu machen, dann auch gelohnt hatte, genauso natürlich wie der zweite Besuch bei “Billy Elliot”.

London 2: Billy Elliot im Victoria Palace Theatre

Schon der Film “Billy Elliot” hatte mir seinerzeit sehr gut gefallen und auch das Musical, das ich kurz nach der Premiere in London zum ersten Mal besuchte, hatte mich direkt mitgerissen. Ich schaffe es viel zu selten, ein Musical in London ein zweites Mal zu besuchen, weil es immer zuviele neue Dinge gibt, die ich dann sehen möchte. Doch durch die Hype um Billy Elliot am Broadway in diesem Jahr, war meine Lust das Stück noch einmal zu sehen, noch um einiges gestiegen und nun bot sich endlich die Chance. Zum Glück, denn das Stück war noch genauso ergreifend wie bei meinem ersten Besuch, wenn nicht sogar noch besser.
Für mich war “Billy Elliot” immer in gewisser Weise speziell, da ich in den 80’ern im englischen Kohlengebiet bei Durham zu Gast war und damals leider gar nichts von dem Bergarbeiterstreik wusste, der dort nur zwei Jahre zuvor so lange und erbittert geführt worden war. Oder überhaupt von der "Eisernen Lady" Maggie Thatcher und ihren Privatisierungen, denn mit 14-15 steht einem der Kopf doch ganz woanders als bei Politik und Wirtschaft. Doch gerade in der aktuellen Zeit der Wirtschaftskrise, in der sich wieder starker Widerstand gegen den “Raubtierkapitalismus” regt, gegen Privatisierungen, Investoren und alles was damit zusammen hängt, erhält “Billy Elliot” noch einmal eine zusätzliche Bedeutung und lässt einen den Bergarbeiterstreik von 1984 mit anderen Augen sehen. Und dazu ist es natürlich nach wie vor eine ganz einfach wunderschöne, anrührende Geschichte von einem Jungen, der entgegen aller Widerstände sein Ding macht.
Elton John’s Musik ist kein Meilenstein der Musicalgeschichte, passt aber einfach ganz optimal zu dieser Geschichte, egal ob es flotte Tanznummern wie “Born to Boogie” sind Balladen wie “Deep into the ground” oder große Ensemble-Nummern wie “Once we were kings”.
Der Darsteller des Billy (leider bin ich nicht 100% sicher ob es Ollie Gardner oder Brad Wilson war), war einfach unglaublich gut, genauso wie die anderen Hauptdarsteller, u.a. Kate Graham als Mrs Wilkinson, Joe Caffrey als Dad und Craig Gallivan als Tony, die alle für eine sehr bewegende Vorstellung sorgten. Ich bin ja sowieso ein großer Fan von Shows die von "normalen Menschen" handelt und realistischen Problemen und auf diesem Niveau ist "Billy Elliot" ganz sicher noch immer eines der besten Musicals, die derzeit in London laufen. Möge es noch lange im Victoria Palace Theatre zu sehen sein.

London 1: Annie get your gun im Young Vic Theatre

Das Young Vic am Südufer der Themse versteht sich seit Jahren als Experimentierbühne und Ergänzung zum renommierten Old Vic, das nur 200m entfernt liegt. In dieser Saison hat man nun mit dem Irving Berlin Klassiker “Annie get your gun” ein Musical ausgemottet und für die Titelrolle der Scharfschützin Annie Oakley die in erster Linie als Schauspielerin bekannte Jane Horrocks engagiert, die in den 90’ern als Sekretärin “Bubble” zur Stammcrew der Kult-Sitcom “Absolutely Fabulous” gehörte. Als großer Fan der Serie hatte ich natürlich gleich Lust die Dame mal live zu sehen, die in “The Rise and Fall of Little Voice” auch als ernsthafte Schauspielerin und Sängerin überzeugte.

Im Young Vic herrscht freie Platzwahl und wenn man früh genug da ist, kann man problemlos einen hervorragenden Platz vorne mittig bekommen, so dass man einen guten Überblick über alles hat. Die Bühne ist zwar sehr breit aber kaum tief und von den Seiten scheint eine mittig installierte Türe wohl für ziemliche Sichtprobleme zu sorgen.
Eines der größten Probleme von “Annie get your gun” ist die Tatsache, dass es mit einem für die 40’er Jahre noch typischen Rassismus gegenüber den Indianern (die heute politsch korrekt als “amerikanische Ureinwohner” bezeichnet werden) daherkommt, der auf ein heutiges Publikum genauso fragwürdig erscheint wie die sexistische Grundthese, dass eine Frau einen Mann nur bekommt, wenn er die Nummer Eins sein darf.


Im Young Vic hat Regisseur Richard Jones die Story in das Amerika ca. 1950 verlegt (wobei es allerdings ein Rätsel bleibt, warum Annie dann auf ihrer “Europatournee” noch auf Hitler trifft) und die Indianer Pawnee Bill und Sitting Bull mit einem weißen bzw schwarzen Darsteller besetzt. Das Ergebnis ist ein seltsamer Brei der irgendwie in keinem Jahrzehnt zuhause ist, da das Amerika der Roosevelt-Jahre doch ein ganz anderes war als das vor der Jahrhundertwende.
Und weder die Tatsache, dass das Orchester nur aus vier Pianos besteht, noch dass die Leading Lady zwar eine großartige Komödiantin ist aber wirklich keine tolle Sängerin, konnte dieser Produktion helfen. Jane Horrocks konnte vor allem in Songs wie "You can't get a man with a gun" komödiantisch überzeugen, aber wenn man noch Sängerinnen wie Reba McEntire im Ohr hat, merkt man hier doch dass sie gesanglich wenig zu bieten hat. Große Shownummern wie "I got the sun in the morning" und das allseits bekannte Evergeen "There's no business like showbusiness" wurden auch choreographisch total verschenkt. Auf der Habenseite war außerdem noch Leading Man Julian Ovenden als Frank Butler, der eine verblüffende optische Ähnlichkeit zu John Barrowman aufwies, so dass man sich manchmal fragte, wen man da auf der Bühne hatte und der außerdem eine wirklich hervorragende Stimme besitzt.
Alles in allem war es zwar ganz nett, das Stück und auch Jane Horrocks mal live zu sehen, aber so richtig befriedigend war der Abend nicht.. Die £20 taten mir zum Glück nicht weh, aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass diese Show einen West End-Transfer überleben würde.

Donnerstag, 12. November 2009

Auch La Cage aux Folles in London schließt

Nach dem Toxic Avenger in New York hat es auch – wenig überraschend – das Revival von “La Cage aux Folles” in London erwischt, das am 2.Januar definitiv schließt. Auch die geplante UK-Tournee wurde abgesagt, angeblich mangels zugkräftigem Namen für die Hauptrollen. Wenn man die Kartenverkäufe der letzten Monate in London verfolgt hat, wird deutlich dass die Show ohne Star nicht läuft. Als im Sommer mit Philip Quast und Roger Allam versierte Musicaldarsteller auf der Bühne standen, die der Öffentlichkeit kaum bekannt waren, wurden einem Karten für ganze £5 nachgeworfen. Seit mit John Barrowman ein TV-Star am Werk ist, gibt es an den Wochenenden zum ersten Mal seit Monaten nicht mal mehr Discount-Tickets bei TKTS.
Was mich nicht nur für Barrowman und die Show freut, sondern auch für mich persönlich, denn ich hatte schon angefangen mich zu ärgern, dass ich in eine Vollpreiskarte für über £50 investiert hatte um John Barrowman im Glitzerfummel zu sehen. Nun bleibt zu hoffen, dass sich die zahlreichen Vorschußlorbeeren bewahrheiten und es die Menier Chocolate Factory tatsächlich geschafft hat, dieser altbackenen Geschichte frisches Leben einzuhauchen.

Mittwoch, 11. November 2009

Toxic Avenger verlässt New York

The Toxic Avenger verabschiedet sich am 3.Januar 2010 aus New York. Rechtzeitig vor der Saure Gurken-Zeit schließt das rockige Off-Broadway-Musical seine Pforten im Theater New World Stages nach mehr als 300 Vorstellungen. Allerdings wird es kein Abschied für immer: Eine Tournee ist in Planung, außerdem öffnete die Show gerade erst in Toronto.

Für mich ist Toxic Avenger eine jener typischen "B-Movie" schlock horror shows, die man sich sicher mal für ein paar Dollar fuffzig und nach dem Konsum einiger Gläser Bier geben könnte – in Deutschland könnte ich sie mir gut in einem kleinen Theater an der Reeperbahn oder in Berlin vorstellen (und New Jersey dann gleich durch Bitterfeld ersetzt?). Aber die Musik ist einfach zu belanglos um wirklich zu fesseln und der Antiheld Melvin dann wohl doch nicht auf der gleichen Linie wie Frank N. Furter oder Seymour aus dem kleinen Horrorladen.

Dienstag, 10. November 2009

"War of the Worlds" wieder auf Tournee

Bombastproduktionen, die die großen Konzertarenen Europas füllen, sind scheinbar in. Gerade erst galoppierte "Ben Hur" durchs Land, bald ist "Excalibur" dran und nun wurde eine erneute Tournee von "The War of the Worlds – Alive on Stage" angekündigt, die am 25.November2010 in Amsterdam startet und dann über Antwerpen, Dublin und diverse britische Städte schließlich auch nach Deutschland kommt.

Basierend auf dem bekannten Doppelalbum "Krieg der Welten" von Jeff Wayne aus dem Jahr 1978 war die Bühnenversion bereits 2006 mit Russell Watson und Tara Blaise auf Tournee unterwegs und wurde auch als DVD-Mitschnitt veröffentlicht.


Angeführt wird die neue Tournee von Atomic Kitten-Sängerin Liz McClarnon, Jason Donovan, der derzeit noch bis März 2010 als Tick in "Priscilla – Queen of the Desert" im Londoner West End zu sehen ist und Justin Hayward von Moody Blues. Auch mit dabei ist Hollywood-Legende Richard Burton in Form eines dreieinhalb Meter hohen 3D-Hologramms und eine drei Tonnen schwere, 10m hohe "Kampfmaschine" die Hitzestrahlen auf das Publikum feuern kann.


Montag, 9. November 2009

Cléopâtre im Kino und auf DVD

In Frankreich hat man es eilig mit dem Geld verdienen: Obwohl das neue Erfolgsmusical "Cléopâtre" von Kamel Ouali derzeit noch auf Tournee durch Frankreich unterwegs ist und am 14.Januar erst in den Palais des Sports von Paris zurückkehrt, soll der DVD-Mitschnitt bereits am 11.Dezember in den Handel kommen – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft.

Außerdem wird in ausgewählten Kinos der CGR-Kette am 20.November der DVD-Mitschnitt vorab auf der großen Leinwand zu sehen sein, zu Preisen von 10-13 Euro. Man darf gespannt sein wie diese neue Form der Melkerei ankommt.

Sonntag, 8. November 2009

Frank Wildhorn überrascht mit Wonderland-CD

Irgendwie ist es ja immer schön, wenn es nochmal Dinge gibt, die einen alten Knochen wie mich so richtig überraschen können. In diesem Fall ist es Schmonzettenpapst Frank Wildhorn, bzw seine neueste Show “Wonderland”, die in diesem Winter in Tampa, Florida, ihre Uraufführung erlebt. Anders als bei den billigen Groschenromanen die er dem deutschsprachigen Raum mit “Rudolf” und “Monte Cristo” verehrt hat, hat der gute Mann sich hier noch einmal richtig Mühe mit einer originellen Geschichte gegeben.
Anders als man annehmen könnte, hat er hier nicht einfach Lewis Carrolls Klassiker “Alice im Wunderland” musikalisch verwurstet, sondern mit Phoebe Hwang (Buch) und Jack Murphy (Texte) eine Geschichte entworfen, die von einer Autorin namens Alice Cornwinkle handelt, die im heutigen Manhattan lebt und mit ihrer Karriere hadert. Auch das Wunderland ist lange nicht mehr was es mal war und in der Auflösung begriffen. Als es ihre Tochter Chloe dorthin verschlägt, macht sich Alice auf den Weg sie zu retten und einige Erkenntnisse für ihr eigenes Leben mitzunehmen.


Eine CD mit 16 Tracks wurde schon veröffentlicht und vermittelt einen guten Eindruck davon wie überraschend anders dieses Musical ist, wenn man den Wildhorn Einheitsbrei gewohnt ist. Statt auf Teufel komm raus gebeltete Balladen und viel klebriger Zuckerguß, herrschen hier poppige Töne mit einem gewissen 80’er Flair vor. Vor allem “Keep on dancing” (Jose Llama) oder “Nick of time” (Nikki Snelson) machen sofort gute Laune. Auch die Balladen kommen leichtfüßig und filigran daher, vor allem das wunderschöne “Once more I can see” von Janet Dacal (Alice) und das romantische Duett “Love begins” von ihr und Darren Ritchie als dem “White Knight”. Lediglich der letzte Song “Finding Wonderland”, auch von Alice gesungen, erinnert an den typischen Wildhorn-Bombast, doch den einen einzigen Song sieht man ihm gerne nach, zumal er ebenfalls wirklich gelungen ist und nichts von dem unsäglichen Kitsch eines “I was born to love you” anhaftet.

Man fragt sich doch ernsthaft, ob Wildhorn sich bei einem neuen US-Musical einfach mehr Mühe gibt, weil er weiß, dass dort die Meßlatte höher gelegt wird, oder ob er aus den Fehlern und vernichtenden Kritiken seiner schablonenhaften Schmonzetten wie Dracula und Rudolf doch gelernt hat. Die CD von “Wonderland” macht jedenfalls richtig Lust darauf, dieses Musical einmal live zu sehen und lässt mich nun hoffen, dass auch bei “Bonnie & Clyde” etwas gutes rauskommt. Nicht die “CD des Monats!” wie es in der “musicals” immer so schön heißt, aber ganz bestimmt “Die Überraschung des Monats!”

Samstag, 7. November 2009

"Cats" neu inszeniert in Stockholm

Ein Gastbeitrag aus Schweden erreichte unseren Blog an diesem Wochenende - vielen Dank @Emma!

Hej und viele Grüße aus Schweden. Seit dem 3.September läuft im Cirkusteatern auf Djurgården, der grünen Insel von Stockholm, eine neue Produktion von Andrew Lloyd-Webber's Klassiker "Cats". Bereits 1987 war "Cats" in Stockholm zu sehen gewesen, damals in der weltweit gleichen Fassung mit dem Bühnenbild und den Kostümen von John Napier. Doch nun durfte man in Schweden eine komplette eigene Fassung zeigen, die von Hans Berndtsson (Regie) und Gunilla Olsson Karlsson (Choreografie) erstellt wurde. Das Bühnenbild von Mikael Vahelyi stellt nicht mehr einen Schrottplatz dar, sondern einen für die Wintermonate geschlossenen Vergnügungspark. Dies passt ganz besonders nach Djurgården wo sich gleich neben dem Cirkusteatern der echte Vergnügungspark Gröna Lund befindet. Kostümdesignerin Jaana Fomin orientierte sich bei ihren Entwürfen an japanischen Mangas. Dies ist alles etwas gewöhnungsbedürftig und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Allerdings glaube ich, dass es eine sehr gute Art ist, um diesem Stück noch einmal frisches Leben einzuhauchen und die zahllosen Fans von früher zu einem weiteren Besuch zu animieren. Ich persönlich fand die Kostüme jedoch eher hässlich und unrealistischer als die alten. Das Bühnenbild jedoch hatte einen ganz besonderen Zauber, der nicht nur an einen für den Winter geschlossenen Park erinnerte, sondern an Parks aus alten Zeiten.

Der größte Star der neuen Cirkus-Version ist der Theaterveteran Per Myrberg, der in Schweden auch als Sänger sehr bekannt ist und seit Jahrzehnten in TV-Serien und Filmen mitspielt. Bei "Cats" spielt er selbstverständlich den Theaterkater "Gus". Auch viele bekannte Musicaldarsteller sind im Ensemble dabei, darunter Niklas Andersson als Munkustrap, Rennie Mirro als Rum Tum Tugger und Fred Johanson als Profetikus (Old Deuteronomy). Malena Tuvung spielt die Grizabella und singt eine sehr bewegende Version des großen Hits "Memory". Wer in Stockholm ist, sollte sich die Chance nicht entgehen lassen, diese ganz neue frische Interpretation von "Cats" zu besuchen. Bis zum 19.Dezember spielt das Musical noch im Cirkustheatern, die Eintrittskarten kosten 635 SEK in der 1.Kategorie, 530 SEK in der 2.Kategorie und 300 SEK in der dritten (mit eingeschränkter Sicht).



© alle Bilder: Roger Schederin, Studio Lighthouse

The Fantasticks kommen nach London

Die Off-Broadway-Legende "The Fantasticks" von Tom Jones und Harvey Schmidt kommt nach London: Das längstgespielte Musical aller Zeiten, das im Sullivan Street Theatre in New Yorks Greenwich Village ganze 42 Jahre spielte (und dann auch nur schließen mußte, weil sich gierige Investoren das Haus unter den Nagel rissen), wird ab dem 24.Mai im Duchess Theatre im West End zu sehen sein. Regie führt amon Miyamoto, die Bühnenbilder kommen von Rumi Matsui. Die beiden hatten am Broadway bereits bei Sondheims "Pacific Overtures" zusammengearbeitet. Wer in der Show dabei sein wird, steht noch nicht fest. John Barrowman for El Gallo?

Reeve Carney wird Spiderman

Reeve wer? Naja, wenn man den Produzenten von "Spiderman" glauben schenken darf, wurde der junge Mann nach einer ausgiebigen Casting-Tour quer durch die USA gesucht und gefunden. Er ist Leadsänger der "hot up and coming" Band Carney, die gerade ihre erste Single "Love me chase me" veröffentlicht hat. Das erste Album "Mr Green" soll Anfang 2010 erscheinen. Auch auf der Leinwand kann Reeve Carney bewundert werden; so spielte er schon in der Verfilmung des Romans "Schnee der auf Zedern fällt" und ist bald in der Filmversion von Shakespeares "Tempest" von Julie Taymor zu sehen. Taymor war es auch, die Carney für den Spinnenmann vorschlug. Hier kann man den guten Mann bei einem Konzert in Baton Rouge in Action sehen. Die rockige Musik gefällt mir schonmal sehr gut und lässt auf einen rockigen Spiderman hoffen.



Mit dem neuen Produzenten Michael Cohl an Bord soll die Finanzierung nun gesichert sein und die Premiere von "Spiderman" am Broadway wie geplant 2010 stattfinden. Der ursprünglich geplante Premierentermin Februar kann jedoch nicht gehalten werden.

Michael Ball wetzt das Rasiermesser

Michael Ball, der sich gerade erst vom Schlagerschmachtsänger zum Comedy-Star in London gemausert hat, seit er als Edna Turnblad in "Hairspray" die Massen begeisterte, schlägt wieder einen Haken zurück zum dramatischen Musicaltheater, in dem er einst mit "Les Misérables", "Aspects of Love" oder "Passion" anfingt. Im Sommer 2011 soll er beim Chichester Festival in einer neuen Produktion von Sondheims "Sweeney Todd" die Titelrolle des mörderischen Barbiers spielen. Imelda Staunton ("Vera Drake") wird Mrs Lovett, Regie führt Jonathan Kent. Nach den Vorstellungen im Chichester soll die Produktion dann auch ins West End transferieren.

Utrecht rockt zu Queen

Jetzt wo die Ankündigung raus ist, wundert man sich, dass es solange gedauert hat: "We will rock you" bekommt seine niederländische Premiere, und zwar im Beatrix-Theater von Utrecht. Weder der Premierentermin noch die Besetzung der Hauptrollen steht fest, nur dass es in der Saison 2010/2011 starten wird. Meine inständige Bitte - lasst Kim-Lian van der Meij doch die Scaramouche spielen und haltet die Dame von Elle Woods fern. Als Hauptdarstellerin für die niederländische Tournee von "Legally Blonde" kann ich sie mir immer noch nicht vorstellen.

"We will rock you" ist im Goudaland eine Zusammenarbeit von Joop van den Ende, Queen Theatrical Productions und Michael Brenner. Damit verstärkt sich die Zusammenarbeit zwischen diversen Produzenten in beiden Ländern...

Darth Musikalus vs H1N1

Nein nein, eine Woche ohne News heisst nicht, dass der Autor dieses Blogs das Interesse verloren hat, aber es war sowohl eine nachrichtenarme Woche wie auch eine virenreiche Woche. Die Schweinegrippe wird's nicht gewesen sein (Hype! Paranoia!), sondern eher der Novemberblues. Doch nun lockt die britische Metropole, die im November immer zwischen Poppy Day, Gunpowder Plot Bonfires und erstem Christmas Shopping schwankt, mit einer gewehrschwingenden Jane Horrocks und einem John Barrowman im Glitzerfummel, da hebt allein der Gedanke daran die Laune. Also weiter mit frischem Schwung.

Dienstag, 3. November 2009

Sympathy for the Devil

Musicalfans sind schon ein seltsames Völkchen. Ständig nehmen sie Platz in einem dunklen Raum um mit diversen fiktiven Schicksalen auf der Bühne mitzuleiden oder zu –lachen, je nach Ausrichtung des betreffenden Stoffes. Besonders beliebt sind bei den Stoffen der Neuzeit Geschichten in denen es um die Ausgrenzung von Individuuen aus der "Gesellschaft" geht, sprich aus dem Kreise der gepflegten "Normalos" die den größten Teil einer Gesellschaft ausmachen. Dabei kann es sich um Menschen handeln, die an einem fiktiven Gebrechen leiden, z.B. einem körperlich gesunden Mann mit häßlich entstelltem Gesicht, das er hinter einer Maske verbirgt und sich selbst in den Katakomben eines Opernhauses vor der Öffentlichkeit versteckt, oder um Fabelwesen – ein Prinz, der von einer Zauberin in ein hässliches Biest verwandelt wurde oder eine Zauberin selbst, die mit grüner Haut zur Welt kommt und von ihren Klassenkameraden auf der Zauberschule als "Freak" verachtet wird. Auch die "Armen", eine diffuse gesichtslose Masse, werden gerne tränenreich bemitleidet, wenn sie vom täglichen Überlebenskampf singen, davon dass sie vor langer Zeit mal geträumt haben oder die Reichen beschuldigen, blind vom Licht der vielen Kerzen zu sein. Wenn Esmeralda in der Kathedrale Notre Dame Gott anfleht den Verstoßnen zu helfen, wird im Saal geschluckt und geschnieft und das Zigeunermädchen hat alle Sympathie im Saal.
Doch es müssen nicht immer Biester, mittelalterliche Bettler und Zauberinnen sein. Auch für normale Menschen in der Neuzeit ist immer ein offenes Herz da. Man leidet mit Aidskranken in "Rent", mit rebellischen Teenagern in "Spring Awakening" und mit pillensüchtigen amerikanischen Hausfrauen in "Next to Normal". Egal wie dumm, trivial oder selbstverschuldet die Problematik ist, der Musicalfan leidet mit. Es ist ja immer noch die bequeme vierte Wand da. Man weiß dass alles nur fiktiv ist. Dass die aidskranke Drogensüchtige, die pillenschluckene Schizophrenikerin und das messenstechende Gangmitglied alles nur Schauspieler sind, die sich nach der Vorstellung wieder in gesittete, frisch gestriegelte Musicaldarsteller verwandeln, die Autogramme schreiben und für Fotos posieren und dann nach Hause fahren in ihre gepflegten Mittelklassewohnungen wo die schlimmste Droge eine kalte Dose Bier im Kühlschrank ist.
Denn mit Realität, mit echten Freaks und echten Problemen, da möchte der Musicalfan ja nicht mit konfrontiert werden, so scheint es. Man weiß ja nie. Echte Menschen die nicht dem Mittelschichtstandard entsprechen, kann man mit wohliger Distanz auf der Bühne betrachten, aber doch bitte nicht in der Realität. Da möchte man ja weiterhin seine Vorurteile pflegen, z.B. von langhaarigen Rockern und Heavy Metal-Freaks, die nur saufen, Drogen nehmen und sich schlagen. Wen interessiert schon, dass es zahlreiche Heavy Metal-Fans gibt, die einfach nur angewidert sind von der selbstgerechten Mittelschicht die sich selbst für etwas besseres hält mit ihrer Scheinfassade einer heilen Welt und ihrer Selbstgerechtigkeit? Nicht umsonst kommen einige der besten Rock-Concept Alben aus der Hard Rock/Heavy Metal-Szene, angefangen von den Klassikern der 70'er Jahre wie "Tommy" und "Quadrophenia" von The Who über den Megaerfolg "Operation Mindcrime" von Queensryche aus dem Jahre 1988 bis zu Green Day' s "American Idiot" das gerade in Berkeley seine Bühnenpremiere gefeiert hat.
Das Ironische dabei ist: Beide, der Heavy Metal/Rock/Punk-Fan und der Musical-Fan, sind sich viel ähnlicher als es ihnen lieb ist. Wie man eben auch daran sieht, dass sie zusammentreffen wenn ein Werk wie "American Idiot" für die Musicalbühne adaptiert wird. Beide gehören zu einer Gruppe, die vom Mainstream gerne belächelt wird. Die einen als langhaarige Wilde, die anderen als Liebhaber von schmalzigen Rührstücken in denen die Protagonisten an den unsinnigsten Stellen anfangen zu singen und zu tanzen. Aber während sich der Musicalfan in seine Scheinbürgerlichkeit zurück zieht und gerne mit Anzug und Krawatte bewaffnet ins Theater geht und sich für einen kultivierten Menschen hält, ist der Heavy Metal-Fan einen Schritt weiter. Er zeichnet sich auch äußerlich seiner Gruppe zugehörig aus, er sucht und findet Gleichgesinnte mit denen er seine Leidenschaft teilen kann.
Musicalfans dagegen teilen selten und wenig. Jeder möchte der "beste" sein. Der größte Fan eines Darstellers, der Fan der eine bestimmte Show am häufigsten gesehen hat, der Fan der die meisten Shows gesehen hat, der Fan der am häufigsten an den Broadway oder nach London fliegt, der die besten Connections hat. Fehlende Statussymbole im echte Leben – der Traum jedes Mittelschichtbürgers (Mein Haus! Meine Yacht! Mein Porsche!) – werden durch eine angestrebte Position unter Musicalfans ersetzt. Und wehe, wenn man diesem hart erkämpften (und teuer bezahlten) Status dann nicht Tribut zollt. Wenn man die Hatz nach möglichst vielen Shows, nach möglichst vielen CDs oder Autogrammen lächerlich findet. Wo das "haben" genausoviel zählt wie der schöne Schein, das gute Aussehen. Und wo viele gar nicht merken wie lächerlich verklemmt und angespannt sie im Theater wirken, diese kleinen übergewichtigen Jungen, nicht mal 30 Jahre alt, in ihren steifen Anzügen mit ihren blassen dicken Gesichtern, die so gerne irgendwo dazugehören möchten und so gerne Anerkennung erfahren möchten.
Aber solange sie selbst keine Wertschätzung erfahren, verurteilen sie lieber all diejenigen,die in ihren Gruppen Wertschätzung und Anerkennung gefunden haben. Das können Heavy Metal-Fans sein (ohnehin alles Säufer!), Hippies (alles Kiffer!), Punks (alles Drogensüchtige!), Raver (alles Pillenschlucker!) oder Fussballfans (alles Hooligans!). Man hält sie sich lieber ebenso mit Vorurteilen auf Distanz, wie man als Zuschauer eine gewisse Distanz zu den Charakteren auf der Bühne halten kann. Sicher ist sicher. Aber warum es Musicalfans nicht möglich ist, untereinander solidarisch zu sein, Meinungsverschiedenheiten mit Humor zu nehmen und sich selbst ein bisschen weniger ernst zu nehmen, werde ich wohl nie verstehen. Antworten auf eine Postkarte. In der Zwischenzeit geh ich mal eben mit ein paar langhaarigen Metalheads bei Dosenbier zu Judas Priest abrocken…